Kriege verändern nicht nur die Fronten, sondern auch die Architektur politischer Herrschaft. Personalentscheidungen gewinnen dabei eine Bedeutung, die weit über die Frage individueller Eignung hinausreicht. Vordergründig erscheint die Entlassung als Folge eines eskalierten Führungskonflikts zwischen Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber.
Im Kern ging es jedoch um die Frage, wie die ukrainischen Streitkräfte auf die veränderte Natur des Krieges reagieren sollten. Michail Fedorow forderte personelle Konsequenzen an der Spitze der Armee sowie eine beschleunigte Modernisierung der militärischen Führung. Oleksandr Syrskyj soll seinerseits auf die Ablösung des Ministers gedrängt haben. Präsident Selenskyj entschied sich schließlich für den Oberbefehlshaber und gegen den Minister.
Ein solcher Konflikt ist im Krieg zunächst nichts Außergewöhnliches. Politische und militärische Führung folgen unterschiedlichen Rationalitäten. Ministerien organisieren Ressourcen, treiben Innovationen voran und sichern institutionelle Verantwortlichkeit. Ein Generalstab muss unter Zeitdruck operieren, Informationen abschirmen und eine eindeutige Befehlskette gewährleisten. Wo beide Logiken aufeinandertreffen, entstehen Spannungen gerade wegen ihrer unterschiedlichen Funktionen. Aus ihrer bloßen Existenz lässt sich jedoch noch kein politisches Muster ableiten.
Schaltete Selenskyj einen politischen Konkurrenten aus?
Politisch aufschlussreich wurde der Vorgang erst durch seine Auflösung. Selenskyj löste den Konflikt weder durch eine Neuordnung der Zuständigkeiten noch durch eine nachvollziehbare Klärung der Verantwortung. Stattdessen entfernte er denjenigen Akteur, der zum öffentlichen Gesicht eines umfassenden Reformkurses geworden war. Kritiker sehen darin den Versuch, einen zunehmend eigenständigen Konkurrenten auszuschalten.
Doch ist dieser Vorwurf tatsächlich zutreffend? Unstrittig ist, dass Fedorow die Modernisierung der ukrainischen Kriegführung nicht nur administriert, sondern verkörpert hatte. Der Ausbau der Drohnenproduktion, die sich zum wirksamsten Instrument der ukrainischen Kriegführung gegen Russland entwickelt hat, die technologische Aufrüstung und die engere Verzahnung militärischer Praxis mit digitaler Steuerung verliehen ihm ein Profil, das weit über die Rolle eines Fachministers hinausreichte.
Von Fedorow stammt die programmatische Losung, den Feind „durch Asymmetrie, Innovationsgeschwindigkeit und organisatorische Stärke zu besiegen“. Sie bringt jenes Verständnis moderner Kriegführung prägnant auf den Punkt, auf das Russland bislang keine überzeugende Antwort gefunden hat. Für viele Beobachter stand Fedorow damit exemplarisch für den Versuch, die Ukraine organisatorisch und technologisch schneller an die Dynamik des Krieges anzupassen. Ambitionen, Selenskyj politisch herauszufordern, lassen sich allerdings kaum belegen.
Fedorows öffentlicher Auftritt nach seiner Entlassung
Nichtsdestoweniger erhielt der Konflikt mit Fedorows öffentlichem Widerspruch eine neue Qualität. Aus einem bislang intern geführten Richtungsstreit wurde eine öffentliche Auseinandersetzung über Strategie und Verantwortung. Solange Fedorow Regierungsmitglied war, blieb seine Bekanntheit eine Ressource des Präsidenten. Mit wachsender eigener Autorität wandelte sie sich jedoch zu einem politischen Faktor, der sich nicht mehr ausschließlich aus Selenskyjs Vertrauen ableitete.
Gerade darin liegt die eigentliche Bedeutung der Personalentscheidung. Unter den Bedingungen des Krieges ist eine Konzentration von Entscheidungsgewalt vielfach unvermeidlich. Politisch entscheidend wird sie dort, wo fachliche Eigenständigkeit nur so lange akzeptiert wird, wie sie die Autorität des politischen Zentrums stärkt. Gewinnt sie eigene politische Legitimität, wird Personalpolitik zu Machtpolitik.
Fedorows öffentlicher Auftritt nach seiner Entlassung machte schließlich sichtbar, was die Entscheidung möglicherweise verhindern sollte. In Interviews und öffentlichen Stellungnahmen schilderte der entlassene Minister seine Amtszeit nicht lediglich als Ressortkonflikt, sondern als Geschichte von Modernisierung, institutionellem Widerstand und strategischen Versäumnissen.
