Felix Perrefort / 12.03.2022 / 06:00 / Foto: Kenneth Paik / 94 / Seite ausdrucken

Das verlorene Recht auf Kindheit – eine Erinnerung

Es ist erschreckend, wie selten der Gedanke aufkommt, was die Corona-Regeln mit einem selbst wohl als Kind gemacht hätten. Eine persönliche Erinnerung macht die traumatische Situation heutiger Kinder klar – und die Schuld, die die dafür Verantwortlichen auf sich geladen haben.

Wenn ich als Junge im Grundschulalter zum Spielen draußen war, musste ich abends nach Hause kommen, wenn die Laternen angingen. Wenn ich mit Freunden zum Bach, auf den Spielplatz oder Fußballspielen gehen wollte, habe ich sie nicht vorher kontaktiert, sondern direkt bei ihnen geklingelt. „Ist der soundso da?“ „Ja, ist er.“ „Kann er rauskommen?“ In dem Neubaugebiet, in dem ich aufwuchs, gab es eine Menge zu entdecken: In den noch unbebauten Bereichen bahnte ich mir mit einem Freund den Weg durchs Gestrüpp, Disteln und Brennnesseln mähten wir mit geschnitzten Stöcken um, bis die Trampelpfade geebnet waren. Neben dem Kindergarten lag ein Bach, über den die Stadt eine Überführung gebaut hatte; sein Wasser floss durch ein straßenbreites Rohr mit recht großem Durchmesser. Man konnte es in dem Alter geduckt und mit nach links und rechts angewinkelten Beinen einmal durchqueren, ohne nass zu werden, wenn man es geschickt anstellte. Manchmal erspähte man zwischen den aus dem Wasser wild ragenden Pflanzen kleine Kaulquappen. 

Einmal entdeckte ich mit Freunden ein Baumhaus ganz am Ende der Siedlung, man musste das anliegende Feld überqueren, nie war ich allein so weit weg von zu Hause gelaufen. Ich durfte das bestimmt nicht, und mir war mulmig zumute, doch so ein Baumhaus war eben eine große Sache. Seine Erbauer hatten Nägel benutzt, um die Bretter an den Ästen anzubringen, obwohl ich in der Micky Maus doch gelesen hatte, dass man lieber Seile nutzen sollte. Besser für die Bäume, okay, aber als ob das halten würde. Abseits des Schulalltags war es eine schöne Zeit, doch auch der hatte mir im Grunde gut gefallen: die langen Schulwege, die zum Rumtrödeln einluden; beim Bäcker morgens noch Süßigkeiten kaufen, und in der dritten Klasse fing es an: Zettelchen wurden ausgetauscht, irgendwann kreuzte ich „ja“ an bei „Willst du mit mir gehen?“ und dann waren wir zusammen. Einmal habe ich sie sogar am Wochenende besucht, mein Vater brachte mich zu ihr, und sie hatte einen Notizblock vorbereitet, wo Aktivitäten draufstanden, die wir machen konnten, falls uns langweilig würde. Sie hatte Lego draufgeschrieben, weil sie wusste, dass ich damit gerne spiele.

Zu meinen liebsten Erinnerungen zählen die ans Fußballspielen. Wir waren so viele verschiedene Nationalitäten, dass wir Europa gegen Asien spielen konnten. Brütende Sommerhitze, Wasserflaschen wurden herumgereicht, der Geruch frisch gemähten Grases, mürrische Stinkstiefel-Anwohner, Grasflecken auf der Hose, blaue Flecken am Schienbein, hitzige Streitigkeiten, die sich manchmal zu harmlosen Schlägereien auswuchsen, und schließlich die coolen Größeren, die etwas abseits saßen, schon rauchten und manchmal mit uns „abhingen“ bzw. wir bei ihnen. Ältere Mädchen in hautengen Hüfthosen mit Schlag, aus denen der String-Tanga hinten herausschaute, was mir plötzlich ganz anders auffiel, und dann wuscheln die einem auch noch kichernd durch die Haare... 

