Walter Krämer / 02.12.2019 / 17:00 / Foto: Pixabay / 12 / Seite ausdrucken

„Schiefer als der schiefe Turm“ – Ratgeber für die PISA-Berichterstattung

Die Unstatistik des Monats November ist die zu erwartende wenig differenzierte Berichterstattung über die PISA-Studie. Diese Unstatistik ist also vorbeugend, da die Studie erst am 3. Dezember der Öffentlichkeit präsentiert wird. Ziel ist es dieses Mal, die PISA-Berichterstattung im Voraus besser zu machen, statt im Nachhinein darüber zu schreiben. Bereits vor der offiziellen Publikation der internationalen OECD-Schulleistungsuntersuchung („Programme for International Student Assessment“) Anfang Dezember sorgt die neueste Ausgabe der Studie für einiges Rauschen im deutschen Blätterwald. So berichtete beispielsweise die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 28. November in einem Gastbeitrag des Bildungsforschers Rainer Bölling unter dem Titel „Schiefer als der schiefe Turm“ von verschiedenen Problemen zurückliegender PISA-Studien. 

Ziel der Studie ist das Messen und Vergleichen von Schulleistungen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Diese Zahlen beruhen auf Stichproben. Dagegen wäre auch nichts einzuwenden, würden diese in allen Ländern gleichmäßig nach den gleichen Standards der Statistik erhoben. Das geschieht aber nicht. In manchen asiatischen Ländern etwa, die bei PISA regelmäßig Spitzenplätze belegen, nehmen nur rund 80 Prozent der Schüler in den zufällig ausgewählten Schulen an den Testaufgaben teil, in Deutschland über 95 Prozent. Welche Schüler fallen durch den Rost? Hier gibt es durchaus Hinweise, dass in manchen Ländern vor allem schlechtere Schüler am PISA-Prüfungstag krank werden oder die Schule schwänzen. Damit werden dann aber Äpfel mit Birnen verglichen. 

Auch der wachsende Migrantenanteil bei Schülerinnen und Schülern in Deutschland ist eine wichtige Ursache für das im internationalen Vergleich eher mittelmäßige Abschneiden deutscher Schulen. Als Gegenargument wird oft das Beispiel Kanada aufgeführt, wo es ebenfalls einen hohen Migrantenanteil gibt, ohne dass dies den Schulleistungen Abbruch täte. Aber in Kanada zeigen Kinder mit Migrationshintergrund als Folge einer selektiven Einwanderungspolitik im Durchschnitt bessere schulische Leistungen als einheimische, sie ziehen den Durchschnitt tendenziell nach oben. In Deutschland schneiden Kinder mit Migrationshintergrund im Durchschnitt in der Schule schlechter ab als einheimische, insbesondere, weil sie teils erst einmal die deutsche Sprache lernen müssen. Sie drücken den Durchschnitt daher tendenziell nach unten.

Statt reiner Rang-Vergleiche Ergebnisse differenziert betrachten

Es bleibt zu hoffen, dass diesmal eine im Vergleich zur Vergangenheit differenziertere Berichterstattung und öffentliche Diskussion der Ergebnisse der PISA-Studie erfolgt. So haben die Autoren der Studien bereits in der Vergangenheit sogenannte Konfidenzintervalle ausgewiesen, die die durch die Stichprobenziehung entstehende Unsicherheit in den Schätzergebnissen berücksichtigen. Dabei fallen die Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten teilweise so gering aus, dass viele dieser Unterschiede statistisch nicht signifikant sind.

Auch wurde in diesen Berichten ausführlich auf die Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund hingewiesen. Beides – sowohl die Unsicherheit der Ergebnisse als auch die Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund – wurde in der öffentlichen Diskussion zu PISA jedoch weitgehend ignoriert.

Daher unsere Bitte, in der Diskussion der Ergebnisse der PISA-Studie nicht den Rang Deutschlands in einem problematischen internationalen Vergleich zu betrachten. Vielmehr sollte man sich auf die Lösung der eigenen Probleme im Bildungssystem konzentrieren. Hier kann die PISA-Studie durchaus Erkenntnisse zu relativen Defiziten in einzelnen Bereichen liefern.

 

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de und unter dem Twitter-Account @unstatistik.

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Mike Loewe / 02.12.2019

Die Migranten, die heute die PISA-Ergebnisse nach unten drücken, werden, zusammen mit den Millionen, die noch folgen, in absehbarer Zeit Bruttosozialprodukt und Lebensstandard nach unten drücken.

