Drei Tage vor der Wahl am 4. November, in der es um die amerikanische Wurst — und gewissermaßen auch die Weltwurst — ging, flogen meine Frau und ich nach England.
Nachdem wir schon einige Wochen zuvor im Kreishaus unseres heimischen Albemarle County im Bundestaat Virginia wie üblich ausnahmslos die Demokraten im Wahlcomputer angetippt und der Obama–Kampagne am Tag vor unserem Londonflug nochmal ein paar Dollar gespendet hatten, war es uns nach der zeitfressenden Hektik und Aufregung der Monate, in denen wir um unseren Präsidentschaftskandidaten bangten und uns nervös über die unsägliche alaskische Knallcharge Sarah Palin lustig machten, ganz recht, den Vereinigten Staaten am entscheidenden Tag den Rücken gekehrt zu haben. So hatten wir seit letztem Frühjahr, noch bevor Obama die Vorwahlen der demokratischen Partei für sich entscheiden konnte, mit unserer englischen Freundin Loraine verabredet, daß wir den Wahltag bei ihr in Reading, nicht weit von London, verbringen würden.
Loraine, inzwischen emeritierte Professorin der Universität Reading, lud mehrere Bekannte zu Dinner und gemeinsamer Wahlweinseligkeit vor dem „Telly” ein. Endlich konnten wir nachfragen, was es mit den roten Plastikblüten an jedermanns Kragenaufschlag auf sich hatte, von denen wir zunächst geglaubt hatten, nachdem sie uns zuerst im Hotel in Oxford, in dem wir die beiden ersten Nächte verbrachten, bei den Fernsehkommentatoren der BBC aufgefallen waren, es handele sich um Camouflagen drahtloser Mikrofone. Nein, wurden wir belehrt, man trüge sie zum Jubiläum des Victory Day am 11. November, der sich dieses Jahr zum neunzigsten Mal jährte; sie symbolisierten die Mohnblumen der „Flanders Fields”, der Felder in Flandern, unter deren Erde zigtausende britischer Gefallener des Great War begraben liegen. Es hieße, der Mohn sei dort aus Restsamen des Opium gesprossen, der bei verwundeten Soldaten den Schmerz betäubte.
Entgegen unseren Befürchtungen, aber ganz wie erhofft wurde es eine vergnügliche und vergnügte Nacht mit der BBC und dem Geplapper der vom US–Network ABC geliehenen „Pundits”, denen die British Broadcasting Corporation in ihrem amerikanischen Studio weitere Publicity und wohl auch ein finanzielles Zubrot bot — darunter Larry Sabato, ein Unikollege meiner Frau, Politikprofessor an der University of Virginia, der mal vor Jahren nach einem Einbruch in mein Auto meine Spiegelreflexkamera in seinem Garten gefunden hatte und mit dem Rita Mitte der Neunziger bei einem Dinner für Margaret Thatcher in Thomas Jeffersons Monticello an Thatchers Tisch “gepaart” worden war. Larry, der gelegentlich auch bei CNN den Weisen spielt und sich immer betont unparteiisch gibt, konnte diesmal seine Sympathien für Obama und seine Enttäuschung über die tolpatschige McCain Campaign kaum hinter seiner Schiedsrichtermiene verbergen.
Für unsere Gastgeberin und ihre Freunde endete die Nacht erst, nachdem Obamas Mehrheiten in Pennsylvania und Ohio die Niederlage McCains besiegelten und bei uns die Sektkorken knallen ließen — wegen des fünfstündigen Zeitunterschieds zur US–Ostküste also gegen vier Uhr morgens. Rita blieb weitere zwei Stunden wach, in denen wir uns dutzendfach darin abwechselten, „unglaublich” zu sagen, während wir per Computer regionale Resultate verfolgten, die der BBC nicht berichtenswert schienen. Schließlich klingelte über Skype unsere ekstatische Tochter aus Colorado durch, wo es um sieben Uhr Greenwich Time gerade Mitternacht schlug. Trotz einer schweren Erkältung war sie das letzte Wochenende und sogar noch am Wahltag zum ”canvassing” unterwegs gewesen, um auch die letzten als Demokraten registrierten Wähler für Obama zu mobilisieren; eben war das Resultat bekanntgegeben worden: Wie unser Heimatstaat Virginia hatte Colorado sich ebenfalls auf Obamas Seite geschlagen. Damit war klar, daß der erste nichtweiße Präsident — „schwarz” und „weiß” wie unsere Tochter — nicht nur mit knapper, sondern überwältigender Mehrheit des Wahlkollegiums ins Weiße Haus einziehen würde.