Ich war neugierig auf die Dinge, die man mir zeigte und beibrachte. Es war nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen, doch musste ich nie Angst haben; ich wusste, dass ich in vielerlei Hinsicht gehorchen musste, um Ärger zu vermeiden, aber ständig drohende Pflichtgefühle verspürte ich keine. Es war Freiheit und Geborgenheit im Geflecht von Familie, Schule und Freunden, und das gab mir Halt und ließ mir dabei doch genügend Platz, mich zu bewegen. Das war bis Ende der Grundschule, Anfang der Gymnasialzeit mein dörflich geprägter Kosmos, der für mich die große Welt war, weil sie sich mir öffnete und ich mich ihr. 

Die ideologische Einspannung des Nachwuchses

Offenbar erinnern sich heutige Erwachsene an ihre Kindheit eher selten. Erwachsen zu werden, bedeutet im günstigen Fall aber, diese hinter sich zu lassen, ohne sie als vergangenen Erfahrungsraum für Zweckfreiheit und Fantasie zu vergessen, der einem hoffentlich auch heute noch etwas stiftet und zu sagen hat. Nun wurde Kindheit, die von der bürgerlichen Familie zwar nicht garantiert, aber begünstigt wird, auch schon vor Corona immer seltener verwirklicht, weil die gesellschaftliche und ideologische Einspannung des Nachwuchses immer früher und hemmungsloser beginnt, während die Familie als schützendes Gegengewicht zum Staat zugleich an Bedeutung verliert. 

Nichtsdestotrotz stellt die neue Normalität auch und gerade in ihrer Auswirkung auf Kindheit eine historische Zäsur dar, deren Bedeutung für heutige Heranwachsende desto seltener ins Bewusstsein tritt, je weniger sie an der eigenen biographischen Erfahrung reflektiert wird. Die Empathie- und Gedankenlosigkeit gegenüber Kindern unter den Corona-Restriktionen entspricht der Erinnerungslosigkeit von Erwachsenen, die in ihnen nicht die kleinen Menschenwesen erkennen, die sie selbst einmal waren. 

Für diesen Beitrag habe ich mit zwei Menschen gesprochen: mit Monique, einer Mutter eines Grundschulkinds in Nordrhein-Westfalen, das in die erste Klasse geht, und mit der Diplom-Psychologin Martina Petri, die sich im Rahmen ihrer Familientherapie auch als psychologische Lerntherapeutin betätigt. Letztere erzählt mir von einem elfjährigen Jungen, dessen Leben sich nur noch zuhause und in der Schule abspielt. Sie hat ihn noch nie ohne Maske gesehen, weil er so große Angst hat, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Einmal gab sie ihm in ihrer Praxis Tee zu trinken und dachte, dass sie nun endlich mal sein Gesicht sehe. Er öffnete die Maske unten ein kleines bisschen und trank durch den Spalt. Er tue das alles nicht, weil es moralisch so vorbildlich sei, sondern aus Pflichtgefühl. Seine Eltern leben in großer Angst, es gibt einen Asthmatiker in der Familie, und so fristet der Junge ein Leben, das er sich selbst nicht wünscht. 

Er würde gerne mal wieder zum Sport gehen, aber er darf das ebenso wenig wie draußen mit anderen Kindern spielen. Nachmittags versinkt er in Spielwelten vor dem Computer. Die Welt da draußen, bedauert die Psychologin, ist für die Kinder so viel enger und farbloser geworden, dass sie in eine digitale Ersatzwelt am Computer abtauchen, von deren Figuren sie ihr mitunter sogar erzählen, als würden sie mit ihnen leben. Wenn eine Spielfigur mehr Bezug zu einem heranwachsenden Menschen hat als reale Freunde, ist genuin Menschliches digitalisiert und findet in einer solipsistischen Echokammer statt. Doch entwickeln sich zentrale Fähigkeiten und Eigenschaften, die eine geglückte und glückliche Individuation bedingen, in ausgetragenen Widersprüchen und gelungenen Interaktionen mit den Mitmenschen. Mit der Erosion von Öffentlichkeit verkümmert das Ich. 

