Volker Seitz / 18.06.2021 / 08:00 / Foto: council.gov.ru / 9 / Seite ausdrucken

Sambias erster Präsident gestorben 

Kenneth Kaunda ist am 17. Juni 2021 im Alter von 97 Jahren in Lusaka verstorben. Sein Markenzeichen war ein weißes Taschentuch, das er stets vor einer Rede schwenkte. Kaunda, Vegetarier und Antialkoholiker, war das Kind eines Religionslehrers und einer Lehrerin. Er selbst machte auch eine Lehrerausbildung und unterrichtete an einer Hauptschule und einem Internat. Ein staatliches Schulwesen musste nach Erlangung der Unabhängigkeit erst aufgebaut werden. 

Kaunda war von 1964 bis 1991 der erste Präsident Sambias. Das Land wurde am 24. Oktober 1964 unabhängig. Von 1954 bis zur Unabhängigkeit war Nordrhodesien (heute Sambia) Teil der Zentralafrikanischen Föderation zusammen mit Südrhodesien (heute Simbabwe) und Njassaland (heute Malawi). 

Die frühere britische Kolonie Sambia mit der Hauptstadt Lusaka grenzt an Angola, Demokratische Republik Kongo, Tansania, Malawi, Mosambik, Simbabwe, Botswana und Namibia. Der Name leitet sich von dem Strom Sambesi ab. Das dünn besiedelte Sambia ist reich an Bodenschätzen und verfügt über die größten Wasserressourcen aller Länder des südlichen Afrikas. Dennoch haben große Teile der Bevölkerung keinen Zugang zu Trinkwasser. Sambia gehört weltweit zu den Ländern mit den größten Ungleichgewichten bei der Wohlstandsverteilung. Nur rund 625.000 Menschen sind formell beschäftigt (davon 237.000 beim Staat). 

1973 erklärte Kaunda Sambia zum Einparteienstaat, nachdem es Unruhen wegen einer neuen Verfassung gegeben hatte. Erst 1990 ließ Kaunda auf Druck der Zivilgesellschaft und den internationalen Gebern die erste demokratische Mehrparteienwahl zu. Nach einer Verfassungsänderung und damit möglichen Parteigründungen wurde 1991 Frederick Chiluba zum neuen Präsidenten gewählt. Es war einer der ersten friedlichen Machtwechsel in Afrika. 

China hat Milliarden von Dollar in sambische Minen investiert

Als Präsident unterstützte Kaunda aus den Einnahmen aus dem Kupferexport die Befreiungsbewegungen in Angola, Mosambik, Simbabwe und Südafrika. Jeweilige Befreiungsbewegungen hatten ihre Hauptquartiere und militärische Ausbildungslager in der sambischen Hauptstadt Lusaka. Seine außenpolitische Reputation schwand auf dem Kontinent, als er mangels finanzieller Mittel die Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika nicht mehr unterstützen konnte. 

Die Preise für Kupfer waren drastisch gefallen. Seit 2017 steigen sie langsam wieder. Sambia ist nach der Demokratischen Republik Kongo der zweitgrößte Kupferproduzent und weltweit der achtgrößte Förderer. Kupfer und Kobalt steuern etwa 75 Prozent der sambischen Exporteinnahmen bei. China hat Milliarden von Dollar in sambische Minen investiert. Sambia ist einer von Afrikas größten Empfängern chinesischer Investitionsgelder, und das meiste davon geht an die Bergbaubranche – Kupfer im Norden und Kohle im Süden. Nicht nur beim Abbau von Rohstoffen sind die Chinesen aktiv. Sie betreiben auch Geflügelfarmen und Landwirtschaft. 

Die Chinesen erstellen für 2,26 Milliarden US-Dollar die rund 390 km lange Zambia East Line. Sie ist Teil eines geplanten Korridors von 1600 Kilometern nach Mosambik am Indischen Ozean. Eine neue Linie führt zu Kupferminen nach Solwezi. Der Flughafen in Livingstone wurde von den Chinesen bereits übergeben, der Flughafen von Lusaka befindet sich noch im Bau. 