Morgens um neun lag ich endlich im Bett, schreckte aber wenige Stunden später aus einem wirren Kriegstraum auf: Draußen knallte es tatsächlich wie aus allen Rohren! Als ich leicht verschreckt aus dem Fenster guckte, heulte ein buntes Geschoß an der Scheibe vorbei, und johlende Jugendliche zündeten auf dem Bürgersteig Feuerwerkskörper. Unglaublich, dachte ich — jetzt feiert tatsächlich die englische Jugend das amerikanische Wahlergebnis. War‘s vielleicht die Affinität zwischen Obama und dem neuesten Superhelden Englands, Lewis Hamilton, der am Wochenende zuvor als erster Schwarzer (bzw. „Schwarzweißer”, wie Obama Sproß eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter) in der Geschichte des Autorennsports die Formel 1–Weltmeisterschaft gewonnen hatte?
„Happy Guy Fawkes day”, begrüßte mich Loraine. Nein, mit Obama habe der Krach nichts zu tun; am 5. November feiern die Engländer — zumindest die anglikanischen — die Festnahme des katholischen Terroristen Guy Fawkes im siebzehnten Jahrhundert, mit der in letzter Minute die Sprengung des Parlamentsgebäudes verhindert werden konnte.
Während es den ganzen Abend draußen ballerte wie auf Sylvester, frönten wir weiter der BBC, wo sich schlaue Aftermarket–Analysanten und nachträgliche Rechthaber en masse ein unverdrossenes Stelldichein gaben und Spezialisten in der Psychopathologie der US–Demokratie — sprich klugscheißende Schwätzer — ad nauseam die amerikanische Volksseele interpretierten. Uns interessierte daran nur eines: Daß uns das Unglaubliche immer wieder glaubhaft bestätigt wurde. Obama war tatsächlich mit klarer Mehrheit zum neuen Präsidenten der USA gekürt worden, „wir” hatten allen Unkenrufen zum Trotz gewonnen, und die Zeit des Bush–Horrors taumelte ihrem kläglichen Ende in einer weltweiten Finanzmisere zu, an der der fanatisch–extremistische Deregulierungswahn der Bushschen Strippenzieher entscheidenden Anteil hatte.
Zwei Tage nach der Wahl gingen Rita und ich in Southampton an Bord des zur Zeit größten Passagierschiffs der Welt, Royal Caribbeans ”Independence of the Seas”, um uns die nächsten dreizehn Tage auf des Riesen erster Transatlantiküberquerung verwöhnen zu lassen. Mit uns überquerte auch eine beträchtliche Zahl an Brits die Gangway, die nicht nur am englischen Akzent zu erkennen waren, sondern schon von weitem an ihren blutroten Mohnblumen auf den Jacken und Blusen. Flanders Fields… wo sonst wird nach neunzig Jahren dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Gefallenen jenes globalen Irrsinns noch so intensiv gedacht?
Statt mich nun gleich nach der ersten Freßorgie in der Cafeteria und dem Auspacken der Koffer in unserer recht geräumigen Kabine an den Schreibtisch zu setzen und endlich einen persönlichen Artikel über den Wahltag zu schreiben, wie ich es eigentlich geplant hatte, fiel ich zunächst der Versuchung zum Opfer, beim Dinner meinem vom späten Lunch bereits überfüllten Magen weitere fünf Gänge an Köstlichkeiten draufzudrücken. Trotz meines inzwischen reichlich übermüdeten Zustands, den die rauhe See im Ärmelkanal nicht gerade linderte, zerrte mich Rita danach — sie hatte mich gewarnt, mir nicht gleich die Wampe vollzuhauen –zu einer Show mit Akrobatik, Tanz, Gesang und englischer Komik im Alhambra–Theater (1.350 Plätze vorne im Bug, mit Parkett auf dem dritten und Balkon auf dem vierten Deck), wo ich prompt wegnickte. Anschließend versuchte sie mir ein bißchen Feuer unter dem Hintern zu machen, indem sie mich von einer Tanzfläche zur anderen schleppte; schließlich gingen ihr meine trotz mehrfacher Kaffeeinfusion ungewöhnlich müden Cha–cha–Schlenkereien jedoch genügend auf den Wecker, uns sie ließ mich endlich, nach Mitternacht, zur Kabine zurückstolpern.
