Ellahe Bograt
Günter Grass, Dichter, Schriftsteller und linker deutscher Intellektueller (links im Sinne der Sozialdemokratie) hat vor nicht allzu langer Zeit ein „Gedicht“ veröffentlicht über die Notwendigkeit der Verhinderung eines militärischen Angriffs Israels auf den Iran unter dem Titel „Was gesagt werde muss“. Er kritisierte zudem den Verkauf von deutschen militärischen U-Booten an Israel.
Grass hat in dieser poetischen Prosa das dreißig Jahre alte Ungeheuer des iranischen Regimes, das der eigentliche Grund für einen wahrscheinlich möglichen Krieg ist, auf die Person Mahmoud Ahmadinejad reduziert. Er hat von Ahmadinejad als einem „Maulhelden“ gesprochen. D.h. als einer Person, die offenbar nicht ernsthaft gefährlich ist, blufft und übertreibt. Dabei ist der eigentliche Grund für einen möglichen Angriff Israels auf Iran nicht Ahmadinejad, der 2005 kam und 2013 per Gesetz gehen muss, sondern das iranische Regime. Wie muss man denn in der Zeit nach Ahmadinejad mit diesem Gedicht und der politischen Position, die darin zum Ausdruck kommt, umgehen!?
Wenn Literatur ein Spielball der Politik wird
Der große politische und wirtschaftliche Profit, den Rüstungsindustrien beispielsweise aus dem Verkauf von deutschen U-Booten an Israel und dem permanenten Verkauf von Rüstungsgütern in Milliardenhöhe seitens der Mitgliedsstaaten des UN-Sicherheitsrates an Saudi-Arabien und die Golfstaaten ziehen, außerdem die einmalige Präsenz der Weltmächte in der Region, geschieht sicherlich nicht wegen diesem „Maulhelden“. Es ist kaum vorstellbar, dass der politische Verstand der westlichen Regierungen im Hinblick auf die Erkenntnis ihrer Interessen und auf die Erkennung ihres Freundes und Feindes geringer ist als die Fähigkeiten des namhaften deutschen Schriftstellers. Besonders weil dieser „Maulheld“ erstens wie andere Regierungsmitglieder der Islamischen Republik, wenigstens bisher, keine Rolle bei der Entscheidung über wichtige politische Fragen, wie z.B. beim Atomprogramm gespielt hat. Außerdem wird er in einem Jahr nicht mehr an der Spitze der Exekutive stehen.
Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Grass eine Metapher verwendet hätte, mit der man den „Führer“ oder das „System“ assoziieren würde. Aber in dem Fall könnte die Islamische Republik unter dem Motto „Maulheld“ nicht mehr verharmlost werden. Ohne einen Zweifel an seinen Informationsquellen hat Grass offenbar unbewusst die Verfallszeit seines Gedichtes an das Ende der Präsidentschaftsperiode Ahmadinejads geknüpft.
Wenn der Poet schweigt, wo er dichten sollte
Ein wenig später dichtete Günter Grass ein neues Gedicht und sprach Europa an und kritisierte den Markt, in Verteidigung des griechischen Volkes. In dem Gedicht kritisierte er die Politik der Europäischen Union im Hinblick auf die Finanzkrise Griechenlands und nannte es „Europas Schande“. Dennoch hat das Gedicht, das Europa mit „Schande“ befleckt sieht, keine solche Aufmerksamkeit hervorgerufen, wie sein Gedicht „Was gesagt werden muss.“ Beide Gedichte sind jedoch mit erstaunlichen und in ihrem Sinn verdrehten Übersetzungen auf Persisch erschienen und von der Islamischen Republik begrüßt worden.
Der „Klang“ dieser beiden Gedichte liegt aber nicht in den Inhalten, sondern in dem literarischen und gesellschaftlichen „Klang“ des Lyrikers. Die gesamte Relevanz dieser Geschichte liegt nur darin. Es ist aber erstaunlich, dass der bekannte deutsche Intellektuelle, der sich zu Recht verpflichtet fühlt „Gedichte“ gegen Krieg und Blutvergießen und die Zügellosigkeit der Finanzmärkte zu schreiben und der das Leid der Menschen jenseits der deutschen Grenzen in Israel und in Iran bis zu Griechenland nicht übersieht, in seinem eigenen Land einen Menschen, dessen Todesurteil wegen eines Liedes verkündet worden ist, ignoriert. Hat etwa Grass, dessen Proteste doch zeigen, dass er politische Themen verfolgt, nicht von der Todesfatwa gegen Schahin Najafi in Deutschland gehört?
Wenn die Politik den Terrorismus unterstützt
Bald sind zwanzig Jahre seit zwei tragischen Verbrechen gegen die iranischen Andersdenkenden in Deutschland vergangen. Fereidun Farrokhzad, Gegner der Islamischen Republik, Dichter, Sänger, Künstler und Entertainer wurde am 6. August 1992 in seiner Wohnung in der Stadt Bonn durch Verbrecher der Islamischen Republik auf eine schreckliche Art ermordet. Die Mörder von Farrokhzad flohen und die deutsche Regierung hat den Mordfall nie verfolgt.
