Im September hatte Jan Böhmermann eine Satire-Sendung zum Thema „Rituelle Gewalt“ veröffentlicht, mit der er heftige Kritik erntete. Achgut.com berichtete. Nach mehreren Beschwerden hat der ZDF-Fernsehrat dafür gestimmt, die Folge zu löschen.
Im September hatte Jan Böhmermann eine Sendung zum Thema „Rituelle Gewalt“ veröffentlicht, mit der er heftige Kritik erntete. Diese Folge wurde aufgrund von Programmbeschwerden gerade vom ZDF-Fernsehrat aus der Mediathek entfernt (bei YouTube ist sie noch auffindbar). Böhmermann behauptete in der Sendung einerseits, dass es „rituelle Gewalt“ – also beispielsweise sexuellen Missbrauch im Rahmen okkulter Sekten – gar nicht gäbe. Andererseits verunglimpfte er in seiner Sendung die renommierte Traumatherapeutin Michaela Huber, die unter anderem Opfer ritueller Gewalt behandelt (ich berichtete in diesem Beitrag für Achgut und interviewte Michaela Huber für meinen YouTube-Kanal).
Im Gespräch mit mir sowie in zuvor geführten Interviews stellte Michaela Huber rituelle Gewalt als komplexes Themenfeld dar: destruktive Kulte – wie etwa satanistische oder germano-faschistoide Sekten – würden teils seit Generationen systematisch (eigene) Kinder für den sexuellen Missbrauch innerhalb ihrer brutalen Rituale abrichten. Als Folge dieses Traumas entwickelten die Opfer oft die sogenannte „Dissoziative Identitätsstörung“, früher bekannt unter dem Namen „Multiple Persönlichkeitsstörung“. Die WHO schreibt zur Diagnose DIS unter anderem:
„Die dissoziative Identitätsstörung ist durch eine Identitätsstörung gekennzeichnet, bei der zwei oder mehr verschiedene Persönlichkeitszustände (dissoziative Identitäten) vorliegen, die mit deutlichen Unterbrechungen des Selbst- und Handlungsgefühls einhergehen. Jeder Persönlichkeitszustand beinhaltet ein eigenes Muster des Erlebens, der Wahrnehmung, der Vorstellung und der Beziehung zu sich selbst, dem Körper und der Umwelt (…) Typischerweise kommt es zu Episoden von Amnesie, die schwerwiegend sein können.“
„Satanistische Weltverschwörung“
Eine „Dissoziative Identitätsstörung“ tritt laut MSD Manual „normalerweise bei Personen auf, die in der Kindheit überwältigender Belastung oder einem überwältigenden Trauma ausgesetzt waren“. Michaela Huber schildert zudem, dass Täter im Rahmen ritueller Gewalt auch gezielt die Persönlichkeits-Aufspaltung ihrer Opfer herbeiführen würden – nicht zuletzt weil im Rahmen derartiger okkulter Kreise mitunter Kinderpornografie produziert würde und Verbindungen zur organisierten Kriminalität existierten. Durch die gezielte Spaltung wird Gedächtnisverlust und Abrichtung der Opfer erreicht. Im Zusammenhang der bewusst herbeigeführten Dissoziativen Identitätsstörung sprach Michaela Huber von „Mind Control“, also „Gehirnwäsche“. Zudem würden Betroffene immer wieder berichten, dass Täter mitunter angesehene Positionen bei der Polizei, in der Justiz oder innerhalb der Politik bekleideten.
Dieses komplexe und durchaus Fragen aufwerfende Themenfeld verwurstete Böhmermann nun zu geschmacklosem Klamauk. Er konzentrierte sich auf Angriffe gegen die Person Michaela Hubers und warf ihr vor, an eine „satanistische Weltverschwörung“ zu glauben. Er suggerierte, sie und andere Therapeuten wollten sich persönlich bereichern und den Opfern ihren rituellen Missbrauch einreden, für den es keine Beweise gäbe.