Am Freitagmorgen „dampften” wir bei recht rauher See durch eine novembergraue Biskaya. Zwar wurden wir nicht seekrank, aber der Schlafmangel der vergangenen Tage bewirkte bei mir eine ungewohnte Schlappheit. Auch konnte ich den vielen kulinarischen Versuchungen an Bord nicht widerstehen. Als ich mich zum Kapitänsempfang in meinen Smoking zwängte, gelang es mir kaum noch, ihn zuzuknöpfen; im Spiegel blickte mich eine traurige Gestalt an, dem der aus den Nähten zu platzen drohende Anzug das Aufjungmachen gründlich verdarb. Die einst elegante Jacke, ein Überbleibsel der letzten Clintonjahre, hat wohl endlich ausgedient. Ach, die Goldenen Neunziger, seufzte ich melancholisch. Ob ich mir nun, bei dem neuen Präsidenten, einen neuen Smoking würde anschaffen müssen? Meine Laune besserte sich erst um Mitternacht, als der indische Kellner in der Schiffspizzeria, während ich mir von ihm eine Schnitte kalifornischer Pizza (Huhn und Avocado) servieren ließ, mit breitem Grinsen rief: „O–ba–ma, O–ba–ma”, und sein mexikanischer Kollege mit erigierten Daumen und Trällerstimme hinzusetzte: “Obama olé!” Allerdings waren wir in dem Moment die einzigen Gäste.
Samstagmorgen liefen wir in Vigo ein, einer unansehnlichen Industriestadt im spanischen Nordwesten, liehen uns einen kleinen Citroen, während viele andere der fast viertausend Passagiere eine Reisebusflottilla bestiegen, und fuhren unter grauem Himmel entlang der galizischen Küste nach Süden, durch winterschläfrige Badeorte und über den Rio Minho nach Portugal hinein. Wirklich sehenswert war auf die Schnelle wenig, also kehrten wir nach drei Stunden um.
Am Sonntag spürte ich endlich, wie meine übliche Energie zurückkehrte. Während Rita ihren Krimirausch ausschlief (sie war mal wieder nicht eher in die Heia gegangen, bis der Mordfall in ihrer Bettlektüre gelöst war), lief ich auf der Joggingbahn auf einem offenen Oberdeck einmal rund ums Schiff. Erstaunlich, wieviele britische Passagiere sich mit ihren Plastikmohnblüten auf dem Revers als Untertanen Ihrer Majestät der Queen und Nachkommen in Flandern gefallener Vorfahren auswiesen. Bis zum 11. 11. hatten sie noch zwei Tage dafür übrig. In Köln wird am Flanders Fields bzw. Victory Day die Karnevalssaison eröffnet. Soldatentod und Jeckenzeit. Ich kehrte in unseren “Stateroom” zurück und zog mir ein Obama–Tshirt an.
Meine Müdigkeit war wie von Zauberhand fortgewischt, und ich fühlte mich zu neuen Untaten bereit; gleich würde ich mich zu einem Kurs im Schlittschuhlaufen anmelden, oder im Felsenklettern, oder im Surfen. Das alles gibt‘s auf diesem Monsterschiff. Erstmal jedoch bestellten wir uns Frühstück aufs Zimmer und schalteten den Flachbildschirm an. Auf CNN wurden weiterhin die Wahlen und ihre potentiellen Folgen breitgetreten. Mittlerweile lud Rita ihre Post auf ihr Macbook und las mir eine Email vor, daß ein alter Bekannter von uns zu einem führenden Posten in Obamas Transition Team berufen wurde. Hipp-hipp-hurra! Nach acht Jahren in Bushs depressivem Dämmerdunkel leuchtet über Amerika wieder das Morgenrot, wenn auch mit dem gespenstischen Flackern der Finanzkrise untermalt, die auch uns ein bißchen ärmer gemacht hat. Aber für einen neuen Smoking muß es allemal reichen.
Ich trat auf unseren Balkon. Seit wir am Vorabend die spanisch–portugiesische Küste hinter uns gelassen hatten, präsentierte sich das Meer spiegelglatt, die Sonne strahlte, der europäische November versank in der Vergangenheit. Vor uns lag Madeira, wo wir am Montag acht Stunden lang ankern würden, dann folgte fünf Tage lang nix wie Wasser, bis wir auf der halb holländischen, halb französischen Karibikinsel Sint Maarten / Saint–Martin noch einmal, kurz vor dem amerikanischen Kontinent, den Boden der Europäischen Union betreten würden. Und schließlich, nach dreizehn Tagen Nordsee, Atlantik und Karibik, würden wir in Fort Lauderdale einlaufen. Für die hoffentlich gemütliche Rückfahrt ins heimische Virginia — die läppischen zweitausend Kilometer — haben wir ein Auto gemietet. Vielleicht machen wir unterwegs in Orlando halt und überlassen es Disney World, uns den Weg zurück in die Realität zu weisen.