Kolja Zydatiss / 15.08.2022 / 14:00 / Foto: Achgut.com / 22 / Seite ausdrucken

Rushdie-Attentat: Ein Vorlagentext

Auch der jüngste Attentatsversuch auf den Schriftsteller Salman Rushdie könnte wieder zu genau dem kulturellen und moralischen Relativismus einladen, mit dem viele im Westen inzwischen gesegnet sind. Ein Vorlagentext.

Der britische Romancier Salman Rushdie hat einen Mordanschlag auf ihn, verübt bei einem öffentlichen Auftritt im US-Bundesstaat New York, mit schweren Verletzungen überlebt, und zuerst einmal sei festgehalten: Über die Motivlage wissen wir noch sehr wenig. Der Tatverdächtige, die Polizei nennt ihn Hadi M., könnte ein Trump-Anhänger sein, der ein Problem mit indischstämmigen Menschen hat, ein radikaler Tierschützer (vielleicht trug Rushdie Kleidungsstücke aus Leder), vielleicht war es eine Beziehungstat, womöglich haben wir es auch einfach mit einem Verrückten zu tun.

Komplett auszuschließen ist auch nicht, dass der Täter im Namen des sogenannten Islamismus handelte, wobei dieser Begriff natürlich hochproblematisch ist – die amtierende Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung Ferda Ataman etwa setzt ihn stets in Anführungszeichen, und die Neuen Deutschen Medienmacher*innen meinen: „Islamismus ist nicht verboten & kein Synonym für Extremist oder Terrorist.“ Die vom Staat für gut befundene und üppig geförderte Organisation mit Genderstern empfiehlt, statt von „Islamisten“ lieber von „Terrorverdächtigen“ zu sprechen. Dass der Islam bei dieser Reformsemantik wie Tau in der Morgensonne verschwindet, wird reiner Zufall sein.

Zudem sei festgehalten: Einen Menschen umzubringen, oder dies auch nur zu versuchen, ist natürlich nicht in Ordnung. GeradeWirAlsDeutsche™ haben diese moralische Lehre in den Dekaden seit dem Zweiten Weltkrieg komplett verinnerlicht, so sehr, dass viele von uns radikalpazifistische Sanftmut selbst von einem Volk erwarten, über das gerade eine mordende, folternde, plündernde und vergewaltigende Invasionsarmee herzieht. „Nie wieder Krieg!“ – wenn der Angegriffene sich immer sofort ergibt, ist das ein beinahe realistisches Ziel. Willkommen im Zeitalter der Ultrablitzkriege!

Aber wenn schon gekämpft werden muss, dann ist allerspätestens bei den sogenannten „schweren“ Waffen eine Grenze zu ziehen. Die gehören nicht in die Hände des besagten Volkes, das knappe zwei Flugstunden von uns entfernt lebt, meinen unsere Intellektuellen wie Jürgen HabermasRichard David PrechtMargot Käßmann und Ulrike Guérot. Und die sind gut, weil links, beziehungsweise letztere war es, bis sie vor kurzem die falschen, also rechte, Ansichten zum Umgang mit der Coronapandemie entwickelte.

Unsere Intellektuellen betonen allerdings bisweilen auch, dass Gewalt nicht immer gleich Gewalt ist. Exemplarisch sei hier der Moraltheologe Eugen Drewermann angeführt. Für den Paderborner (gut, weil 2005 aus einer progressiven Motivation heraus aus der Katholischen Kirche ausgetreten) ist der islamistische Terror nicht nur „die Waffe der Ohnmächtigen“, sondern sogar ein Zeichen von enttäuschter Liebe und ein Flehen nach Zugehörigkeit. 

Drewermann sagte diese verständnisvollen Worte im Zusammenhang mit den Terroranschlägen von 11. September 2001 – da wurden immerhin rund 3.000 unschuldige Menschen getötet. Wenn es uns vor diesem Hintergrund gelingen kann, unsere westliche, eurozentristische Perspektive für einen Moment aufzugeben und eine Meile in den Schuhen des geschundenen globalen Südens zu gehen, müsste es eine Leichtigkeit für uns sein, nicht überzureagieren auf ein bisschen Gemesser am Oberkörper eines dezidiert islamkritischen Schriftstellers.

