Nur der Woelki marschiert noch durch Kölle für die japanischen und chinesischen Touristen, und die Schäflein selbst sind auf dem Weg ins verlängerte Wochenende.
Bei meinem allmorgendlichen Anruf bei meinem Schrauberbruder zwecks Erörterung der aktuellen Lage begrüßte ich ihn mit den Worten: „Na, schon unterwegs mit der Prozession?“ „Die lassen mich doch nicht mehr mit, als Ungläubigen. Und überhaupt, gibt’s die noch? Die kommen doch mit ihren Rollatoren kaum mehr um die Kirche herum." Gemeint waren die Gläubigen, nicht die Putschisten der Herrn Reuß.
Ja, früher, vor fast 60 Jahren, war das noch was anderes. Die Hauptstraße unseres Geburtsortes war noch nicht asphaltiert, aber zu Fronleichnam mit Blüten bestreut. An vier günstigen Punkten des Ortes gab es mobile Altäre; die Frauen und Jungfrauen der Gemeinde hatten komplizierte, an Orientteppiche gemahnende Blumenmuster gelegt, und der Ortspriester – so was gab es damals noch – trug, begleitet von einem Ministrantenchor, unter einem Baldachin die sicher schwere Monstranz durch den Ort, um dann nach einem Schwenk durch die zu segnenden Felder wieder in die Kirche zurückzukehren.
Schützenverein, Krieger- und Soldatenverein, freiwillige Feuerwehr in vollem Wichs gingen der ganzen Gemeinde voran, alles begleitet vom ohrenbetäubenden Klang der lokalen Blaskapelle. Die wenigen falschgläubigen Protestanten hatten sich in ihren Häusern verkrochen, Moslems gab es nicht: insgesamt ein wahrer Triumph des Glaubens und, wäre das ein Wahltag gewesen, sicher auch der CSU. Die wenigen FDP-ler kannte man namentlich, Sozis wurden in einer Größenordnung unter 10 gerade noch ertragen (mein Vater war einer).
Nach vollbrachtem Umgang ging es dann in die Dorfkneipe, wo das lokale Helle ins Dunkel des Gekröses floss und Schwaden von Villinger-Kiel in die frühlingshafte Natur drangen. Die Damen betreuten inzwischen den Schweinsbraten und hobelten Spätzle, bis ihre leicht bedudelten Gatten und Söhne an den Tisch und dann wohl aufs Kanapee zurückkehrten. Schön war’s und vorbei ist es. Keiner wäre im Traum drauf gekommen, sich zur Frau zu deklarieren, und der Ölwechsel der Kraftfahrzeuge fand gelegentlich noch am Waldrand statt. Wenn etwas danebenging: „Zefixhalleluja!“
Gelegentlich fiel auch in der Nachbarschaft ein Starfighter vom Himmel – Lager Lechfeld lag nicht weit entfernt. Die Witwe wurde bedauert: „Des arme Web, zwoi kloine Kendr!“ – aber vom Klima fühlte man sich nicht bedroht. Auch vom Iwan nicht, der hauste gut eingehegt in der Zone. Die größten Ereignisse waren brennende Heuschober, in denen sich das noch feuchte Heu selbst entzündet hatte: Letztlich ein gefundenes Fressen für die Feuerwehr und ein guter Anlass, nach getaner Arbeit den eigenen Brand beim Wirt zu löschen.
Und heute: Nur der Woelki marschiert noch durch Kölle für die japanischen und chinesischen Touristen, und die Schäflein selbst sind auf dem Weg ins verlängerte Wochenende. Das mit dem Schweinsbraten kommt auch nicht mehr so gut, und Tofu hat nun nicht gerade eine Heimatanmutung. Im Rückblick kommt einem das alles vor wie ein einziger großer Komödienstadel. Und was werden unsere Enkel empfinden, dereinst in ferner Zukunft?
Hubert Geißler stammt aus Bayern und war Lehrer für Kunst/Deutsch/Geschichte. Er schreibt diese Serie zusammen mit seinem Bruder Bernhard Geißler. Der gehört zu den sogenannten Fachkräften, und Technikern, also zum gut ausgebildeten Teil der produktiven Arbeiterschaft, hier kurz „Schrauber“ genannt. Der arbeitet viel kommt aber selten zu Wort, was diese Serie ein wenig wettmachen will.
Genau , das gab es auch bei uns ! Nur da gab es noch den fanatischen EVANGELEN , der an diesem Tag mit seinem Jauchefass durch das Dorf fuhr und gerade da, wo das größte Blumenbild des „Dorfgeschäfts“ lag , öffnete sich die Verkorkung des Jauchefasses und der Inhalt ergoss sich segnend über das kunstvoll gelegte Marienbild ! ….. das Dorf hatte wieder was zu tratschen und schön war es doch !
War doch eine gute Idee: Feiertag in Gemeinden mit überwiegend römisch katholischer Bevölkerung . Und umgekehrt. Fronleichnam, die Bamberger und Lichtenfelser kommen zum Einkaufen nach Coburg. Buß und Bettag: Die Coburger fahren nach Bamberg, Lichtenfels zum Einkaufen. Ach so?
Bibel, christlich abendländische Tradition?
Sehr gut Herr Geißler, als alter weißer Mann kann ich mich noch gut an diese herrlichen Prozessionen erinnern. Als kleiner protestantischer Bub schwänzte ich an solchen Tagen den Gottesdienst und sah mir lieber die prächtige Prozession und die schönen Hausaltäre am Straßenrand an. Dies alles war viel interessanter als die knochentrockenen Gottesdienste in der evangelischen Kirche! Die Erinnerung an das alles ist sehr lebendig, die Mitgliedschaft bei den Evangelen habe ich dann als junger Mann storniert!