Sabine Heinrich / 02.12.2019

Bereits im Jahr 2005, als PISA in aller Munde war und uns Lehrern Finnland als DAS pädagogische Himmelreich und Vorbild vorgehalten wurde (Deutschland stand recht schlecht da) , schrieb JOSEF KRAUS das bemerkenswerte Buch “Der PISA- Schwindel” - sehr empfehlens-und lesenswert! Was ich an meiner Grundschule (nur Lehrerinnen - außer dem Schulleiter) bemerkenswert fand: Nach der Veröffentlichung der PISA-Studie unterwarfen sich fast ausnahmslos alle dem Test-Wahn, den die Studie jahrelang - bis heute) zur Folge hatte - und das Leben für Schüler und Lehrer NOCH anstrengender macht/e - ohne dass auch nur - zumindest an meiner damaligen Schule - nach meiner Beobachtung irgendeine Leistungssteigerung festzustellen war. Kolleginnen ahnten, in welche Richtung die Aufgaben gehen würden, und entsprechend wurden die Schüler getrimmt und wertvolle Zeit für einen äußerst fragwürdigen Test verschenkt. Zeit, die besser für “normalen” Unterricht hätte verwendet werden können. Dabei waren die deutschen Schüler im internationalen Vergleich gar nicht so schlecht, wie sie gemacht wurden. Auch hatten einige Länder gar nicht erst an PISA teilgenommen. Meine Kritik in kleiner Runde an dem Test wurde nahezu schweigend angehört, als ich äußerte, dass der Vergleich Finnland-Deutschland sehr stark hinkt und Beispiele dafür aufführte, erntete ich Schweigen. Mein Angebot, das Buch von J. Kraus zu verleihen, nahm nur eine Kollegin an. “Interessant” fand sie es. NIEMAND sonst hat diese unsägliche Studie kritisiert! - Ich möchte die Lektüre von Josef Kraus’ Büchern - z.B. auch das über “Helikopter-Eltern” - und seine Beiträge über Schule und das Bildungssystem in “Tichys Einblick” ans Herz legen. Leser, die allerdings meinen, dass Schule den ihnen anvertrauten Kindern nur “Kompetenzen”, “Anti-Rassismus” und grenzenlose Toleranz gegenüber allem und jedem beizubringen habe; Rechtschreibung, Lesen und Rechnen eher unwichtig sind, werden möglicherweise roten Ausschlag bekommen.

Alexander Schilling / 02.12.2019

Was wohl hinter den Zahlen stecken mag, wenn man sich beispielsweise vor Augen hält, dass in der gymnasialen Oberstufe (Ba-Wü) schon vor Jahrzehnten keine Originaltexte mehr in den alten Sprachen vorgelegt werden konnten? Dass bald wohl auch die Beherrschung einfachster Grundrechenarten und Rechtschreibregeln nicht mehr zumutbar zu sein scheint, damit nur jeder Gesamtschüler, ähem, Gymnasiast, seine Hochschulreife bescheinigt bekommt? Und ein prekär beschäftigter akademischer Lehrer soll sich dann (inmitten der Hysterie von bildungspolitischen Endsiegmeldungen und ministeriellen Kopfgeldprämien für Absolventen) den Schuh anziehen, angehende ‘Leer’kräfte aus dem Verkehr zu ziehen, wo schon die Grundschuldirektorin keinen Mumm hatte, klipp und klar zu sagen, dass Nele oder Maik sich auf der Realschule vermutlich wohler fühlen würden, als auf dem Gymnasium? Und, by the bye, vielleicht ja auch das gymnasiale Lehrerkollegium,—von der Klasse ganz zu schweigen? Wohin man auch blickt: dünne, heiße Luft - Entschuldigungen hin (Migration), Erfolgsmeldungen her (etwa Inklusion = ersatzloser Wegfall von Sonderpädagogik). Was immer dieses Bildungssystem einstens ausgezeichnet haben mag, ist—futsch…

Rolf Lindner / 02.12.2019

Also kurz gesagt, die Migranten sind Schuld am zu erwartenden mittelmäßigen Abschneiden Deutschlands im PISA-Ranking, das demnächst veröffentlicht wird. Hätte nicht gedacht, dass in der FAZ heute noch solche rechtspopulistischen Sätze veröffentlicht werden dürfen. Möglicherweise wird jetzt der Chefredakteur zum Rücktritt genötigt.

Marcel Seiler / 02.12.2019

“In Deutschland schneiden Kinder mit Migrationshintergrund im Durchschnitt in der Schule schlechter ab als einheimische, insbesondere, weil sie teils erst einmal die deutsche Sprache lernen müssen.” Es ist nicht allein die Sprache. Kanada wählt die Einwanderer nach Bildung aus, d.h. nach der Intelligenz. Deutschland nicht. Die kanadischen Einwandererkinder haben also einen höheren IQ. - Wenn ich, wie Autor Krämer, im Rampenlicht der Öffentlichkeit stünde, würde ich das auch nicht schreiben.

