Beda M. Stadler, Gastautor / 06.06.2009 / 22:35 / 0 / Seite ausdrucken

Scheinheilige Klagen

Wer zum Arzt geht, muss damit rechnen, dass er alles selbst bezahlt. Sechs radikale Vorschläge, die das Gesundheitssystem heilen würden.

Der Gipfel der Scheinheiligkeit ist erreicht, wenn Politiker über die steigenden Gesundheitskosten schockiert sind. Wem verdanken wir eigentlich dieses Machwerk? Hier ein Denkanstoss, wie man in sechs Schritten zu einem gesunden «Krankheitssystem» kommen könnte. Ein Rezept für Politiker, die nicht mehr gewählt werden wollen.
1 -  Wir brauchen einen neuen Verfassungsartikel: Der Bund wird beauftragt, zwischen einem Gesundheits- und einem Krankheitssystem zu unterscheiden. Das Krankheitssystem basiert auf Solidarität und wird Aufgabe des Bundes. Das Gesundheitssystem ist Eigenverantwortung und gehört auf den freien Markt.
2 -  Da bis anhin es niemand geschafft hat, Gesundheit zu definieren, sollte die FMH dazu verknurrt werden, Krankheit zu definieren. In unserem Tierschutzgesetz gibt es längst vier Schweregrade für Angst, Schrecken, Leid oder Schmerzen, die einem Tier zugefügt werden. Da geht das auch für uns. Krankheiten, die schwe-re chirurgische Eingriffe, Antibiotika, potente Schmerzmittel und dergleichen benötigen, sind in Schweregrad vier. Der Bienenstich, die Erkältung, Unpässlichkeiten und das meiste, was man früher mit Hausmittelchen bekämpfte, sind in Schweregrad eins. Auch was in Schweregrad zwei und drei kommt, darf man getrost dieser Standesorganisation überlassen. Sie definieren schliesslich nicht für die Ewigkeit, sondern aufgrund des derzeitigen Wissensstands für einen Appendix in der Verordnung.
3 - Die neue Grundversorgung wird zur staatlichen Einheitskasse. Allerdings muss die alte Grundversorgung entschlackt werden. Ein Grossteil der heutigen ambulanten Medizin sollte hinausgeworfen werden. Alles, was Schweregrad eins und zwei ist, kommt in das neue Gesundheitssystem. Jeder, der in Zukunft zum Arzt geht, weiss, dass er allenfalls zum Geldbeutel greifen muss. Der Arzt wird verbindliche Richtlinien zu den Schweregraden haben.
4 -  Das Gesundheitssystem umfasst somit alles, was nicht in der staatlichen Grundversorgung ist. Die heutigen Krankenkassen werden zu Gesundheitskassen. Dort kann der Markt spielen, dort sich versichern, wer will, zu jedem Preis und für jeden Luxus. Die Rolle des Staates wird auf ein Minimum zurückgeschraubt. Die ärgerlichen Kindermädchenallüren des Staates im Zusammenhang mit den Passivrauchern, den Dicken, den Dopingsündern und jenen, die ewig leben wollen, würden gebremst. Das Gesundheitssystem wird zu einem neuen Anreizsystem. Jeder darf hier eigenverantwortlich tun und lassen, was er will. Arzt und Patient profitieren, so wie wir das vom Zahnarzt kennen.
5 -  In der Verordnung definieren wir einen Medikamenten- und Therapiekatalog. Dieser zählt jene Medikamente und Therapien auf, die im Rahmen der Grundversorgung abgegeben werden. Für Medikamente, die im freien Gesundheitssystem zu beziehen sind, wird die Rezeptpflicht neu überdacht. Wer bezahlt, erhält die Illusion, gesund sterben zu können. Die Drogerien werden zu Regalen beim Grossverteiler. Die Apotheken sind mehrheitlich Internetshops, bei denen der Arzt Rezeptpflichtiges für den Patienten bestellt, oder es sind rezeptfreie Einkaufsparadiese für die Patienten. Das Problem der Komplementärmedizin regelt sich hier von alleine. Plazebo forte, wenn es Trost spendet, ist eine Marktnische des Gesundheitssystems. Bäderkuren, Anti-Aging und Wellnessprodukte sind auf dem freien Markt, genauso wie sich nur wenige Ferrari oder Château Mouton Rothschild leisten können. Die Präventivmediziner haben freie Hand für jegliche Art der Heilsversprechung. Den Staat geht so was nichts an.
6 -  Zum Schluss die Knacknuss: Wir brauchen ein Bekenntnis zur Rationierung. Mit den WZW-Kriterien (Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit) des KVG-Artikels 32 wird festgelegt, wo und wann Ausnahmen im Medikamenten- und Therapiekatalog gemacht werden. Dies nimmt den Arzt aus dem Gewissens-Clinch. Der Krankheitsschweregrad macht es dem Arzt einfach, dem Patienten zu erklären, dass für sein Bobo die Allgemeinheit nicht aufkommt. Im Rahmen des Gesundheitssystems steht jedem trotzdem, aber auf eigene Rechnung, eine Palette von Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Eine plausible Ausnahmeregelung wird für ältere Menschen gelten. Es darf wieder würdevoll gestorben werden. Kein Spital sollte in einen Gewissenskonflikt kommen, falls einer mit neunzig eine Chemotherapie will. Die Anzahl der Spitäler muss ohnehin reduziert werden, damit die Grundpauschale aus der Grundversicherung kostendeckend gestaltet werden kann. Wer Hotelbetrieb und Streicheleinheiten will, kauft dies über seine Gesundheitsversicherung in der Privatabteilung.
Was darf man nach diesen sechs Schritten erhoffen? Bei den Patienten wird eine Mentalitätsänderung eintreten. Die klaren Regeln des Krankheitssystems verhindern die Selbstbedienung und Ausbeutung. Endlich kein Geschwafel mehr über freien Markt in einem Bereich, wo Solidarität verlangt ist, also echte Philanthropie. Wer sich an kranken Leuten bereichern will, muss dies im Rahmen des Gesundheitssystems tun. Sollte in der Schweiz wider alle Erwartungen ein Schlaraffenland entstehen, könnten die WZW-Regeln angepasst werden. Natürlich ist das Ganze ein Zweiklassensystem, wie bei den SBB. Wer sich darüber aufregt, sollte sich im Klaren sein, dass unsere Krankenkassen schon längst ein solches System eingeführt haben, bei dem die erste Klasse die zweite finanziert.

Zuerst erschienen in DIE WELTWOCHE 04.05.09

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