Selig sind die Leichtgläubigen

Von Gerald Wolf.

Im Himmel ist Jahrmarkt. Oder was? Vielleicht nicht gerade Jahrmarkt und auch nicht unbedingt da oben, aber es mag schon so einiges geben, was sich nicht so einfach nach Maß und Zahl bestimmen lässt. Etwas, das sich nur im Glauben offenbart. Und genau darauf kommt es an, auf den Glauben. Sagen diejenigen, die glauben können. Wirklich, wohin man auch schaut und hört, eher weniger geht es um Wissen, weit mehr um Glauben.

Für die Religionen versteht sich das von selbst, für die Politik und die Medien ebenfalls. Auch an uns selbst glauben wir. Bald mehr, bald weniger. Und an die Unfähigkeit der Anderen. Sogar – kaum zu glauben – in wissenschaftlichen Abhandlungen wird auf Glauben gesetzt. Wahre Meister aber in Sachen Illusion sind die Werbefachleute. Wenn deren Attacken auf unsere Glaubensfähigkeit bei uns oft nicht recht ankommen, dann vor allem, weil wir uns eine Schutzschicht zugelegt haben. Hindurch dringt nur noch, wer sich einen Knaller einfallen lässt. Oder wer auf Penetranz setzt.

Jeder kennt den Spot: Mit wogendem Busen im signalgelben Top werben eine Brünette und ihr hechelnder Mops für ein Schlankheitsmittel. Dazu flötet eine Frauenstimme in dem von uns über GEZ finanzierten Fernsehen: „Entdecken Sie das einzigartige Almased-Phänomen!“ Und das seit einem halben Jahrzehnt Abend für Abend kurz vor der Tagesschau. Jawohl, so was, das kommt noch an. Millionen von Breithüftigen und Bierwampigen blicken täglich in den Spiegel und bereuen. Sie sind dann auch bereit, an ein derartig penetrant beworbenes Mittel zu glauben und für die Hoffnung auf etwas weniger Speck ihr schönes Geld auszugeben.

Selbst wenn die Nachbarin sagt, sie wäre von dem Zeug eher noch dicker geworden. Könnte doch sein, dass es mir hilft, speziell mir, einfach weil ich daran glaube. Zugegeben, ohne zu wissen, warum. Leichtgläubigkeit ist das. Und die macht sich verdient. Jedenfalls für den Anbieter. Es heißt, 52.200 Euro koste ein solcher 30-Sekunden-TV Spot in der „Best Minute“ kurz vor abends acht.

Was Du prüfbar genau weißt, ist eher wenig

Glauben, Leichtgläubigkeit oder gar Blindgläubigkeit – schön und gut, oder auch nicht. Aber was schon weiß unsereiner denn genau? Einiges durchaus, zumindest im Sinne von hinlänglich. Das reicht von der frühen Erfahrung der Rundheit eines Balls und der Eckigkeit eines Würfels über die Muttersprache in Laut und Schrift über Formen des menschlichen Mit- und Gegeneinanders bis hin zum schulischen und beruflichen Wissen und Können, dem Autofahren, Kaffeekochen – ja, wo soll man da anfangen und wo aufhören?

Dennoch ist das, was der Einzelne von uns wirklich weiß – prüfbar genau weiß –, eher wenig. Jedenfalls, wenn man es an dem misst, was es heutzutage alles zu wissen gibt. Ein Beispiel: Allein das Wissen auf dem biomedizinischen und klinischen Sektor wächst von Jahr zu Jahr um mehr als 60 000 in Fachjournalen veröffentlichte Forschungsarbeiten. Einfach lächerlich, wenn da einer so tut, als wisse er rundum Bescheid. Bei solchem Entwicklungstempo gilt das noch nicht einmal für sein Spezialgebiet. Und selbst wenn, kann er nicht wirklich wissen, ob das, was da in den Fachzeitschriften an Neuem angeboten wird, auch stimmt.

Und wie erst sieht es dort aus, wo der Mensch an Grenzen kommt, von denen wir nicht einmal wissen, ob es welche sind. Dort beispielsweise, wo Astrophysiker orakeln, dass es unendlich viele Universen gibt, die durchaus grundverschiedene Naturkonstanten und -gesetze aufweisen können und sich daher gegenseitig aufzufressen vermögen. Vorstellungsmäßig gefangen in einer 3-dimensionalen Welt, fällt es uns schon schwer, eine vierte Dimension hinzuzudenken – die der Zeit, das Denken in der Raumzeit also. Wie erst sieht es dann mit einer fünften oder sechsten Dimension aus? Oder mit einer 11-dimensionalen Supergravitation und wie mit Zeitschleifen und henkelförmigen oder löchrigen Raumzeitgestalten? Kein Mensch kann sich so etwas vorstellen, auch diejenigen können es nicht, die darüber arbeiten.