Wachstum basiert auf stabilen politischen Verhältnissen

Das milde Klima Sambias ist eine ideale Voraussetzung für eine fruchtbare Landwirtschaft. Zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung sind in diesem Sektor tätig. Die Landwirtschaft trägt mit mehr als 40 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und macht 12 Prozent der Exporte aus. Die größten Hürden für den Export bestehen darin, dass Agrarprodukte oftmals nicht internationale bzw. EU Standards, z.B. Gesundheitsstandards erfüllen. Um diese nicht-tarifären Handelshemmnisse zu überwinden, sind sanitäre und phytosanitäre Maßnahmen erforderlich, damit die Produkte ins außerafrikanische Ausland exportiert werden können. 

Sambia liegt im unteren Bereich der Länder mit mittlerem Einkommen. Das Wachstum basiert auf stabilen politischen Verhältnissen, einigermaßen solider Haushaltspolitik und hoher Nachfrage nach Kupfer. Am Grenzfluss Sambia, der in die Victoriafälle mündet, baut Sambia mit Simbabwe und mit privaten Investoren ein neues Wasserkraftwerk. Das Wasserkraftwerk am Kariba-Damm war ein Geschenk Italiens zur Unabhängigkeit. Das Kraftwerk zerfällt, weil aus den Gewinnen keine Rücklagen für Reparaturen gebildet wurden. Seit 2014 sind Generatoren und Turbine defekt. 

Der im Oktober 2020 verstorbene Achse-Autor Thilo Thielke fragte Kenneth Kaunda 2007 in einem Interview für den Spiegel, warum es im Vergleich zu Asien so schlecht um Afrika stehe. Kaundas Antwort: "Wir haben Kupfer, Gold und andere Mineralien. Der Herr hat das Land wahrlich reich gesegnet. Auch mir ist es ein Rätsel, warum wir Afrikaner uns so schwertun, diesen Wohlstand zu verwalten. Manchmal denke ich, auf all diesen Rohstoffen lastet ein Fluch. Gier, Neid und Kriege zerfressen den Kontinent.“ (Spiegel 16/2007) 

 

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“. Die aktualisierte und erweiterte 11. Auflage erschien am 18. März 2021. Volker Seitz publiziert regelmäßig zu afrikanischen Themen und hält Vorträge (z.B. „Was sagen eigentlich die Afrikaner“ – ein Afrika ABC in Zitaten.)

Foto: council.gov.ru CC-BY 4.0 via Wikimedia Commons

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Reinmar von Bielau / 18.06.2021

China verarscht die Afrikaner genauso schlimm, wie es die Kolonialmächte früher getan haben. Die Frage ist, ob Europa da so einfach zuschauen will, aber unsere Gutmenschen retten lieber die Flüchtlinge, anstatt ihnen in Afrika zu helfen.

Gerhard Hotz / 18.06.2021

Warum sind die rohstoffarmen Länder eher reich und die rohstoffreichen eher arm? Wir im rohstoffarmen (und kalten) Westeuropa müssen immer fleissig und innovativ sein, um zu überleben. Das haben wir mittlerweile fast schon in den Genen. Wir haben ein System geschaffen, das es uns ermöglicht, jenen anderen Ländern deren Rohstoffe abzukaufen, um damit etwas Cleveres anzustellen. DAS macht uns reich. Umgekehrt motiviert das Wissen um eigene grosse Rohstoffvorkommen nicht gerade zu innovativen Höchstleistungen, es ist wohl eher das Gegenteil der Fall.

