Wolfgang Röhl / 22.02.2018 / 06:29 / Foto: Rino Petrosino / 18 / Seite ausdrucken

Romy wurde vergewaltigt. Seelisch, aber immerhin

Wer erfahren möchte, welche Blüten die #metoo-Druckmaschine mittlerweile auszuspucken imstande ist, muss nur mal in die „Welt“ schauen. In dem noch teilweise vernunftgesteuerten Bürgerblatt erschien kürzlich eine als Filmkritik getarnte Abrechnung einer Frau mit zwei Männern, die Frevelhaftes getrieben hatten.

Die beiden waren 1981 an die französische Atlantikküste gefahren, um auf ausdrückliche Einladung einer berühmten Filmschauspielerin eine Reportage über diese, damals etwas derangierte Dame anzufertigen. Eine filmische Fiktion der ausgedehnten Foto- und Interview-Session wurde gerade auf der Berlinale unter dem Titel „Drei Tage in Quiberon“ gezeigt. Was das Welt-Stück daraus kocht, verschlägt einem allerdings die Spucke.

Zunächst für jüngere Leser ein Rückblick auf die Protagonistin des Bio-Pic. So nennt man TV-Formate, die eine Agenda verfolgen, welche sich nicht durch lästige Tatsachen irritieren lässt. Was nicht hineinpasst, wird da passend gemacht.

Also, Romy Schneider wurde gelegentlich als „Deutschlands einziger Weltstar“ gehandelt, was doppelt falsch ist. Erstens war sie gebürtige Wienerin, zweitens gab es auch Curd Jürgens, Gert Fröbe und ein paar andere. Als Schauspielerin gehörte sie womöglich nicht zu den unverzichtbaren Säulen der Filmgeschichte. Etwas leicht Traniges haftete ihrem reiferen Spiel an, und was an der Frau erotisch sein sollte, habe zumindest ich nie verstanden.

Doch besaß sie unleugbar eine Aura, die berühmte Regisseure faszinierte, bekam wichtige Rollen in Filmen von Lucino Visconti oder Claude Sautet, arbeitete an der Seite von internationalen Stars wie Anthony Perkins, Michel Piccoli und Alain Delon, mit dem sie auch einige Jahre liiert war.

Was erhoffte sie sich 1981 von einem großen Interview?

In Deutschland genoss sie hohes Ansehen bei der Filmkritik. Schon vor ihrem frühen Tod mit 43 Jahren und erst recht danach. Was auch ihrer Vita geschuldet war. Romy, aus der später Romy Schneider wurde (die Schneider nannte sie freilich niemand), hatte sich nach dem unglaublichen Erfolg der „Sissi“-Trilogie weiteren Kaiserinnen-Schmarren verweigert, von der geschäftssinnigen Mutter Magda etwas abgenabelt und anspruchsvolleren Filmprojekten zugewandt.

Ihre spätere Übersiedlung nach Frankreich (wegen Delon) und die Energie, mit der sie sich im französischen Filmgeschäft durchboxte (das keineswegs auf sie gewartet hatte), dann sogar Erfolge in den USA feiern konnte – all das sicherte ihr Sympathie. Jedenfalls seitens der Kritikerkaste, die der nicht so abwegigen Meinung war, aus Österreich und Deutschland würden die größten Talente durch eine stumpfsinnige Filmindustrie vergrault.

Hinzu kam ihr Status als starke Leidensfrau, von dem die Boulevardpresse tüchtig zehrte. Ein Suizidversuch (wieder wegen Delon), durch ihren Stiefvater veruntreute Gagen, Ehemänner, die auf ihre Kosten ein Luxuslotterleben führten. Dazwischen immer wieder Arbeit, Arbeit, Arbeit. Alkohol- und Tablettenexzesse, eine Nieren-Operation. Schließlich, ein Jahr vor ihrem Tod 1982, der fatale Sturz ihres Sohnes Daniel. Von dem vielen Geld, das sie in ihrer Karriere verdient hatte, war kaum noch was übrig.

Was erhoffte sie sich 1981 von einem großen Interview mit langer Fotostrecke im „Stern“? Den Auftakt zu einem Neustart? In Quiberon versuchte sie eine Art Entgiftung, um für ihre anstehende Rolle in dem Film „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ (der ihr letzter großer Erfolg wurde) fit zu werden. Man darf getrost annehmen, dass sie den Stern kühl als Marketing-Instrument betrachtete. Wie das eben so läuft zwischen Stars und Medien.

Ein später legendäres Stern-Stück

Jedenfalls hatten die beiden Reporter – der Fotograf Robert Lebeck und der Kulturjournalist Michael Jürgs – sich Romy Schneider nicht aufgezwängt. Den Fotografen Lebeck, ein großer Name in der Branche, kannte sie flüchtig, Jürgs überhaupt nicht. Verabredet waren ein opulentes Shooting und intensive, sehr offene Gespräche. Daraus wurde ein später legendäres Stern-Stück, das den Mythos der R.S. zementierte. Lebecks Bilder gerieten posthum zu Ikonen der tragikumkränzten Mimin.

