Gunnar Heinsohn / 31.05.2014 / 07:06 / 6 / Seite ausdrucken

Russischer und ukrainischer Kriegsindex: Die Demografie arbeitet gegen Putin

Putin muss eine offene Invasion der Ukraine scheuen, weil seine Untertanen nicht einmal vierstellige Verluste hinnehmen werden. Der Autor hat diese Behauptung am 2. März – also zwei Wochen vor der Pseudo-Volksabstimmung auf der Krim - veröffentlicht (http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/call_putins_bluff). Bewirkt hat sie erwartungsgemäß nichts. Eine unmissverständliche Ankündigung Kiews, sich gegen eine Aggression zu wehren, hätte Moskau womöglich schon damals dazu bewogen, einen gesichtswahrenden Ausweg zu suchen.

Russland erwartet für 2015 einen Kriegsindex von 0,73. Er misst die Relation zwischen 15-19-jährigen Jünglingen, die in den Lebenskampf eintreten, und 55-59-jährigen Männern, die der Rente nahe sind. Es gibt also nur 73 Nachrücker für 100 frei werdende Positionen. In Deutschland rücken sogar nur 70 nach. Bei so sicheren Karriereaussichten verliert der Heldentod seinen Zauber, während die Tugend des Pazifismus immer mehr Anhänger gewinnt.

Gewiss schürt die Propaganda die russische Kollektivwut und auch martialische Gesänge tönen durchs Land. Doch ein „Putin, wir sterben für Dich“ wird kaum vernommen. In Syrien, wo für jeweils bevorzugte Führer solche Parolen nichts Ungewöhnliches sind, folgen auf 100 angehende Rentner 370 zornige junge Männer. Weil der Kriegsindex dort also fünfmal höher liegt als beim Verbündeten in Moskau, erreicht man bei nur einem Siebtel der russischen Bevölkerung sehr schnell sechsstellige Verluste. In Afghanistan, wo mit dem Warschauer Pakt (1979-1989) und der NATO-ISAF-Allianz (2001-2014) die beiden größten Militärblöcke der Geschichte ohne Sieg abziehen, folgen auf 100 Alte sogar 640 potentielle Krieger.

Der gewöhnlich gut informierte Kremlchef dürfte um die demografische Schwäche seines Landes wissen und auch den Unterschied zu seinen arabischen Freunden zumindest ahnen.  Die Führung in Kiew muss ebenfalls genau abwägen. Mit einem Kriegsindex von 0,8 kann auch die Ukraine keine längeren Kampfhandlungen aushalten. Aber sie kann den gerechten Zorn des Überfallenen ins Feld führen.  Die Aufständischen in Donezk allerdings haben ihr Heroismus-Potential maßlos überschätzt. Ihr „Verteidigungminister“ Igor Strelkow ist am 21. Mai unvorsichtig genug, seinen daraus erwachsenden Schock öffentlich zu machen: „Ich hätte nie gedacht, dass sich in der ganzen Region nicht einmal 1000 Männer finden, die bereit sind, ihr Leben zu riskieren.“

Wenn Kiew aus dieser späten Einsicht seiner Gegner ein Paket aus Härte gegen Mörder und Milde gegen Aufgebende schnürt, hat der Friede eine Chance.

Gunnar Heinsohn (*1943) lehrt Militärdemografie am NATO-Defense-College (NDC) in Rom.

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Franz Roth / 02.06.2014

Der Herr Kriegsdemograf sollte sich anstatt mit nachwachsenden 15- bis 19-jährigen Kämpfern ggf. auch mal mit der technologischen Seite von Streitkräften auseinandersetzen. Etwa mit der kriegsentscheidenden Frage der Luftüberlegenheit, der Reichweite der Artillerie und der schnellen Mobilität von Truppenverbänden. Oder dem Ausbildungsstand von Spezialkräften. Der sog. “Youth Bulge” mag (vielleicht) im arabischen oder afrikanischen Raum eine Rolle spielen, aber nicht dort, wo hochtechnisierte und hochspezialisierte Streitkräfte im Einsatz sind. Um einen Kampfjet zu fliegen braucht es keines “jugendlichen Kämpfers”, sondern eines hochqualifizierten Spezialisten. Spezialkräfte sind ebenso keine fanatischen Kämpfer sondern rational agierende und ebenfalls hochqualifizierte Elitesoldaten.

Sonja Margolina / 31.05.2014

Russland als Vielvölkerstaat könnte in Bezug auf den Bürgerkrieg-Index eine Anomalie darstellen. Die Geburtenraten in den kaukasischen Republike wie Tschetschenien und Ossetien sind viel höher als im Durchschnitt. Bei der Arbeitslosigkeit von über 60% können Männer leicht als Freischärler rekrutiert werden, was derzeit auch geschieht. Es mehren sich Berichte, dass in Donezk tschetschenische und ossetische Kämpfer eingetroffen sind. Ungeachtet schrecklicher Demokrafie hat Russland seit 1990 mehrere lokalen Kriege geführt. Derartige Selbstzerstörung hat durchaus Tradition

Daniel Oehler / 31.05.2014

Was im Artikel verschwiegen wird: Den demographischen Zusammenbruch nach Ende der UdSSR hat Russland unter Putin beendet. Offensichtlich haben viele ukrainische Soldaten keine Lust auf ihre Landsleute im Osten zu schießen. Dies erledigen rechtsradikale Fanatiker der “Nationalgarde” mit Unterstützung von Söldnern aus USA und Polen. USA, NATO und EU zeigen das Verhalten von kränkelnden Imperien, die ständig expandieren. Was hat der Westen erreicht? In Kiew wurde ein Oligarchenfreund durch einen Oligarchen ersetzt. In Kiew sitzen Nazis in der Regierung. Russland verbündet sich mit China. Russland und China tun sich zusammen, um den Petro-Dollar zu erledigen. Die Medien im Westen haben auf Grund ihrer extrem einseitigen Propaganda gegen Russland viel Glaubwürdigkeit verloren. Das gilt auch für die Achse.

