Volker Seitz / 09.05.2018 / 15:00 / Foto: Mutiganda Janvier / 1 / Seite ausdrucken

Ruandas Erfolg ist ein Erfolg seiner Frauen

Die Schweizer Journalistin Barbara Achermann hat einige Länder in Afrika bereist. Soeben hat sie ein rundum lesenswertes Buch („Frauenwunderland“) über die atemberaubende Erfolgsgeschichte von Ruanda veröffentlicht. Ruanda in Ostafrika gehörte bis 1994 zu den ärmsten Ländern der Welt. Der größte Erfolg, den Ruanda seither erzielt hat, ist die Reduktion der Massenarmut, schreibt Achermann. Zwischen 2006 und 2012 wurden etwa eine Million Menschen von der Armut befreit. Es ist eine der schnellsten Entwicklungen weltweit. Achermann zitiert den Oxford-Wirtschaftsprofessor Paul Collier: 

„Für die ärmsten Menschen auf der Welt ist es nicht zwingend ein Vorteil, in einer Demokratie zu leben. Manchmal erreicht eine Autokratie eine schnelle Reduktion der Massenarmut, manchmal eine Demokratie. Länder sind sehr unterschiedlich. Wir haben gelernt, dass Demokratie keine universelle Lösung ist… Kagame etablierte eine vorbildliche Leistungskultur in den Behörden.“ 

Paul Kagame, der Präsident Ruandas, wird von westlichen Beobachtern gerne als „umstritten“ bezeichnet. Aber die positiven Resultate seiner Politik zieht kaum jemand in Zweifel. Ruanda hat sich unter seiner Führung in den vergangenen zwei Jahrzehnten schneller entwickelt als jedes andere afrikanische Land. Oft hört Achermann, dass ohne Kagames klare Linie und seine feste Hand sich das Land nicht so rasch entwickelt hätte. Es sei ein Handel, den viele bewusst eingehen: wirtschaftliche Entwicklung gegen politische Freiheit. Leute, die den Präsidenten ablehnen, seien schwerer zu finden als solche, die ihn feiern.

Frauen nicht nur vor dem Gesetz vollkommen gleichberechtigt

Bei dem Völkermord (1994) in Ruanda wurden bis zu eine Million Menschen umgebracht. Zum Ende des hunderttägigen Gemetzels waren etwa siebzig Prozent der Bevölkerung weiblich. Die Frauen mussten Führungsrollen übernehmen. Neun Jahre nach dem Völkermord wurden Frauen durch die Regierung Kagame nicht nur vor dem Gesetz vollkommen gleichberechtigt. Ihr Potenzial, das über Generationen brach lag, wurde endlich genutzt. Die positive Entwicklung ist vor allem das Werk der Frauen Ruandas. Sie haben das Land wirtschaftlich vorangebracht und zur Versöhnung zwischen Tutsi und Hutu beigetragen. Offiziell ist es heute in Ruanda verboten, von Hutu und Tutsi zu sprechen. Alle sind schlicht und einfach Ruander.

In Ruanda werden Frauen motiviert, unabhängig zu leben. Seit 2008 sind die Frauen im Parlament in der Mehrheit (heute sind es 64 Prozent). Sie setzten zahlreiche Neuerungen durch, von denen Frauen profitierten: Lohngleichheit, eine dreimonatige Mutterschaftsversicherung, Mindestalter von 21 Jahren für die Eheschließung oder die Legalisierung von Abtreibungen. Der Erfolg des Landes ist sehr eng mit Ruandas Frauen verbunden. Ihre Lebenseinstellung: bejahend und vorwärtsgewandt.