Außerdem machte er sich über Hubers Gebrauch des Wortes „Mind Control“ lustig, das ebenfalls in einem Aufklärungsvideo der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren e.V. mit dem Ecpat Deutschland e.V. verwendet worden war. Diese Produktion war 2019 vom Bundesfamilienministerium finanziert worden. Böhmermann brüstete sich damit, dass ein Schreiben seiner Redaktion ans Familienministerium die Entfernung des Clips verursacht hatte. In seiner Sendung zeigte er Ausschnitte des nunmehr gelöschten Videos, die die gezielte Persönlichkeits-Aufspaltung von Kindern durch Gewalt beschrieb. Böhmermann zog auch dieses ins Lächerliche.
Durch seinen respektlosen Umgang mit dem ernsten Thema entstand bei einigen der Eindruck, er wolle Opfer sexueller Gewalt verhöhnen. Davon zeugten zumindest zahlreiche kritische, mitunter entrüstete Kommentare unter dem Böhmermann-Video auf YouTube (das mittlerweile vom offiziellen Kanal gelöscht wurde) oder unter der Video-Ankündigung auf Twitter.
Keine Beweise
Im Vorfeld der Sendung hatte zudem ein Mitarbeiter Böhmermanns an einem Online-Fortgeschrittenen-Seminar Michaela Hubers zum Thema „Diagnostik und Behandlung schwerer Traumafolgestörungen“ für Fachleute teilgenommen. Wie Huber mir im Interview beschrieb, hatte sich der Böhmermann-Mitarbeiter Niklas Tröschel fälschlicherweise als Psychologe ausgegeben und im Seminar keine Skrupel gehabt, an einer Gruppenübung teilzunehmen, bei der wechselseitig an einem „Kollegen“ therapeutisch gearbeitet werden sollte. Als eine Teilnehmerin Tröschel erkannte, flog sein Schwindel auf und er wurde ausgeschlossen. Zunächst behauptete er, er habe das Seminar aus persönlichen Gründen besucht und werde es niemals beruflich verwenden.
Natürlich landete alles brühwarm bei Böhmermann, einschließlich eines illegal mitgeschnittenen Patientenvideos, das ursprünglich im Rahmen der Sendung verwendet werden sollte. Obwohl Tröschel bei der Anmeldung einer Schweigepflicht zugestimmt hatte. Wenige Tage vor Ausstrahlung der Sendung war Michaela Huber vonseiten der Böhmermann-Redaktion über die geplante Ausgabe informiert worden. Umgehend stellte sie einen Strafantrag. Damit konnte sie immerhin verhindern, dass das Patientenvideo sowie andere direkte Inhalte aus dem Seminar in der Sendung zitiert werden durften. Gegen Böhmermann ermittelte der Staatsschutz. Michaela Huber betonte, wie furchtbar es sei, wenn in einem derart sensiblen Bereich ein Vertrauensbruch geschieht – vor allem für die Patienten.
Beweise für Michaela Hubers angebliche Unseriosität führte die Sendung nicht an. Im Interview sagte sie mir: „Wenn wir das durchgehen lassen würden (...), dann kann jeder Mensch jederzeit mit einer Montag aus irgendetwas (...) von öffentlich-rechtlichen Sendern persönlich diffamiert und angegriffen werden. Können jederzeit Patientengruppen diffamiert, verhöhnt und angegriffen werden. Das können wir doch nicht zulassen!“
Wie bereits angesprochen, gab es etliche Negativ-Reaktionen auf die Folge, und mehrere Beschwerden erreichten den ZDF-Fernsehrat, unter anderem von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (UKASK), „die organisatorisch angesiedelt ist bei der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, diese wiederum beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“.
„Ordentlich recherchiert, die Belege schlüssig“
Der Fernsehrat hat sich nun am 8. Dezember mit dieser und einer weiteren Beschwerde auseinandergesetzt und für die Löschung der Böhmermann-Sendung gestimmt, wenn auch nur knapp, wie der Spiegel berichtet. Auf ihrer Homepage schreibt die UKASK zum Sachverhalt:
„Die Kommission hatte den Machern des ZDF Magazin Royale vorgeworfen, dass die Darstellungen in der Sendung die Menschenwürde der Betroffenen sexualisierter Gewalt auf indirekte, vermeintlich satirische Weise verletzt.