Die Kinder haben sich insgesamt zurückgezogen

In der Erfahrung der Psychologin Martina ist das Übermaß an Computerspielen ein nun verbreitetes Phänomen von Grundschülern bis Jugendlichen. Wen sollte das wundern angesichts von Lockdowns, Kontaktbeschränkungen und der Dämonisierung leiblicher Begegnungen. Doch scheint das vielen Eltern kaum zu denken zu geben. Durften die Kinder früher vielleicht eine Stunde am Tag vor dem Bildschirm sitzen, verbringen sie nun teilweise den ganzen Tag dort. Denn nun erlauben es die Eltern. Manchmal haben die Eltern einen Pool und Garten, doch andere sitzen den Sommer über in ihren Wohnungen. 

Auf meine Frage, welche Unterschiede sie bei Kindern und Jugendlichen bemerkt, die sie schon vor Corona hatte, erzählt mir Martina, dass die Kinder sich insgesamt zurückgezogen hätten. Ihr Leben spielt sich nun vordringlich in den eigenen vier Wänden ab, auch „wenn sie vorher gar nicht so drauf waren“; selbst mit den Geschwistern wird eher wenig unternommen. Die Bundesregierung hat die AHA-Regeln offenbar sehr erfolgreich in den Köpfen des Nachwuchses implementiert. Und damit nicht genug: Eröffnen sich wieder Möglichkeiten durch „Lockerungen“, werden diese nicht einmal sofort genutzt. Die Kinder „haben sich eingerichtet“. Sie befinden sich schließlich mitten in ihrer Entwicklung, jedes Jahr formt sie ihre Umgebung mehr und mehr zu dem, was sie einstweilen werden, wenn die Würfel endgültig gefallen sind. Abgeschlossene Entwicklungsphasen sind nicht wiederholbar. 

Martina beschreibt den Umgang mit der Maske als „Automatismus, gerade bei den Jüngeren. Sobald man nur einen Millimeter auf sie zukommt, haben sie sofort die Hand an der Maske und ziehen sie nach oben. Sie haben sie immer am Hals, legen sie gar nicht ganz ab.“ Manche seien froh, wenn man ihnen sagt, dass sie sie abnehmen dürfen, andere wiederum bemerken sie gar nicht mehr.

Wärmflaschen aus dem Sekretariat 

In dieser Hinsicht sind die Corona-Einschränkungen objektiv Konditionierungsmaßnahmen, die mit einer erschreckenden Gedankenlosigkeit und Naivität gegenüber Menschen verhängt werden, die auf die alte Normalität entwicklungspsychologisch nicht zurückgreifen können, ein ausgebildetes Ich vor Corona nicht aufzuweisen haben. Zwei Jahre Abstandsregeln, Maskenpflichten und Angstmache sind für einen Achtjährigen ein Viertel seiner gesamten und die Hälfte seiner erinnerten Lebenszeit. Die sich im Wesentlichen in einer Massenhysterie zutrug. 

Zur Aufarbeitung der Corona-Krise gehört es, sich zu vergegenwärtigen, welch Wahnsinn stattgefunden hat. Ein Beispiel: In deutschen Klassenzimmern herrschten im Winter 2020 Zustände, die an Kriegswinter erinnern: „In Rollkragenpullis und Jacken mit Kapuze sitzen Schüler der Else-Lasker-Gesamtschule in Wuppertal am Montag im Klassenzimmer. 70 Minuten lang wird während des Unterrichts durchgelüftet. Wegen Corona. Viele Schüler frieren. ‚Es ist halt kalt, die meisten beschweren sich darüber. Ich würde es besser finden, wenn man alle 15 Minuten mal lüften würde anstatt durchgehend‘, sagt Schüler Erik. Seine Klassenkameradin Nadjat sagt: ‚Man kann sich im Sekretariat auch Wärmflaschen holen.‘ Dabei hat die Schulleitung gar nicht vorgeschrieben, dauerhaft zu lüften. Doch das, so Schüler, würde von Lehrer zu Lehrer unterschiedlich gehandhabt.“ (wdr.de, 5.10.20