Er beschrieb die veränderte Natur des Krieges, den Vorrang technologischer Anpassung und eine militärische Führung, die seiner Auffassung nach an überkommenen Verfahren festhalte. Zugleich grenzte er sich demonstrativ von Korruption und persönlicher Bereicherung ab und präsentierte sich als Repräsentant eines digitalen und reformfähigen Staates. Bemerkenswert ist, dass er Spekulationen über eigene politische Ambitionen ausdrücklich zurückwies. Am 16. Juli erklärte er gegenüber der Presse, es sei nie sein Ziel gewesen, Verteidigungsminister zu werden, Verteidigungsminister zu bleiben oder nach einem anderen Amt zu streben.
Der Eindruck einer politischen Alternative
Gerade dadurch konnte aus der Entlassung Fedorows öffentlicher Auftritt nach seiner Entlassung konnte der Eindruck einer politischen Alternative entstehen: und zwar ohne Partei, ohne Wahlkampf und ohne formelle Kandidatur. Politische Konkurrenz basiert nicht zwingend auf dem Wettbewerb zwischen Parteien. Sie beginnt dort, wo ein Akteur eine alternative Vorstellung staatlichen Handelns verkörpert und damit öffentliche Resonanz gewinnt. Fedorows Fall wäre damit kein Novum. Bereits 2024 entließ Selenskyj den damaligen Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj, dessen wachsende Popularität zunehmend als eigenständiger politischer Machtfaktor wahrgenommen wurde.
Vor diesem Hintergrund erklärt sich, dass die anschließenden Proteste in Kiew und anderen Städten dieser Deutung zusätzliche Plausibilität verliehen. Wichtig ist, dass sie sich nicht allein gegen die Entlassung eines Ministers richteten, sondern die Erwartung zum Ausdruck brachten, dass sichtbare staatliche Leistungsfähigkeit nicht zum Gegenstand machtpolitischer Disposition werden dürfe. Gerade deshalb zielten die Proteste nicht auf eine Aufkündigung politischer Geschlossenheit, sondern auf die Forderung, militärische Leistungsfähigkeit und institutionelle Verantwortung miteinander zu verbinden.
Selenskyjs Problem bestand deshalb nicht allein darin, zwischen Minister und Oberbefehlshaber zu entscheiden. Ein Verbleib Fedorows hätte bedeutet, einen Minister im Amt zu halten, der öffentlich eine personelle Neuordnung der militärischen Führung forderte und dessen Position durch die Proteste zusätzliche Legitimation erhielt. Ein Nachgeben hätte die Entscheidungshoheit des Präsidenten sichtbar relativiert. Die Entlassung nahm umgekehrt in Kauf, dass aus einem bislang eingebundenen Funktionsträger ein eigenständiger politischer Akteur entstehen konnte.
Nachfolger mit unmittelbarer Loyalitätsbeziehung zum Präsidialzentrum
Auch die anschließenden Personalentscheidungen folgen derselben Logik. Zum neuen Verteidigungsminister soll Jewhen Chmara berufen werden, dessen bisherige Laufbahn vor allem durch Spezialoperationen, den Sicherheitsdienst und militärische Praxis geprägt ist. Nach den bislang bekannten Informationen war sein Übergang in das Amt rechtlich und institutionell nicht ohne Weiteres geklärt. Gerade dieser Umstand ist aufschlussreich. Die Entscheidung orientiert sich offenbar weniger an der bestehenden Architektur ziviler Kontrolle als an persönlichem Vertrauen, operativer Reputation und unmittelbarer Verfügbarkeit.
An Chmaras fachlicher Qualifikation besteht dabei kein grundsätzlicher Zweifel. Ein erfahrener Organisator technologischer Operationen kann für die ukrainische Verteidigung von erheblichem Nutzen sein. Politisch entscheidend ist jedoch etwas anderes: An die Stelle eines Ministers mit eigener öffentlicher Legitimität tritt ein Sicherheitsfunktionär, dessen Autorität aus dem Krieg und dessen Stellung der Entscheidung des Präsidenten entstammt. Fedorows Verbindungen zu Reformmilieus, Technologieunternehmen, Teilen der Streitkräfte und einer jüngeren Öffentlichkeit werden durch eine unmittelbare Loyalitätsbeziehung zum Präsidialzentrum ersetzt.
