Wolfgang Röhl / 07.02.2008 / 18:19 / 0 / Seite ausdrucken

Schatten der Angst - ein „Tatort“ und die Türken

Köln (dpa). Der WDR wird die für Ende Februar zur Ausstrahlung vorgesehene „Tatort“-Folge „Tödliche Pillen“ verschieben. Hintergrund sind Proteste des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI), dem vorab eine Kopie des TV-Krimis zugespielt wurde. Der BPI beklagt, in dem Streifen werde die Branche, wie schon in zahlreichen anderen Fernsehkrimis zuvor, „undifferenziert als eine Art Gangstersyndikat dargestellt, das sich der Aufgabe verschrieben habe, der Bevölkerung gefährliche Medikamente zu verkaufen, um schnell große Profite zu erwirtschaften, wobei es zur Vertuschung seiner Machenschaften vor Kapitalverbrechen nicht zurück schrecke.“…

Der Film reihe sich in eine „Rufmordkampagne“ ein, der die Pharmabranche in fiktionalen TV-Stoffen seit vielen Jahren ausgesetzt sei, teilte der Verband mit. Der „Tatort“ beschädige nicht nur das „ausgezeichnete internationale Image deutscher Pharmaprodukte“, sondern sei auch ein Angriff auf die Gefühle „zehntausender unbescholtener und verantwortungsbewusster Mitarbeiter“ der Pharmaindustrie. In dem Streifen ermittelt das Kölner „Tatort“-Duo Ballauf/Schenk nach einer Folge von mysteriösen Todesfällen unter Pharma-Lobbyisten und von ihnen bestochenen Politikern.

Da stimmt was nicht? Richtig!

Was ein ARD-Sender, nämlich der SWR, gerade „verschoben“ hat - offiziell aus Rücksicht auf die Gefühle der Trauergemeinde nach der Ludwigshafener Brandkatastrophe - ist die Ausstrahlung der für den kommenden Sonntag vorgesehenen „Tatort“-Folge „Schatten der Angst“, in der es um einen „Ehrenmord“ im Milieu integrationsferner Türken geht. Der Stoff erinnert Beobachter an die Ermordung der Deutschkurdin Hatun Aynur Sürücü, die vor drei Jahren in Berlin von ihren Brüdern erschossen wurde, nachdem sie Ehemann und Familie verlassen hatte. Da scheint Krawall programmiert. Türken sind eine starke, teils auch stark aufregungsbereite Minderheit in Deutschland, vor der öffentlich-rechtliche Sender zunehmend einknicken. Schon die Massenproteste der Aleviten gegen den jüngsten NDR-„Tatort“ „Wem Ehre gebührt“ hatten die ARD-Funktionäre gehörig verunsichert. Insofern gibt ihnen die Katastrophe in Ludwigshafen den vielleicht nicht ganz ungelegen kommenden Anlass, die ziemlich mutige „Tatort“-Folge des Regisseurs Martin Eigler zu kippen. Angeblich soll sie am 6. April gesendet werden. Wenn sie denn nicht doch – ein neuerlicher Anlass, auf Gefühle Rücksicht zu nehmen, mag sich finden -  irgendwann im Spätabendprogramm verbuddelt wird.

Krimi-Drehbuchschreiber und –Regisseure sollten wissen: auf Nummer Sicher gehen sie bei ARD und ZDF (übrigens auch in den Privatsendern) allein dann, wenn die Bösen jene vertrauten, seit etwa 1970 wieder und wieder vorgeführten Repräsentanten des Schweinesystems bleiben. Es handelt sich, zum Mitschreiben, um folgende Charaktere: stiernackige Unternehmer (besonders Baulöwen), aalglatte Rüstungsindustrielle, konservative Politiker, dumpfbackige Rechtsradikale (die beiden letzteren gern auch als Schurkenkombi in ein und demselben Streifen), karrieregeile Chefärzte, skrupellose Genforscher (grausame Tierversuche einbauen!), Golf spielende und Porsche fahrende Villenbesitzer (hinter scheinbar noblen Fassaden steckt immer auch ein Kinderschänder), ethisch ausgebrannte Banker, die nach Feierabend Menschen spaßeshalber vor die U-Bahn schubsen, beamtete Spießer in Vergabe- und Kontrollausschüssen, die ein Doppelleben führen (Szenen in Rotlichtbars mit scharfen Lockvögeln einbauen!). Sowie natürlich, immer für Fieses gut, finstere Pharmabosse und ihre hoch bezahlten Knechte.

Haben wir jemanden vergessen? Zu weiteren Anregung einfach ein paar alte „Tatort“-Folgen gucken, liebe Krimischaffende. Tipp: der Mörder ist nie der Gärtner. Sondern immer der Besserverdienende. Und auf dessen Gefühle braucht nun wirklich kein Schwein Rücksicht zu nehmen.

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