Henryk M. Broder / 26.06.2011 / 20:06 / 0 / Seite ausdrucken

Schwullesbische Logik

Ich weiß nicht, ob es eine schwullesbische Moral gibt, aber eine schwullesbische Logik scheint es zu geben. Und die geht so:

“Leider gibt es keine Statistiken, wieviele gläubige homosexuelle Jugendliche den Druck der katholischen Kirche nicht ausgehalten und Selbstmord begangen haben. Auch führt die Uno keine Liste, wieviele Menschen weltweit an den Folgen von den Aids gestorben sind, weil sie sich an Kondomverbot des Vatikans gehalten haben.” http://www.queer.de/detail.php?article_id=14520%C2%A0

Nun, wer die richtige Gesinnung hat, der ist auf Statistiken nicht angewiesen. Zwar kann niemand sagen, “wieviele gläubige homosexuelle Jugendliche den Druck der katholischen Kirche nicht ausgehalten und Selbstmord begangen haben”, aber die Vermutung wird zur Tatsache, indem man sie einfach in den Raum stellt. Zwar soll es auch heterosexuelle Jugendliche geben, die Selbstmord begehen, weil sie an Liebeskummer leiden, den Leistungsdruck in der Schule nicht aushalten oder zu viel Grönenemyer gehört haben, aber solche Fälle sind weniger attraktiv, weil man sie dem Papst nicht in die Lackschuhe schieben kann.

So verhält es sich auch mit den Menschen, die “weltweit an den Folgen von den Aids gestorben sind, weil sie sich an Kondomverbot des Vatikans gehalten haben”. Auch da hat man keine Zahlen zur Hand, fest steht nur, dass für diese Toten ebenfalls der Papst verantwortlich ist. Hätte er ihnen die Benutzung von Kondomen erlaubt oder gar befohlen, würden sie noch immer leben und pumperlgsund die Bars rund um den Nollendorfplatz abklappern. Das heisst: Homos lassen sich den Homo-Sex nicht vom Papst verbieten, sie schaffen es nur nicht, sich über das Kondomverbot hinwegzusetzen. Eine grossartige Logik!

So haben die Schwulen und die Lesben einiges mit anderen diskriminierten Minderheiten wie den Juden, den Moslems und den Radfahrern gemeinsam: Je mehr sie gesellschaftlich akzeptiert werden, umso mehr fühlen sie sich diskriminiert. Es ist ein Teufelskreis, aus dem es kein Entkommen gibt.

Dabei ist das politische Bewusstsein der Schwulen und der Lesben auch nicht weiter entwickelt als das der rheinischen Jecken, die am Rosenmontag “Der Zoch kütt!” und “Kammelle!” schreien. Sie wollen einfach feiern. Würden sie am CSD einen Wagen mitfahren lassen, der die Verfolgung der Schwulen im Iran thematisiert, wäre das zwar nur eine kleine Geste, aber sie könnte einigen Teilnehmern die Laune vermiesen. Auf dem Papst rumzutrampeln macht nicht nur Spaß, es ist auch so wohlfeil wie ein Grusswort des Regierenden Bürgermeisters zum CSD.

Siehe auch:
Christian social conservatives and gays often find themselves on opposite sides in the culture wars, but when it comes to persecution of minorities abroad they can find common cause.

The same countries that persecute Christians and other religious minorities, also persecute gays and lesbians, trample on women’s rights and stifle dissent, said immigration lawyer Chantal Desloges. http://www.wcr.ab.ca/WCRThisWeek/Stories/tabid/61/entryid/1117/Default.aspx

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