[Vorbemerkung: Ein Nachtrag vom 22.4.2009 ist angehängt.]
Neuerdings frage ich mich häufiger: Schließe ich auf die Vergangenheit auf, oder holt sie mich ein? Kaum hatte ich mal wieder in einem Achse-Beitrag erwähnt, daß ich mich bereits vor Jahrzehnten aus dem deutschen Kultur- und Literaturbetrieb ausklinkte, da schubste mich vorige Woche Achsen-Kollege Richard Wagner mit einer Besprechung von „vier guten Büchern zur Leipziger Messe“ in einen Tannicht der Erinnerungen. (Hm – was hat es wohl derzeit bei mir mit Waldmetaphern auf sich?) Ausgerechnet Wagner, einer der wenigen deutschsprachigen Literaten, die mal den Fuß in mein amerikanisches Domizil gesetzt haben! 1995 veranstaltete meine Frau, damals U.S. Poet Laureate, in Zusammenarbeit mit dem Goetheinstitut in der Kongreßbibliothek eine Lesung mehrerer deutscher Lyriker, darunter Richard Wagner, und zur Entspannung luden wir die Dichtergruppe zu Kaffee und Kuchen bei uns im sanften Frühling Virginias ein.
Als kleines Intermezzo eine Vorwarnung an diejenigen Leser, die wie Leserbriefschreiber Christian W. meckern, daß man bei mir „liest und liest und liest….und denkt, gleich kommt irgendwas wichtiges, etwas, das sich zu lesen lohnt. Aber es kommt nichts.“ Solche Relevanzmichel, denen mehr oder minder flachsiges Geplänkel gegen’s minder oder mehr verbiesterte Naturell geht, klicken am besten gleich weiter zu jenen auf den Nägeln brennenden Tagespassionen, an denen man wenigstens selbstgerecht seinen Zorn wetzen kann. Also, Herr W., da mir Ihre gute Zeit zu schade ist und ich Ihnen bei Ihrem Trachten wider schöngeistige Seichtigkeiten gern therapeutisch unter die Arme greifen möchte, flehe ich Sie von ganzem mitfühlendem Herzen an: Halten Sie auf der Stelle ein mit dem Lesen meines insignifikanten Geschwätzes! Auf jeden Fall lehne ich die Verantwortung dafür ab, sollten Ihnen meine Lappalien weiter auf den Wecker gehen und Sie sich beim Kopfschütteln den Hals verrenken.
Wo ich schonmal dabei bin, meine an guten Tagen dicke und in schlechten Stunden dünne Haut zu Markte zu tragen: Philologen, die meine Sprache verschroben, verschachtelt, halbverständlich oder sonstwie schwer zu genießen finden, empfehle ich entweder geduldiges Ringen mit meinem deutschem Wortschatz bis zum hoffentlichen Aha-Erlebnis, oder einen Besuch im Fitness-Zentrum; das ist allemal besser, als sich von so einem Schreiberling wie mir, der sich nichtmal die Mühe macht, grantig zurückzupoltern, aus der bunten Ferne grün und blau ärgern zu lassen.
So, nach diesen Winken mit Zaunpfählen kann sich hoffentlich ein Tunichtgut wie ich, der gerne mit Anekdoten die Zeit verschludert und sich dabei spielerisch an der Sprache vergreift, unter seinesgleichen wähnen, wo ich abseits von PC-Kommissaren aller Couleur einer meiner literarischen Lieblingsbeschäftigungen frönen darf, der nostalgischen Nabelschau. (Bevor ich’s vergesse: Ein dickes Rundum-Bussi für diejenigen meiner Leserbriefschreiber, die sich an meinen Beiträgen ergötzen. Da Sie sich in letzter Zeit über eine knappe Majorität hinaus zu vermehren scheinen, flehe ich Sie an, nehmen Sie’s mir nicht übel, wenn ich nicht mehr persönlich antworte, sonst wächst mir die Achse über den Kopf. Ich nehme es Ihnen auch nicht übel, wenn Sie sich’s beim Lesen klammheimlich wohl sein lassen.)
