
Ironie? Egal, was ich denke, sage, schreibe, tue, esse, trinke, konsumiere, egal wie politisch-ideologisch-ökologisch korrekt ich mich zu verhalten bemüht bin, an irgendwas bin ich IMMER schuld, weil ich weiß, europäisch, männlich, Biertrinker, Raucher, Autofahrer bin! Also: “Ich bin schuld!” So etwa?
Wie wäre es mit “Smeagol-Syndrom”?
Greenpiss zu unterstützen ist halt eine modische Attitüde, man ist auf der ,,richtigen” Seite, außerdem bequem für Leute, denen eigenständiges Denken Mühe bereitet.
Mein Eindruck ist, daß es beim übertriebenen “Wir sind schuld” gar nicht um das Schuldgefühl geht (wer wird schon in sein Tagebuch schreiben: “Toll, heute mal wieder ordentlich schuldig gefühlt”), sondern um den Vorgang der Selbstbezichtigung der Schuld. Dieser Vorgang ist inzwischen so lustbesetzt, daß die Selbstbezichtigung weit häufiger stattfindet, als es angebracht wäre. Bleibt die Frage, woher das Lustempfinden bei der Selbstbezichtigung der Schuld denn stammt, denn normal oder natürlich ist so etwas ja nicht, ganz im Gegenteil, normal oder natürlich ist eher die Schuldverdrängung oder gar der Schuldabstritt. Was auch immer die Gründe… Ein T-Shirt mit der Aufschrift “Wir sind nicht schuld” wäre vermutlich ein recht wirksames Mittel, um herauszufinden, ob jemand die Freuden lustvoller Selbstbezichtigung liebgewonnen hat, oder ob er Selbstbezichtigung eher meidet, weil sie ihm so auf den Zeiger geht, daß der wie festgefroren im negativen Bereich der persönlichen Lustskala verharrt. Man muß dazu nur auf seinen Bauch zeigen und sein Gegenüber fragen: “Was meinst du denn dazu?” Wenn der andere sagt: “Ja, das ist einfach toll, wie das mit ironischen Mitteln die Selbstgefälligkeit dieser Leute anklagt” (oder gar: “Geh bloß weg mit so einem Nazidreck”), hat man mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Selbstbezichtigungsfetischisten vor sich. “Wurde ja Zeit, daß es endlich mal einer sagt” o.ä. zustimmende Äußerungen weisen hingegen deutlich auf ein verstocktes Selbstbezichtigungsabstinenzlertum hin. Die Attraktivität von Selbstbezichtigungen könnte noch erheblich gesteigert werden, wenn die Zahl der Gründe, derentwegen man sich selbst einer Schuld bezichtigen könnte, noch größer wäre, als sie ist. Sie kann eigentlich gar nicht groß genug sein. Es ist wie bei der Libido… häufiges Sichselbstbezichtigen der Schuld an den immergleichen Dingen stumpft mit der Zeit doch ein wenig ab. Wird aber einmal eine völlig neue Schuld gefunden, derer man sich selbst bezichtigen kann, ist die Ekstase groß... denn die Hauptlust an der Selbstbezichtigung besteht ja in der Anerkennung durch Freunde mit demselben Hobby… und deren “Oohhh” und “Aaaah, daran haben wir ja noch gar nicht gedacht” geht wirklich runter wie Butter. Mit einem gängigen Irrtum will ich noch schnell aufräumen. Ein tatsächliches Empfinden einer Schuld erfordert die Selbstbezichtigung nicht. Dies erleichtert den Einstieg in das Hobby beträchtlich.
Nein, nein. Wer “Wir sind schuld” sagt, meint idR. mitnichten sich selbst, er meint vielmehr den politisch-weltanschaulichen Gegner oder den Gegner seiner eigenen sozio-ökonomischen Interessen INNERHALB der “Wir”-Gruppe, also innerhalb der Gesellschaft eines Staates oder eines Kulturkreises, einer Ethnie oder einer Religion. Wenn zB. dänische Linke postulieren “Wir sind schuld”, dann meinen sie damit nicht die Dänen die Links sind, sondern die Dänen die Rechts sind. “Wir…”, das sind die Dänen, indes “...sind Schuld”, dass sind die Rechten dieses Landes. SO! ist das vielmehr zu erklären.
Für mich und meinen Sprachgebrauch hebe ich Greenpeace längst umbenannt in das was sie wirklich sind: GREENWAR
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