Ulrike Stockmann / 14.12.2023 / 10:00 / Foto: Michael Schilling / 79 / Seite ausdrucken

Schlappe für Böhmermann

Im September hatte Jan Böhmermann eine Satire-Sendung zum Thema „Rituelle Gewalt“ veröffentlicht, mit der er heftige Kritik erntete. Achgut.com berichtete. Nach mehreren Beschwerden hat der ZDF-Fernsehrat dafür gestimmt, die Folge zu löschen.

Im September hatte Jan Böhmermann eine Sendung zum Thema „Rituelle Gewalt“ veröffentlicht, mit der er heftige Kritik erntete. Diese Folge wurde aufgrund von Programmbeschwerden gerade vom ZDF-Fernsehrat aus der Mediathek entfernt (bei YouTube ist sie noch auffindbar). Böhmermann behauptete in der Sendung einerseits, dass es „rituelle Gewalt“ – also beispielsweise sexuellen Missbrauch im Rahmen okkulter Sekten – gar nicht gäbe. Andererseits verunglimpfte er in seiner Sendung die renommierte Traumatherapeutin Michaela Huber, die unter anderem Opfer ritueller Gewalt behandelt (ich berichtete in diesem Beitrag für Achgut und interviewte Michaela Huber für meinen YouTube-Kanal).

Im Gespräch mit mir sowie in zuvor geführten Interviews stellte Michaela Huber rituelle Gewalt als komplexes Themenfeld dar: destruktive Kulte – wie etwa satanistische oder germano-faschistoide Sekten – würden teils seit Generationen systematisch (eigene) Kinder für den sexuellen Missbrauch innerhalb ihrer brutalen Rituale abrichten. Als Folge dieses Traumas entwickelten die Opfer oft die sogenannte „Dissoziative Identitätsstörung“, früher bekannt unter dem Namen „Multiple Persönlichkeitsstörung“. Die WHO schreibt zur Diagnose DIS unter anderem:

„Die dissoziative Identitätsstörung ist durch eine Identitätsstörung gekennzeichnet, bei der zwei oder mehr verschiedene Persönlichkeitszustände (dissoziative Identitäten) vorliegen, die mit deutlichen Unterbrechungen des Selbst- und Handlungsgefühls einhergehen. Jeder Persönlichkeitszustand beinhaltet ein eigenes Muster des Erlebens, der Wahrnehmung, der Vorstellung und der Beziehung zu sich selbst, dem Körper und der Umwelt (…) Typischerweise kommt es zu Episoden von Amnesie, die schwerwiegend sein können.“

„Satanistische Weltverschwörung“

Eine „Dissoziative Identitätsstörung“ tritt laut MSD Manual „normalerweise bei Personen auf, die in der Kindheit überwältigender Belastung oder einem überwältigenden Trauma ausgesetzt waren“. Michaela Huber schildert zudem, dass Täter im Rahmen ritueller Gewalt auch gezielt die Persönlichkeits-Aufspaltung ihrer Opfer herbeiführen würden – nicht zuletzt weil im Rahmen derartiger okkulter Kreise mitunter Kinderpornografie produziert würde und Verbindungen zur organisierten Kriminalität existierten. Durch die gezielte Spaltung wird Gedächtnisverlust und Abrichtung der Opfer erreicht. Im Zusammenhang der bewusst herbeigeführten Dissoziativen Identitätsstörung sprach Michaela Huber von „Mind Control“, also „Gehirnwäsche“. Zudem würden Betroffene immer wieder berichten, dass Täter mitunter angesehene Positionen bei der Polizei, in der Justiz oder innerhalb der Politik bekleideten.

Dieses komplexe und durchaus Fragen aufwerfende Themenfeld verwurstete Böhmermann nun zu geschmacklosem Klamauk. Er konzentrierte sich auf Angriffe gegen die Person Michaela Hubers und warf ihr vor, an eine „satanistische Weltverschwörung“ zu glauben. Er suggerierte, sie und andere Therapeuten wollten sich persönlich bereichern und den Opfern ihren rituellen Missbrauch einreden, für den es keine Beweise gäbe.