J. R. Haß / 18.06.2021

Kaunda gebührt immerhin Anerkennung dafür, dass er sein Amt lebend und einigermaßen freiwillig veranlassen hat. Das ist für den Kontinent untypisch. An die Person erinnert sich wahrscheinlich kaum jemand. Aber der Kaunda Suit, jener Anzug im Uniformschnitt, den es in Ostafrika überall gibt,  ist KK’s textiles Denkmal. Persönlich können wir ihn nicht vergessen, weil unser afrikanischer Adoptivsohn nach ihm benannt ist.

Petra Wilhelmi / 18.06.2021

Warum Afrika nicht die Entwicklung Asiens durchmachte, das sollte Kaunda nicht als Fragezeichen zurücklassen. Was machen die Asiaten anders? Sie sind fleißig bis zum geht nicht mehr. Sie sind zielstrebig und hungrig auf den Aufstieg. Ihre Kinder streben nach besten Wissen in der Schule und der Universität. Sie wollen (und sind es meist) die Klügsten werden. Das alles hat Afrika nicht vorzuweisen. Afrikaner kümmern sich lieber darum den verhassten anderen Stamm die Köpfe einzuschlagen. Darum ist es auch so einfach, dass Afrika von den Chinesen aufgekauft werden kann.

Volker Seitz / 18.06.2021

Sehr geehrter Herr Mainz, ich habe mit der Bemerkung nicht gesagt, dass wir dort für bessere Gesundheitsstandards sorgen sollen, das liegt allein in der Verantwortung afrikanischer Staaten. Selbstverständlich trete ich auch nicht für Aufweichung von EU Vorschriften für Hygienestandards ein. Meine Bemerkung zielte auf meist deutsche „Aktivisten“ die bedauern, dass die EU zu wenig Agrarprodukte aus Afrika importiert. Es gibt Länder, wie z.B. Benin, Burkina Faso oder die Elfenbeinküste, die mit ihren Früchten genau diese internationalen Standards erfüllen.

Gerhard Schmidt / 18.06.2021

Der Begriff “Chinesisch-Afrika” wird bald allgemein sein…

Wolfgang Kolb / 18.06.2021

China ist das Problem. Kolonialismus 2.0

Daniel Oehler / 18.06.2021

Kenneth Kaunda hielt sich selbst für “alternativlos” und Opposition mit abweichender Meinung für “nicht hilfreich”. Wer im deutschen Glashaus sitzt .... Bei einer Grünen Machtergreifung mit anschließendem feinstaubfreiem Fackelzug durchs Brandenburger Tor werden wir uns Schwarzafrika in Bildung, Wirtschaft und Lebensstandard anpassen, mit Sicherheit auch im Demokratieverständnis. Hat da jemand “One World” gesagt?

Rolf Mainz / 18.06.2021

Ich bin der Letzte, der die EU (hier deren Importvorschriften) verteidigen würde, aber das folgende Zitat kann man so nicht gelten lassen: “Die größten Hürden für den Export bestehen darin, dass Agrarprodukte oftmals nicht internationale bzw. EU Standards, z.B. Gesundheitsstandards erfüllen. Um diese nicht-tarifären Handelshemmnisse zu überwinden, sind sanitäre und phytosanitäre Maßnahmen erforderlich, damit die Produkte ins außerafrikanische Ausland exportiert werden können.” Dies kann man gänzlich anders sehen, denn wenn die afrikanischen Produkte Mindest-Hygienestandards erfüllen würden, wäre auch deren Export leichter möglich. Afrika sollte nicht mit dem Finger auf andere zeigen, wenn jene sich - zurecht - weigern, offenbar hygienisch nicht-einwandfreie Produkte abzunehmen und zu konsumieren. Und wenn “nicht-tarifäre Handelshemmnisse” eben den Import solcher Produkte verbieten, sind jene “Handelshemmnisse” sowohl mehr als gerechtfertigt - wie auch einfach überwindbar, wenn sich der Exporteur denn darum bemühen würde. Und letzteres fällt Afrika erfahrungsgemäss schwer, solche “Mühe”. Da hält man lieber weiterhin die Hand auf und deutet mit dem Finger weg von sich, ist schlichtweg bequemer.

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