Viele Menschen nutzen die Zeit zwischen den Jahren, um Bilanz zu ziehen. Meist steht dabei die private Sphäre im Fokus: Wie lief das Jahr beziehungstechnisch? Wie steht es um meine Gesundheit? Bin ich beruflich weitergekommen? Wie entwickelte sich mein Kontostand? Die politisch Interessierten, die sich der Nation (noch) irgendwie verpflichtet fühlen, werden den Fragenkatalog möglicherweise wie folgt ergänzen: Wie hat sich unser Land entwickelt? In welchen Bereichen unseres Staatswesens gab es Fortschritte, was war früher besser? Der Betrachtungszeitraum schließt dabei üblicherweise die vergangenen zwölf Monate ein. Die Erinnerungen an das nun fast abgelaufene Jahr sind noch einigermaßen wach und können mit etwas konzentriertem Nachdenken zutage befördert werden. Sollte die Erinnerung an das erste oder zweite Quartal des Jahres bereits verblasst sein, dann können kurze Gespräche innerhalb der Familie oder mit Freunden dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Auch aus der archivierten E-Mail-Korrespondenz und den Chat-Verläufen lassen sich bei entsprechender Sortierung wichtige Ereignisse nachträglich rekonstruieren.
Selbst wenn es Ihnen gelingen sollte, ein Großteil des Jahres zu rekapitulieren, dann leidet die jährliche Bilanzierung dennoch in aller Regel unter einem zu kurzen Betrachtungszeitraum, denn zahlreiche Veränderungen entwickeln sich schleichend. Kleine, kaum sichtbare inkrementelle Veränderungen können sich, dem „boiling frog syndrome„ entsprechend, dennoch nach Jahren zu großen einschneidenden Veränderungen – mitunter sogar Katastrophen – entwickeln. Zudem neigen wir dazu, erst vor kurzem erlittene Niederlagen oder erfahrene Kränkungen überzubewerten, obwohl deren Auswirkungen auf längere Sicht oftmals kaum der Aufregung wert sind.
Versuchen Sie daher beim Bilanzieren Ihren Betrachtungszeitraum deutlich auszuweiten. Auf 10 oder 20 Jahre beispielsweise. Sie waren im Jahr 2005 noch gar nicht geboren? Schwierig. Sie brauchen diesen Artikel nicht weiterzulesen. Es ehrt Sie, dass Sie in Ihrem Alter schon die Achse lesen. Zu 2005 fallen Ihnen nur zwei Ereignisse ein: Schröder wurde abgelöst und Bayern München wurde Meister. Auch eher ungünstig. Überlegen Sie intensiv, an welchen Lebensabschnitt Sie sich noch relativ gut erinnern können. Den gibt es – bei jedem Menschen, das ist wissenschaftlich nachgewiesen (s. u.). Beim Autor dieser Zeilen sind das beispielsweise die Jahre um 1985. Wenn der geeignete Zeitraum identifiziert ist, dann suchen Sie sich noch ein bisschen externe Hilfe bei der Erinnerungsarbeit. Eine möglichst gleichaltrige Person, die im selben Kulturkreis aufgewachsen ist und Ihnen als Ideengeber und Diskussionspartner dienen kann.
In meinem Fall kam die externe Unterstützung vom ZDF. Ja, Sie haben richtig gelesen: Vom Zweiten Deutschen Fernsehen. Sie haben gut begründete Zweifel am Nutzen des ZDF? Auch das dürfte vom Betrachtungszeitraum abhängen. Lesen Sie daher trotzdem weiter! Über einen sehr speziellen und vor allem überraschend erkenntnisreichen Jahresrückblick möchte ich nachfolgend berichten.
Die popmusikalische Prägung
Ich bin leider vollkommen unmusikalisch und spiele kein einziges Instrument. Ich höre allerdings gerne Musik, insbesondere auch aus den 80er-Jahren. Alphaville, Depeche Mode, Duran Duran, FGTH, OMD, Propaganda, Pet Shop Boys, Ultravox – alles „Top Acts“, deren Alben in meinem Musikgedächtnis Spuren hinterlassen haben, um nur einige zu nennen. Auch für die Anfang der 80er-Jahre populäre „Neue Deutsche Welle„ habe ich mir eine Playlist angelegt: DAF, Döf, Extrabreit und Fehlfarben, was für ein Spaß. Ich oute mich hiermit sogar als Fan von „Italo Disco“, einer besonderen Stilrichtung innerhalb der damals hochgradig populären „electronic dance music“, die Mitte der 80er kommerziell sehr erfolgreich war, aber von Kritikern oftmals als „zu einfach“ und „zu eingängig“ abgewertet wurde. Interessanterweise teilt ein Ex-Kommilitone von mir seit damals diese wohl eher ungewöhnliche Musik-Leidenschaft. Vermutlich war unser Faible für die von Musikkritikern regelmäßig als „unterkomplex“ herabgewürdigte Italo Disco Musik eine Art Kontrastprogramm für die mit dem Ingenieurstudium verbundenen intellektuellen Herausforderungen.
Jetzt habe ich mich schon öfters gefragt, wodurch meine Begeisterung für die Musik aus den 80er-Jahren begründet ist. Der Streaming-Anbieter Spotify lieferte hierfür glücklicherweise erst kürzlich eine fachkundige Begründung im Rahmen eines für jeden Nutzer individuell erstellten Jahresrückblicks („Spotify Wrapped“). Laut Spotify handelt es sich hierbei um ein psychologisches Phänomen, den sogenannten „Reminiscence Bump“ (deutsch in etwa 'Erinnerungsschub' oder auch 'Erinnerungshügel'). Aus umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchungen habe sich ergeben, dass die Jahre im Alter zwischen 16 und 21 für das „popmusikalische Empfinden“ die prägendsten Lebensjahre seien. Dieser Effekt entstünde, weil diese Lebensphase durch bedeutende, emotionale Erlebnisse und neuartige Ereignisse geprägt sei. Das Gehirn speichere solche einzigartigen und emotional aufgeladenen Erfahrungen angeblich besonders stabil, was dann längerfristig zu einer verstärkten Erinnerbarkeit führe.
Mein „Reminiscence Bump“ deckte komplett die erste Hälfte der 80er-Jahre ab, daher scheint die psychologische Begründung für meine musikalischen Präferenzen schlüssig zu sein. Für viele Boomer waren die 80er im Rückblick die beste Zeit ihres Lebens.
