Die Schweizer Advents-Spezialität Grittibänz ist ein Männlein aus Mehl, Zucker, Salz, Butter und Hefe. Als „Gritti“ bezeichnete man früher einen alten Mann, der mit gespreizten Beinen frei herumläuft.
Eigentlich ist die Schweizer Advents-Spezialität Grittibänz ein Männlein aus Mehl, Zucker, Salz, Butter und Hefe (Stuten), weshalb man ihn auch Stutenkerl nennt. Im Mittelalter gehörte er zu den Gebildebroten, die man Kranken nach Hause brachte, wenn sie nicht mehr in der Lage waren, die Eucharistie zu empfangen. Der vom Priester gesegnete Grittibänz trug die stilisierte Mitra des Bischofs und einen gekrümmten Bischofsstab in der Rechten. Der Kranke biss nun dem süßen Gottesmann den Kopf ab, verspeiste die gezuckerten Beine und Arme, und wenn er allmählich gesundete, hatte der Grittibänz Wunder bewirkt.
Dass man Gesegnetes verspeist, ist in vielen Religionen business as usual. Katholiken mögen Weizenbiskuits aus ungesäuertem Brotteig, aber im Ernstfall ziehen sie dann doch Pillen und Infusionen vor. Nicht gesegnet, aber ärztlich verordnet.
Im Laufe der Jahrhunderte setzte der Zeitgeist dem Grittibänz zu. Sein Bischofsstab wurde durch eine Tonpfeife ersetzt. Doch im 20. Jahrhundert schlug der Zeitgeist erneut zu, und der Grittibänz wurde Nichtraucher.
Überlebt hat der „Gritti“. So bezeichnete man früher einen alten Mann, der mit gespreizten Beinen frei herumläuft. Eigentlich ein Fall von toxischer Männlichkeit, ein Sexist im Hefeteig. Man könnte ihn jetzt mit dunkler Schokolade übergießen, denn ein schwarzer Schoko-Grittibänz mit gespreizten Beinen würde eher toleriert. Man dürfte ihn einfach nicht Grittimohr nennen.
Als Kompromiss könnte man zusätzlich eine weibliche Figur backen. Zur eindeutigen Identifikation müsste man sich auf biologische Merkmale beschränken. Der Mann hätte einen Penis, die Frau zwei Brüste, doch beides könnte nach Ablauf der Backzeit ungeahnte sexistische Formen angenommen haben. Also lieber nicht. Ich habe mit Teigmodellieren so meine Erfahrungen gemacht.
Doch selbst wenn eine Bäckerei in Zukunft Grittifrau und Grittimann in die Auslage stellt, ist sie nicht gefeit vor Schmierereien oder gar Todesdrohungen. Denn es fehlt die Inklusion non-binärer Grittis.
Vielleicht sollten wir den Hefeklumpen gescheiter zu einer geschlechtsneutralen Kugel formen und mit Mandelsplittern bestücken, bis sie aussieht wie das Spike-Protein der Virusvariante B.1.1.529.
Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK, wo dieser Beitrag zuerst erschien. Zuletzt erschienen bei Nagel & Kimche die Romane „Genesis – Pandemie aus dem Eis“ und „Hotel California“. Die ersten 100 seiner Geschichts-Kolumnen wurden soeben als Buch veröffentlicht.
Beitragsbild: Micha L. Rieser CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
Also ich höre den Begriff zum ersten Mal. Hier (auch in der Gegend von Basel, Schweiz) heisst der Genuss „Grättimaa“.
…oder wie die Transversion vom Altmeier, dieses adipöse Ding alaLang ;-)
Sollte der Grittibänz einen Abgang machen müssen, kann er sicher wie der Zwarte Piet eine neue Karriere als Darsteller in der TV-Werbung starten.
„Erst wenn die letzte Bifi verdrückt ist, werdet ihr feststellen, dass man Wurst nicht essen kann?“ (Wiglaf Droste)
Klar, trotz Traditions- und Kulturlosigkeit in Deutschland, kenne ich den „Grittibänz“ auch. Als Weckmann z.B. zu St Martin (darf man das noch sagen?) vom Niederrhein. Hier liegt er noch immer mit seiner imponierenden Pfeife in den Auslagen der Bäckereien. Was natürlich leicht anstößig bei Feministinnen wirken könnte, da sich der sackförmige Pfeifenkopf zumeist in Höhe der Gentalien befindet und der Pfeifenstil hoch aufgerichtet bis zum Mund des Gebäcks reicht. Und auch in meinem neuen norddeutschen Exil In Schleswig-Holstein ist er bekannt. Hier ist aber zumindest seine Bezeichnung als „Stutenkerl“ fortschritlicher. Ich würde das mal frei als „Adventsdiverser-Transvestit“ übersetzen.
Der Zwarte Piet ist Tod ? Unsere Negerküsse auch. Gleich mache ich mir den Rest vom gestrigen Zigeunergulasch warm.
Nuja,ich würde mal behaupten,das das keine „schweizer“ Erfindung ist,gibt es doch diese „Rosinenmännchen“ ebenso in Nordrheinwestphalen seit ewigen Zeiten wie auch sonst in D zum Nikolaus!(mit Tonpfeife)
aber was soll’s, Eure Geschichte dazu hört sich am Eindruckvollsten an