Ein Jahr später ist der Wahnsinn noch derselbe, verändert hat er nur seine Gestalt. Dystopische Szenen spielen sich ab: „Da gibt es Tafeln, auf deren einer Seite die Geimpften stehen, auf der anderen die nicht Geimpften, die sich dann vor der versammelten Klasse regelmäßigen Tests unterziehen müssen. Da gibt es Lehrkräfte, die Kinder einzeln aufrufen und nach ihrem Impfstatus befragen: Wer geimpft ist, erhält einen Applaus, wer nicht, muss sich rechtfertigen. Jugendliche erinnern ihre Mitschüler an ihre ‚soziale Verantwortung‘, in der fälschlichen Annahme, dass sie es seien, die eine Verantwortung für die erwachsene Gesellschaft hätten, nicht diese für sie. (…) Die allermeisten Jugendlichen haben – zu recht – keine Angst vor einer Infektion. Impfen lassen aber möchten sich viele dennoch: weil sie ihre Jugend leben wollen, sich dem auf sie ausgeübten Druck entziehen und Auflagen ersparen wollen, wie sie für Nicht-Geimpfte gelten.“ (welt.de, 1.12.21)

Ein reflektierter Erwachsener müsste sich doch vorstellen können, dass er vielleicht ein ganz Anderer geworden wäre, gehörte all dies zu seinem Alltag: stundenlanges Maskentragen; willkürliche Quarantänen und Unterrichtsausfälle; Sport- und Vereinsverbote; wöchentliche Pool-Testungen in den Schulen; nach Hause geschickt werden, wenn man positiv ist, vielleicht als einziger; Distanzunterricht ohne Schulwege, Pausenhof und Freunde; Gruppenzwang bei Maske und Impfung; allgegenwärtige Angstpropaganda – der Geist Lauterbachs weht durch die Klassenzimmer und verscheucht die Unbeschwertheit, ohne die Kindheit nicht existiert. 

Kaum Reflexion darauf, wie sich solche Lebensbedingungen auf die Psyche auswirken; selbstständiges Denken wurde an „Experten“ delegiert, die nur dann etwas zu sagen hatten, wenn sie mit Viren und Aerosolen vertraut waren; kollektive Unterordnung unter ihre Weisheiten – das Einfachste wurde nicht mehr erkannt. Natürlich führt ständiges Desinfizieren dazu, dass viele Kinder einen Waschzwang entwickeln, und der wäre ernst zu nehmen: Betroffene vermeiden es, Dinge zu berühren, die von anderen Menschen angefasst wurden und halten sich für „verseucht“, wenn es doch geschieht. 

Was sind schon UN-Konventionen? 

Ob dies noch einmal juristisch aufgearbeitet werden wird? Systematisches Unrecht durch den Staat erschwert es, Verantwortlichkeiten zu benennen. Angeordnet von oben, wurden und werden all die kinderfeindlichen Regeln und Maßnahmen durchgesetzt von jenen Lehrern, die ihren Beruf (bzw. ihre Berufung) an die Regierungspolitik verraten; die den Kindern nicht die Angst nehmen, sondern sie in Furcht versetzen und allein lassen; die ihnen nicht nur Schuldgefühle, sondern ein unwürdiges Menschen- und Körperbild einprägen, das zugespitzt verkündet: Am Ende jeder Infektionskette könnte eine Oma sterben. Was wäre demgegenüber schon das bisschen Stück Stoff? 

Da können Kinderärzte noch so sehr davor warnen, dass stundenlanges Maskentragen Konzentrationsprobleme bewirkt, die gesunde Sauerstoffzufuhr gefährdet und Kopfschmerzen verursacht, es ist egal – der Regierungswille sticht den pädagogischen Schutzauftrag aus. Artikel 3, Absatz 1 aus der UN-Konvention über die Rechte der Kinder. „Bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, gleichviel ob sie von öffentlichen oder privaten Einrichtungen der sozialen Fürsorge, Gerichten, Verwaltungsbehörden oder Gesetzgebungsorganen getroffen werden, ist das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist.“

Wir wissen nun, was diese Worte hierzulande wert sind. Covid-19 ist eine für Kinder ungefährliche Krankheit und doch greift man maßlos in ihre Rechte ein. Das Urteil eines Familienrichters, der mit sattelfester Begründung eine Maskenpflicht an einer Schule aufgehoben hatte, wurde letztlich revidiert, mit fadenscheiniger Begründung. Der Richter musste obendrein eine Hausdurchsuchung über sich ergehen lassen, eine offensichtliche Abschreckungsmaßnahme gegen die unabhängige Justiz. Was sind das nur für Menschen, denen die Maskenpflicht bei Kindern derart wichtig ist, dass sie sich solcher Methoden bedienen? Es ist verstörend.