Außerdem machte er sich über Hubers Gebrauch des Wortes „Mind Control“ lustig, das ebenfalls in einem Aufklärungsvideo der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren e.V. mit dem Ecpat Deutschland e.V. verwendet worden war. Diese Produktion war 2019 vom Bundesfamilienministerium finanziert worden. Böhmermann brüstete sich damit, dass ein Schreiben seiner Redaktion ans Familienministerium die Entfernung des Clips verursacht hatte. In seiner Sendung zeigte er Ausschnitte des nunmehr gelöschten Videos, die die gezielte Persönlichkeits-Aufspaltung von Kindern durch Gewalt beschrieb. Böhmermann zog auch dieses ins Lächerliche.

Durch seinen respektlosen Umgang mit dem ernsten Thema entstand bei einigen der Eindruck, er wolle Opfer sexueller Gewalt verhöhnen. Davon zeugten zumindest zahlreiche kritische, mitunter entrüstete Kommentare unter dem Böhmermann-Video auf YouTube (das mittlerweile vom offiziellen Kanal gelöscht wurde) oder unter der Video-Ankündigung auf Twitter.

Keine Beweise

Im Vorfeld der Sendung hatte zudem ein Mitarbeiter Böhmermanns an einem Online-Fortgeschrittenen-Seminar Michaela Hubers zum Thema „Diagnostik und Behandlung schwerer Traumafolgestörungen“ für Fachleute teilgenommen. Wie Huber mir im Interview beschrieb, hatte sich der Böhmermann-Mitarbeiter Niklas Tröschel fälschlicherweise als Psychologe ausgegeben und im Seminar keine Skrupel gehabt, an einer Gruppenübung teilzunehmen, bei der wechselseitig an einem „Kollegen“ therapeutisch gearbeitet werden sollte. Als eine Teilnehmerin Tröschel erkannte, flog sein Schwindel auf und er wurde ausgeschlossen. Zunächst behauptete er, er habe das Seminar aus persönlichen Gründen besucht und werde es niemals beruflich verwenden.

Natürlich landete alles brühwarm bei Böhmermann, einschließlich eines illegal mitgeschnittenen Patientenvideos, das ursprünglich im Rahmen der Sendung verwendet werden sollte. Obwohl Tröschel bei der Anmeldung einer Schweigepflicht zugestimmt hatte. Wenige Tage vor Ausstrahlung der Sendung war Michaela Huber vonseiten der Böhmermann-Redaktion über die geplante Ausgabe informiert worden. Umgehend stellte sie einen Strafantrag. Damit konnte sie immerhin verhindern, dass das Patientenvideo sowie andere direkte Inhalte aus dem Seminar in der Sendung zitiert werden durften. Gegen Böhmermann ermittelte der Staatsschutz. Michaela Huber betonte, wie furchtbar es sei, wenn in einem derart sensiblen Bereich ein Vertrauensbruch geschieht – vor allem für die Patienten.

Beweise für Michaela Hubers angebliche Unseriosität führte die Sendung nicht an. Im Interview sagte sie mir: „Wenn wir das durchgehen lassen würden (...), dann kann jeder Mensch jederzeit mit einer Montag aus irgendetwas (...) von öffentlich-rechtlichen Sendern persönlich diffamiert und angegriffen werden. Können jederzeit Patientengruppen diffamiert, verhöhnt und angegriffen werden. Das können wir doch nicht zulassen!“

Wie bereits angesprochen, gab es etliche Negativ-Reaktionen auf die Folge, und mehrere Beschwerden erreichten den ZDF-Fernsehrat, unter anderem von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (UKASK), „die organisatorisch angesiedelt ist bei der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, diese wiederum beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“.

„Ordentlich recherchiert, die Belege schlüssig“

Der Fernsehrat hat sich nun am 8. Dezember mit dieser und einer weiteren Beschwerde auseinandergesetzt und für die Löschung der Böhmermann-Sendung gestimmt, wenn auch nur knapp, wie der Spiegel berichtet. Auf ihrer Homepage schreibt die UKASK zum Sachverhalt:

Die Kommission hatte den Machern des ZDF Magazin Royale vorgeworfen, dass die Darstellungen in der Sendung die Menschenwürde der Betroffenen sexualisierter Gewalt auf indirekte, vermeintlich satirische Weise verletzt.