Was überhaupt kann ich wissen?

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724 – 1804) hat vier Grundfragen hinterlassen, von denen eine lautet: „Was kann ich wissen?“ Sehr wenig, viel zu wenig, klar. Nicht nur für den Einzelnen gilt das, auch für die Menschheit schlechthin. Allein die Berechenbarkeit setzt Grenzen, theoretische und allzumal praktische. Denken wir an die Wechselbeziehungen der etwa 10 000 Molekülarten in einer einzelnen Zelle unseres Körpers. Nie und nimmer sind diese exakt berechenbar, mithin präzise vorhersehbar. Selbst ein Computer von der Größe des von uns erfahrbaren Weltalls wäre da überfordert, auch wenn jedes seiner Teilchen (10 hoch 80 , oder bisschen mehr oder bisschen weniger) in die Informationsverarbeitung einbezogen wäre, und das mit jeweiliger Maximalgeschwindigkeit (10 hoch 23      Operationen pro Sekunde, oder bisschen mehr oder bisschen weniger).

Denken wir gar an das menschliche Gehirn mit seinen 100 Milliarden Nervenzellen und den hunderten oder tausenden informationellen Kontakten zu anderen solchen Zellen. Da hat ein Schweizer Hirnforscher (H. Markram) das 1,2 Milliarden Euro schwere EU-Unternehmen „Human Brain Project“ auf die Beine gestellt mit dem Anspruch, in einem überschaubaren Zeitrahmen das Gehirn mittels moderner Computertechnik „entschlüsseln“ zu wollen. Wenige Wissenschaftler glauben daran (die leichtgläubigen), die meisten nicht, tun aber so und greifen zu den Forschungsgeldern, die ihnen bei Beteiligung winken.

Nein, wenn es um eine höhere Komplexität geht, hier wie auch in ganz anderen Wissensbereichen, müssen wir uns mit Prinziplösungen begnügen. Und diese reichen für gewöhnlich recht weit, oft sogar ausreichend weit. Aber auch nicht, wenn wir beispielsweise an Prognosen des Marktes oder des Wetters denken. Ausnahme: das Klima in 20, 30 oder 50 Jahren!

Unwissen erfreut sich politisch großer Beliebtheit

Unwissen oder mangelnde Wissenschaftlichkeit erfreuen sich großer Beliebtheit in den Domänen der Politik, der Religionen und sonstiger Ideologien, vor allem natürlich in der Werbung. Auch wenn es zumeist „nur“ halbwegs versteckter Betrug ist, kaum jemals interessiert sich die Staatsanwaltschaft dafür. Warum wohl? Ähnlich schlimm ist es, wenn in der Wissenschaft und der Lehre unwissenschaftliche oder gar antiwissenschaftliche Behauptungen aufgestellt werden – oft genug wider besseren Wissen –, allein um damit bestimmte Theorien oder Ideologien zu bedienen.

Der Kreationismus zum Beispiel, der sich mit „wissenschaftlich“ aufpolierten Schöpfungsmythen bemüht, der Lehre von der biologischen Evolution Paroli zu bieten. Besonders in den USA ist er verbreitet. Aber auch anderswo in der Welt werden kreationistische „Argumente“ zur Stützung von Religionen herangezogen.

Oder denken wir an die DDR-Zeit, in der man, basierend auf dem „wissenschaftlichen Kommunismus“, die Mär vom „Menschen neuen Typs“ verbreitete. Freilich, geglaubt wurde sie von nur wenigen. Überhaupt die damalige Propaganda, denn Fernsehen und Radio aus Deutschlands Westen boten überzeugendere Alternativen.

Genau das ist es, woran es uns heute fehlt.  Kein Problem für die Leichtgläubigen unter uns. Sie nehmen einfach das, was sie von den Gesinnungskorridoren der staatsnahen Medien her anweht. Wozu Alternativen? Die Kritischeren hingegen wünschen sich eine objektive Berichterstattung, dazu durchaus Kommentare, aber eben auch Gegenmeinungen, deren Pros und Cons in breit angelegten öffentlichen Diskursen zu erörtern sind. Die eigene Meinung, die will man sich, bitteschön, lieber selber bilden.

