Ein Interview mit einem AfD-Politiker zu zensieren und mit Faktenchecks zu versehen, wie bei der Lippischen Landes-Zeitung geschehen, zerstört ein journalistisches Genre.
Ein Bonmot, das dem Künstler Andy Warhol zugeschrieben wird, prophezeite, jeder Mensch in der Zukunft werde einmal für 15 Minuten weltberühmt sein. Nicht nur Personen, auch Organisationen kommen für die weltbekannten 15 Minuten infrage. Es ist anzunehmen, dass kaum jemand, der nicht in der früheren Grafschaft Lippe wohnt, die Lippische Landes-Zeitung (LZ) kennt. Diese hat augenblicklich ihre 15 Minuten. Es ist eine traurige Berühmtheit dafür, möglicherweise der Totengräber des Interviews als journalistisches Format geworden zu sein. Es handelt sich bei der Zeitung um ein Provinzblatt, wie es sie in Deutschland noch immer zu hunderten gibt. Die LZ führt ihre Existenz zurück auf die im Jahr 1767 gegründeten Lippischen Intelligenzblätter. An dieser Stelle fällt es schwer, keinen Witz darüber zu reißen, dass „Intelligenz“ aus dem Namen des Blattes verschwunden ist.
Der Mantelteil kommt – wie in den meisten Lokalzeitungen – von einer Zentralredaktion, die in diesem Falle ein Produkt der Redaktionsgemeinschaft der ostwestfälisch-lippischen Verlage ist. Das Blatt kooperiert seit 2024 mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Die bedauernswerte Austauschbarkeit dieser Art Zeitungen, welche nicht zuletzt auf die zahlreichen Fusionen und Kooperationen zurückzuführen ist, erklärt die zunehmende Irrelevanz. Seit 1998 hat sich die Auflage der Lippischen Landes-Zeitung ungefähr halbiert und liegt damit voll im Trend. Der Boomer hält sich sein Lokalblatt für die Todesanzeigen und um zu erfahren, wer im Nachbardorf Schützenkönig geworden ist. Jüngere Menschen ignorieren diese Blätter zumeist vollkommen. Auf Instagram erfährt man in Echtzeit, wer Schützenkönig geworden ist. Der Lokalteil solcher Zeitungen wird in der Regel von einer mehr oder weniger ambitionierten Lokalredaktion hergestellt. Schützenvereine, Taubenzüchter und Kirchengemeinden dominieren neben der Lokalpolitik die meist ein bis zwei Seiten pro Ortschaft.
Es ist ein trauriger Anlass, der dieser Zeitung nun bundesweite Aufmerksamkeit beschert. Die Lippische Landes-Zeitung rühmt sich der Heldentat, das Interview mit dem AfD-Bürgermeisterkandidaten von Extertal (Liebe Leserin, lieber Leser, Sie müssen nicht wissen, wo das liegt.) zum einen nur Auszugsweise und zum anderen nur kommentiert veröffentlicht zu haben. Das gesamte Interview, auch die nicht veröffentlichten Teile hat man an die verantwortlichen Behörden gemeldet. Damit hat die Redaktion der Lippischen Landes-Zeitung nicht nur ein medienethisches Tabu gebrochen, vielmehr haben sie sich selbst zu einem banalen Denunziantentum verzwergt.
Mit dieser vermeintlichen Großtat geben sie sicher anderen haltungsorientierten Lokaljournalisten ein exzellentes Beispiel. Sollte dies geschehen, wird man sich in naher Zukunft bei Landes- und Bundesbehörden über eine Vielzahl informeller Mitarbeiter aus den Redaktionsstuben in der Provinz freuen dürfen. Bedauerlicherweise wird dann vermutlich kein nichtlinker Politiker mehr ein Interview geben oder sich – so er die finanziellen Möglichkeiten dafür hat – zuerst mit anwaltlich gestalteten Vertragswerken bei Verhängung hoher Vertragsstrafen gegen Indiskretionen und unangemessene Kommentierungen absichern. Der Pressefreiheit erweisen solche als Journalisten verkleidete 007-Amateure einen wahren Bärendienst.
