Vera Lengsfeld / 30.03.2017 / 17:46 / Foto: USDI / 10 / Seite ausdrucken

Seismographie des Bürgerkrieges (1)

Der Titel eines Buches von Hans Magnus Enzensberger heißt: „Aussichten auf den Bürgerkrieg“. Es entstand 1993 unter dem Eindruck des Bosnienkrieges und der neonazistischen Anschläge in Mölln oder Hoyerswerda. Wer die schmale Schrift liest, dem wird klar, wie hellsichtig Enzensberger die Entwicklung nach dem Zusammenbruch des bipolaren Weltsystems analysiert hat.

An die 40 Bürgerkriege gab es in den 90er Jahren auf der Welt, offene und verdeckte. Zu den Orten, an denen sie stattfinden, zählte Enzensberger damals schon ausdrücklich auch Städte wie Paris, Berlin, Detroit und Birmingham, Mailand und Hamburg. Heute muss man noch Stockholm dazuzählen.

Diese „molekularen Bürgerkriege“ in den westlichen Metropolen sind ein endogener, also von Innen kommender Prozess. Die Kombattanten werden, wie in Afrika und Lateinamerika, immer jünger. Die weitere Entwicklung hat das nachdrücklich bestätigt. In unseren Schulen tobt schon der Kampf aller gegen alle. Noch gibt es in den Industrieländern eine Mehrheit, die keinen Bürgerkrieg will, deshalb bleibt er noch beschränkt, also molekular. Wie schnell daraus ein Flächenbrand werden kann, zeigte sich bereits Anfang der 90er Jahre in Los Angeles.

Der molekulare Bürgerkrieg beginnt unblutig, seine Indizien sind harmlos. Es mehrt sich der Müll auf den Straßen, im Park findet man häufiger Spritzen und zerbrochene Bierflaschen, die Wände werden mit Graffiti beschmiert. In den Grünanlagen und Hausfluren beginnt es nach Urin zu stinken. Inzwischen haben diese Indizien schon die Viertel der Besserverdienenden in unseren Städten erreicht. Die Verwahrlosung ist nicht nur in Berlin Kreuzberg oder Neukölln, sondern auch in Pankow oder Mitte nicht mehr zu übersehen.

Die Aggressionen richten sich gegen Wehrlose

Enzensberger: „Was dem Bürgerkrieg der Gegenwart eine neue, unheimliche Qualität verleiht, ist die Tatsache, dass er ohne jeden Einsatz geführt wird, dass es buchstäblich um nichts geht… Noch die Guerilleros der sechziger und siebziger Jahre hielten es für nötig, sich zu rechtfertigen… Den heutigen Tätern scheint das entbehrlich. Was an ihnen auffällt, ist das Fehlen von Überzeugungen.

Die Aggressionen richten sich gegen Wehrlose. Die Täter, fast ausschließlich junge Männer, hacken wahllos auf Menschen ein, schubsen sie auf Gleise oder walzen sie mit einem Lastkraftwagen nieder. Inzwischen ist das eine fast alltägliche Meldung bei uns geworden. Enzensberger stellt ausdrücklich auch die ideologische Substanz des islamistischen Fundamentalismus infrage, der mit der historischen Hochreligion nichts zu tun habe. „Es handelt sich um eine radikal moderne Reaktionsbildung auf den Modernisierungsdruck.“ Die Islamisten seien auf den Westen fixiert, den sie bekämpften. „Dessen tödlichen Errungenschaften gilt ihre Sehnsucht: Atombomben, Raketen und Giftgasfabriken.“ Damit trachten sie, allen überflüssigen Menschen an die Gurgel zu gehen. Überflüssig ist, wer keine Waffe besitzt.

Das Merkmal der „neuen Männlichkeit“, die sich bei den Tätern zeige, könnte man mit „ihre Ehre heißt Feigheit“ bezeichnen.“ Schon die Unterscheidung von Mut und Feigheit ist ihnen nicht mehr verständlich. Charakteristisches Merkmal ist die Selbstzerstörung. Hauptangriffsziel sind die eigenen Viertel.

Die inadäquaten Reaktionen der Politik und der Medien hat Enzensberger auch beschrieben.

„In der Abenddämmerung der Sozialdemokratie“ hat die Partei „nicht die Produktionsmittel, sondern die Therapie verstaatlicht… Solche Vormünder nahmen…den Verwirrten jede Verantwortung für ihr Handeln ab. Schuld sind nie die Täter, immer die Umgebung: das Elternhaus, die Gesellschaft, der Konsum, die Medien, die schlechten Vorbilder…Auf diese Weise wird das Verbrechen aus der Welt geschafft, weil es keine Täter mehr gibt, sondern nur noch Klienten…als Objekte der Fürsorge.“

Deshalb können heutzutage junge Männer, die einen anderen Mann auf die Gleise vor einen einfahrenden Zug geschubst und mit Tritten dort festgehalten haben, vom Staatsanwalt gleich wieder entlassen werden. Vergewaltigten Frauen wird mittlerweile öffentlich empfohlen, das, was ihnen widerfahren ist, nicht als Verbrechen, sondern als „Erleben“ zu betrachten.