Meine zweite Gesprächspartnerin, Monique aus Moers in NRW, ist Mutter eines sechsjährigen Sohns. Luis geht in die erste Klasse und muss gegen seinen Willen Maske tragen, die bei ihm Kopfschmerzen auslöst und ihm schon öfters Hautausschlag beschert hat. Ein Attest stellt sein Arzt dem Jungen dafür nicht aus, dafür bräuchte er schon mindestens Asthma. Monique sagt, das könne auch an der Schule liegen, die das Attest nicht akzeptieren könnte, womit der Arzt wiederum Probleme bekäme. Überhaupt funktioniert das System gegenseitiger Kontrolle reibungslos. Auf meine Frage, ob es denn auch Lehrer geben würde, welche die Maskenpflicht wenigstens widerwillig durchsetzen, fällt ihr lediglich eine einzige ein, die ihre Schüler auch mal dazu motivieren würde, sie kurz abzunehmen und eine Pause zu machen. Rein „zufällig“ schaut dann plötzlich auch mal die Referendarin oder die Schulleitung im Klassenzimmer vorbei. Wer ausschert, bekommt Ärger.  

Verminderte Lebensqualität bei jedem dritten Kind

Viel zu tun haben Petzen und Denunzianten sowieso nicht. Die meisten machen mit, Eltern und Lehrer geben die Regeln vor, die Kinder ahmen ihr Verhalten nach, bis sie es von allein machen; bei vielen Jugendlichen gilt die Maske bereits als Accessoire, so Monique. Im November war die Maskenpflicht ausgesetzt, doch wurde sie von 25 der 28 Schüler in der Klasse ihres Sohns freiwillig weitergetragen. Martina erzählt mir ebenfalls davon, dass die meisten es „freiwillig“ weitergemacht hätten, freiwillig in Anführungszeichen, weil Lehrer fortgesetztes Maskentragen als erwünscht vermittelten. Ein dagegen rebellierender Achtklässler hatte sogar „richtig Ärger mit Lehrern“ bekommen. Man hat ihm klar gemacht, „dass sein Verhalten asozial wäre.“ Es sei den Lehrern zufolge gar eine „blöde politische Entscheidung, dass man die Maske nicht mehr tragen müsse.“ Er hat sich nicht unterkriegen lassen und konnte sich durchsetzen, doch bildet er damit eine Ausnahme. Alle anderen der von ihr therapierten Kinder nehmen die Restriktionen „mit einer Engelsgeduld hin.“

Im Grundschulalter hat man noch nicht die Fähigkeit erworben, sich gegen Autoritäten zu behaupten. Und von wem sollten die Kleinen es lernen, wenn die Erwachsenen sie ebenso wenig besitzen. Folgenden Wahnsinn, den Monique schildert, muss man sich vor Augen führen: Ohne staatlich verordnet gewesen zu sein, wurde die Maskenpflicht im Sportunterricht in der ersten Klasse eingeführt. Der Mechanismus ist altbekannt, der „Vergleich“ diesbezüglich nicht falsch: Auch der „Führer“ musste nicht alles anordnen; auf den unteren Befehlsebenen wurde sein Wille erahnt. Ohne vorauseilenden Gehorsam funktioniert kein umfassendes System repressiver Verhaltensnormen. In einer Konfrontation mit der Schulleiterin, in der es der Mutter vor allem um die Maskenpflicht geht, argumentiert jene, dass der Druck ja von den Ministerien käme, sie die Schule eben nicht wieder schließen wollen. Die Behinderung der Sauerstoffzufuhr bei Sechsjährigen, während diese Übungen absolvieren müssen, die sie schon so außer Atem geraten lassen, grenzt an Körperverletzung und stellt einen schwerwiegenden Übergriff auf die körperliche Unversehrtheit dar, den als solchen nicht einmal mehr wahrzunehmenden Ausdruck eines erschütternden kollektiven Irrationalismus ist.   