Die goldenen Achtziger
Die jungen Leute waren spätestens ab Mitte der 80er-Jahre im Großen und Ganzen optimistisch und hatten Vertrauen in ihre Zukunft. Die Kriegsschäden waren beseitigt, die Infrastruktur im Land empfanden wir als modern und zuverlässig. In der stetig wachsenden Mittelschicht machte sich Wohlstand breit und der Arbeitsmarkt bot uns Berufseinsteigern weitgehend unabhängig vom Schulabschluss zahlreiche attraktive Optionen und vielfältige Aufstiegschancen. Der Einstieg in den motorisierten Individualverkehr war, sowohl auf zwei als auch auf vier Rädern, bezahlbar und eröffnete völlig neue Freiheiten, die wir auch umfangreich nutzten. Deutsche Spitzensportler wie Boris Becker, Michael Groß und Bernhard Langer fuhren international Erfolge ein, was uns mit einem gewissen Stolz erfüllte und in viele Lebensbereiche hinein eine motivierende Wirkung erzielte.
Den heute viel diskutierten Begriff „Sicherheitsgefühl“ kannten wir damals noch nicht. Unsere Hauptsorge beim Verlassen einer Kneipe spät nachts galt auch nicht dem „Stadtbild“, sondern der Option, auf dem Fußweg zum Auto noch einen Bekannten zu treffen, der einen rhetorisch gekonnt zu einem weiteren „Southern Comfort“ oder „Apfelkorn“ überreden würde. Mit „Messerfachkräften“ kam man lediglich ein- bis zweimal im Jahr in Kontakt, wenn irgendwelche obskuren „Scherenschleifer“ an der Türe klingelten und ihre oftmals überteuerten Dienste den Privathaushalten anboten. Eine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben ging von diesen Begegnungen eher nicht aus.
Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass der Anfang der 80er-Jahre von großen Spannungen zwischen den beiden militärischen Blöcken NATO und Warschauer Pakt überschattet war. Wie erst Jahrzehnte später bekannt wurde, schrammte die Welt im November 83 recht knapp an der globalen Apokalypse vorbei (siehe NATO-Kommandostabsübung Able Archer 83.) Ich kann mich heute allerdings nicht mehr daran erinnern, dass uns die geopolitischen Spannungen im Teenager-Alter damals ernsthaft tangierten. Geopolitik lag noch nie im Fokus des politischen Interesses von Jugendlichen, zudem wurden im „Kalten Krieg“ manch besorgniserregende politische Entwicklungen nicht öffentlich bekannt gemacht oder unterlagen explizit der Geheimhaltung.
Die in den 80ern insbesondere auch unter den Jugendlichen herrschende positive Grundstimmung wurde zusätzlich befeuert durch eine außergewöhnlich kreative und innovative Musikszene, die anfangs primär aus dem Vereinigten Königreich zu uns herüber schwappte. In der Folge wurden zahlreiche großartige Bandprojekte in Deutschland, aber auch in anderen Ländern Westeuropas gegründet. Ich kann mich heute noch daran erinnern, wie Klassenkameraden regelmäßig neue Maxi-Singles mit in die Schule brachten und wir uns gemeinsam an neuen Musik-Kreationen erfreuten. Zahlreiche Tourneen der Mega-Stars brachten in den 80ern zudem die Gelegenheit, die Pop- und Rock-Idole live zu erleben. Ich erinnere mich heute noch gerne an spektakuläre Konzerte von Depeche Mode zurück, die durch die Kooperation der Band mit dem niederländischen Künstler Anton Corbijn zu wahren Kunstinstallationen mutierten. Nach dem Besuch der Konzerte mussten sich regelmäßig zahlreiche Besucher für 24 Stunden zuhause in einem abgedunkelten Zimmer einschließen, um ihren überlasteten Gehirnen eine Chance zu geben, all die audiovisuellen Eindrücke geordnet verarbeiten und strukturiert ablegen zu können. Genau das war die Zeit, in der im Sinne des „Reminiscence Bumps“ zahlreiche Verknüpfungen zwischen besonderen persönlichen Erlebnissen oder zeitgeschichtlichen Ereignissen und der dazu damals aktuell angesagten Musik im Gehirn angelegt wurden.
Per Zufallsfund auf Zeitreise
Um meine diversen Playlists im Vorfeld längerer Autofahrten zu aktualisieren, mache ich mich gelegentlich spät abends im Internet auf die Suche nach neuen Titeln. Youtube liefert hierzu gutes Material. Es ist immer wieder beeindruckend, was für ausgefallene „Compilations“ mit Musikvideos von einzelnen Nutzern hochgeladen werden. Ist der Titel eines Songs identifiziert, lässt er sich bei den einschlägigen Musik-Streaming-Diensten meistens auch in der Datenbank finden.
Vor kurzem habe ich auf Youtube gezielt nach Musik-Hitparaden, „Best Of“ und „Top-100“ Zusammenstellungen aus der Mitte der 80er Jahre gesucht. Dabei wurde mir an einer nachgeordneten Listenposition das Video „Album 1985 – Bilder eines Jahres“ vorgeschlagen. Die ZDF-Sendung kam mir bekannt vor. Ein Mausklick – und nach einem kurzen Intro befand ich mich zurück im Januar 85, inmitten „eines schönen, aber harten Winters.“ 84/85 war der neunt-kälteste Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, halb Europa lag für Wochen unter Schnee und Eis und an einigen Tagen fiel das Thermometer in Süddeutschland tatsächlich bis auf minus 30 Grad. Ich erinnere mich an diese Zeit noch genau, da ich ausgerechnet im Winter 84/85 das Vergnügen hatte, meine Grundausbildung bei der Bundeswehr an einem Standort in Bayern im Regierungsbezirk Schwaben ableisten zu dürfen. Ich verfolgte das Video noch gute zehn Minuten weiter und war überrascht, wie sehr mich das Bildmaterial emotional bewegte. Kein Wunder, denn 1985 befand ich mich noch inmitten meines „Reminiscence Bumps“, entsprechend hoch daher heute noch die Erinnerungsdichte. Durch den Jahresrückblick fühlte ich mich in diese Zeit zurückversetzt und versuchte unweigerlich mir vorzustellen, wie ich damals, am Silvestertag 1985, im elterlichen Wohnzimmer als junger Erwachsener vor dem Fernseher gesessen bin. Meine mit dem Betrachten der Bilder des Jahres verbundenen Gefühle waren schwierig zu klassifizieren. Der Rückblick auf diese weit zurückliegende Zeit war aufwühlend, zum Teil war mir geradezu mulmig zumute. Als wenn beim Aufräumen überraschend alte Fotos einer längst vergessenen Liebschaft wiederentdeckt werden.
Ich nahm mir vor, diese besondere Zeitreise fortzusetzen und mich am nachfolgenden Wochenende ausführlich mit dem ZDF-Jahresrückblick der 80er-Jahre zu beschäftigen.