Dilettantismus hat viele Gesichter
Das Interview lebt davon, dass der Interviewer unter Aufrechterhaltung einer professionellen Distanz eine nicht minder professionelle angenehme Gesprächsatmosphäre anbietet. Selbst der Interviewpartner, der „gegrillt“ werden soll, sollte sich dabei wenigstens fair behandelt fühlen. Es ist zudem ein journalistischer Dilettantismus erster Güte, ein Interview haltungsjournalistisch kommentiert zu veröffentlichen. Der Interviewpartner hat, selbst wenn er ein echtes Scheusal ist, das Recht darauf, seine Aussagen authentisch und unkommentiert im Interview veröffentlicht zu bekommen. Es ist jedem Journalisten unbenommen, in einem eigenen Artikel die Aussagen des Interviewten in klarer räumlicher Trennung und namentlich gezeichnet zu kommentieren. Wieso der interviewte Kandidat sich nicht vorbehalten hat, das Interview zu autorisieren, steht auf einem anderen Blatt. Dilettantismus hat viele Gesichter. Wurde jedoch ein autorisiertes Interview nachträglich verändert, ist das Foul nur umso größer.
Der mündige Journalist, sollte seinen Leser als mindestens ebenso mündig ansehen und behandeln. Völlig unabhängig davon, ob ein Interviewpartner grausige Unsäglichkeiten äußert. Umso wichtiger ist es, diese ungeschönt zu drucken. Sind die Äußerungen am Ende doch strafrechtlich relevant, so liegt die Aufgabe Strafverfolgung in unserem Land immer noch in den Händen der zuständigen Behörden und Gerichte. Zur klaren Abgrenzung sei deutlich gesagt, auch bei Interviews gibt es immer redaktionelle Abwägungen. Man kann auch darauf verzichten, ein geführtes Interview zu drucken, wenn es einem angezeigt erscheint. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Ein Bürgermeisterkandidat in der Provinz sollte seine – und seien sie noch so krude – Ansichten in der Lokalzeitung frei äußern dürfen. In einem Faktencheck, das sollte man sich bewusst machen, wird bestenfalls eine Meinung einer anderen gegenüber gestellt. Wer will sich anmaßen, in politischen, ökonomischen oder ökologischen Fragen absolute Wahrheiten zu kennen?
Nun mag diese lippische Skandälchen ein Sturm im Wasserglas sein. Dem konkreten Fall sollte man auch keine höhere Bedeutung beimessen. Die 15 Minuten sich gleich vorbei. Ein viel bedeutenderer Aspekt ist die mit Wiederholungen und Nachahmungen verbundene Gefahr. Welcher Kandidat einer von der örtlichen Presse nicht geliebten Partei (das ist in vielen Fälle auch die CDU oder die SPD) wird einer solchen Zeitung noch ein Interview geben? Da greift man doch lieber auf die eigene Website, verbunden mit Sozialen Medien zurück und imitiert dort Interviews. Hat man ambitionierte Mitarbeiter, so ist die Reichweite dort ohnehin ungleich höher als die einer Provinzpostille. Diese Versuchung hat einen entscheidenden Nachteil. Sie ersetzt die möglichst unabhängige Presse durch die reine Propaganda.
Gute Interviewer brauchen keinen Faktencheck
Ausgerechnet die journalistische Form des Interviews zu beschädigen, ist ein solcher Frevel am Handwerk, dass die Schelte für die Kollegen nicht hart genug sein kann. In einem gut geführten Interview gibt ein Gesprächspartner vieles preis, was man unter anderen Umständen nicht aus ihm herausbekommt. Mehr noch, im Interview kann es dem Journalisten gelingen, den Menschen hinter der Funktion oder dem Amt sichtbar zu machen. Denn eines ist klar, auch der wichtigste Politiker, der mächtigste Industriemagnat oder der fanatischste Parteiideologe ist ein Mensch. Die Chancen und Grenzen eines Menschen zu zeigen, sagt oft weitaus mehr über den Träger einer Funktion, als es die Funktion als solche jemals erlaubt. Nehmen wir dem Journalismus durch solches Foulspiel das Interview, dann nehmen wir den Menschen die Möglichkeit, den Bürgermeisterkandidaten, die Fußballspieler, den Bundeskanzler oder wen auch immer von Seiten zu zeigen, die einen Blick hinter die Maske erlauben.