Nach diesem Ablenkungsmanöver zurück zum Thema des Tages, zwei vom Kollegen Wagner gelobten Büchern bzw. deren Autoren. Seine erste Empfehlung widmete er Susanne Schädlichs Erinnerungsbuch „Immer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich“. „Erinnerst du dich“, frage ich meine Frau, „an die Schädlichs in Ostberlin, Sommer 1977, das private Treffen von Schriftstellern aus West und Ost in ihrem Wohnzimmer? Weißt du noch, wie die zehn- oder zwölfjährige Tochter des Hauses deine buntgestreiften Fingernägel bewunderte und überhaupt von dir angetan war und dir Löcher über Amerika in den Bauch fragte?“ Rita, damals gerade mal doppelt so alt wie das Kind, entsinnt sich tatsächlich; ob sich das aufgeweckte Mädel, die Tochter von Hans Joachim Schädlich, auch heute noch an die seinerzeit vierundzwanzigjährige Afroamerikanerin erinnert, die da schüchtern zwischen den namhaften Kolleginnen und Kollegen ihres Vaters saß? Rita hatte zwei, drei Monate zuvor ihren Master of Fine Arts in Creative Writing an der University of Iowa gemacht und war, bis auf ein paar Gedichte in Zeitschriften und Anthologien, literarisch ein noch unbeschriebenes Blatt, das ich aus Amerika mit nach Berlin gebracht hatte. Eigentlich hatte sie mit mir in meine schöne geräumige Wohnung am Savignyplatz in Charlottenburg ziehen wollen, dritter Stock im Haus Nr. 5, über dem Cour Carree, mit Blick von der Küche auf die „Dicke Wirtin“ und vom Balkon meines Arbeitszimmers auf den „Zwiebelfisch“. Das Haus gehörte Charlotte Schmalhausen, der Schwägerin von George Grosz; hier, bei den Schwiegereltern, hatte Grosz vor dem New Yorker Exil geheiratet und im vierten Stock gelebt, hier stürzte er 1957, kurz nach seiner Rückkehr aus Amerika, besoffen die steile Treppe hinter der Eingangstür hinunter und erstickte am eigenen Erbrochenen. Rita und ich waren im Sommer 1977, nach meinem Jahr in Iowa und Texas, drauf und dran, gemeinsam in diesem Haus zu leben, dieser hellen Wohnung, die ich während meiner Abwesenheit zuerst an den Regisseur Peter Lilienthal und dann an mehrere Gastschauspieler der Freien Volksbühne vermietet hatte—da erhielt ich anläßlich meines Besuchs bei Max von der Grün während der letzten Tage seiner Schriftstellerresidenz am Oberlin College in Ohio überraschend das Angebot einer Gastprofessur. Und so kam es, daß Rita und ich nur ein paar Sommerwochen in Berlin verbrachten und die nächsten zwei Jahre ironischerweise am O-Berlin College; die Wohnung vermietete ich derweil wieder, u. a. während der Dreharbeiten für „Die Blechtrommel“ an die Familie Bennent; Sohn David stellte den Oskar Matzerath dar. (Ach, diese Schnitzeljagd der Erinnerung, die gerade in meinem Kopf stattfindet: Um sie nicht noch weiter zu verwirren, erzähle ich hier am besten keine Geschichten über Angela Winkler, eine alte Freundin aus Castrop-Rauxeler Tagen, die Oskars Mama spielte. Oder wie ich Günter Grass, lange bevor er sich als SS-Pimpf outete, beim Suppekochen in seiner Friedenauer Wohnung zuschaute. Verzeihen Sie mir, geneigte Leser, und auch Sie, ungeneigte Leser, die trotz Frühwarnung weitergelesen haben, die Namensflut; dies sind nun mal keine Zitate aus einem Schlüsselroman, sondern wahre Szenen aus meinem Bio-Pic.)