In der Sitzung hatten viele Diskussionsbeiträge von Mitgliedern des ZDF-Fernsehrates die Situation der Betroffenen im Blick. Unter anderem wurde angemerkt, dass es Themen gäbe, die sich für Satire nicht eignen. Dazu gehöre auch sexuelle Gewalt.
Die Kommission wertet die Entscheidung des Fernsehrates als eine wichtige Unterstützung und gesellschaftliche Anerkennung aller Betroffener sexualisierter Gewalt.“
Wie der Tagesspiegel berichtete, hat das ZDF die Sendung noch am vergangenen Freitag aus der Mediathek entfernt. Im Artikel heißt es außerdem, dass Familienministerin Lisa Paus, die für den Bund im Fernsehrat sitzt, geäußert habe, dass die Darstellung in der Sendung insgesamt nicht ausgewogen gewesen und die Betroffenenperspektive nicht ausreichend berücksichtigt worden sei. Jesuitenpater Hans Langendörfer habe als Vertreter der katholischen Kirche gesagt, es gebe Themen, die für Satire nicht geeignet seien, und dazu gehöre sexualisierte Gewalt.
ZDF-Intendant Norbert Himmler habe entgegnet, das ZDF und auch Jan Böhmermann würden ihre Verantwortung wahrnehmen und Themen sehr sensibel auswählen und damit umgehen. Man wäge ab, welche möglichen Folgen die Darstellung einer Recherche haben könne, sei aber auch dazu verpflichtet, Missstände aufzudecken. Auch der Programmausschuss Programmdirektion des Fernsehrats habe eine Zurückweisung der Beschwerden empfohlen. Laut Spiegel habe auch eine Vertreterin des Deutschen Journalistenverbands (DJV) gegen die Beschwerde gestimmt.
Für den Spiegel ist das ganze der „Tiefpunkt einer Diskussion, in der das Leid von Opfern gegeneinander ausgespielt wird“. Gemeint sind wohl Opfer von sexuellem Missbrauch einerseits sowie „Opfer der seltsamen Therapiemethoden“ andererseits. Der Artikel nennt die Böhmermann-Sendung „ordentlich recherchiert, die Belege schlüssig“. Gott sei Dank sehen das nicht alle so.
Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag wurde am Abend des Erscheinungstages aktualisiert.
Ulrike Stockmann, geb. 1991, ist Redakteurin der Achse des Guten. Mehr von ihr finden Sie auf ihrem YouTube-Kanal.
Beitragsbild: Michael Schilling CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Habe die Sendung von Böhmermann nicht gesehen, aber ausnahmsweise hat er mal den Finger in die richtige Wunde gelegt. Der Machtmissbrauch durch Psychotherapeuten wird weit unterschätzt. Die Theorie von den Ritualmorden ist genauso seriös wie die Theorie von den Entführungen durch Außerirdische, die an Menschen medizinische Experimente durchführen. Beide Erinnerungen werden den Patienten erst in der Therapie eingeredet. Oder sie erfahren davon in der Presse und reden es sich dann selbst ein. Es ist sehr bedauerlich, dass Frau Stockmann auf den Charme einer Blenderin hereinfällt.
Ist das Kunst oder kann das weg? Es kann weg. Und hoffentlich bald! Für immer!
Liebe Frau Stockmann, sich mit so einem „Etwas“, besser wäre „NICHTSWAS “, auseinanderzusetzen ist Perlen vor die Säue werfen. Und IHR liebe Mitforisten, mäßigt euch!!! Schließlich ist er nur ein satanischer, oder heißt es satirischer, Comedian. In einer offenen , zutiefst demokratischen Gesellschaft im besten Deutschland das wir je hatten ist Satire unerlässlich, ja geradezu unverzichtbar. Sie darf bekanntlich alles, nur nicht von RÄCHTS kommen , und das ist auch gut so. Begriffe wie turd oder Ratten bzw. Ziegen……,mein Gott, ist doch nur etwas überspitzt. Ich selbst neige nicht zu Überspitzungen, würde beispielsweise niemals sagen dass dieses Wesen eine menschliche Kloake ist. Was ich mir traue ist ein kleines Gedicht vorzutragen, schließlich wurde die Poesie mit der Ziege auch im „Hohen Hause“ uraufgeführt. Also denn:
Der Böhmer ist ein armer Mann, an seinem ….. sind Würmer dran. Frauen/Männer? sind nicht zu beneiden, können sie doch Wurm von Würmchen nicht unterscheiden. Na , hoffentlich geht das durch die Netiquette. Obwohl, es ist durchaus Böhmermann Niveau , wenn auch nicht im ZDF vor Millionen vorgetragen. Also verehrter Moderator, haben Sie ein Herz. Und Geld will ich dafür auch nicht.
