Gastautor / 15.12.2014 / 22:00 / 6 / Seite ausdrucken

Schuldgefühle als Geschäftsmodell

Sebastian Moll

Kürzlich sah ich bei einer Demonstration einen Mann, auf dessen T-Shirt folgende Aufschrift zu lesen war: „Wir sind schuld“. Nur diese drei Worte, keine weitere Erläuterung, etwa, woran wir denn schuld seien, geschweige denn, wer eigentlich mit ‚wir‘ gemeint war. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, worum es bei dieser Demonstration ging, aber das ist ja auch eher unwichtig, wenn man dem Geist dieses T-Shirts folgt.

Es handelt sich um ein zu jedem Anlass passendes Kleidungsstück, da wir ja grundsätzlich an allem schuld sind. Durch unsere zahlreichen Wannenbäder verursachen wir die Dürre in der Sahelzone, unsere erfolgreiche Exportwirtschaft führt zur Verschuldung unserer Nachbarstaaten, von den (viele Jahrhunderte zurückliegenden) Kreuzzügen zieht sich eine direkte Linie zu Pierre Vogel, und unser ‚westlicher Lebensstil‘ ist die Ursache für die (seit Jahren ausbleibende) globale Erwärmung.

Jeder, der auch nur gelegentlich Kontakt zu seinen Mitbürgern pflegt, weiß: Für gewöhnlich suchen Menschen die Schuld für etwas erst dann bei sich selbst, wenn kein anderer mehr übrig bleibt. Wie kommt es also zu dieser offensiven Zurschaustellung eigener Schuld, die unter demonstrierenden Gutmenschen so stark verbreitet ist? Der britische Historiker Bernard Lewis stellte dazu eine faszinierende These auf:

„Die Bürde des weißen Mannes im Sinne Kiplings – die Verantwortung des Weißen für die Völker, über die er herrschte – ist schon seit langem abgeworfen und von anderen übernommen worden. Aber es gibt Menschen, die darauf bestehen, sie zu behalten – diesmal nicht als Bürde der Macht, sondern der Schuld, ein Insistieren auf der Verantwortung für die Welt und ihre Übel, das so arrogant und ungerechtfertigt ist wie die Ansprüche unserer imperialistischen Vorfahren.“

Tatsächlich scheint es so zu sein, dass sich diese Menschen schuldig fühlen wollen, ja, es scheint sie in einen regelrechten Rausch zu versetzen. Nur durch die Irrationalität des Rausches lässt sich erklären, dass viele der Betroffenen entgegen aller Vernunft an ihren Schuldgefühlen festhalten – mit gravierenden Folgen.

In früheren Zeiten war es üblich, sich für seine Sünden selbst zu geißeln. So fragwürdig diese Praxis auch gewesen sein mag, zumindest nahmen andere daran keinen Schaden. Heutzutage richtet sich die Gewalt der Betroffenen leider nicht mehr gegen sie selbst, sondern zieht andere in Mitleidenschaft, wodurch – bittere Ironie – die Akteure tatsächlich schuldig werden.

Dass Greenpeace keinerlei Respekt vor persönlichem Eigentum hat, ist hinlänglich bekannt. Erst kürzlich stellte sich heraus, dass die Mutter aller Schuldrauschorganisationen selbst das anvertraute Geld ihrer Spender gerne an der Börse verspielt. All das scheint den friedensgrünen Heiligenschein allerdings nicht zum Wackeln gebracht zu haben. Aber sind sie diesmal vielleicht zu weit gegangen?

Anlässlich der Internationalen Klimakonferenz in Peru hielt es Greenpeace für eine gute Idee, sich über die jahrtausendealten Nazca-Linien herzumachen, die seit 1994 zum Weltkulturerbe der UNESCO gehören. Auf diesem nationalen Heiligtum der Peruaner plakatierte Greenpeace in riesigen Lettern das Motto „time for change – the future is renewable“.

Wenn man mal von dem mangelnden Geistesreichtum dieses Schriftzugs absehen will, stellt sich vor allem die Frage: Haben diese Leute keinerlei Respekt vor menschlicher Kultur? Für Patrick Moore, einen der Mitbegründer von Greenpeace, ist die Antwort auf diese Frage klar. Schon vor Jahren wandte er sich angewidert von seiner ehemaligen Organisation ab und sprach von der Greenpeace-Politik als einem „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.

Neben ihrer unfassbaren Pietätlosigkeit hat die aktuelle Greenpeace-Aktion allerdings auch eine ironische Seite. Nach den neuesten Erkenntnissen der Archäologen entstanden die Nazca-Linien als Teil eines magischen Rituals, mit dem die immer weiter um sich greifende klimatische Veränderung der Region aufgehalten werden sollte. Genutzt hat es leider wenig, schon um etwa 600 nach Christus war die ehemals fruchtbare Region vollständig verwüstet.

Somit sind die Nazca-Linien nicht nur ein beeindruckendes Zeugnis einer antiken Zivilisation, sondern zugleich ein Beleg dafür, dass Klimaveränderungen auch völlig unabhängig von menschlich produziertem Kohlenstoffdioxid eintreten können. Beinahe möchte man meinen, dieser Umstand sei der wahre Grund für die grüne Schändung dieser Stätte.