Bilder vergangener Jahre
Der Jahresrückblick des ZDF, der unter dem Titel „Album [Jahreszahl] – Bilder eines Jahres“ läuft, ist eine seit dem Jahr 1981 ausgestrahlte knapp einstündige Sendung mit den wichtigsten Fernsehbildern des jeweils abgelaufenen Jahres. Die Sendung ist in zwölf jeweils zwischen vier und fünf Minuten lange Abschnitte („Monatsblöcke“) unterteilt und zeigt im Rückblick chronologisch die wichtigsten Ereignisse des Weltgeschehens, die gelegentlich – zur Auflockerung – mit vollkommen unwichtigen und zeitgeschichtlich irrelevanten Nachrichten aus der Welt des Nonsens und der Trivialitäten ergänzt werden. Eine einzelne Meldung erhielt im Schnitt ca. 30 Sekunden Sendezeit. Ausgestrahlt wurde die Sendung zumindest in den 80er-Jahren traditionell kurz vor Jahresende, in der Regel nachmittags am 31. Dezember.
Der ZDF-Jahresrückblick geht laut Wikipedia auf den Fernsehjournalisten Karlheinz Rudolph (*1923, gest. 1994) zurück, der seine berufliche Karriere 1950 als Reporter beim Südwestfunk in Baden-Baden begann und es 1984 zum stellvertretenden Chefredakteur beim ZDF brachte. Rudolph kommentierte die gezeigten Bilder in den Anfangsjahren der Sendung mit seiner sonoren und sehr charakteristischen Stimme persönlich. Er kommentierte äußerst zurückhaltend, ließ primär die Bilder sprechen – im besten Sinne eines (Foto-) Albums. Rudolph verfügte über die im Medienbusiness bis heute so selten vorzufindende Gabe, Sachverhalte, deren Vermittlung vermeintlich mehrere Sätze erfordern sollte, mit einem einzigen prägnanten Wort zusammenzufassen. Der im Vorspann der Sendung verwendete Begriff „Anmerkungen“ war durchaus treffend gewählt: Rudolph kommentierte nicht wie Hunderte andere, er merkte an. Ihm zuzuhören war daher ein besonderer Genuss. Als die Sendung Ende 1990 erstmals nicht mehr von Karlheinz Rudolph kommentiert wurde, war die Enttäuschung bei vielen Zuschauern groß. In den Folgejahren wurden die Kommentatoren der Sendung vom ZDF ähnlich häufig gewechselt wie die Fußball-Trainer beim FC Schalke 04, dem VfB Stuttgart oder dem 1. FC Köln. Ein eindeutiger Indikator, wie schwer es doch bis heute ist, in die Fußstapfen des großen Vorbildes aus den 80er-Jahren zu treten.
Einen hohen Bekanntheitsgrad erzielten im Laufe der Jahre auch die Feuerwerksaufnahmen, die mit Musik vom griechischen Komponisten Vangelis untermalt zu Beginn der Sendung als Intro und am Ende im Abspann gezeigt wurden. Intro- und Abspann-Musik blieben bis 1998 unverändert, entwickelten sich dadurch gewissermaßen zum Klassiker. Kultstatus erreichten zudem die zwischen den Monatsberichten verwendeten ca. sieben bis acht Sekunden langen Zeichentrick-Sequenzen („Animationstrailer“) zur Einleitung des jeweiligen Monats, die ebenfalls von sphärischen Klängen von Vangelis flankiert wurden.
Der allererste Jahresrückblick, die Sendung von 1981, galt als der schlechteste, weil er dann doch zu sparsam kommentiert war. Rudolph hätte dazu angemerkt: Startschwierigkeiten.
Risikobehaftetes Familien-Event
Der ZDF-Jahresrückblick war in meiner Jugendzeit in den 80er-Jahren eines der Fernseh-Ereignisse des Jahres. Bereits ab dem 2. Weihnachtsfeiertag setzte eine gewisse Vorfreude ein, auf die Eröffnungsszenen des Albums wurde förmlich hin gefiebert. In den sechs Jahren von 1984 bis 1989, als der Jahresrückblick exakt am 31. Dezember ausgestrahlt wurde, war die Sendung fester Bestandteil unserer Tagesroutine vor dem obligatorischen Silvester-Fondue. Der Jahresrückblick gehörte zu den wenigen Sendungen, die wir als Teenager damals noch mit den Eltern gemeinsam angesehen haben, neben „Einer wird gewinnen“ (abgekürzt EWG) mit Hans-Joachim Kulenkampff und den Spielen der Fußball-Nationalmannschaft. Selbst kleinere Kinder wollten dabei sein, wobei deren Interesse am Album primär den liebevoll gestalteten Zeichentrick-Einlagen zwischen den Abschnitten galt. Besonders beliebt war beim Nachwuchs der kurze Trailer zum Monat September mit dem Apfelbaum und der darunter durchlaufenden Igelfamilie. Für so manches naturwissenschaftlich begabte Grundschulkind dürfte damit der Einstieg in die Newtonschen Gravitationsgesetze gelegt worden sein.
Im Anschluss an die Sendung gab es in vielen Familien regelmäßig lebhafte Diskussionen über die inhaltliche Gestaltung. Während die einen beklagten, dass vermeintlich wichtige Nachrichten von den Machern der Sendung nicht berücksichtigt wurden, kritisierten andere das mit der Ausstrahlung verbundene Attribut „relevant“ für einzelne Meldungen als ungerechtfertigt. Bei der Beurteilung der Sendung kamen zwangsläufig auch parteipolitische Präferenzen zum Vorschein und es konnte schnell hitzig werden. Die in den 70er-Jahren vom WDR produzierte Fernsehserie „Ein Herz und eine Seele“ dürfte bei der Darstellung der Diskussionskultur westdeutscher Familien verdammt nahe die Lebenswirklichkeit abgebildet haben. Es soll Familien gegeben haben, die sich unmittelbar nach der Ausstrahlung des Jahresrückblicks so verstritten haben, dass Teile der extra angereisten Verwandtschaft noch vor dem Anheizen der Herdplatten für das Abendessen bereits wieder die Rückreise antraten. Auch ich erinnere mich an ein kurzes, aber intensives Wortgefecht zwischen meinem Vater und seiner aus Köln zugereisten Schwester anlässlich des Rückblicks auf die Bundestagswahl im Januar 1987. Den Rest des Silvesterabends wurde verdächtig wenig gesprochen und es herrschte eine unangenehm gedämpfte Stimmung im Haus. Einige Flaschen Alkoholika blieben überraschend ungeöffnet und konnten quasi als „Rückstellungen“ ins neue Jahr hinübergerettet werden.
