Wolfgang Röhl / 27.11.2013 / 11:51 / 2 / Seite ausdrucken

Schöner schleichwerben. Tipps für „focus online“

Warum hat man oft den Eindruck, dass es sich beim online-Personal des „Focus“ um Texteschrubber handelt, die nach einem Volontariat nicht mal von der „taz“ übernommen würden? Ist es die komplette Ahnungslosigkeit, mit der sie ihre Stücke über Klimapolitik, Nahostkonflikte, Parteienpoker usw. aus irgendwelchen Agenturabfällen zusammenschustern? Sind es die Schauergeschichten aus der Umkleidekabine oder unappetitliche bayerische Sexskandälchen, mit denen sie ihre Leser zumüllen? Nichtigkeiten aus der Unterhaltungsbranche, die nerven („Wilke Möhring schummelte bei Nackt-Szene“)? Fällt schwer, das zu entscheiden. Sogar bei der Schleichwerbung, eigentlich ein Kernkompetenzbereich des online-Journalismus, stellen sich focus.de-Macher dusseliger an als die Konkurrenz.

Unter dem Titel „Die Wahrheit über Winterreifen“ brachte focus online unlängst ein Video, das einen PR-Workshop des Reifenherstellers Goodyear Dunlop als Infoveranstaltung verkauft. Es enthält die bekannten Botschaften, mit welchen die Gummidealer potentielle Kunden überziehen, sobald es kälter wird. Also, ganz früh Winterreifen aufziehen (dann rubbeln sie umso schneller ab). Billige Winterreifen taugen nix (kauft nur unsere sauteuren Schlappen). Die gesetzlich vorgeschriebene Profiltiefe von 1,6 mm langt nicht, 4 mm ist die Untergrenze (am besten, ihr schmeißt die Reifen nach 3000 Kilometern weg, sicher ist sicher). Der Werbequark wird von einem als Motorjournalist kostümierten Presenter so reifendick aufgeschmiert, dass selbst ein Mikrosmat den Braten riecht. Das Video zeigt in 4:35 Minuten mehr Banner von Goodyear Dunlop als man sonst im ganzen Jahr gewahr wird.

Es geht hier selbstredend nicht darum, ob und wie sehr ein solcher, mit keinem Wort als Werbung gekennzeichneter, Beitrag womöglich gegen irgendeinen Pressekodex verstößt. Diese Diskussion wäre albern. Fast jede „Tatort“-Folge betreibt ja Schleichwerbung für bestimmte Autos, welche den TV-Produzenten blitzblank und gratis frei Dreh aus Ingolstadt oder Untertürkheim zugeführt werden. Tendenzmagazine wie „Monitor“ oder „Panorama“ featuren unermüdlich ihre Buddys aus linken und grünen Parteien, Gewerkschaften, Sozialindustrien. Und eine lupenreine EEG-Lobbyistin wie Claudia Kemfert darf in Talkshows der Staatssender oder in Magazinen wie dem „Cicero“ ungegrillt so tun, als sei sie eine „unabhängige Energieexpertin“.

Es schleichwirbt seit Jahrzehnten durch alle Kanäle, sämtliche Seiten. Haben Sie mal ein „Journal Energie“ oder etwas Ähnliches in einem Magazin, einer Wochenschrift oder einer Tageszeitung durchgeblättert? Das voll war mit den Anzeigen von Elektrogeräteherstellern, die Ihnen Zeugs verkaufen möchten, welches angeblich Energie spart und somit „die Umwelt schützt“? Wo auf Fotos spektakuläre Windparks daddeln, Solarpanels funkeln, darunter beknackte Sprüche über „Verantwortung“, „Nachhaltigkeit“ und „künftige Generationen“? Das Ganze kommt wie folgt zustande: Die Anzeigenabteilungen der Blätter treten an die Hersteller von brandneuem Elektroschrott und an die um ein politkorrektes Image bemühten Energiekonzerne wie E.ON, RWE u.a. heran. Offerieren denen ein perfektes, von grünen Jungs und Deerns gestaltetes redaktionelles Umfeld für ihre Inserate. Der Deal funktioniert prächtig.

Dagegen mutet der kleine Versuch von focus online, seine Leser in puncto Winterreifen für doof zu verkaufen, rührend dilettantisch an. Vor dem Kauf teurer Winterreifen dürften sich die meisten mit einschlägigen Tests der „Stiftung Warentest“ oder des ADAC versorgen. Und in denen, Überraschung, kommen Produkte aus dem Hause Goodyear Dunlop oft nicht so gut weg.