Die eigentliche Farce an der ganzen Sache ist aber, dass Greenpeace bei der UN-Klimakonferenz in Peru nach wie vor als seriöse Stimme Gehör findet, zum Teil gar in beratender Funktion. Wann werden diese Leute endlich als das erkannt, was sie wirklich sind: Von sich selbst berauschte Vandalen!

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Hjalmar Kreutzer / 16.12.2014

Ironie? Egal, was ich denke, sage, schreibe, tue, esse, trinke, konsumiere, egal wie politisch-ideologisch-ökologisch korrekt ich mich zu verhalten bemüht bin, an irgendwas bin ich IMMER schuld, weil ich weiß, europäisch, männlich, Biertrinker, Raucher, Autofahrer bin! Also: “Ich bin schuld!” So etwa?

Helmut Driesel / 16.12.2014

Wie wäre es mit “Smeagol-Syndrom”?

Herbert Manninger / 16.12.2014

Greenpiss zu unterstützen ist halt eine modische Attitüde, man ist auf der ,,richtigen” Seite, außerdem bequem für Leute, denen eigenständiges Denken Mühe bereitet.

Max Wedell / 16.12.2014

Mein Eindruck ist, daß es beim übertriebenen “Wir sind schuld” gar nicht um das Schuldgefühl geht (wer wird schon in sein Tagebuch schreiben: “Toll, heute mal wieder ordentlich schuldig gefühlt”), sondern um den Vorgang der Selbstbezichtigung der Schuld. Dieser Vorgang ist inzwischen so lustbesetzt, daß die Selbstbezichtigung weit häufiger stattfindet, als es angebracht wäre. Bleibt die Frage, woher das Lustempfinden bei der Selbstbezichtigung der Schuld denn stammt, denn normal oder natürlich ist so etwas ja nicht, ganz im Gegenteil, normal oder natürlich ist eher die Schuldverdrängung oder gar der Schuldabstritt. Was auch immer die Gründe… Ein T-Shirt mit der Aufschrift “Wir sind nicht schuld” wäre vermutlich ein recht wirksames Mittel, um herauszufinden, ob jemand die Freuden lustvoller Selbstbezichtigung liebgewonnen hat, oder ob er Selbstbezichtigung eher meidet, weil sie ihm so auf den Zeiger geht, daß der wie festgefroren im negativen Bereich der persönlichen Lustskala verharrt. Man muß dazu nur auf seinen Bauch zeigen und sein Gegenüber fragen: “Was meinst du denn dazu?” Wenn der andere sagt: “Ja, das ist einfach toll, wie das mit ironischen Mitteln die Selbstgefälligkeit dieser Leute anklagt” (oder gar: “Geh bloß weg mit so einem Nazidreck”), hat man mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Selbstbezichtigungsfetischisten vor sich. “Wurde ja Zeit, daß es endlich mal einer sagt” o.ä. zustimmende Äußerungen weisen hingegen deutlich auf ein verstocktes Selbstbezichtigungsabstinenzlertum hin. Die Attraktivität von Selbstbezichtigungen könnte noch erheblich gesteigert werden, wenn die Zahl der Gründe, derentwegen man sich selbst einer Schuld bezichtigen könnte, noch größer wäre, als sie ist. Sie kann eigentlich gar nicht groß genug sein. Es ist wie bei der Libido… häufiges Sichselbstbezichtigen der Schuld an den immergleichen Dingen stumpft mit der Zeit doch ein wenig ab. Wird aber einmal eine völlig neue Schuld gefunden, derer man sich selbst bezichtigen kann, ist die Ekstase groß... denn die Hauptlust an der Selbstbezichtigung besteht ja in der Anerkennung durch Freunde mit demselben Hobby… und deren “Oohhh” und “Aaaah, daran haben wir ja noch gar nicht gedacht” geht wirklich runter wie Butter. Mit einem gängigen Irrtum will ich noch schnell aufräumen. Ein tatsächliches Empfinden einer Schuld erfordert die Selbstbezichtigung nicht. Dies erleichtert den Einstieg in das Hobby beträchtlich.

Martin Wessner / 15.12.2014

Nein, nein. Wer “Wir sind schuld” sagt, meint idR. mitnichten sich selbst, er meint vielmehr den politisch-weltanschaulichen Gegner oder den Gegner seiner eigenen sozio-ökonomischen Interessen INNERHALB der “Wir”-Gruppe, also innerhalb der Gesellschaft eines Staates oder eines Kulturkreises, einer Ethnie oder einer Religion. Wenn zB. dänische Linke postulieren “Wir sind schuld”, dann meinen sie damit nicht die Dänen die Links sind, sondern die Dänen die Rechts sind. “Wir…”, das sind die Dänen, indes “...sind Schuld”, dass sind die Rechten dieses Landes. SO! ist das vielmehr zu erklären.

Jürgen Fleischer / 15.12.2014

Für mich und meinen Sprachgebrauch hebe ich Greenpeace längst umbenannt in das was sie wirklich sind: GREENWAR

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