Insgesamt bestand damals unter den Zuschauern weitgehend Konsens, dass die Sendung gut und wichtig ist. Dennoch hinterließ der ZDF-Jahresrückblick regelmäßig gemischte Gefühle. Da spielte zum einen die Betroffenheit in Anbetracht der Bilder zu den zahlreichen (Natur-) Katastrophen im abgelaufenen Jahr und all dem damit verbundenen Leid und Elend eine Rolle. Zum anderen stellte sich noch vor dem Röhrenfernseher sitzend die durchaus deprimierende Erkenntnis ein: Vorbei – wieder ein Jahr vergangen. Und man begann im Rückblick die vermeintlich verpassten Chancen leise zu zählen. Gleichzeitig setzte ein gewisses Unbehagen über die Ungewissheit ein, welche Herausforderungen und Überraschungen das am nachfolgenden Tag beginnende neue Jahr für einen persönlich bereithalten möge. Der ZDF-Jahresrückblick war für Menschen, die zwischen den Jahren generell zu einer depressiven Grundstimmung neigten, eher kontraproduktiv.
Trendforschung
Meine nachfolgenden Ausführungen beziehen sich ausschließlich auf die in den 80er-Jahren gesendeten Rückblicke, d. h. auf die Alben 1981 bis 1989. Ein lang zurückliegendes Jahrzehnt des eigenen Lebens anhand von neun TV-Sendungen mit knapp 1000 (in Worten „eintausend“) Einzelnachrichten erneut gedanklich und – zumindest ansatzweise – auch emotional im Schnelldurchlauf zu durchleben, ist eine interessante Erfahrung. Durch das Bildmaterial wurden zahlreiche lange vergessene Kindheitserinnerungen wieder in mein Bewusstsein befördert. Interessanterweise konnte ich mich beim Betrachten zahlreicher Nachrichten genau erinnern, an welchem Ort und mit welchen Leuten ich exakt am Tag des Ereignisses zusammen gewesen bin. Auch erinnerte ich mich plötzlich an mir damals nahestehende Personen, deren Namen mir Jahrzehnte entfallen waren.
Bereits beim Anschauen des ersten Albums von 1981 habe ich das Abspielen regelmäßig unterbrochen, um weitere Hintergrundinformationen zu recherchieren. Bei der Gelegenheit begann ich Notizen anzufertigen, um meine Erkenntnisse im Nachgang strukturieren und zusammenfassen zu können. Dabei war schnell zu erkennen, dass der Rückblick auch so manche interessanten Informationen zur Beurteilung aktueller gesellschaftlicher Probleme liefert.
Beginnen wir die Auswertung mit ein paar Zahlen zur Sendung: Die Jahresrückblicke waren zwischen 50 und 60 Minuten lang. Eine Ausnahme hiervon bildete die Folge von 1989 mit insgesamt 70 Minuten. Das ZDF spendierte 1989 zurecht zehn Minuten zusätzliche Sendezeit, um die wahrlich historischen Ereignisse der zweiten Jahreshälfte durch eine ausführliche Berichterstattung angemessen zu berücksichtigen. Mit fast zehn Minuten kam dem Monat Oktober 89 im ganzen Jahrzehnt am meisten Aufmerksamkeit zuteil.
In den neun von mir betrachteten Folgen wurden, wie bereits erwähnt, insgesamt fast 1000 Nachrichten thematisiert, d. h. etwas über 100 Nachrichten pro Sendung. Als Einzelnachricht gelten für mich hierbei Filmsequenzen, die sich einem klar abgegrenzten Nachrichtenthema widmen. Dabei halte ich es für unerheblich, ob die Nachricht an einem oder an mehreren Orten generiert wurde. Bilder beispielsweise zum „Hochwasser in England und anderen Teilen Europas“ (Januar 82) stellen für mich genau eine einzige Nachricht dar. Um ein gewisses Verständnis für die Arbeitsweise der verantwortlichen Redaktion sowie um ein Gefühl für deren spezifische Sicht auf das Weltgeschehen zu erlangen, habe ich versucht die einzelnen Meldungen grob zu kategorisieren. Die Betonung liegt hierbei auf grob, denn eine intensive Auseinandersetzung wäre schnell zeitaufwändig.
Aus der Kategorisierung lassen sich einige interessante Aspekte ableiten: Etwas über 500, d. h. über die Hälfte der Meldungen können eindeutig dem Themenbereich „Politik“ zugeordnet werden. Innenpolitik (118 Meldungen), Ost-West-Beziehungen, insbesondere auch Beziehungen zur DDR (41), Außenpolitik und Meldungen politischer Ereignisse im Ausland (314), insbesondere das Dauerthema Naher Osten (39). An zweiter Stelle kommt die Kategorie Spaß/Unterhaltung (98). Hierunter habe ich nicht Meldungen aus der Unterhaltungsindustrie kategorisiert, sondern der Auflockerung der Sendung dienende Belanglosigkeiten wie z. B. einen Skateboard fahrenden Hund in Australien, eine „Froscholympiade“ in Kalifornien oder eine Monster-Truck-Show in Arizona. Überraschende 71 Meldungen bringen das Wetter auf Platz 3 im Themenranking. An vierter Stelle folgen Meldungen aus dem Themenkomplex Film, Kultur, Literatur und Musik (54). Die Hälfte davon wurde dem Gedenken verstorbener Künstler gewidmet.
Halten wir fest: Der ZDF-Jahresrückblick war im Betrachtungszeitraum primär ein politischer Rückblick. Sowohl in meiner Familie als auch in meinem Umfeld bestand in den 80er-Jahren dennoch großes Interesse an der Sendung. Dies deutet darauf hin, dass die Bürger damals, im Jahrzehnt vor der Wiedervereinigung, politisch sehr interessiert waren. Die mit durchschnittlich 87 Prozent sehr hohe Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen in den 80er-Jahren scheint diesen Sachverhalt zu bestätigen.
Top-Ereignisse in den 80ern
Nach Sichtung der neun Alben der 80er-Jahre habe ich mich in Anbetracht der Nachrichtenflut (1000 Meldungen) selbst gefragt, welche Ereignisse für mich im Rückblick von zentraler Bedeutung waren, was mich im betrachteten Jahrzehnt am meisten beeindruckt bzw. bewegt hat. Die nachfolgende Auswahl ist natürlich vollkommen subjektiv. Die Liste möge dennoch als Appetitanreger dienen, in den Alben ausgiebig zu stöbern. Als Text neben der Jahreszahl ist die entsprechende Anmerkung von Karlheinz Rudolph wiedergegeben. Das Lesen der Zitate unterbrechen Sie an den Satzzeichen am besten mit einer jeweils drei Sekunden dauernden Pause. Dann sind Sie im „Rudolph-Modus“.
