SPD-Politiker haben eine Laizistenspielgruppe gegründet, und die FDP verbreitet wieder einmal ihr Abiturwissen über den säkularen Staat. Sie sollte sich, im eigenen Interesse, besser um die Streichung der Fünf-Prozent-Klausel aus dem Wahlgesetz kümmern. Die Atheisten in der SPD aber sollten bedenken, dass kein einziges Problem der heutigen säkularen Gesellschaft mit christlichen Aktivitäten zu tun hat.
Trotzdem: Jede Islamdiskussion dieses Jahrzehnts endete bisher mit einer Kritik am Christentum. Dass das Christentum in Europa so viele Gegner hat, ist nicht neu, es ist eine der Paradoxien der europäischen Entwicklung, eine Idiosynkrasie der konfliktreichen Modernisierung. Diese wird von den intellektuellen Vermessern des öffentlichen Raumes gerne auf die Aufklärung reduziert.
Aber schon das Bedürfnis, die Protagonisten des Vorgangs, der nichts als den Hergang der Geschichte veranschaulicht, in Gute und Böse aufzuteilen, und der gelassene Umgang mit den Bösen, wäre ohne das Christentum nur schwer vorstellbar. Die islamischen Angriffe auf die moderne europäische Gesellschaft, ihre Bedrohung, sei es nun durch Terror oder durch Landnahme, also Ablehnung von Integration und Schaffung demographischer Fakten, werden nicht mit einer, wie auch immer gearteten Islamkritik beantwortet, sondern mit einer Kritik am Christentum.
Anstatt sich, angesichts der Gefahren, die auf uns zukommen, auf die Grundlagen und Wertvorstellungen Europas zu besinnen, um diese gegebenenfalls auch verteidigen zu können, ist man unentwegt auf der Suche nach dem Dialog mit der Barbarei. Man inszeniert sich allzu gern als Schamane der französischen Revolution.
Aber: Die Kunst des Palaverns beherrschen viele, selbst der Kannibale spricht nicht ungern mit seinem Opfer. Das Gespräch eignet sich zwar zur Beschwichtigung, es ist aber ein Irrtum zu meinen, dass es immer nur um die Beschwichtigung des Täters gehe, um ihn mit Erfolg von seinem Vorhaben abzulenken. Es geht oft genug um die Beschwichtigung des Opfers, um es wehrlos zu machen.
Die Religionskritik in Deutschland ist vor allem Kirchenkritik. Das ist kein Zufall. Die deutschen Intellektuellen, die sich mit viel Rhetorik zum Atheismus bekennen, haben kaum die Kompetenz, theologisch zu widersprechen. So pflegen sie lieber das politische Statement und, auch wenn sie den Glauben meinen, prügeln sie doch auf dessen Institution ein, die Kirche. Wenn jemand partout keinen Zusammenhang zwischen dem christlichen Erbe und der heutigen Gesellschaft sehen kann und will, so spricht aus ihm mehr der Wille zum Atheismus als das Wissen um den Hergang der Sache.
Zum Glück fragt die Geschichte nicht den deutschen Intellektuellen, sondern sich selbst. Das einzigartige in Europa ist, was die Religionsfrage angeht, die Beständigkeit der Partei der Atheisten. Sie berufen sich zwar auf alle Freiheiten, die aus dem von ihnen geschmähten Erbe resultieren, weigern sich aber standhaft die Grundlagen dieser ihrer Freiheiten zu erkennen und anzuerkennen.
Es ist tatsächlich nicht leicht, den Unsinn, den diese Leute über das Christentum und seine Rolle in Europa verbreiten, zu überbieten. Der Argumentation fehlt jede Systematik und Kohärenz. Man hält dem Christentum mal die Inquisition vor, mal Adolf Hitler. In beiden Fällen könnte man genau so gut bei sich selbst anfangen. Schließlich waren da wie dort auch namhafte Intellektuelle beteiligt.
Die gigantischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die im 20. Jahrhundert, unter der Federführung von Bolschewiken und Nationalsozialisten, geschehen sind, wurden im Namen der Gottlosigkeit verübt. Beides waren Formeln der kollektiven Selbstüberhebung. Wer sich in den Kopf gesetzt hat, die Welt zu beherrschen, kann sich nur noch als Atheist verstehen, als Atheist, der sich für Faust hält, Faust aber war nicht gottlos, jedenfalls nicht ganz.
Die Einschlägigen berufen sich gerne auf die Antike, wenn sie das Christentum und seine Rolle minimieren wollen. Von Athen und Rom käme der Staat, unserer, wie sie meinen. Das mag sein, aber was ist mit der Gesellschaft? Und wozu der Staat, ohne sie?
Der Bürger hält sich nicht an die Gesetze, allein, weil sie ihm nützlich sind, sondern weil er darüber hinaus etwas moralisch Verbindliches damit verknüpft, etwas was nicht ausgedacht ist, sondern zum Glauben gehört, zur Hirngeborgenheit. Es ist nicht selbstverständlich, für das Gute einzutreten und den Bösen die Stirn zu bieten.
Jeder, der auch nur einen Gedanken an die Identität Europas, und damit des Westens, verschwendet, weiß, dass diese auf der Bibel beruht. Und er weiß auch, dass dies keineswegs das Problem ist, sondern die Voraussetzung für unsere Problematik, für unsere Gegenwart. Ob Laizismus nicht doch von Laie kommt?