Medien spielen eine verhängnisvolle Rolle, weil ihre Berichterstattung den Bürgerkrieg fördere. Enzensberger: „Jeder Halbirre kann heute die Hoffnung hegen, mit einer benzingefüllten Bierflasche in der Hand, die andere zum Hitlergruß erhoben, auf der ersten Seite der New York Times zu erscheinen, und in den Nachrichtensendungen kann er sein Werk vom Vorabend bewundern: Brennende Häuser, verstümmelte Leichen, Sondersitzungen und Krisenstäbe. So wirkt das Fernsehen wie ein einziger riesiger Graffito…“

Vor der Aggression liegt die Phase der Resignation

Medien beförderten auch eine bestimmte Moral als „letzte Zufluchtsstätte des Eurozentrismus“. „Die Idee der Menschenrechte erlegt jedermann eine Verpflichtung auf, die prinzipiell grenzenlos ist. Jeder soll für alles verantwortlich sein.“ Dieses Verlangen setze „Allmacht voraus. Da aber alle unsere Handlungsmöglichkeiten endlich sind, öffnet sich die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit immer weiter… Nur Fachleute…können sich die hundertfünfzig Völkerschaften merken, die der Zerfall der Sowjetunion freigesetzt hat. Gleichwohl mutet die 'Tagesschau' jeder Verkäuferin zu, zwischen Inguschen und Tschetschenen, Georgiern und Abchasen zu unterscheiden… Wer dazu nicht fähig ist, gilt als hartherziger Ignorant und als egoistischer Wohlstandsbürger, dem es gleichgültig ist, wenn andere leiden… Die psychische und kognitive Überforderung schlägt zurück… Die Botschaften werden abgewehrt und verleugnet. Diese innere Form der Notwehr…ist unvermeidlich. Moralische Forderungen, die in keinem Verhältnis zu den Handlungsmöglichkeiten stehen, führen dazu, daß die Geforderten am Ende…jede Verantwortung leugnen. Darin liegt der Keim einer Barbarisierung, die sich bis zur wütenden Aggression steigern kann.“

Vor der Aggression liegt die Phase der Resignation, die wir im Augenblick erleben. Je deutlicher die Anzeichen für einen heißen Bürgerkrieg werden, desto stiller wird es im Land.

Im zweiten Teil dieses Beitrages lesen Sie: Wie Kulturschaffende zerstörerisch wirken, indem sie Blaupausen für den Umgang mit Kritikern der Regierungspolitik produzieren.

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Dieter Kief / 31.03.2017

Ah Frau Lengsfeld - eine Wohltat, dass Sie das hier zitieren - und noch der Hinweis auf die anderen einschlägigen Enzensberger-Aufsätze zu diesem Thema, gebündelt in “Versuche über den Unfrieden” für 12 Euro bei Suhrkamp - dringende Lektüreempfehlung! Sehr gut auch_ Rolf Peter Sieferle - “Das Migrationsproblem” - Über die Masseneinwanderung als Bedrohung für den Sozialsaat - erschienen bei manufactum, 2017, ca. 136 Seiten, ca. 16 Euro.

Burkhart Berthold / 31.03.2017

Der Begriff des “Bürgerkrieges” setzt Kriegsgegner voraus, die zu einem Staat, einem Volk, einer Gesellschaft gehören.  So gab es einen Bürgerkrieg in Deutschland anno 1919. Was wir derzeit - möglicherweise - erleben, ist aber etwas anderes.  Da überlagern sich verschiedene Symptome. Bemerkenswert ist der Verfall der Souveränität - ob die Regierung es nun nicht wagt, einer fremden Regierung zu widersprechen, die dieses Land hier als ihren Wahlkreis behandelt, ob es um Zugewanderte geht, die einen Parkplatzkontrolleur in “ihrer Straße” nicht dulden (der Fall Düren), oder um sozusagen stinknormale Hausbesetzer. Wie immer zeigt es sich, dass der Verlust an legitimer Autorität nicht zu mehr Freiheit führt, sondern zu einem Wechsel der Autoritäten - und zu einer Verschärfung der Herrschaft.

Richard Loewe / 31.03.2017

die Beiträge von Vera Lengsfeld sind immer höchst lesenswert, so auch dieser, aber diesmal finde ich ein Haar in der Suppe. Islamismus hat nichts mit der “Hochreligion” islam zu tun? Das halte ich für einen fatale Unterschätzung der Gefahr, gerade weil der Abstand über das Wort “historisch” etabliert werden soll. Islamismus ist der aus dem islam kommende politische Anspruch. Alle im Namen des islam in der polis (Öffentlichkeit) Agierende, sind Islamisten. Ob es S-Bahn-Mörder, Kopftuchträger oder Ayman Mayezeks sind. Sie alle promoten - in sehr unterschiedlicher Weise - den islam als Ideologie mit allgemeinem Herrschaftsanspruch. Österreich hat das ansatzweise erkannt und die Vollverschleierung in der polis verboten. Privat kann sie weiterehin getragen werden.

Werner Sucker / 31.03.2017

Kürzlich kaufte ich in einem Süsswarengeschäft eine Spasskarte mit der Aufschrift Wer heute den Kopf in den Sand steckt, muss sich nicht wundern, wenn er morgen mit Zähneknirschen aufwacht! Wenn man es nüchtern betrachtet, ist es kein leider kein Spass sondern eine Volksweisheit. Was Sie geschrieben haben, sollte viele Bürger, die schon länger hier leben, dazu bringen, nicht mehr den Kopf in den Sand zu stecken. Weiter so Achse, drohender Zensur und Repressalien zum Trotz!

Roland Müller / 31.03.2017

Bürgerkrieg ist überall dort, wo ausländische Geheimdienste(meistens welche aus dem Westen und ihre Anhängsel in den Nachbarländern) ihre schmutzigen Finger drin haben und damit verbrecherische Ziele verfolgen. Zum Beispiel in Syrien und im Südsudan.

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