Ringelnatz: Der Dichter mit dem Matrosenkragen

Vor 140 Jahren wurde Hans Gustav Bötticher, bekannt als Joachim Ringelnatz, geboren. Einer der beliebtesten Kabarettisten der Weimarer Republik fuhr in seiner Jugend zur See und wurde durch seine Matrosen-Abenteuer geprägt. 

Vor nunmehr 140 Jahren, im August 1883, wurde Hans Gustav Bötticher, bekannt als Joachim Ringelnatz, im sächsischen Wurzen geboren. Ich bin ihm kürzlich wieder einmal begegnet, wenngleich die Umstände wenig achtbar waren: Seine Büste aus Bimsstein, untrüglich erkennbar an der bemerkenswerten Nase, lehnte an einem Nebengebäude des Asta-Nielsen-Hauses auf Hiddensee. Wie es schien, schiebt man den Dichter dazwischen, wenn eine Tür zuzuschlagen droht. Keine schlechte Metapher, aber der Nase sichtlich nicht zuträglich. Nun, der Mann, der den Ringelnatz, das kleine, wehrlose, wenn auch gut gepanzerte Seepferdchen zu seinem Pseudonym erwählte, ist in seinem Leben oft zwischen Tür und Angel geraten.

Nach einer unbeschwerten Kindheit in Wurzen und Leipzig waren es wohl die Ablehnung und die Bosheit, mit denen Erwachsene den nicht gerade folgsamen, phantasievollen Jungen bedachten, der bereits kleine Glossen in Zeitungen veröffentlichte. Das begann während der Schulzeit, als er sich zum Beispiel von einer Südseeinsulanerin – die vermutlich mit den in jener Zeit häufigen Völkerschauen nach Leipzig geriet – tätowieren ließ. Damals war dergleichen ein Kennzeichen von Seeleuten, fahrendem Volk und Menschen, die längere Zeit in Gefängnissen verbrachten. Für Böttichers Lehrer nur ein Grund von vielen, ihn vom Gymnasium zu verweisen.

Dem dennoch immer nachsichtigen Vater, der als Schriftsteller und Musterzeichner tätig war, gelang es nun trotzdem, ihn zum Besuch einer Privatschule zu bewegen. Dort schloss er – zweimal sitzengeblieben – 1901 sein Examen ab. Leider schrieb ihm ein Lehrer in das Abschlusszeugnis: „Ein Schulrüpel ersten Ranges, aus lauter Ungezogenheiten zusammengesetzt.“ Nach vorhergehenden Verirrungen, bei denen viel Bier, Zigarren, Billard und der Wunsch, ein gefeierter Rennfahrer zu werden, eine Rolle spielten, gab der Abschluss Anlass zum Stolz und eine Gelegenheit, den Eltern einen lange gehegten Berufswunsch zu offenbaren: Seemann zu werden.

Arbeits- und obdachlos in irgendeinem Hafen

Sie nahmen es hin, obgleich ein als Kapitän tätiger Onkel dringend davon abriet. Der Vater begleitete Ringelnatz dennoch zu einem Hamburger Heuerbaas, der für 400 Mark eine Anstellung als Schiffsjunge auf dem eisernen Vollschiff „Elli“ versprach. Allerdings hatte Georg Bötticher zuvor darauf bestanden, dass sein Sohn von dem berühmten Weltreisenden Baron Schrenk über die Gefahren belehrt wurde, die Seeleute in Hafenkneipen und Bordellen erwarten. Schrenk tat das ausschweifend, erzählte dem Achtzehnjährigen jedoch nicht von den Betrügereien, die unter den meisten Heuerbaasen üblich waren. So musste Ringelnatz erfahren, dass die in Le Havre auf ihn wartende „Elli“ kein eisernes Vollschiff, sondern eine betagte hölzerne Bark war und dass seine künftigen Kameraden sich sogleich über den „Vierhundertmarksjung“, seinen Stehkragen und seine schwärmerische Einfalt lustig machten. Überdies kehrte er schon vom ersten Landgang in Le Havre bestohlen und mit einer blutenden Nase zurück – ein Erlebnis, auf das ihn Baron Schrenk ebenfalls ungenügend vorbereitet hatte. Er konnte es immerhin später in seinen Kuttel-Daddeldu-Balladen verwenden: „Kuttel wankte mit einer blutigen Nase / (nicht mit seiner eigenen) hinaus auf die Straße.“