Es ist nachvollziehbar, dass ein Kandidat, egal welcher Partei, für den Posten eines Bürgermeisters in der Provinz jede Menge krudes Zeug abzusondern vermag. Gerade im Interview ist es bei guter Gesprächsführung möglich, durch Nachfragen und in Gesagtes einhaken wirklich zu entlarven und offenzulegen. Gute Interviewer brauchen keinen Faktencheck. Damit kann man den Menschen ermöglichen, diese Offenlegung auch im O-Ton zu lesen, damit sich der mündige Bürger und Souverän bei der Wahl maximal objektiv entscheiden kann. Die für den journalistischen Fauxpas verantwortlichen Kollegen der Lippischen Landes-Zeitung haben sich selbst ein mittelmäßiges Zeugnis ausgestellt, das sie allenfalls noch für die Mitarbeit im örtlichen Kindergarten qualifiziert. Da und nur da ist so eine Erklärnummer erlaubt und erwünscht. Allerdings, darauf sei vorsorglich hingewiesen, auch im Kindergarten gilt Petzen als Tabu.
Peter Winnemöller, studierte Elektrotechnik und Theologie, seit 2005 Autor, Blogger und Journalist, 2019 bis 2024 Onlineredakteur bei der Wochenzeitung „Die Tagespost“.
Beitragsbild: Felice Beato Digitale Bibliothek Gallica via Wikimedia Commons
So ist man halt als Journo im bDaZ: 180prozentig. Was den Fuck-den-Scheck -Unfug angeht: es ist eine blanke Anmaßung zu behaupten, man selbst sei im Besitz der reinen Wahrheit und der Typ gegenüber deshalb ein Lügner. Wer legt dabei die Spielregeln fest? Und das Petzepimmel- und Meldemuschi-Unwesen ist nicht nur das Ende des Journalismus, sondern der der gesamten offenen Gesellschaft (der Terminus hat nichts mit Merkels Grenzaufriß zu tun, auch wenn ständig versucht wird, einen Zusammenhang zu konfabulieren).
„Seit 1998 hat sich die Auflage der Lippischen Landes-Zeitung ungefähr halbiert und liegt damit voll im Trend. “
Endlich mal was positives zu berichten.
Mich würde mal interessieren, wie viele Abonnenten ihr Abo nach dieser Nummer gekündigt haben.
Wat stand denn in dem Interview? Dass die AfD die Verehrung Wotans an den Externsteinen wiederbeleben werde, und demo Balderes Folon sin Fouz birenkit wurde, als er mit der AfD zu Holza fuhr?
Ich finde auch, dass man ruhig Chefredakteur und Journalist nennen könnte. War früher Standard. In der Zetung stehen die Namen doch auch. Was ich aber viel interessanter finde. Die SPD ist über ihre DDVG, der gut 20% der Madsackgruppe gehört, zu erwähnte RND gehört, zu der die Lippische Landes-Zeitung gehört, indirekter Miteigner. Das fehlt. UND: Wenn Mädchen petzten, war das immer ok. Jungs verpetzten sich nicht, wenn Jungs Mädchen verpetzten war das frauenfeindlich. Auch vor 50 Jahren. So viel hat sich nicht geändert. Und „seien sie auch noch so krude“ ist Nudging pur und unterstellt der AfD grundsätzlich krude sein. Und das nach Merkel, Scholz und Merz. Die AfD ist krude. Glückwunsch Das man nicht wissen muss, wo das Externtal ist: 1. Es liegt bei Detmold, das kann man dem Text entnehmen. 2. Es ist sehenswert, schöne Gegend, geschichtlich interessant. Und ich bin dann über die Deutsche Märchenstrasse nach Hause gefahren. Es war toll. Warum so abfällig?
Im Justizzentrum hier „Grosstadt Rhein-Main“ beobachte ich die hoier krimi-aufschlagenden JounalistenInnenIn schon länger: Sehr ziemlich auffällig „benehmen“ die schon – so nicht aus der „Mitte der Gesellschaft“ eben finde ich …
Die „LZ“ habe ich früher täglich gelesen, schließlich wollte ich wissen, was in Detmold und LIppe los ist. Immer schon war es ärgerlich, dass das Blatt Hofberichterstattung betrieb, in der alten Tradition als Hauptpostille des selbständigen Fürstentums Lippe. Damals beherrschte man aber noch sein sprachliches Handwerk. Die heutigen Schreiberlinge stehen damit schwer auf dem Kriegsfuß, oft schon klappten mir die Fußnägel hoch, wenn ich samstags wegen der Todesanzeigen das Machwerk durchlas und semantische, grammatikalische, orthographische und metaphorische Entgleisungen bemerken musste. Journalisten gibt es dort schon lange nicht mehr. Mittlerweile darf man mit solchen Druckwerken nicht mal mehr Fisch einwickeln, was auch gut ist, denn es ist schon traurig genug, dass solch ein Tier sterben muss, da sollte es nicht auch noch entwürdigt werden.