Roland Tluk / 31.05.2014

“Eine unmissverständliche Ankündigung Kiews, sich gegen eine Aggression zu wehren, hätte Moskau womöglich schon damals dazu bewogen, einen gesichtswahrenden Ausweg zu suchen.” Als Stratege sage ich Ihnen, Ihre Annahmen sind idiotisch. Die russischen Generäle haben abgewogen und die Krim strategisch sinnvoll ohne Blutvergießen gehalten. Damit sind die USA bzw. die NATO in der Ukraine gescheitert. Trotz einiger Gasvorkommen im Meer, das Ölschiefer im Osten und die spärliche Kupfervorkommen, lohnt es sich nicht einen Krieg dafür zu führen. Die Messer die medial gewetzt werden. haben mit diplomatischen Ebene kaum etwas zu tun. Die Geburtstagparty Putins war ein voller Erfolg. Frankreich liefert gerade zwei Kriegsschiffe an Russland aus. Und ich wiederhole nochmals grundsätzlich: Kein Nationalstaat brauch noch eine große Armee. Die Technologie ist automatisiert, lediglich die Logistik ist noch personalaufwendig.

Thomas Heldman / 31.05.2014

“И на старуху бывает проруха” So lautet ein beliebtes russisches Sprichwort, das wörtlich bedeutet: “Auch eine alte Frau macht Dummheiten” und in der deutschen Fassung lautet es: “Alter schützt vor Torheit nicht”. Das gilt nun eindeutig für den Autor dieses befremdlichen Beitrags. Gunnar Heinsohn hat mit seiner Erläuterung des “Youth Bulge” einen Scoop gelandet, der anerkennenswert ist, wenngleich nicht so umwerfend originell, daß nicht auch andere darauf kommen können und vor ihm gekommen sind. Der statistische Schematismus, der im Fall dieser Theorie so berechtigt ist, paßt aber nicht überall, dann jedenfalls nicht, wenn dem Forscher das komplexere psychologische und historische Deutungsmuster fehlt. Was Heinsohn da über den sogenannten Kriegsindex in Russland fabuliert, geht an den entscheidenden Fakten vorbei. Zunächst einmal daran, daß die militärische Macht der Ukraine verglichen mit der russischen gegen Null geht. Kiews reguläre Armee ist so schwach und demotiviert, daß sie nicht einmal gegen die militärisch schwachen Föderalisten des Ostens eingesetzt werden kann und durch die rechtsradikal geprägten Freiwilligeneinheiten der Nationalgarde ersetzt werden mußte. Daß Heinsohn von den tatsächlichen Verhältnissen der Ukraine entweder keine Ahnung hat oder sie durch die Brille antirussischer Klischees sieht, verraten auch Einzelformulierungen wie diese: “Pseudo-Volksabstimmung auf der Krim” oder “Gewiss schürt die Propaganda die russische Kollektivwut und auch martialische Gesänge tönen durchs Land. Doch ein ‘Putin, wir sterben für Dich’ wird kaum vernommen.” Der Ablauf des Krim-Referendums wurde von über 150 westlichen Beobachtern einhellig als prinzipiell korrekt bezeichnet, und die Berechtigung der Bewohner dieser Halbinsel auf eine Loslösung von der Ukraine, der sie wider jede historische Berechtigung zugeschlagen worden waren, stehen für den Kenner der Landesgeschichte außer Zweifel. Des weiteren gibt es für Putin auch nicht den Hauch einer Notwendigkeit, von der russischen Bevölkerung kriegerischen Opfermut zu verlangen. Wenn Heinsohn hier den Ruf “Putin, wir sterben für dich” vermisst, dann ist das eine Projektion, die schon ans Absurde grenzt. Der russische Präsident wird vielmehr als ein Friedensbringer wahrgenommen, der die Krim vor dem mörderischen Chaos bewahrt hat, das jetzt im Donbas herrscht. Allerdings sollte sich Heinsohn mit seinem Faible für Zahlen einmal die hohen Zustimmungswerte anschauen, die Putin im ganzen Land auf Grund seiner Politik genießt, oder auch die Filmbilder der vor Freude weinenden Menschen bei seinen Reden über die Krim und auf ihr. Der letzte Satz Heinsohns lautet: “Wenn Kiew aus dieser späten Einsicht seiner Gegner ein Paket aus Härte gegen Mörder und Milde gegen Aufgebende schnürt, hat der Friede eine Chance.” Da kann man nur noch den Kopf schütteln und dem Autor raten, beim Youth Bulge zu bleiben.

Horst Holzen / 31.05.2014

Militärdemograf - Es gibt wirklich Berufe die “völlig” Überflüssig sind.

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