An der Rezeption steht ein junges Fräulein, schätzungsweise Anfang Zwanzig und sagt: „Hallo. Schön, dass Du da bist.“ Eigentlich möchte ich sagen: „Für Sie immer noch Sie und 'Herr Schneider'.“
Ich möchte diesen Artikel mit den Worten des großen Philosophen Chris Roberts beginnen, der sein 1975 erschienenes, eisbahnbrechendes Werk „Menschliche Nähe durch undistanzierte und freundliche Kommunikation in der First-Meeting-Phase – oder: for the first impression there's no second chance“ mit den unsterblichen Worten einleitete:
„Du – sag einfach Du – und dann sag immer Du zu mir! Bei so viel Sympathie sag ich nicht gerne 'Sie', schau her, mein Herz das fliegt Dir zu …“
Ich bin eingeladen von einem eher weniger namhaften Versicherer, der sich der Organisation „besser grün“ angeschlossen hat – grün wird immer noch für trendy gehalten –, um bei der „Jagd nach Geisternetzen“ in der Nordsee live und hautnah mit dabei zu sein. Weil die das Hotel und die Verpflegung und den Kutter bezahlen, bin ich natürlich mit dabei! Zum einen, weil ich die See und Geister mag, zum anderen, weil's mich wirklich interessiert, zum Dritten, wer seinen Mist ins Meer kippt, holt ihn gefälligst wieder raus, und für den Fall, dass uns kein Netz ins Netz geht, bin ich wenigstens auf dem Meer und bekomme kostenlos ein leckeres Fischgericht.
Das muss einem die 500 Kilometer lange Anfahrt dann schon wert sein. Auf der Fahrt dahin habe ich mir bei Audible Vince Ebert angetan, auf der Fahrt zurück wird mich Ulf Poschardt unterhalten dürfen. Mit etwas Laune und Zeit schreibe ich dann auch eine Rezension, und vielleicht berichte ich auch über die Geisternetze. So viel zum Hintergrund. Ich wollt's nur kurz erwähnt haben.
Sie hat mich geduzt, die Enkelin da
Das Hotel, in dem ich untergebracht bin, ist niegelnagelneu, so neu, dass die Betondecken nicht gestrichen sind und der Eingang so mehr intuitiv gesucht werden muss, was mir als Logiker umso schwerer fällt, da der Name des Hotels erst über dem Eingang steht, der ja erst gefunden werden muss, was mich eine Viertelstunde meines Lebens meinen Kram um mehrere Häuser tragen lässt.
Endlich drinnen empfängt mich eine wohltuende Spa-Atmosphäre mit so Ikea-Möbeln und Duftkerzen, hier haben sich freundliche und fühlige Innenarchitektsterncheninnen gedacht, dass es total grün ist, Duftkerzen anzuzünden, um den Geruch der Ikea-Möbel etwas abzumildern. Hey, das ist okay, ich zahle ja nichts dafür und habe schon in wesentlich abgeranzteren Buden aus den 80ern geschlafen.
Und dann kommt's: An der Rezeption steht ein junges Fräulein, schätzungsweise Anfang Zwanzig und sagt: „Hallo. Schön, dass Du da bist. Füllst Du bitte hier am iPad unser Meldeformular aus?“ Meine ohnehin schon etwas angespannte Laune nach 500 Kilometern Dacia-Fahrt mit Vince Ebert erreicht ebenso wie meine Zuckerkurve einen absoluten Tiefstand. Sie hat mich geduzt, die Enkelin da.
Ich schwanke. Im wahrsten Wortsinn. Denn eigentlich möchte ich sagen: „Für SIE immer noch SIE und 'Herr Schneider'.“ Aber ich kann nicht. Ich hatte das neulich schon in Köln, da haben sie den Schatz und mich auch in so einem nagelneuen Rohbetondeckenhotel geduzt, und der Schatz hat mir sofort die Hand auf den Rücken gelegt, damit ich nicht in Handschellen aus dem Hotel geschmissen werde, aber das war Köln und kein Kaff an der Nordsee. In Köln oder Berlin oder Hamburg mag das vertretbar sein, weil die alle den Arsch offen haben, aber hier? In Dingensabflusssiel? Hier, wo nur Rentner auf Leihfahrrädern und mit Nüsschenhelmen schlingernd wie Schiffe im Sturm durch die Dünen wanken?
„Duz oder stirb“
Ich brummele irgendwas wie „hmmja“ und gebe die Daten, die meiner Duzfreundin bereits vorliegen dürften, nochmals brav in das iPad ein. Ich ringe mit mir – oder, wie mein Redakteur sagen würde: „Ich hadere.“ Auf der einen Seite empfinde ich es als unhöflich, unverschämt und höchst übergriffig, von einer Person, die nicht einmal ein Namensschild trägt und mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit nicht mit mir verwandt oder verschwägert ist, aus dem Grünen heraus geduzt zu werden. Das kann sie im integrativ-ökologischen Sozialismuskurs für angehende Führungsoffiziere von Deutschlands retardiertester Partei oder den Grünens machen, aber ich bin in ihren Augen lieber ein gesiezter alter Depp als ein geduzter alter Depp. Das ist die eine Seite.