- Oktober 82: „Die Wende. Helmut Kohl, 52, der 6. und bisher jüngste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland“.
- Januar 86: „Die amerikanische Raumfähre Challenger. Start wie aus dem Bilderbuch. 60 Sekunden später die Katastrophe.“
- Mai 86: „Ukraine: Tschernobyl. Explosion und Brand im Atomreaktor.“
- Mai 87: „Moskau: Die Landung des Jahres. Mathias Rust fliegt unbehelligt.“
- Juni 87: „Der Präsident an der Mauer und sein Appell an Herrn Gorbatschow das Tor aufzumachen.“
- August 88: „Ramstein Airbase: Flugtag. Die Tollkühnen aus Italien. Dann wird das Volksfest in Sekunden zur Katastrophe.“
- Juni 89: „Peking: Schießbefehl. Panzer statt Reformen.“
- September 89: „Prag: Am Scheideweg. Im Garten der Botschaft ist Aussicht auf ein besseres Leben.“
- November 89: „Berlin: Nach 28 Jahren! Herbeigesehnt und nicht erwartet: Die Grenze ist offen.'„
Früher war alles besser
Die deutsche Wiedervereinigung ist sicher das dominierende politische Thema der 80er-Jahre. Den Vereinigungsprozess bis zu seiner Vollendung nochmals am Bildschirm schrittweise mitverfolgen zu können, ist hochgradig spannend, zumal noch im Jahr 1983 kaum etwas auf ein mögliches Gelingen hindeutete. Die „große“ Politik der 80er-Jahre möchte ich hier bewusst nicht weiter kommentieren, denn das können Politikwissenschaftler und Historiker viel besser. Ich möchte lediglich ein paar besondere Nachrichten unsortiert und ohne Priorisierung anführen, die mir als am Zeitgeschehen interessiertem Bürger bei der Sichtung der Jahresrückblicke spontan aufgefallen sind. Die häufig gemachte Aussage, dass früher alles besser gewesen sei, ist definitiv nicht haltbar.
- Im berühmten Kältewinter 84/85 wurde im Januar 85 in Teilen des Ruhrgebietes „Smog-Alarm“ ausgerufen. Die Luftqualität war so schlecht, dass Fahrverbote verhängt werden mussten.
- Auch in den 80er-Jahren hatten einzelne Branchen in unserer Wirtschaft mit existentiellen Krisen zu kämpfen und zahlreiche Arbeitsplätze gingen verloren. Der Niedergang des Schiffbaus (insbesondere im Jahr 1983) erinnert an die aktuelle Krise in der Automobilindustrie. „Zu hohe Löhne – und andere Länder subventionieren ihre eigenen Unternehmen stärker.“ Die Begründung kommt bekannt vor.
- Die „Startbahn West“ am Flughafen Frankfurt wurde sportliche 26 Jahre nach Planungsbeginn im April 84 fertiggestellt. Infrastrukturprojekte dauern in Deutschland wohl schon immer etwas länger. Sowohl der Flughafen Berlin Brandenburg (14 Jahre) als auch das Bahnprojekt Stuttgart 21 (über 15 Jahre) wurden/werden im Vergleich dazu zügig realisiert. Wozu aufregen?
- Bei der Fußball-WM 1986 machte der Argentinier Diego Maradona im Viertelfinale ein entscheidendes Tor mit der Hand. Heute hätte ihm der „Video Assistant Referee“ (abgekürzt VAR) ganz schnell die Ohren langgezogen.
- Unsere Polizisten mussten früher eine furchtbar hässliche grüne Uniform mit beige-braunen Hosen tragen. Einen Polizeibeamten mit „Herr Oberförster“ zu begrüßen, war insbesondere unter uns Motorrad fahrenden und Otto Waalkes verehrenden Jugendlichen nicht unüblich. Modisch betrachtet war der Vergleich sicher nicht unangemessen, die Grußformel wurde von den Beamten damals dennoch ungern gehört.
Wanderpräsidenten, Ehrenhäuptlinge und andere Auffälligkeiten
Dem Wetter widmete die Redaktion der Jahresrückblicke eine überraschend große Aufmerksamkeit. Ein Klimatrend lässt sich aus der Nachrichtenlage allerdings nicht ableiten. Insgesamt war es 17-mal zu kalt, 11-mal zu warm, weitere 11-mal zu trocken, 20-mal zu nass und 12-mal zu stürmisch auf der Welt. Neben halbnackten Samba-Tänzerinnen beim Karneval in Rio (beachtliche 8 Meldungen) übten auch Vulkanausbrüche auf die Macher der Sendung eine erhebliche Faszination aus: Immerhin 7-mal wurde darüber berichtet. Meist mit spektakulären Bildern, was den Meldungen durchaus einen gewissen Unterhaltungscharakter gab.
Recht häufig fand die Landespolitik Berücksichtigung in der Berichterstattung. Das erscheint wenig verwunderlich, schließlich stand in den zehn Bundesländern immer irgendwo eine Landtagswahl auf der Agenda (zzgl. Abgeordnetenhaus West-Berlin). Auch für die Rubrik Skandale lieferte die Landespolitik so manche Beiträge, die „Barschel-Affäre“ in Schleswig-Holstein markierte 1987 den traurigen Höhepunkt. Jetzt bin ich grundsätzlich ein überzeugter Anhänger des Föderalismus. Ich muss allerdings ehrlich gestehen, dass die Landespolitik aus der zeitlichen Distanz irgendwie befremdlich, fast schon lächerlich wirkt – im wahrsten Sinne des Wortes wie ein Politiktheater mit der Aufführung „Politik als Selbstzweck“ in der Endlosschleife. Neun Stunden TV und knapp 1000 Meldungen später steht die klare Erkenntnis: Die politischen Entscheidungen, die für unser Leben von Bedeutung sind, passieren auf Bundesebene und in der internationalen Diplomatie zwischen den Nationen. Die 80er-Jahre liefern hierzu im Rückblick ein Paradebeispiel. Im Zuge einer Modernisierung unseres Landes sollte bei einer Staatsreform auch das Thema Bundesländer angegangen werden. 16 Bundesländer braucht niemand. Um die übliche Wortwahl eines bekannten deutschen Politik-Bloggers zu übernehmen: Sechs können weg.
Weitere Auffälligkeiten:
- Sowohl der Papst als auch die diversen europäischen Königshäuser wurden jeweils fast 20-mal in der Berichterstattung berücksichtigt. Es ist zu bezweifeln, ob diese Institutionen heute noch einen vergleichbar hohen Stellenwert in der Gesellschaft genießen.