Knapp zwei Monate später, am 17. September 1992 fand das nächste Verbrechen, dieses Mal im Mykonos-Restaurant in Berlin statt. Vier Gegner der Islamischen Republik, der Generalsekretär der Demokratischen Partei Kurdistans Sadegh Scharafkandi, Fatah Abdoli, Homayoun Ardalan, Mitglieder derselben Partei und ihr Dolmetscher und politischer Aktivist Nouri Dehkordi, wurden im Kugelhagel von Maschinenpistolen ermordet.
Nachdem die deutsche Regierung die „Berliner Richter“ nicht mehr daran hindern konnte den Fall zu bearbeiten, wurden im Urteil des Gerichts zum Attentat im Restaurant Mykonos die Führungsmitglieder der Islamischen Republik als Befehlsgeber genannt: Seyyed Ali Khamenei, Führer, Ali Akbar Haschemi Rafsanjani, ehemaliger Präsident, Ali Akbar Welayati, damaliger Außenminister und Ali Fallahian, Geheimdienstminister in der damaligen Regierung.
In beiden Terrorfällen war Hussein Moussavian iranischer Botschafter in Deutschland. Er ist heute in der US-amerikanischen Princeton Universität mit „Forschung“ beschäftigt und bemüht sich den Westen davon zu überzeugen, den „Diamanten“ (die zwanzigprozentige Urananreicherung) des Regimes zu akzeptieren und die „Peanuts“ (die westlichen Hilfen und Anreize im atomaren und wirtschaftlichen Bereich) für sich zu behalten. Ohnehin weiß er, dass beide Terroroperationen in Abstimmung mit der Botschaft der Islamischen Republik durchgeführt wurden, mit all den offenen und gedeckten Möglichkeiten, die die iranische Botschaft in Deutschland besitzt.
Aber die bekannten deutschen Intellektuellen, wie z.B. Günter Grass, haben kein Wort über die Verbrechen, die auf dem Boden ihres Landes begangen wurden, verloren, weder in Bezug auf das blutige Gemetzel des oppositionellen Künstlers durch Messerstiche noch in Bezug auf die Erschießung der Andersdenkenden. In Bezug auf Schahin Najafi hat bisher auch nur der siebzigjährige Günter Wallraff, der abenteuerliche Schriftsteller, der jahrelang mit einer anonymen Identität in großen Unternehmen arbeitete und dort Entlarvungsaktionen durchführte, seine Ärmel hochgekrempelt und beabsichtigt Künstler zur Unterstützung des iranischen Sängers zu mobilisieren.*
Günter Grass hat seinen literarisch und gesellschaftliche „Klang“ nicht benutzt, um der Kultur und dem Denken zu begegnen, in denen seine eigene Literatur auch keinen Platz hätte. Dieses Anliegen ist mehr als die Erwartung, die von Künstlern und Literaten im In- und Ausland des Iran zur Verteidigung eines Künstlers, dessen Ermordung lauthals erklärt worden ist, gehegt werden kann! Um das Phänomen der „Apostasie“ und all der Gesetze, die dazu gehören, abzulehnen, muss man weder denjenigen huldigen, die die Fatwas aussprechen noch muss man schon „Apostat“ gewesen sein oder zu „Apostat“ werden. Beides ist nicht weniger als die Akzeptanz eines inquisitorischen Aktes und der Spielregeln derjenigen, die Fatwas aussprechen! Man muss sich nur der Wahrheit bewusst sein, dass eine Todesfatwa nicht nur gegen eine Person gerichtet ist, sondern gegen all diejenigen, die jenseits derjenigen, die die Fatwas aussprechen, denken, sprechen und agieren, wie z.B. Günter Grass mit all seinen Werken.
Es muss daran erinnert werden, dass genauso wenig wie man die fanatischen Gläubigen nicht von dem Erlass einer Todesfatwa, selbst wenn diese zurückgenommen werden würde, zurückhalten kann, kann man interessenorientierte Fatwas aussprechen, ohne dass fanatische Gläubige diese ausführen. Es wäre gut, wenn die Lobbyorganisationen der Islamischen Republik den westlichen Politikern, die auf Khameneis Fatwa zur Atombombe hoffen, die Fatwas über das Schachspiel, über Fische mit Schuppen und Schwertfische erklärten. Sie sollten erklären, warum sich kein frommer Fanatiker finden lässt, der bereit wäre sich für die Fatwa einzusetzen, die die Atombombe für „verboten“ erklärt, selbst derjenige der sie aussprechen würde!
Jedenfalls wirft das Schweigen von Günter Grass über die Todesfatwa für einen Künstler, der in seinem Land lebt, ein Schatten auf die poetische Aufrichtigkeit und das intellektuelle Gewissen des Intellektuellen, der „Was gesagt werden muss“, schreibt. Zumal die Stimme des Intellektuellen mehr die Verantwortung tragen sollte, vor der die Politik ständig flieht, als zu versuchen die Richtung der Politik zu bestimmen.
*Dieser Artikel wurde am 11. Juni 2012 in der Exil-Iranische Zeitung, Kayhan-London, veröffentlicht.
Die Todesfatwa gegen Shahin Najafi wurde Anfang Mai ausgesprochen.
Rund 50 Künstler haben am 15. Juni einen Solidaritätsaufruf mit Shahin Najafi unterzeichnet, darunter Udo Lindenberg, Günter Wallraff und Günter Grass.
Übersetzung: Wahied Wahdat-Hagh