Und ja, Rushdies Verächtlichmachung des Propheten Mohammed in seinem bekanntesten Werk „Die satanischen Verse“ (1988) ist problematisch. Das erkannte zum Beispiel auch der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter (gut, weil links). Im März 1989 schrieb er unter der Überschrift „Rushdies Buch ist eine Beleidigung“ in der New York Times unter anderem:

„Es ist unsere Pflicht, die Morddrohung zu verurteilen, das Leben des Autors zu schützen und das westliche Recht auf Veröffentlichung und Verbreitung zu achten. Gleichzeitig sollten wir sensibel sein für die Besorgnis und die Wut, die selbst unter den gemäßigteren Moslems herrscht. Ayatollah Khomeinis Angebot des Paradieses für Rushdies Mörder hat dazu geführt, dass sich Schriftsteller und Staatsvertreter in westlichen Ländern fast ausschließlich mit den Rechten des Autors beschäftigen. Obwohl Rushdies Freiheiten nach dem Ersten Verfassungszusatz wichtig sind, neigen wir dazu, ihn und sein Buch zu fördern, ohne anzuerkennen, dass es eine direkte Beleidigung für die Millionen von Moslems ist, deren heiliger Glaube verletzt wurde […].“

Gewiss, die Redefreiheit ist ein hohes Gut, mehr oder weniger, aber Redefreiheit heißt nicht Freiheit von Konsequenzen. Das haben, in diesen oder ähnlichen Worten, zum Beispiel Claus KleberLamya KaddorMargarete Stokowski und Angela Merkel festgestellt, alles wichtige Leute, die gut, weil links sind, oder zumindest nicht rechts.

Und bevor jetzt irgendein Schlauberger darauf verweist, dass Salman Rushdie doch indisch-muslimischer Herkunft ist, njet towarischtschi, so einfach ist das nicht. Auch People of Color können „gefährliche“, weil „westliche“ Ideen und Ideologien verinnerlicht haben. Das lernen wir in einem aktuellen Artikel von Julia Neumann, Libanon-Korrespondentin der guten, weil linken taz, über die feministische Aktivistin Masih Alinejad. Letztere kommt aus dem Iran, lebt aber inzwischen im amerikanischen Exil, von wo aus sie iranische Frauen ermutigt, den Hidschab abzulegen und davon ein Video ins Netz zu stellen, weshalb die käseweiße, deutsche Julia ihr eine Art falsches Bewusstsein attestiert. Übrigens war auch Alinejad bereits Ziel eines Attentatsplans, er wurde vom FBI vereitelt. 

Sie sehen: Moralischer und kultureller Relativismus ist doch gar nicht so schwer. Und wer nach wie vor mit ihm fremdelt, sei beruhigt: Wir alle werden in Zukunft wohl noch viele Gelegenheiten zum Üben haben.

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Thomas Szabó / 15.08.2022

Zitate aus dem Artikel von Julia Neumann: “Die Idee, dass weiße Männer Frauen of Color vor Männern of Color schützen können, stammt aus der Kolonialzeit.” Also wenn ein weißer Mann sieht wie eine schwarze Frau von einem schwarzen Mann missbraucht wird, dann soll er wegschauen. “Statt komplexe Themen zu Hause anzugehen, fokussierten sich amerikanische Fe­mi­nis­t*in­nen in den 1990ern auf plakative Anliegen in entfernten Regionen: Kopftuchzwang, Genitalverstümmelung, Femizide.” Komplexe Themen wie Gendern? Plakative Themen wie Mord? “Wer wirklich etwas für Frauen tun möchte, muss das Patriarchat bekämpfen – und steht damit vor einem Konstrukt aus globaler Politik, Kapital, Macht und Institutionen.” Kommunistisches Geschwätz. Kennt wer ein höfliche Formulierung für “blöde Kuh”?

Mathias Rudek / 15.08.2022

Moralischer Relativismus subsumiert sich unter dem Kulturellen Relativismus. Ich habe diesen kulturellen Relativismus immer zutiefst verachtet, weil er so selbstgerecht ist wie seine selbstgefälligen Protagonisten und in seiner Dummheit und trägen Narkolepsie auch noch brandgefährlich.

Dr. med. Jesko Matthes / 15.08.2022

An der Stelle sollte man Friedrich Merz das Wort erteilen.

Bernd Braun / 15.08.2022

Der Mordversuch an Salman Rushdie war nicht erfolgreich - Allah sei Dank.

Dieter Weingardt / 15.08.2022

Interessanter Artikel, Herr Zydatiss, ich habe schon richtig verstanden, dass Sie mit “mordende, folternde, plündernde und vergewaltigende Invasionsarmee” die Truppen des Putin und nicht etwa die 2015 mit Teddybären Beworfenen meinen?—Nur um ganz sicher zu gehen…

Thomas Szabó / 15.08.2022

Ich habe “Die Satanischen Verse” und weitere seiner Bücher gelesen. Ich kann Salman Rushdie als Autor nur empfehlen. Die Oberflächlichkeit der Kritik an seiner Person und an seinem Werk gleitet berührungslos über die Tiefe seines Schaffens hinweg. Ich bitte die Achse des Gute um einen Beitrag über Salman Rushdie in “Berühmte Querdenker”.

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