- Der Bundestag in Bonn war bei den Sitzungen entgegen der heute üblichen Leere immer randvoll besetzt. Dies könnte tatsächlich Verschwörungstheoretiker bestätigen, die das politische Geschehen heute nur noch für eine „Demokratie-Simulation“ halten.
- Bundespräsident Karl Carstens ging gerne wandern – und niemand nahm Anstoß daran, im Gegenteil. Heute werden Wanderfreunde schnell in die rechte Ecke geschoben. Warum eigentlich? Darf man Literatur von Henry David Thoreau noch im Bücherregal haben? Thoreau ging auch gerne wandern, schrieb sogar darüber.
- Beim Wirtschaftsgipfel 1981 in Ottawa saß Bundeskanzler Helmut Schmidt beim Dinner direkt neben US-Präsident Ronald Reagan am Tisch. Würde unserem aktuellen Bundeskanzler am Tisch von Donald Trump heute die gleiche Ehre zuteil?
- Im Januar 83 mussten zwei Millionen illegale Einwanderer Nigeria „auf einen Schlag wieder verlassen“, weil es den 50 Millionen Bürgern Nigerias „selbst schlecht geht“. „Völkerwanderung auf Befehl“ kommentierte Karlheinz Rudolph. Remigration wurde damals recht unaufgeregt als wirtschaftliche Notwendigkeit betrachtet und das Thema war ganz offensichtlich noch nicht so emotional aufgeladen.
- Bundespräsident Richard von Weizsäcker besuchte im Jahr 1987 als „Ehrenhäuptling“ Indianer in Bolivien. Er wurde von den Einheimischen freundlich begrüßt und gefeiert. Niemand störte sich daran.
Beenden möchte ich diese Aufzählung mit dem Auszug aus einer Rede von Bundeskanzler Helmut Schmidt, der von der Bevölkerung heute noch zurecht als der bedeutendste Kanzler angesehen wird. Schmidt las seiner Partei auf einem Sonderparteitag im Oktober 83 die Leviten – unter Verwendung eines Zitats von Heinrich Heine:
„Franzosen und Russen gehört das Land, das Meer gehört den Briten. Wir aber besitzen im Luftreich des Traums – die Herrschaft unbestritten.“
Gänsehaut. Immer noch aktuell.
Wirtschaftswunder ohne Wirtschaft
Rudolph war erfreulicherweise ein Freund offener Worte: Was er bekloppt fand, bezeichnete er auch als „bekloppt“. Ein offensichtlich verwahrloster Stadtbezirk wurde von ihm im Album als „heruntergekommenes Viertel“ dokumentiert, ohne Rücksicht auf (internationale) Befindlichkeiten (Oktober 85, Randale in Birmingham/UK). Rudolph konnte auch mit der eigenen Branche hart ins Gericht gehen („Tollhaus“), beispielsweise anlässlich der äußerst fragwürdigen medialen Berichterstattung zur Geiselnahme von Gladbeck (August 88). Wie auch damals schon unter Journalisten üblich, zeigte er in seinen politischen Ansichten einen gewissen Linksdrall. Eine Verehrung von Brandt und Schmidt ist in den Alben spürbar, von Helmut Kohl hingegen wurden mehrfach eher ungünstige Aufnahmen zu den Jahresrückblicken beigesteuert. Dennoch erscheinen die Sendungen im Vergleich zu heute politisch noch einigermaßen ausgewogen. Rudolph hat auch nie versucht, seine Zuschauer zu belehren.
Nach so viel Lob darf aber auch Kritik nicht fehlen. Wo viel Licht ist, da ist leider auch Schatten. Beim Zählen der kategorisierten Meldungen fiel mir auf, dass das Thema „Wirtschaft“ in den neun Stunden Filmmaterial kaum vertreten war, denn auf mehr als ungefähr 20 bis 25 Meldungen zu Wirtschaftsthemen kam ich nicht, unabhängig davon, wie großzügig ich die Grenzen bei der Kategorisierung legte. Ganze zwölf Minuten Wirtschaft in neun Stunden Berichterstattung – eine der wichtigsten Säulen unserer Gesellschaft wurde in den Jahresrückblicken fast komplett ignoriert.
Zudem war die Meldungsauswahl recht befremdlich: Wirtschaft wurde bis auf ganz wenige Ausnahmen durchweg negativ konnotiert: Hunger und Proteste unter Arbeitslosen; Bauern, Werft- oder Stahlarbeiter in Existenzangst; Werft-, Werks- und Zechenschließungen; Wirtschafts-Betrug; Wirtschafts-Skandal; Angst vor Billigimporten usw. Gerne gezeigt wurden auch Arbeiter und Angestellte im Arbeitskampf. Ob Warnstreik, Streik oder Werksbesetzung: Alles, was in Richtung „Klassenkampf“ ging, hatte Chancen im Jahresrückblick Sendezeit zu erhalten. Die Themenauswahl wirkt heute im Rückblick wahrlich grotesk, als wäre die Redaktion zumindest in Wirtschaftsfragen gedanklich am Ende des 19. Jahrhunderts stecken geblieben. Dabei hätte es reichlich Material für eine Berichterstattung über die insgesamt erfreuliche wirtschaftliche Entwicklung im Lande gegeben. Mit der betrieblichen Realität in den hunderttausenden mittelständischen Unternehmen hatte das in den Jahresrückblicken Gezeigte absolut nichts zu tun.
Technologischer Fortschritt Fehlanzeige
Die 80er-Jahre waren eine prägende Dekade für die Computertechnik und führten zur Massenverbreitung von Personal Computern. Die Relevanz dieses Sachverhaltes für die ZDF-Jahresrückblicke? Geschenkt, keine Meldung wert. Millionen technikbegeisterter Jugendlicher lernten am Commodore C64, der 1982 eingeführt wurde und sich zu einem der meistverkauften Heimcomputer der Geschichte entwickelte, den Einstieg in die Programmierung. Ebenfalls nicht relevant für einen Jahresrückblick. Im März 86 verstarb überraschend Heinz Nixdorf, ein deutscher Computerpionier und Unternehmer, der das drittgrößte Computerunternehmen in Europa aufgebaut hatte und 30.000 Menschen einen Arbeitsplatz gab. Keine Erwähnung, keine Würdigung, kein Wort der Trauer. Stattdessen Bilder aus Japan mit ein paar putzigen Äffchen beim Baden in einem Thermalsee. Im Jahr 1982 wurde der Mercedes 190 („Baby-Benz“) vorgestellt, der sich trotz anfänglicher Skepsis bei den traditionellen Kunden als großer Erfolg erwies und von dem bis 1993 1,8 Millionen Einheiten gebaut wurden. Keine Meldung wert. Im August 83 präsentierte Volkswagen den Golf II, der sich schnell zu einem großen Verkaufserfolg entwickelte und während seines Produktionszeitraums bis 1992 sensationelle 6,3 Millionen Mal gebaut wurde. Relevanz für den Jahresrückblick: Negativ. Diese Aufzählung ließe sich fortsetzen.