Konstruktive Kritik: Wäre es nicht an der Zeit, dass die gesamtideelle Schleichwerberszene – Hersteller und werbefinanzierte Medien gleichermaßen – sich an einen Tisch setzt? Wie schleichwerben wir besser, nämlich subtiler? Wäre weniger nicht manchmal mehr? Müssten in den Interviews nicht hochkarätige, scheinbar unabhängige Testimonials zu Wort kommen? (Der von einer holländischen Firma produzierte Werbefilm auf focus online enthält dazu einen leider nur halbherzigen Ansatz, indem er eine Professorin vom Institut für Konsum- und Verhaltensforschung an der Uni Saarland zeigt, die ein bisschen über das deutsche Winterreifenbrauchtum plaudert.)

Vor allem ganz wichtig: die Klimakeule schwingen! Jedes Produkt, auch Winterreifen, lässt sich besser beschleichwerben, wenn man ihm CO2-Reduzierungen andichtet. Kann doch nicht so schwer sein, irgendein notleidendes Institut zu finden, dass dafür den entsprechenden Persilschein ausstellt. Das Ergebnis könnte unter der Headline laufen „Die Welt auf Winterreifen retten“.

Erst dann, lieber focus online, wird die Sache rund wie ein Goodyear Dunlop-Winterpneu. Und dann klappt’s auch mit den Inseraten.
http://www.focus.de/auto/videos/irrtuemer-auf-raedern-die-wahrheit-ueber-winterreifen_vid_42340.html

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Thilo Schneider / 27.11.2013

Ehm… Während ich diesen Artikel lesen, habe ich links ein Werbebanner von einer Firma “Tirendo” (woher kommen die? Pakistan?), die interessanter Weise Sommerreifen feilbietet… Nanu? Ironie? Zufall? Oder stichwortgenerierte Werbung?

Michael May / 27.11.2013

Diese und ähnliche FO-Berichte haben dazu geführt, daß ich mein FOCUS-Print-Abo gekündigt habe.

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Wolfgang Röhl / 30.05.2021 / 06:10 / 63

Death Wish. Wie die Industrie ihre Totengräber nährt

Ideologen möchten die Wirtschaft kaputtschreiben. Die soll sich zwecks Planetenrettung wenden, bis der Konkursverwalter klingelt. Who’s to blame? Die Kapitalisten selber haben ihre Feinde in…/ mehr

Wolfgang Röhl / 14.09.2018 / 06:29 / 60

Spiel mir das Lied vom Kolonialismus

Mein Wissen um die Geheimnisse eines WC-Spülkastens verdanke ich dem Kolonialismus. Das geschah so: Schon in jungen Jahren suchte ich gern exotische Orte auf. Am…/ mehr

Wolfgang Röhl / 29.06.2018 / 07:50 / 14

Merkel macht den Löw. Oder umgekehrt

Man muss bei Politik & Fußball nicht zwangsläufig Parallelen entdecken wollen. Aber dies war doch jedem klar: Wenn ein Trainer vollkommen versagt wie „Jogi“, muss…/ mehr

Wolfgang Röhl / 21.05.2018 / 15:30 / 11

„T-online.de“: Die unterschätzte Meinungsschleuder

Unsere große, bunte Medienvielfaltspalette hat einen neuen Klecks erhalten! Gut, wirklich frisch sieht er bei schärferem Hinschauen nicht aus. Und Klecks ist vielleicht untertrieben – es handelt…/ mehr

Wolfgang Röhl / 08.03.2018 / 06:28 / 25

Warum uns seit 144 Jahren bald das Öl ausgeht

Zu einer gut geölten Schrottpresse gehören die verlässlich wiederkehrenden Warnungen vor dem Weltuntergang. Oder wenigstens solche vom Untergang der Welt, wie wir sie kannten. Im…/ mehr

Wolfgang Röhl / 19.01.2018 / 06:25 / 17

Wie Paypal mich zu einem besseren Menschen machte

Kürzlich hat mich mein aufmerksamer Bezahlkumpel in letzter Minute vor einer Missetat bewahrt. Ich war dabei, ein schlimmes Produkt im Internet zu ordern, als folgende…/ mehr

Wolfgang Röhl / 21.12.2017 / 06:25 / 33

Notleidende Medien, ran an die Staatsknete!

Fernsehschrott verkauft sich mal so, mal so. Warum, wissen seine Produzenten nicht. Kürzlich hat der Mediendienst DWDL sage und schreibe 80 TV-Flops des Jahres 2017…/ mehr

Wolfgang Röhl / 10.11.2017 / 06:22 / 16

Wir Schutzgeld-Zahler: Ein Kassensturz

„Anfangs kam der Polizeichef ein Mal im Monat zu mir“, erzählte unser Wirt, „dann öfter. Er kommt immer mit Gefolge. Zwei, drei Untergebene, seine Frau,…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com