Während ich mir den Kopf zerbreche, wer sich vielleicht noch im Sommer 1977 bei den Schädlichs drängelte, sagt Rita, sie erinnere sich hauptsächlich an jenen Tag, weil uns auf dem Weg vom Bahnhof Friedrichstraße zu den Schädlichs – sind wir da zu Fuß gelaufen? mit der Straßenbahn gefahren? wie weit war es eigentlich? – ein paar Berliner Gören in die Quere kamen und, geschult in der antiimperialistischen Solidarität ihrer Staatspartei und propagandistischer Tautologie, um uns herumtanzend mit Fingern zeigten: „Guck mal, ‘ne schwarze Negerin!“
Aber wie kam es überhaupt dazu, wer hatte uns zu Schädlichs eingeladen? Klaus Schlesinger vielleicht, oder Uli Plenzdorf, oder war’s Dick Zipser, mein Kollege am Oberlin College, der an einem Wälzer über DDR-Literatur schuftete? Wer hatte uns zugetuschelt vom halbheimlichen Treffen der Schreiber aus Ost und West? Waren wir einfach mir nichts dir nichts hinspaziert und hineingeschneit, um zu lauschen, wie man sich stundenlang neue Arbeiten aus der schöngeistigen Heimwerkstatt vorlas? Wer saß da eigentlich alles im Schädlichschen Wohnzimmer? „Günter Grass“, sagt Rita, „und Sarah Kirsch, glaube ich. War Nicolas Born nicht auch dabei? Günter Kunert vielleicht?“ Keine Ahnung – die Gesichter und Namen verschallten und verrauchten in der Ferne, im Abstand der Jahre; das kommt davon, wenn man nicht regelmäßig Tagebuch führt. Und einen Fotoapparat schleppte ich in jener Zeit selten mit, hätte ihn wohl kaum benutzt in so einer Situation, in der man einander mit verstohlenen Blicken auf Verdachtsmomente als Zuträger der Stasi oder des Bundesverfassungsschutzes, der CIA oder des Mossad abklopfte. (Immerhin war ich zu der Zeit bereits von einer Westautorin im Kollegenkreis lauthals, und bloß ein Viertel zum Spaß, als CIA-IM bezichtigt worden.)
Jetzt höre ich im Geiste, wie mich Freya Klier ermahnt, endlich von der Birthler-Behörde meine Stasiakten anzufordern, denn es besteht ja wohl kaum ein Zweifel, daß bei Schädlichs ein Inoffizieller Mitarbeiter des MfS dabeihockte und pedantisch Buch führte. Ob Susanne Schädlich Genaueres weiß? Vielleicht wär’s ‘ne gute Idee, mir das Buch zu bestellen, „Immer wieder Dezember“? Auch wenn an jenem Tag nicht Dezember war, sondern der Sommer sogar dem Trabbi-verrußten Ostberlin ein stumpfes Grienen abgewann.
Daß ich dem MfS seit meiner periphären Rolle bei der geschickt eingefädelten Ostflucht von Jutta, der Tochter Karl-Eduard von Schnitzlers aus erster Ehe, ihres Sohnes und ihres ungarischen Ehemannes Zoltan Paulinyi ein Dorn im Auge war, hatte man mir mit eskalierenden Schikanen bei Grenzübertritten deutlich gemacht – als mir aus heiterem Himmel Stefan Hermlins Lieblingspfeife und sein Tabaksbeutel zuhilfe kamen. Ich hatte Hermlin bei einer Tagung des slowenischen PEN-Clubs im adriatischen Seebad Portoroz getroffen – einer Konferenz, die mir vor allem deshalb peinlich in Erinnerung ist, weil ich beim Eröffnungsempfang so unglücklich strauchelte, daß sich Hermann Kestens Frau Toni ein Glas Wein übers Kleid ergoß. Glücklicherweise handelte es sich nicht um blutroten Amselfelder aus dem Kosovo, wo die Menschen noch keine Ahnung von zukünftigen serbischen Schlächtereien hatten, sondern um slowenischen Weißwein, und die alte Dame nahm’s mir nicht weiter übel; aber in ein Mauseloch hätte ich mich schon gern verkrochen. Jedenfalls vergaß Hermlin, der vor mir abreiste, Pfeife