Festival der Leicht- und Blindgläubigen

Zum Beispiel den über Klimaänderung und deren Verursachung. Was spricht für CO2, für menschengemachtes, und was dagegen? Diesel oder Nicht-Diesel oder nur noch E-Mobile? Wer sind die Menschen, die aus den ärmeren Ländern in Scharen zu uns kommen, wie viele noch und wie lange werden sie bleiben? Auch ein Diskurs über die Geschlechtlichkeit und das Geschlechtsverhalten des Menschen ist vonnöten. Was davon ist biologisch bedingt, was durch die Umwelt. Was berechtigt die sogenannte Genderforschung, offenkundig wichtige biologische Faktoren außer Acht zu lassen?

Alles kaum ein Problem für die Leichtgläubigen unter uns und die Blindgläubigen gar, ebenso nicht für jene, die das alles ohnehin nicht interessiert. Da wird eben akzeptiert, was eine tatsächliche oder angebliche Mehrheit denkt, und basta.  Die anderen aber geben keine Ruhe. Was ist mit Bezug auf die Erblichkeit bzw. Nichterblichkeit von Persönlichkeitsmerkmalen, fragen sie, was mit der Intelligenz? Oder was eigentlich ist ein Neonazi? Fällt das Kampfwort „Rassismus“, was soll man darunter verstehen, was hat das mit Rassen zu tun? Mit Genen?

Auch fragt man sich in solchen Kreisen, warum im Bereich der Humanwissenschaften (klassisch „Geisteswissenschaften“) eine so ausgeprägte „Genetikophobie“ herrscht? Gleichermaßen unter den dortigen Studenten und den aus ihnen hervorgehenden Politikern und Medienleuten? Haben sie in der Schule Bio abgewählt und heute keinen Schneid, über saure Wochen hin den Stoff nachzuholen? Fast schon verständlich, solange ihnen genügend Leichtgläubige, Blindgläubige gar, Gefolgschaft leisten. Das Argument, umgekehrt müssten dann die Vertreter der sogenannten harten Wissenschaftsdisziplinen Nachhole-Unterricht in den Humanwissenschaften nehmen, verfängt nicht, da diese Wissenschaftler im Leben mittendrin stehen und mithin uneingeschränkten Zugang zur sozialen Welt und ihren Besonderheiten haben.

Wie nun, gehörte die Leichtgläubigkeit besser abgeschafft, allzumal die Blindgläubigkeit? Insofern ja, als sie leicht in die Irre führt, und das mit schlimmen und schlimmsten Folgen, wenn sie in existenziellen Fragen die Massen ergreift. Andererseits ist Leichtgläubigkeit ein recht sympathischer Wesenszug. Wie schrecklich wäre unser Miteinander, sollte alles und jedes auf die Goldwaage gelegt werden, um stets und ständig den Wahrheitskern zu hinterfragen.

Selbst bei Belanglosigkeiten? Das hat was von Verbissenheit. Menschen, denen mangelndes Vertrauen zur Maxime geworden ist, nennt man in Sachsen „verknippelt“ oder „verknisselt“ – alles andere als eine Adelung ist das. Mir persönlich jedenfalls ist ein ordentlicher Schuss an Ur-Vertrauen lieber. Ja, auch eine Prise Leichtgläubigkeit. Mit Leichtgläubigen lässt sich für gewöhnlich leichter umgehen. Nur eben mir selbst, mir will sie nicht so leicht gelingen, die Leichtgläubigkeit.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Dirk Jungnickel / 10.11.2017

Abgesehen davon, dass man nicht Religionen per se unter Ideologieverdacht stellen sollte nur weil der Islam ideologische Züge aufweist, so könnte man diesen interessanten Beitrag mit dem weisen Sokrates - Zitat “Ich weiß, dass ich nichts weiß . ” überschreiben. Selbst Darwin hat an seiner Evolutionstheorie insofern gezweifelt, als er - falls keine Zwischenarten gefunden werden -  diese nicht halten könne. Diese sucht man immer noch. Die Forschungen am Genom belegen indes, dass eine Entwicklung von niederen zum höheren Wesen wie von Darwin gedacht nicht möglich sei. - Die Leichtgläubigkeit wird dann problematisch, wenn mit ihr den Leuten das Geld aus der Tasche gezogen wird. Nicht alles was sich Wissenschaft nennt ist eine solche. Was das Beispiel der Astrophysik betrifft, bin ich unsicher. Einem Vertreter dieser Zunft dürfe man sicher nicht mit dem Argument kommen, seine Forschung über die mehrdimensionalen Räume sei sinnlos, weil wir nicht dafür geschaffen sind, sie sinnlich zu erfassen. Übrigens: Den “wogenden Busen im signalgelben Top einer Brünetten” kann man sich ersparen, wenn man sich auf die Tagesschau auf 3sat einlässt. Da erträgt man vorher nur das Kulturzeit - Magazin.

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