Dasselbe Muster zeigt sich bei Ihor Klymenko und Rustem Umerow. Klymenko verliert im Zuge der Regierungsumbildung das Innenministerium, wird zunächst als möglicher Verteidigungsminister gehandelt und soll anschließend das Amt des Sekretärs des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats übernehmen. Umerow, der diese Funktion bislang ausübte und zugleich als wichtiger Unterhändler gegenüber den USA und Russland galt, soll seinerseits eine neue Aufgabe erhalten. Welche dies sein wird, blieb zunächst offen.
Versuch die Geschlossenheit der militärischen und politischen Führung zu sichern
Solche Rochaden mögen zunächst wie der Versuch erscheinen, erfahrene Funktionsträger dort einzusetzen, wo ihre Fähigkeiten am dringendsten benötigt werden. Der Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat eignet sich für eine solche Einbindung in besonderer Weise. Seine politische Bedeutung ergibt sich weniger aus klar definierten Kompetenzen als aus dem Verhältnis seines Sekretärs zum Präsidenten. Je nach politischer Konstellation kann er sich zu einem einflussreichen Koordinierungszentrum entwickeln oder auf eine Funktion reduziert werden, die formale Nähe zur Staatsspitze mit begrenzter Gestaltungsmacht verbindet.
Seit sich die operative Führung des Krieges zunehmend auf andere Entscheidungszentren verlagert hat, scheint sich seine Rolle stärker auf Koordination, strategische Abstimmung und Sanktionspolitik zu konzentrieren. Die Versetzung eines Ministers in das Amt des Ratssekretärs kann deshalb Aufwertung, Absicherung oder politische Neutralisierung bedeuten. Entscheidend ist nicht der Titel, sondern der Zugang zu Informationen, Ressourcen und den tatsächlichen Entscheidungsprozessen.
Gerade diese institutionelle Unbestimmtheit macht das Amt politisch so flexibel. In gefestigten institutionellen Systemen begrenzen Ämter die Macht ihrer Inhaber. Zuständigkeiten, Verfahren und parlamentarische Kontrolle bestimmen ihren tatsächlichen Handlungsspielraum. In personalisierten Systemen verhält es sich umgekehrt: Dort bestimmt die Nähe zum politischen Zentrum die Bedeutung des Amtes. Dieselbe Position kann unter einem Amtsinhaber ein Machtzentrum und unter seinem Nachfolger ein politischer Wartestand sein. Wer versetzt wird, bleibt Teil der Führung, verliert jedoch die Möglichkeit, eine eigenständige Machtbasis aufzubauen.
Gerade der Konflikt um Fedorow verdeutlicht, weshalb eine solche Zentralisierung zunächst plausibel erscheinen kann. Der Krieg verkürzt Entscheidungsfristen, erhöht den Wert vertraulicher Informationen und verlangt eine Koordination, die unter normalen Umständen auf mehrere Institutionen verteilt wäre. Zugleich sind Wahlen ausgesetzt, sodass politische Konflikte kaum noch über den regulären Wettbewerb ausgetragen werden können. Vor diesem Hintergrund erscheint Selenskyjs Versuch nachvollziehbar, die Geschlossenheit der militärischen und politischen Führung zu sichern. Jede offene Auseinandersetzung an der Staatsspitze kann unter Kriegsbedingungen unmittelbare militärische und politische Kosten verursachen.
Ist Oberbefehlshaber Syrskyj der nächste?
Gerade deshalb verändert sich jedoch auch die Form politischer Konkurrenz. Der Konflikt zwischen Fedorow und Syrskyj war nicht lediglich ein Ressortstreit. Er machte sichtbar, wie Minister, Generäle und Sicherheitsfunktionäre unter den Bedingungen ausgesetzter Wahlen selbst zu Trägern politischer Erwartungen werden. Wer militärische Erfolge organisiert, technologische Innovationen vorantreibt oder diplomatische Erfolge erzielt, gewinnt zwangsläufig persönliche Autorität – und damit politisches Kapital.
Der Konflikt um Fedorow berührt deshalb weit mehr als das Verhältnis zwischen ziviler und militärischer Führung. Seine Aussagen über blockierte Reformen mögen interessengeleitet sein; auch die Darstellung eines Ultimatums bleibt zunächst die Sicht eines Entlassenen. Doch selbst unter diesem Vorbehalt erweist sich die Reaktion des Präsidenten als politisch aufschlussreich. Nicht der Konflikt wurde institutionell geklärt, sondern derjenige entfernt, dessen Verbleib eine offene Auseinandersetzung über Strategie, Verantwortung und militärische Führung erzwungen hätte.