Der für die westdeutsche Wirtschaft so wichtige und in vielerlei Hinsicht prägende industrielle Mittelstand wird in keiner der Sendungen auch nur mit einer Silbe erwähnt. Als wäre er nicht existent. Doch es wird noch absurder: In einer Meldung über die weltweit bedeutendste Automobilausstellung „IAA“ im September 89 wurde seltsamerweise kein einziges Exponat gezeigt. Stattdessen Besuchermassen schräg von oben mit dem Teleobjektiv gefilmt, was den Eindruck eines angsteinflößenden Gedränges weiter verstärkte. Rudolph kommentierte hierzu süffisant „PS-Fieber“. Als wolle er das Interesse am Exportschlager Nr. 1 pathologisieren.
Es ist unverständlich, dass der auf dem großen Erfolg der sozialen Marktwirtschaft beruhende technische Fortschritt sowie die daraus resultierenden Wohlstandsgewinne in einer für das jeweilige Fernsehjahr zentralen politischen Reportage nicht dokumentiert wurden. Die Berichterstattung zur wirtschaftlichen Entwicklung im Land wirkt im Rückblick hochgradig manipulativ, denn auch das Weglassen von Wichtigem verzerrt die öffentliche Meinung. Es fällt schwer, diesen Sachverhalt mit mangelnder Wirtschaftskompetenz in den Redaktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu begründen. Könnte es sein, dass die Macher der Sendung sich nicht getraut haben, über die positive wirtschaftliche Entwicklung in Westdeutschland zeitlich angemessen und inhaltlich objektiv zu berichten, um das in vielen westdeutschen Redaktionsstuben insgeheim bewunderte Sozialismusexperiment hinter der Mauer nicht unnötig in Bedrängnis zu bringen? Dies würde begründen, warum auch akribisch vermieden wurde, das breite Angebot an Konsumgütern in den Supermärkten und Kaufhäusern des Landes auch nur ansatzweise zu zeigen. Heutzutage ist das übliche vorweihnachtliche Einkaufschaos in den Innenstädten regelmäßig eine ausführliche Meldung wert.
Zum Ausklang ins neue Jahr
Als Rudolph im Jahr 1990 das Album erstmals nicht mehr kommentierte, verlor die Sendung schlagartig an Bedeutung. Als Mitte der 90er-Jahre der Sendetermin um einige Tage vorgezogen wurde, war das wenig nachvollziehbar. Plötzlich war das Album kein Jahresrückblick mehr, sondern ein Rückblick auf 11,75 Monate. Im Jahr 2007, als die Sendung bereits am 16. Dezember lief, waren es dann sogar nur noch 11,5 Monate. Ein Räderwechsel am Auto erscheint auch fragwürdig, wenn am vierten Rad nur drei oder vier der insgesamt fünf Radmuttern angezogen werden. In den 90er-Jahren habe ich den ZDF-Jahresrückblick nur noch sporadisch verfolgt, ab dem Jahr 2000 dann überhaupt nicht mehr. Ich hatte einige gute persönliche Gründe, meinen TV-Konsum grundsätzlich massiv zurückzufahren. Dennoch wäre ich der Sendung wahrscheinlich treu geblieben, wenn der Silvestertag als Sendetermin konsequent beibehalten worden wäre. Ingenieure lieben abseits der beruflichen Herausforderungen Routine.
Für alle politisch Interessierten, die vor 1975 geboren sind, liefern die ZDF-Jahresrückblicke der 80er-Jahre großartiges Bildmaterial für mehrere interessante Fernsehabende. Die in diesem Artikel geführte Diskussion sollte beim Einstieg helfen und Enttäuschungen vermeiden. Lassen Sie sich nicht davon verunsichern, dass die Sendungen insgesamt eine zu düstere Welt beschreiben. Ob hell oder dunkel, positiv oder negativ: Bei fast 1000 Nachrichten ist es jedenfalls nicht unwahrscheinlich, dass Sie Anregungen erhalten und Erinnerungen reaktivieren, die Sie im Anschluss in Ihre persönliche 2025er-Bilanz noch einfließen lassen können.
Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass die auf Youtube eingestellten Sendungen leider von schlechter Bildqualität sind, zudem gibt es vereinzelt eine unangenehme Latenz zwischen Bild und Ton. Für HD-verwöhnte Fernsehzuschauer und 4K-verwöhnte Youtube-Nutzer ist die Bildqualität von vor 40 Jahren eine ziemliche Zumutung. Dabei gilt zu berücksichtigen, dass das Analog-Fernsehen lediglich mit einer Auflösung von 768 x 576 Bildpunkten („PAL-Norm“) ein Bild auf der Röhre darstellte. Bei Aufzeichnung des Signals auf einem VHS-Videorecorder verschlechterte sich die Bildqualität noch weiter. Nach meiner eigenen Erfahrung trübt dies den Fernsehgenuss jedoch nicht allzu sehr. Die aus den Bildern mitsamt den Anmerkungen von Ihnen persönlich abgeleiteten Erinnerungen sind entscheidend, nicht die Bildauflösung. Wer noch Reste von Weihnachtsbock im Kühlschrank hat, sollte die Vorräte allerdings besser nicht beim Anschauen des Filmmaterials konsumieren, denn dann besteht das Risiko, außer einem bunten Geflimmer überhaupt nichts mehr zu erkennen. Unabhängig von der Bildqualität: Es handelt sich um einzigartiges zeitgeschichtliches Bildmaterial. Herzlichen Dank an die Youtuberin „Suki Feles“ für die Digitalisierung und das Hochladen der Alben.
Trotz so mancher Höhen und Tiefen: Die 80er-Jahre waren rückblickend in vielerlei Hinsicht eine „geile Zeit“. Aber klar: Es ist vorbei.
Christian Demant hat an der Universität Stuttgart Technische Kybernetik studiert mit Abschluss Dipl.-Ing. Er verfügt über 30 Jahre unternehmerische Erfahrung im Bereich der Software und Automatisierungstechnik. Zudem hat er über zwei Jahrzehnte als Mitgesellschafter und Aufsichtsrat ein Tech-Unternehmen in Oxfordshire/UK begleitet.