Es dauerte Monate, bis sein Geschick beim Klettern in der Takelage und als Rudergänger anerkannt wurde, aber es blieb das demütigende Verhalten der Vorgesetzten: „Ja, es war hässlich, das Leben, das ich führte. Von frühmorgens bis spätabends schwere oder unwürdige Arbeit verrichten zu müssen, vom Steuermann oder Bootsmann geschlagen, von den Matrosen wegen meiner seemännischen Unkenntnis und meines sächsischen Dialektes unausgesetzt verspottet zu werden, das war alles andere, nur nicht ermutigend.“ (Joachim Ringelnatz: „Mein Leben bis zum Kriege“) Was die Matrosen betraf, so begann er bald, manche seiner Bordkameraden zu schätzen. Er suchte künftig ihre Freundschaft und begriff ihre von Armut, Gefahren, härtester Arbeit und brutalen Vorgesetzten geformte Wesensart. Nach einer gescheiterten Flucht im mittelamerikanischen Belize – die beträchtlichen Kosten der Ergreifung ließ der Kapitän ihm selbstverständlich von der Heuer abziehen – verließ er die „Elli“ und heuerte in Bremen erstmals auf einem Dampfschiff an. Das hatte er eigentlich vermeiden wollen, weil er für den Besuch der Seefahrtschule eine längere Fahrenszeit auf Segelschiffen nachweisen musste, fand aber keine andere Heuer.

Es geschah während jener Jahre sogar häufig, dass er arbeits- und obdachlos in irgendeinem Hafen zurückblieb, weil man ihn an Bord nicht mehr brauchte. 1903, inzwischen vom Decksjungen zum Leichtmatrosen aufgestiegen, musterte er nach einer Tätigkeit auf verschiedenen Schiffen vom Hapag-Dampfer „Numidia“ ab und begann in Hamburg eine kaufmännische Lehre. Vermutlich gab Ringelnatz damals die Hoffnung auf eine Laufbahn als Nautiker auf, weil er kurzsichtig war. Das muss bitter gewesen sein, denn die Seefahrt gehörte sicherlich zu einem Lebensentwurf, der ihn aus dem Schatten des Vaters hinausführen sollte: Georg Bötticher war ein erfolgreicher Erzähler, der mehr als drei Dutzend Bücher veröffentlichte, Auerbachs Kinderkalender betreute und mit bedeutenden Gelehrten, Künstlern und Schriftstellern korrespondierte.

Matrosenrolle blieb sein Markenzeichen

Später von Ringelnatz geschriebene Gedichte wie „Segelschiffe“ oder „Seefahrt“ und selbst „Hafenkneipe“ erschließen, dass die Zeit auf See trotz aller Entbehrungen und Demütigungen die eindrucksvollste seines Lebens gewesen sein mag: Das Leben eines Kameraden in seiner Hand, der Duft ferner Küsten, der Glanz des Sternenhimmels in einer Tropennacht oder der Anblick und das Treiben sehr fremder Menschen hinterließen unvergessliche Empfindungen. Das zeigte sich auch äußerlich, als er späterhin Kabarettist wurde und häufig in Matrosenkleidung auftrat: weit ausgestellte Hosenbeine, anstelle des Hosenschlitzes eine aufknöpfbare Klappe, die – für welche Gelegenheiten auch immer – den Unterleib freigeben kann, die Bluse mit tiefem Brustausschnitt und dem Matrosenkragen, dunkelblau wie alles übrige und zum Gedenken an drei Seeschlachten mit drei aufgenähten weißen Streifen versehen. Eine Mütze mit Band ist wie das Halstuch mit Schifferknoten eher etwas für kriegerische Seefahrer, und auch Ringelnatz – obgleich Leutnant zur See – trat nie uniformiert auf. Auf der Bühne begnügte er sich manchmal sogar mit dem Matrosenkragen. So kannte ihn das Publikum, und die Matrosenrolle blieb sein Markenzeichen.