Und was macht der Film, was macht besonders Welt-Autorin Barbara Möller aus dem Deal von Quiberon? Quasi eine Story von zwei fiesen, männlichen Jagdkumpanen, die einem waidwunden, weiblichen, „ungeschützten“ Wild nachhängen. Möller rätselt, „wie Romy einen wie Jürgs über die Schwelle lassen konnte.“ Warum sie ihn „angesichts seiner inquisitorischen Anmaßungen (...) nicht zur Hölle schickte.“

Jürgs stellt nämlich im Film Fragen wie diese: „Frau Schneider, warum lassen Sie sich von ihrer Mutter, Ihrem Regisseur und Ihrem Mann manipulieren?“ Oder: „Wenn Sie so kaputt sind, wie Sie sagen, können Sie sich dann überhaupt um andere kümmern?“

Ja, derart brutal wurden Prominente schon mal gegrillt, bevor unsere Pressbengels unter dem Druck sinkender Auflagen und grassierendem Bedeutungsverlust bei Interviews zu Stichwortgebern versumpften. 1981 waren die Hitler-Tagebücher noch fern. Die damals sehr selbstbewussten Stern-Leute rauschten mit gewaltiger Bugwelle an ihre Einsatzorte, mindestens auf Augenhöhe mit ihren Interview-Subjekten.

„Eine seelische Vergewaltigung auf der Leinwand“ 

Die Film-Fragen (Jürgs sagt, dass er sie so ähnlich tatsächlich gestellt habe) nach „Schneiders erstem Ehemann und Davids Vater Harry Meyen, der sich zwei Jahre zuvor erhängt hat, überschreiten die Regeln jeden Anstands“. So schimpft ausgerechnet eine Journalistin. Der Stern-Reporter sei nicht „nur unverschämt und präpotent, sondern auch übergriffig“ gewesen.

Das Wort übergriffig steht spätestens seit der #metoo-Hysterie auch für sexuell übergriffig, günstigenfalls für sexuell anzüglich.

Es kommt aber noch einen Hau #metoohafter: „Wenn man je eine seelische Vergewaltigung auf der Leinwand erlebt hat, dann ist es diese“, schreibt Welt-Frau Möller über eine Szene aus dem Bio-Pic, „in der Romy Schneider in ihrem Hotelzimmer zusammengekrümmt auf dem Boden liegt, fertig, betrunken, und die beiden Männer über ihr hängen und Lebeck wie verrückt fotografiert.“ Diese Szene ist fiktiv. Jürgs sagt, sie habe so nie stattgefunden. Möller dagegen verkauft den Welt-Lesern die Inszenierung von Filmemachern als Wirklichkeit.

Na, endlich: Unsere Romy wurde von zwei weißen Männern vergewaltigt! Seelisch, aber ist das nicht irgendwie dasselbe? In Zweifelsfällen konsultieren Sie Ihre Psychologin oder Ihre #metoo-Beauftragte.

Offenlegung: Ich bin mit Michael Jürgs befreundet. Mit dem 2014 verstorbenen Robert Lebeck habe ich gearbeitet. Beide Umstände mindern die Niedertracht des „Welt“-Artikels aus meiner Sicht nicht ein Böhnchen.

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Leserpost (18)
Karl Eduard / 22.02.2018

Und wenn wir an den Film “Das alte Gewehr” denken, dann wird es noch viel, viel schlimmer.

B.Kröger / 22.02.2018

Auch Frauen können für sich genommen viele Probleme haben, mit sich und ihrer Umwelt. Oder ist Frau Möller von der „Welt“ der Meinung, dass alle Probleme von Frauen erst durch den Kontakt mit Männern entstehen? Das würde den Frauen jeden eigenständigen Konflikt absprechen. Ziemlich unemanzipiert, würde ich mal sagen.

B.Klingemann / 22.02.2018

Der Film und der Artikel in der “Welt” wurden beide inspiriert durch die Person Romy Schneider. Das geht schon in Ordnung, Strahlkraft hatte sie ja. Es ist so wie mit Kinski: Ich mag ihn sehr, und doch kann ich mich an keinen wirklich guten Film mit ihm erinnern. Deshalb werden meist die Dokumentationen über ihn wiederholt und nicht seine Filme.

Melanie Kauderer / 22.02.2018

Ich finde Ihren Artikel ätzend. Er zeigt, dass Sie nicht das geringste Verständnis für die Situation von Frauen im Filmgeschäft haben. Die sich - zumindest früher - oft bis zur Selbstaufgabe verbiegen mussten, um ihren Berufswunsch zu verwirklichen. Ich wünsche Ihnen ein Herz (denn das scheinen Sie nicht zu haben) und eine Portion Verstand (da scheint es auch zu hapern), um zu begreifen, dass Menschen nach Geschlecht beurteilt und manchmal eben auch herabgewürdigt werden. Dass Sie befangen sind, haben Sie ja am Ende des Artikels selbst erklärt. Nach dem Motto: eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

Suse Arendt / 22.02.2018

Sehr geehrter Herr Röhl, danke, daß Sie zumindest am Ende des Artikels Ihrer Befangenheit bei diesem Thema Ausdruck verliehen haben. Wie sehr Frau Schneider als Projektionsfläche nicht nur für diese Stern-Geschichte diente, können Sie gut in einem Buch von Alice Schwarzer nachlesen. Eigentlich finde ich, ob Ihrer Befangenheit hätten Sie auf den Artikel verzichten können. Freundliche Grüße!

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