Gerhard Rachor / 02.12.2019

In Deutschland drückt der wachsende Migrantenanteil den Schnitt, in Kanada hebt er ihn aufgrund der selektiven Einwanderungspolitik! Diese Aussage im Artikel zeigt deutlich die verfehlte Politik in unsrem Land!

A. Mack / 02.12.2019

“Aber in Kanada zeigen Kinder mit Migrationshintergrund als Folge einer selektiven Einwanderungspolitik im Durchschnitt bessere schulische Leistungen als einheimische, sie ziehen den Durchschnitt tendenziell nach oben. In Deutschland schneiden Kinder mit Migrationshintergrund im Durchschnitt in der Schule schlechter ab als einheimische, insbesondere, weil sie teils erst einmal die deutsche Sprache lernen müssen. Sie drücken den Durchschnitt daher tendenziell nach unten.” Ich sehe da kein Problem. Denn es ist die Wahrheit. Im Durchschnitt. Genau wie in Kanada. Und stellen Sie sich mal den Aufschrei vor wenn man “Migrationshintergründe” extra ausweisen würde, nur um native Bewohner besser aussehen zu lassen. “Nun sind sie mal da” und wenn das Pisa noch mehr drückt - ist es eben so.

Wolfgang Janßen / 02.12.2019

Die Ergebnisse der Pisa-Studie 2003 wurden in Hessen den Schulen anonymisiert rückgemeldet. Mein damaliger Chef war sauer, dass seine Schule nur durchschnittlich abgeschnitten hatte. Ich habe mir daraufhin die Mühe gemacht, das Pisa-Ranking mit den Noten der damals teilnehmenden Schüler zu vergleichen. Ich wußte natürlich nicht, wer wie abgeschnitten hatte, konnte jedoch eine nahezu 100%ige Korrelation zwischen den Ergebnissen und den Noten der Schüler herstellen, indem ich die Schüler notenmäßig ebenfalls einem Ranking unterzog. Konsequenz war für mich, dass an unserer Schule die richtigen Noten gegeben wurden. Warum ich das gemacht habe? Weil mir einige Kollegen erzählt hätten, dass bei der Auswahl unserer Schüler überwiegend die Schwächsten des Jahrgangs geradezu zielsicher herausgepickt worden sind. 2006 konnte ich als Verantwortlicher für unsere Schule feststellen, dass die Teilnahme der Schüler sehr genau kontrolliert wurde. Mauscheln war nicht möglich, hätte ich auch nie probiert. Von einer finnischen Schülerin habe ich erfahren, dass dort nur diejenigen teilgenommen haben, die das auch selbst wollten.

Rolf Mainz / 02.12.2019

Es verwundert, dass Deutschland dort überhaupt noch mitmacht. Die Resultate werden zukünftig stetig schlechter werden, die Ursachen kennt jeder, der es wissen will. Irgendwann wird man schlichtweg nicht mehr teilnehmen, um der internationalen Vergleichbarkeit aus dem Wege zu gehen. Bis dahin wird man an der Statistik möglichst weitgehend herumbiegen, um die auf der Hand liegenden Schlussfolgerungen möglichst lange unter den Tisch kehren zu können. Allein der Vergleich der Migranten Kanadas und Deutschlands spricht bereits jetzt diesbezüglich Bände: Kanada verfügt über ein funktionierendes Einwanderungssystem, ganz im Gegensatz zu Deutschland. Und entsprechend sind auch Qualifikationen, IQ und Leistungswille des “typischen” Einwanderers in Kanada um Welten besser als jene der “Menschen, die noch nicht so lange in Deutschland leben”. Klasse statt Masse eben, wie in Australien und Neuseeland bspw. auch. “Rechts” gedacht? Meinetwegen, aber realistisch betrachtet.

R. Lichti / 02.12.2019

@ Frank Stricker: Herr Stricker, die von ihnen genannte Aussage der Bertelsmann-Stiftung, dass 96% der Ausländer in Deutschland sich gut integriert fühlen, kann durchaus richtig sein: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Frage lautete “Fühlen Sie sich in die deutsche Gesellschaft integriert?”. Aber bei guter Integration in die Clanstruktur, die Moscheegemeinde, die Gruppe der gleichen kulturellen Herkunft, usw. dürfte bestimmt für 96% der Befragungsteilnehmer etwas dabei gewesen sein, wo sie sich gut integriert fühlen. Solche Umfragen werden doch vom Ende her gedacht: Der Auftraggeber sagt erst mal, was er für ein Ergebnis haben möchte, dann kümmert sich der Auftragnehmer darum, die Fragen und die Auswertung entsprechend dem Auftrag zu konfigurieren. So geht es in einer modernen Dienstleistungsgesellschaft zu!

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