Damals jedoch, nach der Abmusterung von der „Numidia“, bemühte der Leichtmatrose Bötticher sich noch um einen bürgerlichen Lebenswandel. Der Vater zahlte ihm einen Unterhalt, er besuchte die Handelsschule, erlernte Fremdsprachen, nahm Klavier- und Tanzunterricht, begann Ölbilder zu malen und schrieb unermüdlich Gedichte, die allerdings niemand veröffentlichen wollte. Erfolglos blieben auch seine Annäherungen beim Tanzunterricht: „ ... Denn ich hatte krumme Beine, eine lange Nase und einen Gang, der ebenso unsicher war wie meine Handschrift.“ Den Gang gab er als Folge der Seefahrten aus, und überdies ist die Beschreibung nicht ganz treffend. Seinem lausbubenhaften Gesicht mit einem dennoch etwas hilflosen Zug erlagen Frauen immer wieder. Vor allem konnte er ein heiterer und geistreicher Gesprächspartner sein – auch dann, wenn kein Glas und keine Flasche vor ihm standen. Eine Zeitlang bereitete es dem Spaßvogel zudem Vergnügen, geschminkt in den Kleidern einer Freundin in Lokalen zu sitzen und die Gäste zu beobachten. Er hatte Spaß an Kostümierungen und spielte seine Auftritte überzeugend: Als ihm während einer Reise nach Riga das Geld ausging, besuchte er als Wahrsagerin verkleidet mehrere Bordelle und weissagte den Frauen allerlei angenehme Dinge. Ringelnatz war ein begnadeter Märchenerzähler.

Als Wehrpflichtiger mit höherem Schulabschluss hatte er das Recht, einen einjährigen Freiwilligendienst zu leisten, den er nach der Grundausbildung im Rang eines Bootsmannsmaates abschloss. Nicht weniger respektabel erschien sein Lebenslauf dann 1908, als er Buchhalter in einem Münchner Reisebüro wurde. Bis er eines Abends einen roten Hund sah, der versucht, eine Sektflasche zu entkorken: das Reklameschild der „Simplizissimus-Künstlerkneipe“. So etwas hatte er lange gesucht. Das Publikum bildeten „Künstler, Studenten, Mädchen, elegante Herrschaften. Das saß eng gepresst um weiß gedeckte Tische. Auf einem dieser Tische stand ein schmächtiger Mann mit wildem Vollbart, stechenden Augen und feinen Händen. Der trug ein Gedicht vor.“ An den Wänden hingen Fotos, Ölgemälde, Aquarelle von mehr oder weniger berühmten Künstlern, eine Bühne, umgeben von einem Klavier und einem Harmonium, bot bessere Voraussetzungen für Gedichtvorträge als der Tisch, auf dem Ringelnatz den Schriftsteller und Anarchisten Erich Mühsam stehen sah.

„Kriegsromantik und Heldentod“

Das Lokal, kurz „Simpl“ genannt, war jeden Tag überfült, war Mittelpunkt der Münchner Bohème und Schickeria. Geführt wurde es von der geschäftstüchtigen Kathi Kobus, die den jungen Künstlern, die dort rezitierten, tanzten, Szenen aus Bühnenstücken darstellten oder musizierten, kein nennenswertes Honorar zahlte. Auch Ringelnatz, der erst nach mehreren Misserfolgen zum Hausdichter ernannt wurde, bekam nur seine abendlichen zwei Schoppen Tiroler Rotwein und später ein Honorar von einer Mark täglich. Aber es gab andere Einkünfte, teils von den Prominenten vermittelt, die zeitweilig oder ständig im Lokal verkehrten: Ludwig Ganghofer, Max Reinhardt, Alexander Roda Roda, Ludwig Thoma, Frank Wedekind sowie Münchner Verleger und Kunsthändler. Ringelnatz schrieb Chansons für Soubretten und Vortragskünstler, verkaufte Gelegenheitsgedichte, Werbetexte und Trauerreden und eröffnete mit diesen Einnahmen sein „Tabakhaus zum Hausdichter“, das allerdings, nachdem sich kein Käufer fand, schon nach neun Monaten aufgegeben werden musste.

Wichtiger waren freilich die Bekanntschaften, die im „Simpl“ oder während nächtlicher Zechgelage im „Tabakhaus“ geschlossen wurden. 1910 erschien, noch unter dem Namen Hans Bötticher, sein erster Gedichtband, im Jahr darauf veröffentlichte er den Bericht „Was ein Schiffsjungen-Tagebuch erzählt“. Der Ausgabe wurde vom Verlag sogleich die Kopie einer Zeitungsmeldung hinzugefügt: Die Bark „Elli“, das erste Schiff des Schiffsjungen Bötticher, sank im November 1911 während der Überfahrt von England nach Cuxhaven. „Mit Mann und Maus“ hieß es. Gefunden wurden lediglich einige Wrackteile.