In der Sitzung hatten viele Diskussionsbeiträge von Mitgliedern des ZDF-Fernsehrates die Situation der Betroffenen im Blick. Unter anderem wurde angemerkt, dass es Themen gäbe, die sich für Satire nicht eignen. Dazu gehöre auch sexuelle Gewalt.

Die Kommission wertet die Entscheidung des Fernsehrates als eine wichtige Unterstützung und gesellschaftliche Anerkennung aller Betroffener sexualisierter Gewalt.“

Wie der Tagesspiegel berichtete, hat das ZDF die Sendung noch am vergangenen Freitag aus der Mediathek entfernt. Im Artikel heißt es außerdem, dass Familienministerin Lisa Paus, die für den Bund im Fernsehrat sitzt, geäußert habe, dass die Darstellung in der Sendung insgesamt nicht ausgewogen gewesen und die Betroffenenperspektive nicht ausreichend berücksichtigt worden sei. Jesuitenpater Hans Langendörfer habe als Vertreter der katholischen Kirche gesagt, es gebe Themen, die für Satire nicht geeignet seien, und dazu gehöre sexualisierte Gewalt.

ZDF-Intendant Norbert Himmler habe entgegnet, das ZDF und auch Jan Böhmermann würden ihre Verantwortung wahrnehmen und Themen sehr sensibel auswählen und damit umgehen. Man wäge ab, welche möglichen Folgen die Darstellung einer Recherche haben könne, sei aber auch dazu verpflichtet, Missstände aufzudecken. Auch der Programmausschuss Programmdirektion des Fernsehrats habe eine Zurückweisung der Beschwerden empfohlen. Laut Spiegel habe auch eine Vertreterin des Deutschen Journalistenverbands (DJV) gegen die Beschwerde gestimmt.

Für den Spiegel ist das ganze der „Tiefpunkt einer Diskussion, in der das Leid von Opfern gegeneinander ausgespielt wird“. Gemeint sind wohl Opfer von sexuellem Missbrauch einerseits sowie „Opfer der seltsamen Therapiemethoden“ andererseits. Der Artikel nennt die Böhmermann-Sendung „ordentlich recherchiert, die Belege schlüssig“. Gott sei Dank sehen das nicht alle so.

 

Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag wurde am Abend des Erscheinungstages aktualisiert.

 

Ulrike Stockmann, geb. 1991, ist Redakteurin der Achse des Guten. Mehr von ihr finden Sie auf ihrem YouTube-Kanal.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

R. Krummel / 14.12.2023

“..., das ZDF und auch Jan Böhmermann würden ihre Verantwortung wahrnehmen…”. Bla, bla, bla. Es muß endlich dafür gesorgt werden, daß die Aktuelle Kamera und der Schwarze Kanal AUSSCHLIEßLICH von denn bezahlt werden,  sie haben WOLLEN.

George Samsonis / 14.12.2023

Böhmer…, wer?

Tobias Kramer / 14.12.2023

Statt nur eine Folge zu löschen, sollte man Böhmermann (von der Mattscheibe) löschen. Dieser als Satiriker und Comedian getarnte Linksextremist und Denunziant ist eine absolute Schande für die Fernsehwelt. Aber anscheinend will das ZDF nicht von seiner Aushängefigur lassen.

Thomas Müller / 14.12.2023

Hier die Geschichte hinter der Geschichte (Kurzversion): JB: “Hhm, wie können wir denn heute mal unsere Aufgabe als linke Staatsfunkdiener erfüllen?” Vorschlag aus JBs’  50 Mann-Team: “Rechte Verschwörungserzähler lächerlich machen, Pizzagate, Satanismus und so ...” JB: “Alles klar, dann sucht mal irgendwas mit Satanismus in Deutschland und zieht die ordentlich durch den Dreck! Macht einfach, uns passiert eh nichts ...!” (JB huscht in die Gardrobe um die nächste Line zu schnupfen)

Rainer Gebhardt / 14.12.2023

Ich verstehe gar nicht, weshalb diese unappetitliche Person überhaupt noch Bestandteil der deutschen Öffentlichkeit sein kann. Für Antisemiten sei hier kein Platz, hieß es noch vor wenigen Wochen. Offensichtlich gilt das nicht für Linksextremisten an der links/grünen Propagandafront.

