Der neue Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) gibt sich gerne als Anwalt von Bürger und Umwelt. Seine Ansprüche an Ehrlichkeit und Transparenz sind hoch, besonders wenn sich andere daran halten sollen. Als bekannt wurde, dass es im Bericht des Weltklimarats (IPCC) nicht immer mit rechten Dingen zu geht, geißelte Röttgen die „gravierenden Fehler“, die „nicht hätten vorkommen dürfen“. Schließlich sei wissenschaftliche Genauigkeit „unabdingbare Voraussetzung für Glaubwürdigkeit“, weshalb die Vorfälle „grundlegend aufgearbeitet“ werden müssten. Das ist eine gute Idee, zumal Röttgen gleich im eigenen Hause damit anfangen kann.
Das aus seinem Ministerium stammende „Bildungsmaterial für Schüler und Schülerinnen ab der Jahrgangstufe 3“ zum Thema Klimawandel enthält teilweise genau jene gravierenden Fehler, die dem IPCC jetzt vorgeworfen werden. So wird unter anderem das unhaltbare Gerücht verbreitet, es gebe immer häufigere Wetterkatastrophen und die seien Folge des Klimawandels - und dies obwohl das Röttgen-Material gerade frisch aktualisiert wurde. Aber das sind eigentlich nur Petitessen angesichts der ideologischen Indoktrination, mit der hier Kinder im Grundschulalter traktiert werden.
Schritt für Schritt werden sie von einer akuten menschengemachten Klimakatastrophe überzeugt, um dann am Ende entscheiden zu dürfen, in welcher Weise sie die Welt retten oder dem Klima „helfen“ wollen. Beispielsweise wird die Aufgabe formuliert: „Stell Dir vor, Du bist der Regierungschef. Was würdest Du tun, woran muss man denken?“ Und dann: „Entwickelt aus euren Überlegungen ein eigenes Kyoto-Protokoll für eure Klasse“.
Widerspruchs- und Erfindungsgeist kommen als Leitgedanken nicht vor. Wenn der Schüler fein aufgepasst hat, dann weiß er am Schluss aber, dass es besser ist kalt zu duschen oder einen Pullover anzuziehen, statt die Heizung hochzudrehen. Sollten seine Eltern ihn mit dem Auto zur Schule bringen, dann muss er ein ganz schlechtes Gewissen haben. Überhaupt ist der Wohlstand, in dem der junge Mensch lebt, an allem schuld. Der Wunsch danach muss ihm folglich ausgetrieben werden. Das lehrt das so genannte „Stuhlspiel“. Dafür wird angenommen die Klasse sei die Weltbevölkerung. Und die Anzahl der Stühle repräsentiere den globalen Kohlendioxid-Ausstoß. Wenn die Vertreter der jeweiligen Regionen nun auf den Ihnen zur Verfügung stehenden Stühlen Platz nehmen, dann wird es auf den Indischen oder afrikanischen Plätzen natürlich eng. Und dann fragt das Lehrheft: „Was fällt euch auf? Aus welcher Gruppe sollten eurer Meinung nach Stühle weggenommen werden?“
In den dazugehörigen „Handreichungen für Lehrkräfte“ heißt es dazu: „Schülerinnen und Schüler können durch partizipatives Lernen Erkenntnisse gewinnen, die sie zum vorausschauenden Denken und Handeln befähigen“. Das seien Ziele einer „Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)“. Man könnte auch sagen: Einer Erziehung zum nachhaltigen Untertanen.
Erschienen in DIE WELT vom12.2.2009