Ein Ergebnis der erwähnten Bekanntschaften dürften auch die darauf folgenden Anstellungen als Bibliothekar – zunächst bei Heinrich Graf York von Wartenburg und dann bei Baron Börries von Münchhausen – gewesen sein. Das klingt seriös, endete aber bald, und man sah Ringelnatz als Fremdenführer, Schaufensterdekorateur oder als Arbeitslosen. Darauf holten der Erste Weltkrieg und die Admiralität den Bootsmannsmaat Hans Bötticher, der sich zuvor niemals für irgendwelche politischen Vorgänge interessiert hatte und nun „an Kriegsromantik und Heldentod“ dachte und dessen „Brust ... bis an den Rand mit Begeisterung und Abenteuerlust gefüllt“ war. (Joachim Ringelnatz unter dem Pseudonym Gustav Hester: „Als Mariner im Krieg“) Ringelnatz meldete sich freiwillig, weil er wie so viele Intellektuelle und Künstler – darunter Thomas Mann, Gerhart Hauptmann und selbst bekannte Pazifisten wie Hans Paasche – überzeugt war, der Krieg sei Deutschland aufgezwungen worden. Überdies kehrte er nur zu gern auf die See zurück. 

Die anfängliche Begeisterung, pathetisch beschrieben in seinem Gedicht „Deutsche Matrosen“ legte sich auch nicht, als er den ersten mit Blut und Pulver besudelten Opfern des Krieges begegnete – stattdessen reichte er mehrere Gesuche um Versetzung an die Front ein. Abgewiesen und von der Unfähigkeit der Flottenführung ernüchtert, kommandierte Ringelnatz als Leutnant zur See seit dem vorletzten Kriegsjahr ein Minensuch- und Räumboot, genoss die haltlose Freizügigkeit hinter den Fronten und schrieb weiterhin. Seine Kriegsnovellensammlung „Die Woge“ verbot die Zensur, drei damals entstandene Bühnenstücke erlebten keine Premiere. Er galt als nachsichtiger, wenn nicht gar nachlässiger Vorgesetzter, sodass aufständische Matrosen ihm während der Revolutionstage anboten, Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates zu werden. Er war klug genug, zuvor weitgehende Befehlsgewalt zu fordern, und damit endete sein Interesse für die Vorhaben der Revolutionäre.

„Dümmste Stadt der Welt“

Nach dem Krieg, der Vater starb 1918, war Ringelnatz wieder einmal ohne Arbeit und Einkommen. Zur See fahren konnte er nicht mehr, weil er auf einem Auge erblindete, und so versuchte er sich unter anderem als Gartenbauschüler. Das Jahr 1919 sah ihn dann wieder als Vortragskünstler, der erstmals unter dem Pseudonym Ringelnatz auftrat. 1920 heiratete er die Sprachlehrerin Leonharda Pieper, die er zärtlich „Muschelkalk“ nannte: „Ich bin nur ein kleiner, unanständiger Schalk. / Mein richtiges Herz. Das ist anderwärts, irgendwo / Im Muschelkalk.“ (Aus dem Gedicht „Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vor dem Wilberforcemonument“) Sie wurde ihm zur unentbehrlichen Assistentin und bewahrte späterhin während der Berliner Bombennächte sein Archiv. Im Verlauf der zehn Jahre, in denen die beiden zunächst in München lebten, konnten sie trotz zahlreicher Auftritte und Buchveröffentlichungen nie finanziell sorgenfrei leben – das erklärt den großen Anteil sozialer Bezüge in Ringelnatz' Werk, darunter Gedichte wie „Angstgebet in Wohnungsnot“.

Während jener Jahre wurde er weithin bekannt, insbesondere mit der Figur des Seemannes Kuttel Daddeldu, eines torkelnden Melancholikers, dem es – wie seinem Schöpfer – nicht gelingt, sich den Lebensregeln auf dem Festland zu fügen. Er gab Gastspiele auf Bühnen aller deutschen Großstädte und wurde einer der beliebtesten Kabarettisten der Weimarer Republik. Er sprach im Rundfunk, zumindest zwei seiner Gedichtsammmlungen, darunter „Kuttel Daddeldu oder das schlüpfrige Leid“, waren überaus erfolgreich, Ernst Rowohlt wurde einer seiner Verleger, die ersten Ölgemälde fanden Käufer. 1932 unternahm er mit seinem für Asta Nielsen geschriebenen Bühnenstück „Die Flasche“ – in dem er selbst mitspielte – und einem Ensemble des Stadttheaters Nordhausen eine Tournee durch Deutschland.