Herr Kammel, Thema verfehlt. Es gab sicher Falschanschuldigungen gestörter Feministinnen. Aber Böhmermanns Schweinerei zu relativieren, weil es ja sein könnte, dass eine anerkannte Fachkraft so dumm sein könnte, wie diese Frauenrechtlerinnen vor ein paar Jahrzehnten. Das ist nicht ok.
Heisst es nicht in alter psychotherapeutischerTradition, daß der Mist den man auf andere schiebt eigenen Phantasien und auch Taten! oder erfahrene entspringt, um sich selbst zu „reparieren“? Bei manchen Richtern würde ich gern mal den „Keller“ aufräumen. – Wenn im Staatsfunk nur knapp das Abstellen des Bömermanndrecks beschlossen wurde, kann ich mir, bei knapp, die Leiter vorstellen, die in die Tiefe führt. – @Andrea Nöth: guten Abend, super Beitrag!
Das Thema der Psychotherapie, speziell der Mißbrauchten ist eine extreme Grauzone. Ich erinnere an die „Wormser Prozesse“, über Jahre geführt, Angeklagte haben Suizid begangen, dutzende Familien wurden zerstört, bis die Tatvorwürfe entkräftet wurden. Zum Schluß hat sich herausgestellt, daß eine Grupppe radikalfeministischer, man sollte besser sagen, radikalfaschistischer Gruppen (lila Latzhosen) ihre persönlichen Haßvorstellungen erst auf Kinder übertragen und dann in die Gesellschaft getragen haben. Es ist mir übrigens nicht bekannt, daß die Verantwortlichen jemals zur Verantwortung gezogen wurden. Macht nichts, das verjährt nicht, „Stillstand der Rechtspflege“ So sehr ich sexuellen Mißbrauch generell, aber speziell von Kindern verabscheue, man sollte hier vorsichtig sein. Genau wegen der emotionalen Parteinahme ist hier der Falschvorwurf vorprogrammiert. Ich kenne die Frau Huber nicht und auch nicht ihre Patienten, aber ich bin skeptisch. Psychisch schwachen Persönlichkeiten kann man auch alles mögliche suggerieren. Hat es jemals staatsanwaltliche Ermittlungen nach all diesen Vorwürfen gegeben? Es gab den Fall Dutroix in Belgien, es soll in Frankreich derartige Ringe gegeben haben, aber alles liegt in einer, wie schon angesprochen, extremen Grauzone. Über Böhmermann und Co. muß man eigentlich kein Wort verlieren. „Satire darf alles“ hat Streicher nicht geholfen. Noch was, Herr Johannes Schuster, Ihr Beitrag wirkt zwar ziemlich alttestamentarisch esoterisch, ist aber in vielen Punkten sehr wahr. Kann ich als ehemals körperlich arbeitender Mensch bestätigen.
Es ist erschütternd. Die schlimmsten Verbrechen, die Menschen begehen können, führen zu sofortiger aktiver Verdrängung. „Kann nicht sein“. Man mags nicht hören. Dann werden natürlich Dinge geglaubt, wie der Blödsinn, dass die Traumen den Leuten nur eingeredet werden usw., dann wird am Renommee einer anerkannten und geschätzten Traumatherapeutin gerüttelt. Bitte bedenken: „ dass Täter mitunter angesehene Positionen bei der Polizei, in der Justiz oder innerhalb der Politik bekleideten.“ Können auch anderswo wichtige Positionen sein. Man sollte weder Narr noch Helfershelfer sein.