Henryk M. Broder / 17.11.2010 / 19:54 / 0 / Seite ausdrucken

Schottern am Gleisbett

Vor beinah zehn Jahren, am 1. Februar 2001, schrieb der damalige Umweltminister der Bundesrepublik einen Brief an die niedersächsischen Kreisverbände der Grünen, in dem er sie ermahnte, sich nicht an Castor-Blockaden zu beteiligen. Angesichts des Eindrucks in der Öffentlichkeit, “Grüne stünden erneut vor der Zerreissprobe”, forderte der Minister die grüne Basis in Niedersachsen auf, sich an den “Beschluss des Parteirates” zu halten und Proteste zu unterlassen. Zwar wären Sitzblockaden eine “anerkannte Form friedlichen Protests”, aber: 
“Aus der Verteidigung einer solchen Form zivilen Ungehorsams kann… nicht der Schluss gezogen werden, dass jede Sitzblockade von Grünen unterstützt werden muss. Nur weil jemand seinen Hintern auf die Strasse setzt, finden wir das noch nicht richtig.” Der Parteirat halte “Aktionen gegen die notwendige Rücknahme des Atommülls aus Frankreich” für politisch falsch. “Nicht, weil wir etwas gegen Sitzblockaden, Latschdemos oder Singen haben, sondern weil wir das Anliegen weshalb gesessen, gegangen oder gesungen wird, ablehnen.”

Neben anderen Gründen werde man “den Franzosen nicht zumuten können, den deutschen Müll etwa bis zur Inbetriebnahme des deutschen Endlagers im Jahre 2030 zu lagern”, für Grüne gebe es “keinen Grund, gegen diese Transporte zu demonstrieren”. Und: “Wir stehen zur Verantwortung der Bundesrepublik, für die Entsorgung des deutschen Atommülls eine nationale Lösung zu finden.” (http://www.netzwerk-regenbogen.de/Trittin_doku.html)

Das war, wie gesagt, vor fast zehn Jahren. Der Minister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit hiess Jürgen Trittin und war ein Grüner. Heute ist Trittin immer noch ein Grüner aber kein Minister mehr sondern nur noch Fraktionsvorsitzender im Bundestag. Außerdem sind die Grünen seit fünf Jahren in der Opposition. Und deswegen hat Jürgen Trittin in diesem Herbst die grüne Basis aufgerufen, gegen die Castor-Transporte zu demonstrieren. Der ebenso eloquente wie flexible Politiker, der seine Karriere im Kommunistischen Bund begonnen hat, nannte dafür zwei Gründe: die Menge des hoch radioaktiven Mülls werde “um hunderte von Tonnen” vermehrt und der “Schwarzbau in Gorleben” fortgesetzt. Was man mit dem Atommüll machen sollte, sagte Trittin nicht, denn als Oppositionspoitiker muss er sich darüber keine Gedanken machen.

Und so gingen zehntausende von Demonstranten auf die Straße, blockierten Straßen-kreuzungen, schmiedeten sich an Gleise und lieferten sich ein Katz- und Maus mit der Polizei. Am Ende, witzelte Harald Schmidt, waren die Polizisten so erschöpft, dass sie von den Protestlern einzeln weggetragen werden mussten. Mit von der Partie war auch die TV-Moderatorin und Schriftstellerin Charlotte Roche (“Feuchtgebiete”). Sie hatte einen Aufruf zum “Schottern” mit unterschrieben. d.h. dazu, Steine aus dem Gleisbett zu entfernen, damit die Castor-Transporte die Strecke nicht befahren können. “Ich habe allerdings nicht zum Schottern aufgerufen, sondern nur gesagt, dass ich selbst schottern werde”, stellte sie in einem Gespräch mit der SZ klar.  Aufgerufen habe sie “hingegen zu jeder Art von friedlichem Protest: Zur Teilnahme an Kundgebungen, zum Mitmachen, Decken vorbeibringen, Musik machen, Trecker fahren und zum auf der Straße parken und Schlüssel verlieren”. Es sei ihr wichtig gewesen, “dass die Steine nicht fliegen. Wenn jemand mit nackten Händen Steine wegschaufelt wie ein grabendes Erdmännchen, dann ist das friedlich und absolut legitim.”

Als die “Castoren” nach fast vier Tagen am Ziel ankamen, feierten die Demonstranten dies als einen großen Erfolg. Die hatten mit ihren Aktionen den Transport aufgehalten und verzögert und nebenbei auch das Zug- und Begleitpersonal der Strahlung länger als nötig ausgesetzt.

Angesichts der Bilder von den “bürgerkriegsähnlichen Zuständen” entlang der Strecke musste man sich freilich fragen, was passiert wäre, wenn die Polizei nur “passiven Widerstand” geleistet und sich darauf beschränkt hätte, die Versorgungswege der Demonstranten abzuschneiden. Wie lange hätten sie es in der Kälte ausgehalten? Nur mit Hilfe der Polizei wurde aus einem Happening ein Akt des Widerstandes, der den Steuerzahler etwa 50 Millionen Euro gekostet hat.

Charlotte Roche jedenfalls hat ihren Spass gehabt. Sie freut sich schon auf 2011. “Ich werde mich nächstes Jahr an die Gleise ketten.”

©: Weltwoche 46/10

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