Michael Miersch / 14.04.2008 / 12:25 / 0 / Seite ausdrucken

Robbenjagd: Was nicht in den Zeitungen steht

Seit einigen Wochen ist wieder Robbenjagdsaison im Sankt-Lorenz-Golf, vor Neufundland und der Nord-Ost-Küste Kanadas. PETA udn Co. ziehen die übliche Kampagne ab und die deutschen Medien berichten brav über die bösen kanadischen Robbenkiller. So weit ich das überblicke, hat jedoch keine einzige deutsche Zeitung den Brief des Premiers von Nunavut (so heißt das teil-autonome Gebiet der Inuit in der kanadischen Arktis) an den Bundestagspräsidenten veröffentlicht. Dabei ist das Schriftstück sehr lesenswert, weil es die Frage der Robbenjagd mal von der Seite der betroffenen Menschen darstellt. Lesen Sie selbst:…

Premier Paul Okalik
Legislature of Nunavut
Iqaluit, Nunavut
Canada, X0A 0H0


An den
Präsidenten des Deutschen Bundestags
Herrn Norbert Lammert
Platz der Republik 1
11011 Berlin

8. April 2008

Sehr geehrter Herr Lammert,

bezugnehmend auf unser heutiges Treffen und Ihren kürzlich erfolgten Besuch in   Nunavut sowie unsere Gespräche mit Mitgliedern des Bundestagsausschusses für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz am Montag freue ich mich, Ihnen Informationen zur Verfügung stellen zu können, von denen ich hoffe, dass Sie diese als relevant für Ihre Überlegungen zu Tierwohl, Nachhaltigkeit und der Robbenjagd in Kanada erachten.

Als Premier von Nunavut und als Inuk bleibt die Tradition und die gegenwärtige Notwendigkeit des Jagens von Robben als Nahrung und aus wirtschaftlichen Gründen weiterhin eine wichtige Realität für mich und die Menschen in unserem Territorium. Schon seit Tausenden von Jahren leben Inuit von der Robbenjagd. Das Fleisch der Robbe gibt uns Nahrung, ihr Fett sorgte für Wärme und Licht und ihr Fell für Kleidung. Unsere neuere Geschichte seit der Ankunft der Europäer ermöglichte uns Inuit, unsere Traditionen fortzuführen und modernere und tierschutzgerechtere Jagdmethoden zu übernehmen. Wir jagen, mit seltenen Ausnahmen, nicht mehr mit Kajak und Harpune. Unser traditioneller europäischer Markt für Robbenfelle hat uns erlaubt, ein Einkommen zu verdienen und den Einsatz von Gewehren in Übereinstimmung mit weltweit angewandten Jagdmethoden zu übernehmen.

Ich danke Ihnen, dass Sie über eine Ausnahmeregelung für die Inuit bei einem deutschen Verbot von Robbenerzeugnissen nachdenken. Sie müssen auch die verheerenden Auswirkungen der Richtlinie der Europäischen Union von 1983 berücksichtigen, welche den Handel mit Fellen von Jungrobben verbot. Obwohl diese Maßnahme auch eine Ausnahmeregelung für Inuit beinhaltete und trotz der Tatsache, dass wir traditionell mit Fellen von erwachsenen Tieren handelten, führte das EU-Verbot zur Zerstörung des gesamten Robbenfellmarktes. In unserer arktischen Umwelt ohne jegliches Obst und Gemüse überleben wir durch den Fang von Meeres- und Landtieren. In Folge der europäischen Maßnahme, die den Robbenfellmarkt vernichtete, blieben unsere Jäger und Gemeinden ohne Einkommen und Regressmöglichkeiten zurück. Es schmerzt mich, dies zu erzählen, doch ist es eine Tatsache, dass wir in dem Jahr nach dem Verbot einen drastischen Anstieg der Selbstmordrate erfuhren.

In den vergangenen Jahren haben wir gemeinsam mit anderen kanadischen Robbenjägern unsere Märkte für Robbenerzeugnisse allmählich wieder aufgebaut. Wir müssen die Felle der Tiere, die wir traditionell fangen, nicht länger wegwerfen. Gerade jetzt, wo wir wieder in der Lage sind, ein Einkommen mit etwas zu verdienen, durch das wir mit unserem Land und unseren Traditionen verbunden bleiben, fordert die fehlinformierte öffentliche Meinung, dass wir in einen Zustand der Abhängigkeit und der Not zurückkehren. Mir ist die Tiefe und Breite der Desinformationskampagnen bewusst, die von Tierschutz-Geschäftemachern eingesetzt werden. Sie nutzen veraltete und sensationsheischende Bilder, um ihre Ziele beim Spendensammeln voranzutreiben. Ich bitte Sie, über diese Bilder hinaus zu schauen und gemeinsam mit uns eine rationale Debatte über den Umgang mit Tieren und die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen zu führen.

Ich stehe weiterhin zu Ihrer Verfügung, um beim Eingehen auf mögliche Bedenken behilflich zu sein und wäre für eine faire und unparteiische Überprüfung der Fakten im Zusammenhang mit der Robbenjagd in Nunavut und Kanada dankbar, so dass Sie ihre wichtige gesetzgeberische Arbeit in voller Kenntnis der Fakten durchführen können.


Hochachtungsvoll

gez. Paul Okalik

 

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