Sie sind in allen Bereichen des Landes das Rückgrat des rasanten Wirtschaftswachstums des Landes, von dem eine breite Bevölkerungsschicht profitiert. Barbara Achermann schreibt über Frauen, die sich als Teil der Post-Genozid-Generation sehen. Sie traf eine alte Frau, die während des Genozids mit vermeintlicher Zauberei und List vermutlich einhundert Menschen das Leben gerettet hat, sie traf eine erfolgreiche Musikerin, eine Moderschöpferin in einer hellen, freundlichen und modernen Boutique mit zwanzig Angestellten. Dabei erfährt der Leser, dass in Ruanda „selten von der Stange gekauft wird. Die Mittel- und Oberschicht lässt einen guten Teil ihrer Garderobe maßgeschneidert anfertigen. Selbst viele arme Frauen tragen für den Sonntagsgottesdienst ein handgenähtes Kostüm, manchmal kombiniert mit einem hohen Turban aus demselben Stoff. Häufig ist ein solches Ensemble ihr wertvollster Besitz.“ 

Das ist bemerkenswert, denn in anderen afrikanischen Ländern müssen Modeschöpfer gegen das Vorurteil vieler Afrikanerinnen kämpfen, dass Qualität nur aus dem Ausland kommen kann. Reiche Afrikanerinnen ziehen es dort vor, französische oder italienische Marken zu kaufen. Kleinere und mittlere Unternehmen wie „Rwanda Clothing“ haben viel zu dem Wachstumstempo der vergangenen Jahre beigetragen. Für ihre noch ungeborene Tochter wünscht sich die Unternehmerin: „Der Völkermord soll für sie nichts weiter sein als ein Kapitel im Geschichtsbuch.“

Die Bandbreite der Gesprächspartnerinnen ist beindruckend. Neben den bereits genannten sprach Achermann mit einer sehr erfolgreichen IT-Unternehmerin, deren Firma für den japanischen IT-Riesen DMM so interessant war, dass die Japaner mit ihr fusionieren wollten. Mit der Familienministern, die zielstrebig die Programme zur Familienplanung überwacht, weil der Geburtenüberschuss eines der größten Probleme des Landes ist. Mit einer Rückkehrerin, die in Paris einen gut bezahlten Job aufgab, um in Ruanda heute Wasserkraftwerke zu bauen. Mit der Leiterin des „Rwanda Development Board“ mit einem Harvard-Abschluss, deren Aufgabe es ist, die Wirtschaft anzukurbeln. (Heute liegt Ruanda im „Ease-of-Doing-Business-Index“ der Weltbank vor Belgien und Italien.) Und sie sprach mit einer ehemaligen Prostituierten, die heute eine angesehene Schuhmacherin ist, und mit einer Radiomoderatorin, die den Orgasmus feiert.

Dieses großartige Buch kann ich nur empfehlen: Man erfährt viel über Ruanda. In den Flüchtlingsbooten, die übers Mittelmeer nach Europa kommen, sitzen keine Ruander. Sie fliegen mit dem Flugzeug in die entgegengesetzte Richtung. Die Rückkehrer bringen Kapital, Wissen und Innovation mit. 3,5 Millionen Menschen sind seit dem Genozid zurückgekehrt. Das ist ein Drittel der Bevölkerung. Ruanda entspricht ganz und gar nicht dem Klischee des hoffnungslosen Kontinents. Es wurde zu einem Vorzeigebeispiel für ein Land in Afrika, das vorankommt, ein rarer Lichtblick.

Ein Sprichwort in Ruanda sagt: „When things get tough, women get tougher.“

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“. Das Buch ist beim Verlag vergriffen. Die aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe wird im September 2018 bei dtv erscheinen. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Daniela Roths Blog When things get tough women get tougher

Foto: Mutiganda Janvier CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

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Frieda Wagener / 09.05.2018

Die „Moderschöpferin” spielt eine entscheidende Rolle bei der Trocknerlegung und damit Uhrbarmachung des suppigen Geländes. Demnächst soll ihre Tätigkeit jedoch von Kameleons und im übernächsten Schritt von Maschinnen übernommen werden. Ein köstlich versteckter Vertipper in Ihrem schönen Artikel!

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