Die andere Seite ist, dass ich – obwohl rechter Autor – ein denkendes, soziales und fühlendes Wesen bin, das seine Mitmenschen vom Grunde her liebt. Wirklich. Sie KANN wahrscheinlich gar nichts dafür. Sie MUSS das tun. Die guten und glücklichen Menschen haben sie dazu unter Androhung des Entzugs des Soja-Latte und ihrer Lebensgrundlage dazu GEZWUNGEN. Wahrscheinlich hat sie, wie so manche Stripperin, zu Hause ein sechsjähriges Kind ohne Vater, das sie alleine durchbringen muss, das Blag will ja auch was essen und mal an die Ostsee in den Urlaub, da kann man nicht lange mit den Esoterikern da diskutieren, ob man seine alten Hotelgäste lieber mit „Du“ oder „Sie“ ansprechen will, da heißt es „Duz oder stirb“ und das rückt das Ganze dann schon in ein anderes Licht und da ist meine Verärgerung nur ein kleiner Preis für die Schulbildung des Knopfs, der vielleicht mal die Antigravitation oder dunkle Materie oder wenigstens ein politisch tragbares Konzept zur Verhinderung eines Kalifats in Deutschland erfindet. Wobei ich das mit der Antigravitation für wahrscheinlicher halte.
„Danke Dir“, sagt sie, als ich meine Daten brav eingegeben habe. Dann erklärt sie mir in einem Schwall an Information, dass ich mein Zimmer hier 50 Meter nach hinten, dann rechts und gleich wieder links am Ende des Ganges finde, es sich um einen codierten Zimmerschlüssel handelt, den ich erst ans Schloss halten und dann in den Stecker links neben der Tür, Frühstück dann vorne von 5.34 Uhr bis 10 nach sieben, vorne im „Lagunensaal“, für abends aber Tisch reservieren, geht über die Karte mit dem QR-Code, ob ich wüsste, wie das, ahja, gut, WLAN ist ungesichert, aber einfach nur auf „Alle Bedingungen akzeptieren“, dann wäre das schon, ja, das wär's und schönen Aufenthalt, das Spa finde ich übrigens im Keller, wo ich auch die Bademäntel stehlen, ja prima, bitte, danke.
Immerhin. In unserem Hotel kennt sie sich aus, meine kleine duzende Süßmaus. Ich hasse es. Aber ihr Kind! Ihr Kind!
(Weitere persönliche Animositäten des Autors unter www.politticker.de)
Von Thilo Schneider ist in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten.

Ähm, nette Story für einen Artikel, aber regeln Sie das doch einfach mit der Geschäftsführung des Hotels.
Der beste Hähnchen-Brater in meinem Landkreis ist ein Landsmann von Herrn Dener. Der duzt mich auch, weil er meint, daß die Kundenbeziehung dadurch enger würde. Natürlich fehlt ihm die Bildung Herrn Deners & er spricht maximal das Deutsch der Handwerker, die ihn aufsuchen. Kannte mal einen weiblichen Landsmann Herrn Deners, die in einer Vermögensverwaltung arbeitete. Auf die Frage, ob Sie Sich nicht einen Türkischen Mann suchen wolle, antwortete Sie, „mit diesem Pack will ich nichts zu tun haben.“ Das Pack wird im Deutschen ja auch zum Neutrum mutiert. Das wußte sogar Genosse Pack-Siggi. Da wäre die Antwort Herrn Schneiders an die junge Rezeptionistin noch ganz anders ausgefallen… „Geht es ihm gut? Oder soll ich für es einen Arzt rufen?“
Alle Firmen, wie etwa Otto, die mich duzen bekommen einen Beschwerdebrief und einen sofortigen Einkaufsstopp. Machen Sie mit, es hilft!
@Paul Peters. Ich sieze die Leute auch immer konsequent zurück. Allerdings raffen in meinem Fall nur wenige den Wink. Oder ignorieren ihn. Da kam es schon oft zu geradezu grotesken Situationen. Ich: Sie, Sie, Sie … Der/die/das andere: Du, du, du! Das geht einem dann natürlich noch mächtiger auf den Sack! Aber wie gesagt, manchmal werden ja bereits totgeglaubte Gepflogenheiten plötzlich wieder modern. Vielleicht werde ich später in der Demenz-WG wieder etwas förmlicher angeredet. Nur dann merke ich es wahrscheinlich noch nicht einmal mehr.
Noch etwas: Du A-Loch sagt sich leichter als Sie A-Loch! Und ich bin mir recht sicher, dass die Duzerei womöglich der Auftakt für die Infantilisierung und Bevormundung war, wie wir sie heute von vielen Politikern und Journalisten erfahren dürfen. Manche auf den ersten Blick harmlose Entwicklungen können andere, weniger harmlose Entwicklungen zur Folge haben. Wäre man beim Sie geblieben, wären die Leute untereinander vielleicht etwas respektvoller geblieben. Vielleicht würde man heute aber auch bloß als „SIE dummes A-Loch“ bezeichnet. Obwohl… immerhin.
Diese kleinen, duzenden Süßmäuse gibt es auch in den kleinen Städten bereits seit Jahrzehnten! Es müsste 2003 gewesen sein (ich war frisch aus der Schule raus und hatte noch keinen Schimmer davon, wie sehr ich mein Leben noch vertun würde) da wurden meine Mutter und ich von einer Bäckerei-Verkäuferin mit den freudestrahlenden Worten begrüßt „Naaaa, was wollt ihr?“ Wir waren damals etwas perplex, leisteten aber keinen Widerstand. Bis heute kann ich es nicht ausstehen, wenn Fremde mich auf diese Art und Weise ankumpeln. Es ist distanz- und respektlos. Aber ja, die Angestellten werden tatsächlich dazu angehalten ihre Gäste/Kunden zu duzen. Man hält das für hipp und angesagt. Dabei mögen es selbst viele Jüngere nicht, wenn Fremde sie einfach duzen. Aber das ist nun mal der beknackte Zeitgeist. Vielleicht kommen da bald wieder andere Zeiten.
Kulturverfall? In der deutschen Sprache gibt es einfach eine Höflichkeitsform! Punkt! Kulturmarxismus, Bildungssystem…!