und Tabak im Hotelzimmer, rief von unterwegs die Veranstalter an, und da ich der einzige noch anwesende ebenfalls in Berlin (wenn auch West) residierende Teilnehmer war, landete das Zeug ausgerechnet bei mir, einem rabiaten Nichtraucher, im Koffer. Und so kam es, daß ich eine kurze Zeitlang wundersamerweise als „persona grata“ in der DDR begrüßt wurde, denn Hermlin, der sich mit gelegentlichem pfeifeschmauchendem Aufmucken gegen seinen totalitären Bürokratenstaat den Anstrich eines Salondissidenten gab, bemühte um seiner Pfeife willen Beziehungen zum alten KPD-Genossen Erich Honecker. (Viele ergraute Kämpfer in der Komintern, die Stalin überlebt hatten, verband anscheinend die einstige Lobhudelei auf den Massenmörder zum Lebensbund.) Umgeben von seinen steilen Bücherwänden und umhüllt von Rauchschwaden lobte Hermlin den revolutionären Geist meines Romans „Das Haus Che“, den er wohl nicht oder unzulänglich gelesen hatte, sonst wäre ihm aufgefallen, daß meine etwas verunglückte Schwarte trotz des Titels keineswegs den real existierenden Sozialismus zelebrierte, im Gegenteil. Meinen höflichen Einwänden gegen gewisse Ostmachenschaften du jour stimmte der geniale Opportunist bedeutungsvoll nickend zu: Ja, der Weg sei steinig, es gäbe halt viele Hindernisse zu überwinden, faselte er, oder so ähnlich. Auf jeden Fall habe er „den Genossen“ eine Standpauke gehalten, daß man progressive Kräfte aus dem Westen wie mich – das bezog sich wohl auf meine jungsozialistische Parteiidentität – aufgeschlossen empfangen und nicht wie Klassenfeinde behandeln solle.
Der freundliche Spuk mich durchwinkender Grenzsoldaten nahm langsam, aber sicher ein Ende, je öfter ich Klaus Schlesinger und Bettina Wegner nach der Geburt ihres Sohnes Jakob mit Pampers versorgte, ein im Osten unerhörter Luxus, gegen dessen Einfuhr es keine Zolldekrete gab, obwohl ein klassenbewußter Dogmatiker leicht mit westlicher Dekadenz hätte argumentieren können. So, an dieser Stelle komme ich endlich auf den Autor eines zweiten Buches zu sprechen, das Richard Wagner den Achse-Lesern anläßlich der Leipziger Buchmesse empfahl: „György Dalos, Der Vorhang geht auf. Das Ende der Diktaturen in Osteuropa.“
Im Sommer 1971 hatte ich mich in Budapest mit dem als Abweichler, Anarchist und/oder Trotzkist unter Hausarrest stehenden Schriftsteller György Dalos getroffen. Ich wollte ihn kennenlernen, nachdem mir irgendwo ein Gedicht von ihm aufgefallen war, in deutscher Übersetzung, das mein von sozialdemokratischem Verstand regiertes anarchistisches Herz berührte:
Die entschlossenen Anhänger der Ordnung,
mehr braucht es nicht,
um die Welt in Trümmer zu stürzen.
Nur einige alte Anarchisten
suchen mit zitternden Köpfen
unter den Ruinen nach ein paar Steinen,
die zueinander passen.
György und seine Frau Rimma wohnten in einer winzigen Wohnung, die durch einen Innenhof und über mehrere Treppen zu erreichen war; der weiter oben erwähnte spätere Ostflüchtling Zoltan Paulinyi, Schwiegersohn vom Schwarzen Kanal-Ede und zu der Zeit Chefredakteur der „Budapester Rundschau“, mit dem ich mich im Frühjahr 1971 auf einer deutsch-ungarischen Kulturtagung in Dortmund gut verstanden hatte, ermöglichte den Kontakt. Györgys tapferer reformkommunistischer Idealismus beeindruckte mich sehr; schnell wurden wir Freunde, wobei die gegenseitigen Sympathien stärker waren als unsere politischen Meinungsverschiedenheiten.