Die katastrophalen Folgen der coronapolitischen Kinderfeindlichkeit waren von Anfang an absehbar. Es haben inzwischen so viele Kinder ernste psychische Probleme, dass eine Depression nicht einmal mehr ausreicht, einen Platz in einer Klinik zu bekommen, dafür muss man schon selbstmordgefährdet sein. Dafür, dass die hier geschilderten Eindrücke und Erfahrungen Ausdruck einer gesellschaftlichen Tendenz sind und nicht als Einzelfälle verharmlost werden dürfen, spricht die Empirie. Die „Zeit“ schreibt: „Einer aktuellen Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zufolge empfindet jedes dritte Kind inzwischen eine verminderte Lebensqualität, vor der Pandemie war es jedes fünfte Kind. Eine viel beachtete Studie des Universitätsklinikums Essen geht gar von einer signifikant gestiegenen Zahl an Suizidversuchen in dieser Altersgruppe aus.“ Das hat eine nur noch vermeintlich zivilisierte Gesellschaft zu verantworten, welche die Schwächsten der politischen Macht von menschenfremden Modellierern und Laborexperten, betriebsblinden Politikern sowie neurotisierten und neurotisierenden Pädagogen ausliefert. 

Luis’ beste Freunde treffen ihn beide nicht mehr. Die genauen Gründe dafür kennt seine Mutter nicht. Womöglich liegt es an deren Eltern, die es untersagen. Martina berichtet von solchen, die ihre geimpften Kinder nachmittags nur noch mit ebenfalls geimpften spielen lassen. Doch die Komischen sind die, die Fragen stellen, so wie Monique: „Wie geht es deinem Kind unter der Maske?“ Und die Normalen antworten: „Ach, da habe ich mir noch gar keine Gedanken drüber gemacht.“ 

Es ist so erstaunlich wie erschreckend, wie selten der naheliegende Gedanke aufkommt, was all die Regeln mit einem selbst wohl gemacht hätten. Das Vergessen ihrer Kindheit ermöglicht es Erwachsenen, die Welt der Heranwachsenden in eine Ödnis zu verwandeln, deren sinnliche Trostlosigkeit und zwischenmenschliche Abgestumpftheit ihre Spuren hinterlassen wird. Nach zwei Jahren Corona-Maßnahmen lastet auf ihren Befürwortern und Durchsetzern eine schwere Schuld. Wer zurückblickt, erkennt das sofort.  

Foto: Kenneth Paik U.S. NARA via Wikimedia

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S.Niemeyer / 12.03.2022

Exzellenter Essay und ein Dokument, das die Generation Corona vielleicht eines Tages mit Staunen lesen wird, ein Dokument für Juristen und Historiker, eines Tages. Vielen Dank, Herr Perrefort! Die Verbrechen an den Kindern sind, so meine Beobachtung, besonders brutal in städtischen Regionen, 2020 waren die Straßen über Monate völlig leergefegt von kleinen Menschen, als gäbe es gar keine Kinder, gespenstisch. Meines Wissens ist der Terror an Schulen ebenfalls im städtischen Raum massiver mit all den Angst-, Test- & impfgläubigen Lehrern und Eltern. Ländliche Räume können kleinen und großen Menschen mehr Spielräume bieten, auf dem Dorf kennt man auch die örtlichen Ordnungskräfte persönlich, und man lässt sich nicht so einfach alles vermiesen. Es gibt in manchen Landstrichen eine widerständige Sturheit aus Bodenständigkeit und gesundem Menschenverstand, häufiger im Osten Deutschlands.

Wolfgang Richter / 12.03.2022

@ Paul Salvian - ” Süddeutschen Zeitung, Teresa Bücker, darüber, dass es Politiker gibt, die die Maskenpflicht in Supermärkten abschaffen” - Wir leben halt in Deppenland. Möge die Dame doch ihren Lebensmittelpunkt in die Niederlande verlegen, die nach ihrer Meinung gerade aussterben, kollektiven Selbstmord begehen, denn dort ist das völlig befreite Leben wieder möglich.