Beitragsbild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F079061-0026 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons
Nichts war früher besser. Es war halt nur anders. # Heute haben wir eine bangige Angst davor, am Bahnhof bemessert oder auf dem Weihnachtsmarkt tot gefahren zu werden. 1970 war „der Bahnhof der Straßenverkehr“. Wer sich dorthin begab, konnte froh sein, heil wieder nach Hause zu kommen. So ungefähr wie der Berliner, der nach 22 Uhr S-Bahn fährt. 1970 gab es 21.000 Verkehrstote, 1980 15.000 und 1990 11.000. Heute sind es unter 3.000 oder so jährlich. Selbst die übersteigen die Anzahl der heutigen Messertoten bei weitem. Früher fällte man Alleebäume, heute werden Merkelpoller gepflanzt. So what? In den 1970er und 80er Jahren tobten die Endzeitapokalyptiker, die potentiell Atomverseuchten und Atomkriegsopfer, durch sämtliche Gazetten. Walther Soyka und Robert Jungk führten sie an und spielten die gleiche Rolle in der Anti-Atom-Bewegung wie heute Thunberg oder Neuhaus beim Klimawahn oder Strazi, Habeck und wohl auch Merz, bei der „Verteidigung“ der Schwarzkopf-Meinungsfreiheit. Mit einem geringfügigen Unterschied: die hatten damals noch kein Internet und kein Mobile. Hätte es das 1970 oder 1980 schon gegeben: wir wären 1980 schon so mit dem Rücken an der Wand gestanden, wie wir es heute tun. # Meine Rede: wir leben in „so einer Art kommunizierender Röhren“ Der Pegel der Empörung, der medialen Indoktrination bleibt auf permanent gleichem Niveau. Nur die Sinnesempfindung ändert sich zeitangepaßt.
„Die in den 80ern insbesondere auch unter den Jugendlichen herrschende positive Grundstimmung…“ – Bitte mal Null-Bock Generation googeln, Herr Demant.
Wer sich selber als Baby-Boomer bezeichnet, hat die Kontrolle über sein Leben verloren und ist auch sonst nicht satisfaktionsfähig.
„Aus umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchungen habe sich ergeben, dass die Jahre im Alter zwischen 16 und 21 für das “popmusikalische Empfinden„ die prägendsten Lebensjahre seien.“ – Für diese Erkenntnis braucht man Spotify? Die prägendsten und somit erinnerungssentimentalsten Jahre ist immer die Zeit zwischen 15 und 25. Da ist man jung, die erste richtige Liebe und die Welt um einen herum wird erkannt und verstanden. Eine aufregende und lehrreiche Zeit. Die „goldenen Achtziger“ sind denn für mich und den Autor so positiv markant, wie für andere z.B. die „goldenen Siebziger“ oder die „goldenen Neunziger“ usw. Meinem 25-jährigen Sohn ist Musik der damaligen Zeit per Maxisingle weder kreativ noch innovativ, sondern lediglich zeitgemäß/zeitgenössisch. Er versteht die nostalgischen Gefühle, die in jedem stecken und die entsprechende Jugendzeit in den höchsten Tönen loben („Damals waren wir noch…“). So gesehen ist er als 2000er Jahrgang – Dank seines Vaters – nüchtern und aufgeklärt. Für mich war rückblickend in den 80ern als DDR-Sozialisierter zusätzlich Glasnost und Perestroika ein persönlicher Meilenstein (im Sozialismus wegen Kritik nicht verfolgt zu werden). Genau terminiert bei mir ist 1988 die Offenheit und Umgestaltung in der DDR mit dem Ende der Breshnew-Doktrin (Vorherrschaft der Sowjetunion). Letzteres ist gerade ein markanter Meilenstein 2025 in anderer Richtung, Ende der Vorherrschaft der USA mit Offenheit (Meinungsfreiheit) und Umgestaltung. Ob Donald Trump zuviel Gorbatschow gelesen hat – niemand weiss es.
Die Achtziger zeichnen sich im Rückblick vor Allem dadurch aus, dass die Bevölkerung einfach im Durchschnitt viel jünger war als heute. Allein die Altersgruppe der 20-30jährigen war seinerzeit mehr als 5 Millionen grösser als heute, wo das Bild in erster Linie von alten Deppen beherrscht wird. Dabei war die öffentlich vermittelte allgemeine Stimmung Anfang der 1980er auch eher gedämpft und grau. Vieles war noch nicht so durchverwaltet wie jetzt. Die Kriminalität war damals deutlich höher als heute, und viele Städte sahen deutlich schlimmer als jetzt aus: Hamburg, Frankfurt, Duisburg, Köln.
Gerne werde auch ich -Generation X- mich also daran versuchen, jüngeren Leuten „eine Zeitreise“ in dieses -offenbar nicht nur mMn- phantastische Jahrzehnt schmackhaft zu machen … vielleicht sogar eine Art Gefühl für die selbst eben nicht erlebte Zeit zu vermitteln: was natürlich „kaum“ möglich ist … aber: Versuch macht klug … und eine Art persönliches „Fazit“ zu ziehen ist dabei wohl auch möglich …
Probieren „wir’s“ :-D also halt mal … anhand zweier Versionen von „California Dreamin’“ (Die Blog-SW verwandelt hier möglicherweise den Apostroph in einen Beistrich)
Version 1: watch?v=N-aK6JnyFmk
Version 2: watch?v=6YAcOPPRpVY
Beide Versionen nutzen exakt den selben Text und die selbe Melodie … und dennoch verschiebt sich die emotionale Tektonik durch die jeweilige Interpretation fundamental: Während die Harmonien der Mamas and Papas aus den 60ern beinah sakral wirken, geradezu einem Requiem ähnelnd, in dem „California“ kein realer Ort, sondern ein utopischer Nicht-Ort ist … und wohl Blick in die (vermeintlich bessere) Zukunft … ist die Version der Beach Boys -aus der Mitte der 80er- bereits ein Rückblick: die Nostalgie der Überlebenden … und das triumphale Saxophon ersetzt die bange Flöte, keine „herbstliche Existenzangst“ mehr … die kalte Realität hat die Oberhand über die trügerische Hoffnung gewonnen: besangen da die Einen noch das „Noch-Nicht“, interpretierten da die Anderen bereits das „Nicht-Mehr“ … kurz: es war bereits so Manchem schon in den 80ern klar, dass das eben nicht ewig gut gehen würde – was wiederum die Wenigsten so empfanden, dann aber trotzdem so eintrat. Hätten „wir’s“ noch verhindern können? Wahrscheinlich nicht, aber abschwächen hätten wir die jetzige Misere wohl schon können, wären „wir“ nicht so elende Dummköpfe gewesen …
Warum muß der Titel mit Anglizismen geschrieben werden. Ist der Autor der deutschen Sprache nicht mächtig?