Vera Lengsfeld / 19.09.2007 / 16:36 / 0 / Seite ausdrucken

Schwarze Pyramiden, rote Sklaven

Was verbindet Kronstadt, Workuta, Berlin, Budapest und Prag? Es sind die niedergeschlagenen und mehr oder weniger vergessenen Aufstände gegen das
Kommunistische Regime. Workuta ist sogar als Name in der offiziellen Erinnerungslandschaft fast ausgelöscht. Dabei war der Streik der roten Sklaven 1953 in den Kohlegruben des Polargebietes der Anfang vom Ende des stalinistischen Lagersystems.Liegt es wirklich daran, dass Ereignisse in den Zentren der Welt von der Öffentlichkeit anders wahr genommen werden, als die an der Peripherie, wie sie der Polarkreis verkörpert ? Oder ist es doch der immer noch vorhandene Unwille zu erkennen, dass im vergangenen Jahrhundert der Lager und des Massenmordes zwei politische Experimente die Menschheit an den zivilisatorischen Abgrund gebracht haben?
Für die Bevölkerung der ehemaligen Sowjetunion ist Workuta noch heute das Synonym für das stalinistische Lagersystem. Von diesem gottverlassenen , verfluchten Boden, in dem unter jeder Eisenbahnschwelle zwei Häftlingsleichen liegen, ging im Jahr 1953 eine Erschütterung aus . die den Hochstalinismus in eine tiefe Krise stürzte, die sein Lagersystem schließlich zum Einsturz brachte.
„Keine Freiheit, keine Kohle“, war die Losung, unter der etwa 75 000 Häftlinge spontan einen Streik begannen., der alle wesentlichen Merkmale der Herbstrevolution beinhaltete, die 46 Jahre später das kommunistische Regime hinwegfegte. Es gab keine „Rädelsführer“, keine Organisation, keine feste Struktur, sondern nur den Willen der Vielen, ihr Schicksal nicht mehr hinzunehmen und ihre Freiheit zu fordern.
Es ist bewegend in dem Buch „Schwarze Pyramiden, rote Sklaven“, das Anfang der Woche in der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt beim Bund vorgestellt wurde, nachzulesen, wie allein der Wille zum Streik das Leben in den Lagern veränderte. Statt einer Herde abgestumpfter Arbeitstiere, die über dem ermüdenden Kampf ums Überleben sogar ihre Tischsitten vergessen hatten, waren über Nacht Individuen geworden, die ihre Würde wieder gewannen. In Workuta waren Häftlinge aus allen Ländern Europas. Ein Herrschaftsmittel der Sowjets war es, Zwietracht zwischen den Nationalitäten zu säen. In den Streiktagen verschwanden diese Diskrepanzen völlig. In nie erlebter Einigkeit ließen sich die Häftlinge nicht provozieren, nicht auseinander dividieren. Die Spitzel und die Schläger wurden höflich gebeten , sich zu ihrer eigenen Sicherheit außerhalb der Lager zu begeben. Keine Gewalt!
Am dritten Streiktag bemerkte ein türkischer Häftling bei einer Streikversammlung: „Wir sind das vereinigte Europa!“ Es wird Zeit, dass dieses Europa seine Widerstandstradition zu ehren beginnt.
Das Buch ist erhältlich bei info@univerlag-leipzig.de

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