Wolfgang Richter / 12.03.2022

@ Susanne Pfaller - Wiehlers Kinderquälerei - Wann wird der Tierarzt endlich wieder dorthin gestellt, wo er zeigen kann, was er gelernt hat, möglicherweise, Schweinchen-Impfen oder Trichinenschau im Schlachthaus?  Alles darüber bestätigt das Peter-Prinzip.

Elias Schwarz / 12.03.2022

Wir hatten vor kurzem die Bundestagwahlen und das Wählervolk hat die gleichen inkompenenten, korrupten und arroganten “Volksvertreter” gewählt. Was gibt’s da noch zu jammern?

Wolfgang Richter / 12.03.2022

Staatlich organisierte Mißhandlung von Schutzbefohlenen, quasi bandenmäßig, ein weiterer Anklagepunkt, für den Fall, daß es mal zur Gesamtabrechnung kommen sollte. Im übrigen fordert gerade wieder irgend eine Organisation von Möchte-Gern-Medizinern den Fortbestand der Maskierung, obwohl gerade diese Berufsgruppe wissen sollte, daß die Dinger gegen Viren so wenig helfen wie sommers ein Maschendrahtverhau vor dem Balkon gegen eine Mückenplage. Die normal und Arbeitsrechtlich vorgeschriebenen Regeln zum Tragen dieser Teile als Arbeitsschutz erspare ich mir, da im Land von “Scheißegal-Illegal” nicht mehr relevant. Auf jeden Fall sind die Teile für außerhalb der beruflichen Verwendung nie zugelassen gewesen, schon gar nicht für Kinder / Jugendliche im Alltagsumgang. Was sind das für sog. Pädagogen, die die ihnen anvertrauten Schüler derart gesundheitlich schädigen. Und wenn sie Angst vor ihnen haben, sollten sie dringend den Job wechseln. Und Eltern, die ihre Zöglinge entsprechend drangsalieren - zu rechtsstaatlichen Zeiten kam das Jugendamt schon für geringere Verstöße ins Haus.

Victor Kleinpeter / 12.03.2022

“bei vielen Jugendlichen gilt die Maske bereits als Accessoire, so Monique”: Hier, auf dieser Webseite, ist oft so eine Werbung, wo so eine Maske als Accessoire angepriesen wird. Bitte erklären Sie mir jetzt nicht, wie ich das Anzeigen von Werbung unterdrücken kann, denn das weiß ich schon.

Susanne Pfaller / 12.03.2022

(Teil 2) Der Weihnachtsmarkt in Oslo fand 2020 trotzdem unter Hygienevorschriften statt, während er hier sogar noch 2021 in meiner Kleinstadt abgesagt wurde, obwohl alles draussen und mit viel Abstand stattgefunden hätte. Dabei ist so etwas so wichtig, Stichwort “Seelennahrung”. Ja, und überhaupt das Thema “draussen”: In Norwegen hat man von Beginn an dazu aufgerufen, so viel wie möglich draussen zu sein, gerade mit Kindern. Stärkung des Immunsystems und so weiter. “Verweilverbote” - undenkbar. Natürlich waren auch Spielplätze nie mit Klebeband abgesperrt. Und hätte ich auf einem norwegischen Rodelhügel Maske getragen, hätte sich der Rest wohl gedacht, dass ich reif für die Klapse bin… Ich könnte einen ganzen Roman schreiben. Bei Gelegenheit berichte ich immer wieder anderen von unseren Erfahrungen. Was mich aber am meisten erschreckt: Man hört mir zu, findet das an und für sich auch ganz interessant, dass es “auch so” gehen kann. Aber für übertragbar hält man es nicht. Ich habe wirklich noch nie von anderen Eltern gehört, dass man auch hier die Maskenpflicht oder Testpflicht für Schüler abschaffen solle. Im Gegenteil. Man befürworte es, weil man sich auf diese Art noch sicherer fühle. Besonders erbost bin ich immer, wenn man mir entgegnet, dass dies in Norwegen auch nur aufgrund der höheren Impfquote möglich sei. Das Argument lasse ich aber nicht gelten: Auch in Norwegen lag diese Quote fast ein Jahr lang bei 0 bis wenigen Prozent, und dennoch waren zu keinem Zeitpunkt die Massnahmen für Kinder vergleichbar mit denen hier. Unser Kind hat sich hier übrigens erstaunlich schnell an die Maske und auch an das Testen gewöhnt. Eine Woche dauerte das maximal - es ist jetzt einfach Teil vom Alltag. So sehr, dass es letztens in vorauseilendem Gehorsam sich trotz guten Zuredens nicht mal mit mir in eine Bäckerei mit hinein traute, weil wir gerade keine Kindermaske dabei hatten. Und immer wieder lag es mir schon damit in den Ohren, sich „bitte auch impfen lassen“ zu wollen.

