Fred Viebahn / 12.04.2007 / 16:19 / 0 / Seite ausdrucken

Robert Altman ist tot - das Dampfradio lebt!

Heute läuft in deutschen Kinos Robert Altmans famoser Schwanengesang “A Prairie Home Companion” an (unter dem gutdeutschen Titel “Robert Altman’s Last Radio Show”). In seinem letzten Lebensjahr setzte der im vergangenen Dezember verstorbene Regisseur damit nicht nur seiner eigenen bissigen Melancholie ein Denkmal (mit “Nashville” und “The Wedding” hielt er seinen Landsleuten in den Siebzigern bittersüße Spiegel vor, die immer noch ihresgleichen suchen), sondern hob ein real existierendes Phänomen der amerikanischen Radiokultur mit fiktiv aufbereiteter Fulminanz aufs visuelle Podest, indem er aus dem wöchentlichen Ohrenschmaus ein einmaliges visuelles Festmahl machte.

Seit dreiunddreißig Jahren schreibt und moderiert Garrison Keillor “A Prairie Home Companion”; jeden Samstagabend unterhält dieser Meister der Improvisation, dieses Genie der Sentimentalität und Nostalgie damit zwei Stunden lang über das Netzwerk der öffentlich-rechtlichen Public Radio Stations ein Millionenpublikum, und das meistens live. Robert Altmans Streifen portraitiert Keillor zwar recht romantizierend, und im Gegensatz zum Film, in dem Altman nicht nur zum eigenen letzten Hallali bläst, sondern auch das endgültige Hurra der Radioshow verkündet, macht der Mitt-Sechziger immer noch unermüdlich weiter. Aber vom durch die Filmszenen geisternden Schicksalsengel abgesehen ist dieses Doppelportrait großer audiovisueller Kunst, diese cineastische Hommage ans Radio gar nicht mal unrealistisch. Ich kann das aus eigener Erfahrung vor und hinter der Bühne attestieren, denn ich begleitete meine Frau zu mehreren Gastauftritten.

Als mir die Produzenten der Sendung an einem milden Juniabend des Jahres 1994 bei der Prairie Home-Übertragung vom riesigen überdachten Freiluftauditorium der Sommersiedlung Chautauqua in Upstate New York gestatteten, die Auftritte meiner Frau zu filmen, ahnte kaum jemand, daß ein Dutzend Jahre später das Internet-Phänomen YouTube jedermann die Verbreitung solcher Aufnahmen ermöglichen würde. Trotz minderer Aufnahmequalität geben meine damaligen Videoschnipsel einen passablen Eindruck von der Exuberanz und Spontaneität der Sendung—und vielleicht eine kleine Einführung in Robert Altmans letztes Meisterwerk:

http://www.youtube.com/watch?v=z2GrAO1QrBE

http://www.youtube.com/watch?v=1ERrgqIhnnY

http://www.youtube.com/watch?v=oTEEmQHv0c4

http://www.youtube.com/watch?v=hdNgeI6NegU


P.S.: Es gibt mehrere hervorragende Live-Programme auf Public Radio, von denen “A Prairie Home Companion” das älteste und berühmteste ist. Beim kommerziellen amerikanischen Radio beschränken sich dagegen die Live-Übertragungen auf mehr oder minder oberflächliche “Call-ins”, Talk Shows und die sogenannten “Shock Jocks”, die mit dummen Mätzchen, albernen Possen und den verrücktesten Räuberpistolen um ihr meist autofahrendes Publikum buhlend gerne Skandale inszenieren. Bei Don Imus, dem neben Howard Stern wohl bekanntesten dieser Clowns, ging die Knallerei vorige Woche nach hinten los. Nachdem das Frauen-Basketballteam der Rutgers Universität ein wichtiges Spiel verloren hatte, bezeichnete er die überwiegend schwarzen Spielerinnen als “nappy-headed hos”—krausköpfige Huren. Zur Zeit bettelt Imus um seinen Job, denn die großen Werbeträger wie General Motors und American Express haben ihre Commercials von der Sendung zurückgezogen, und sein Arbeitgeber CBS schiebt ihn zunächst mal zwei Wochen lang ab in Urlaub. So fleht er innig um Vergebung, denn für immer in die Wüste möchte er nicht geschickt werden. Wenn’s um Millionenverdienste geht, ist sich selbst eine arrogante Knalltüte wie Don Imus nicht zu schade, im Staub zu kriechen. Schade, daß es Robert Altman nicht mehr gibt; er hätte sicher auch mit den Stories solcher Charaktere—und ihres Publikums—seinen filmischen Spaß gehabt.

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