Ralf.Michael / 14.12.2023

Irgend etwas stimmt mit dem Foto nicht ? Wo sind die beiden Löckchen links und rechts, abrasiert oder was ? Also ein Fake ! Für ein Lubowitsch-Mitglied ist der Bart definitiv viel zu kurz…

Tina Müller / 14.12.2023

Andrea Nöth / 14.12.2023, Teil 1. Danke für Ihren Beitrag. Auch sollte über den Versuch Böhmermanns nachgedacht werden. Wer Inntresse daran hat solche Taten zu verschleiern, behauptet gern, dass es “Sowas” überhaupt nicht gibt. Bedenklich stimmt mich, dass es immer mehr einflussreiche Personen gibt die daran arbeiten zu Verschleiern, zu Leugnen und die Wahrheit zu Unterdrücken.

K.Schönfeld / 14.12.2023

Böhmermann hatte in seiner Jugend ja keine Flugblätter in der Schultasche. Da ist ja alles nicht so schlimm.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Ulrike Stockmann / 10.04.2024 / 10:00 / 38

Das schottische „Hassmonster“ und Knast für britischen Humor

In Schottland trat ein Gesetz in Kraft, bei dem sich selbst hartgesottene Kulturkämpfer die Augen reiben. Demnach könnten alle Witze, die den Namen auch verdienen,…/ mehr

Ulrike Stockmann / 21.03.2024 / 06:15 / 68

Abschied von der Gruberin

Monika Gruber beendete vorläufig ihre Bühnenkarriere, weil sie den Diskurs in Deutschland für „vergiftet“ hält. In der Coronazeit gehörte sie zu den ganz wenigen kritischen…/ mehr

Ulrike Stockmann / 15.03.2024 / 12:00 / 121

Radikales Klima beim Ethikrat

Unter der Führung von Alena Buyx empfiehlt der Ethikrat eine Umverteilung für den „Klimaschutz“. Drei Mitglieder distanzieren sich von den radikalen Vorschlägen. Auf der Pressekonferenz…/ mehr

Ulrike Stockmann / 08.03.2024 / 06:00 / 70

Der rosa Elefant am Frauentag

Am Frauentag wird medial die strukturelle Benachteiligung der Frau betont. Frauenfeindliche Zuwanderung darf hingegen nicht thematisiert werden. Die Berichterstattung im Vorfeld des heutigen Frauentages ist…/ mehr

Ulrike Stockmann / 10.02.2024 / 10:00 / 96

Aufstand der Gratismutigen

Wenn die Politik Wellness-Veranstaltungen als Widerstand vermarktet, muss man sich nicht wundern, wenn Unternehmen und Medien das Gleiche versuchen. Mit teils bizarrem Ergebnis. Aktuell tummeln…/ mehr

Ulrike Stockmann / 20.01.2024 / 10:00 / 11

Kleinkrieg um Gender-Regeln im Südwesten?

Derzeit können Bürgerinitiativen gegen die Gendersprache Erfolge verbuchen, auch im grün-schwarz regierten Baden-Württemberg. Das CDU-geführte Innenministerium bremst dort eine solche Initiative eines CDU-Mitglieds aus, welche…/ mehr

Ulrike Stockmann / 16.01.2024 / 11:30 / 22

Presserat missbilligt Migrationslügen

Ein ungewöhnlich anmutender Vorgang wurde am Montag von der Süddeutschen Zeitung in eigener Sache veröffentlicht. Der Presserat sieht bei zwei Artikeln des Blattes, die die…/ mehr

Ulrike Stockmann / 05.01.2024 / 15:30 / 75

Was will die neue Maaßen-Krall-Partei?

Gestern gab Hans-Georg Maaßen bekannt, gemeinsam mit der Werteunion eine neue Partei unter demselben Namen gründen zu wollen. Mit von der Partie ist auch Markus…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com