Wir korrespondierten gelegentlich miteinander (bei welchem Geheimdienst liegen davon wohl noch Kopien im Keller?), trafen uns wieder in Budapest während des internationalen Petöfi-Kongresses (bei dem die Paulinyis mich so geschickt in ihren Fluchtplan verwickelten, daß mir erst ein Licht aufging, als Monate später Zoltan zitternd vor meiner Wohnungstür am Savignyplatz stand). 1974 erhielt György die Genehmigung, eine Zeitlang in Ostberlin zu verbringen. Er wollte DDR-Autoren kennenlernen, möglichst richtige Dissidenten, keine Hermlins, und dafür war komischerweise ausgerechnet ich, der Hippieautor aus dem Westen, der beste Kontakt. Wir trafen uns am Bahnhof Friedrichstraße, und ich ging mit György zu Klaus Schlesinger und Bettina Wegner in deren Wohnung am Prenzlauer Berg. War das der Tag, an dem wir drei – György, Klaus und ich – rasch den Wänden, die womöglich Ohren hatten, mit einem Pilgerspaziergang zum Grab Bertolt Brechts auf dem Hugenottenfriedhof entkamen? Woran lag es, daß ein nonkonformer ungarischer Linksaußen, ein nonkonformer DDR-Kommunist und ein nonkonformer linksbürgerlicher westdeutscher Sozialdemokrat einander offene Worte anvertrauten, ohne Angst davor zu haben, einer von uns könnte ein Spitzel sein, ein Verräter? Ich glaube, neben ein bißchen fast instinktiver Menschenkenntnis und überdurchschnittlicher Risikobereitschaft lag die Antwort in dem, was wir schrieben, und wie wir es schrieben, und daß wir uns gegenseitig lasen und für echt befanden.
Das ist inzwischen fünfunddreißig Jahre her. Nachdem ich in die USA gezogen war, lief mir György noch einmal ganz zufällig über den Weg, bei der Frankfurter Buchmesse 1987. Dreizehn Jahre später schickte mir jemand die Laudatio, die er auf Klaus Schlesinger bei der Verleihung des Erich Fried-Preises gehalten hatte; na klar erfüllte es mich mit einer gewissen Genugtuung, daß er nicht zu erwähnen vergaß, wie er Klaus damals kennenlernte. Ach, dachte ich, wär schön, die beiden mal wiederzusehen, jetzt, wo die Mauer schon so lange weg und kaum noch vorstellbar ist. Doch als ich das nächstemal nach Berlin kam, war Klaus tot, verstorben an Leukämie. (Wer nie etwas von ihm gelesen hat, dem empfehle ich zum Einstieg seinen Geschichtenband „Alte Filme“.)
Aber György Dalos gibt’s noch, wie ich aus Richard Wagners Empfehlung von „Der Vorhang geht auf“ ersehe, und so googele ich ihn. Da steht: „Er lebt inzwischen als freier Autor in Berlin und ist Mitherausgeber der deutschen Wochenzeitung ‘Freitag’“. Womit ich zu einem offenen Ende dieses Beitrags komme, wie ich es mir in meinen Berliner Jahren weder bei Brecht auf dem Hugenottenfriedhof noch bei Schädlichs im Wohnzimmer hätte vorstellen können.
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Nachtrag am 22. April 2009:
Aufgrund dieses Artikels setzten sich sowohl György Dalos als auch Susanne Schädlich mit mir in Verbindung. Frau Schädlich schreibt, daß vier solcher Treffen von Ost- und Westautoren bei ihren Eltern in Köpenick stattfanden, bevor der Familie des bei den “Realsozialisten” der DDR verhaßten Regimekritikers Hans Joachim Schädlich Ende 1977 die Ausreise in den Westen gestattet wurde, darunter das oben erwähnte, an dem meine Frau und ich teilnahmen, am 5. August 1977. Laut Stasi-Akten waren außer uns und ihren Eltern dabei: aus dem Osten Günter Kunert, Adolf Endler, Elke Erb, Dieter Schubert, Bettina Wegner, Klaus Schlesinger, Klaus Poche, Brigitte Struzyk, Rainer Kirsch und Erich Arendt; aus dem Westen Günter Grass, Christoph Meckel, Hans Christoph Buch, Rolf Haufs, Nicolas Born and Wolfgang Werth. Ja, und dann noch jemand, in dem niemand den Stasi-IM vermutete—Karlheinz Schädlich, Hans Joachims Bruder und Susannes Onkel, der in ihrem Buch “Immer wieder Dezember” eine zentrale Rolle einnimmt. Ironischerweise beschattete Karlheinz Schädlich, ein äußerst aktiver Informant, auch György Dalos und trieb nicht nur in der DDR, sondern auch in Ungarn, Polen und der Bundesrepublik unerkannt sein Unwesen; erst Mitte der 90er wurde er durch die Stasi-Akten entlarvt.