Die weitere Entwicklung unterstreicht diese Logik. Nach den landesweiten Protesten führte Selenskyj sowohl mit Fedorow als auch mit Syrskyj ausführliche Gespräche und kündigte an, dass Entscheidungen über die künftige Führung der Streitkräfte noch ausgearbeitet würden. Zugleich berichten internationale Medien, dass inzwischen auch ein Wechsel an der Spitze der Armee geprüft werde. Ob Syrskyj im Amt bleibt oder ersetzt wird, ist damit wieder offen.
Gerade darin zeigt sich jedoch das eigentliche Muster: Nicht institutionelle Verfahren entscheiden den Konflikt, sondern die Abwägung des Präsidenten. Auch Syrskyj verfügt über keine institutionell abgesicherte Stellung, sondern bleibt – wie schon sein Vorgänger – von der Entscheidung Selenskyjs abhängig.
Gesellschaftlicher Druck hat auch im Krieg Einfluss
Hierin unterscheidet sich die gegenwärtige Entwicklung von einer gewöhnlichen Regierungsumbildung. Die personellen Veränderungen ordnen nicht nur Zuständigkeiten neu, sondern definieren das Verhältnis von Amt, Leistung und Loyalität neu. Sichtbarer Erfolg schützt nicht vor Entlassung; öffentliche Zustimmung kann die Position eines Funktionsträgers sogar gefährden. Institutionelle Konflikte werden dadurch weniger durch Verfahren als durch Personalentscheidungen gelöst.
Die nach den Protesten aufgenommenen Gespräche Selenskyjs mit Fedorow und Syrskyj unterstreichen diesen Befund. Ob daraus personelle Konsequenzen folgen, bleibt offen. Bereits die erneute Befassung des Präsidenten zeigt jedoch, dass gesellschaftlicher Druck auch unter Kriegsbedingungen Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse gewinnen kann.
Damit tritt der eigentliche Zielkonflikt zutage. Die Ukraine ist auf Persönlichkeiten angewiesen, die Verantwortung übernehmen, Reformen durchsetzen und gesellschaftliches Vertrauen gewinnen. Gerade dadurch erwerben sie politische Eigenständigkeit. Ein System, das Eigenständigkeit vor allem als Konkurrenz begreift, kann Loyalität kurzfristig sichern. Langfristig schwächt es jedoch jene institutionellen Voraussetzungen, auf denen seine Handlungsfähigkeit beruht.
Die Stärke eines Staates liegt deshalb nicht allein in der Geschlossenheit seiner Führung. Sie zeigt sich ebenso in seiner Fähigkeit, eigenständige Autorität auszuhalten, ohne sie als Bedrohung zu begreifen.
Verständlich dass hier viele darauf hoffen, dass die korrupte Ukraine durch das gänzlich korruptionsfreie Russland befreit wird…
Was erwartet ihr? Kontinentalmächte wie Russland oder China umgeben sich gerne mit gefügigen failed states. So Armenhäuser wie Weißrussland sind ideal. Steht quasi im Drehbuch für Imperien. Und nun meckert ihr.
Jeffrey Sachs und andere haben schon darauf hingewiesen, dass die Rollen von Zbigniew Brzeziński zugewiesen wurden:
Polen und die Balten sind das Schaufenster des Westens.
Die Russen sind die Beute.
Die Ukrainer sind das Kanonenfutter.
Vielleicht gibt es einen Aufstand in der Ukraine, bevor es zum dritten Weltkrieg kommt?
Ich weiß immer noch nicht, warum Herr Osthold hier fast jede Woche einen Artikel veröffentlicht, der mehr oder weniger Mutmaßungen und Deutungen enthält, aber wenig objektive Fakten von beiden Seiten des Krieges.
Handelsblatt (hinter Leseschranke): Vitali Klitschko, Oberbürgermeister von Kiew – „Wir wollen diesen Scheißkrieg endlich beenden“. Hören sich so Kriegsgewinner an?
Ist Selenski nicht die US-Marionette, die schon lange keine demokratische Legitimation mehr hat und der EU befiehlt, was sie zu tun hat? Kann fort. Würde dem im wahrsten Sinne des Wortes ausgebluteten Land guttun.
Es handelt sich in Kiew um einen Machtkampf, bei dem es darum geht, wer sich in der nahen Zukunft das meiste von dem Steuergeld aus der EU in die eigene Tasche steckt.