Hans-Peter Dollhopf / 12.03.2022

Emile Durkheim, 1895: Es läßt sich heutzutage nicht mehr bestreiten, dass die Mehrzahl unserer Gedanken und Bestrebungen nicht unser eigenens Werk sind, sondern uns von außen zuströmen.

Susanne Pfaller / 12.03.2022

(Teil 1) Ich habe mit meiner Familie die ersten sechzehn Coronamonate in Norwegen gelebt und die letzten acht Monate in Bayern. Wir hatten dort einen mehrwöchigen ersten Lockdown bis Ostern 2020, und ab da waren Kindergarten und Grundschule nie wieder geschlossen. Natürlich hatte mein Grundschulkind auch nie eine Maske auf oder wurde verdachtslos getestet. Testen in der Schule gab es gar nicht. Genau genommen war mein Kind im gesamten Schuljahr insgesamt genau 6 Tage in Quarantäne (als Nahkontakt). Explizit riet das norwegische FHI (Gesundheitsbehörde) übrigens Kindern unter 12 immer generell von Masken ab, und ältere Kinder sollten überhaupt nur situationsbedingt Maske tragen, also da, wo ein Abstand nicht eingehalten werden konnte, zum Beispiel im vollbesetzten Bus. Und wenn ich von “Maske” spreche, meine ich eine medizinische - eine FFP2 hatte auch ich dort nie auf. Als ich einer norwegischen Bekannten letztens erzählte, dass unser Grundschulkind hier sogar im Sportunterricht in der Turnhalle Maske trägt, meinte sie: “Ihr Deutschen könnt einfach so extrem sein…” - Recht hat sie. Die Norweger taten in meinen Augen alles, dass KINDER so viel Alltag wie möglich hatten. Unverzeihlich finde ich, dass man hier sogar “2G” für Kinder ab 12 Jahren und drei Monaten, später 14 J., eingeführt hat. Sportverein oder Ballett nur gegen „Impfung“, geradezu perfide ist das (und seien wir mal ehrlich, so manches Kind würde noch leben - zum Beispiel Cheyenne Braun aus Hollfeld, wo laut Mama auch der Gruppendruck bzw. das Verreisen mit Gleichaltrigen, aber nicht die Angst vor Corona den Hauptgrund darstellte). In der Zeit, als in Deutschland alle monatelang daheim sassen, waren wir mit den Kindern beim Sport, Ballett, usw. Das soll nicht heissen, dass nicht auch, wenn die Zahlen wieder stiegen, einzelne Aktivitäten abgesagt wurden. Aber WENN das geschah, dann nach meinem Empfinden immer angepasst, vernünftig, massvoll: Man konnte es nachvollziehen.

Peter Woller / 12.03.2022

Wenn ich die heutigen Kinder mit ihren Masken sehe, weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Lächerlich ist es nicht. Es ist eine Tragödie. Die verantwortlichen “Politiker” und sogenannten “Mediziner” kommen sowieso wieder ohne Strafe davon. Ach übrigens, Rummelplatz in den 1970ern. Aus den Raupenbahn-Lautsprechern sang Peter Gabriel im Jahre 1978 “Solsbury Hill”. Darauf noch ein Bier. Und der gleiche Song bei YouTube noch mal gehört.

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