Der erwartete Erfolg blieb aus, und das mag einer der Anlässe für den Umzug nach Berlin gewesen sein, denn dort hatte er zahlreiche Freunde – zum Beispiel Heinrich George, Asta Nielsen, Claire Waldoff, Kurt Tucholsky, der wie Alfred Polgar oder Erich Kästner anerkennende Worte für den Lyriker Ringelnatz fand. Zudem führten wohl andere Gründe zum Wechsel nach Berlin: In München, der „Hauptstadt der Bewegung“, die Ringelnatz im Gedicht „Umzug nach Berlin“ die „dümmste Stadt der Welt“ nannte, schlossen die Unduldsamen ihre Reihen. Humor war ihnen – wie allen Dogmatikern und machthungrigen Ideologen – zuwider. Zweifel galt als Hass, Widerspruch als Hetze.

„Wir haben keinen günstigen Wind“

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, erteilten sie Ringelnatz Auftrittsverbote – in Dresden holte ihn der Mob gewaltsam von der Bühne – und verbrannten oder verboten die meisten seiner Bücher. Der Dichter mit dem Matrosenkragen starb im folgenden Jahr nach mehreren – oft von den Freunden bezahlten – Sanatoriumsaufenthalten an Tuberkulose. Zu seiner Beerdigung auf dem Berliner Waldfriedhof Heerstraße kamen neun Trauergäste. Die Orgel spielte La Paloma, sein Lieblingslied.

Wer während unserer Tage eine gute Auswahl seiner Gedichte liest, wird oft lachen können und zuweilen erschrecken, so zeitgemäß sind manche davon:

 

Wir haben keinen günstigen Wind.

Indem wir die Richtung verlieren,

Wissen wir doch, wo wir sind.

Aber wir frieren.

 

Und die darüber erhaben sind, 

Die sollten nicht allzuviel lachen.

Denn sie werden nicht lachen, wenn sie blind

Eines Morgens erwachen.

 

Das Schiff, auf dem ich heute bin,

Treibt jetzt in die uferlose, 

In die offene See. – Fragt ihr: „Wohin?“

Ich bin nur ein Matrose.

 

(Joachim Ringelnatz: „Schiff 1931“)

 

P. Werner Lange, ursprünglich Seemann, ist ein deutscher Autor von Biografien, Reisebeschreibungen, erzählenden Sachbüchern und Hörspielen. Er lebt bei Berlin.

Foto: Genja Jonas CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost

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Christian Freund / 24.09.2023

Ringelnatz! Aktuell wie immer. Auch zu heutigen Zuständen hatte er schon etwas gesagt: “Ich wollt ich wär eine Fledermaus ... Denn Meterflaus, Fliedermus, Fledermaus, es geht nicht mehr, mein Verstand läuft aus.”

Lutz Liebezeit / 24.09.2023

Glaube mir, liebes Kind: Wenn man einmal in Sansibar Und in Tirol und im Gefängnis und in Kalkutta war, Dann merkt man erst, daß man nicht weiß, wie sonderbar Die Menschen sind. / Seeleute waren auch sonderbar, die haben von der Welt vor allem die Hafenkneipen besichtigt und die Bordschwalben gefüttert. An Bord gab’s Bier, das war versetzt mit Chinin, weil Chinin gegen Skorbut schützt. Angeblich. Damals fuhr man noch auf Kohlenschiffen. Das war noch lange so. Auf dem Kohlenschiff brauchte man Heizer. Und entdeckte man einen blinden Passagier, wurde der einfach über Bord geschmissen. Aber, das Seemannsleben war nicht das schlechteste. Die Liegezeit auf den Fidschis z.B. war 2 bis 3 Wochen, die Seeleute brauchten weder beim Stauen noch beim Löschen der Fracht mit anzupacken. Nur einer blieb als Wache an Bord. Die anderen haben ihr Geld verjuxt. Deshalb waren Seeleute pleite, wenn sie im Heimathafen strandeten. / Danke für die Geschichte. Wußte ich gar nicht, daß Ringelnatz ein Seemann war? Das ist wie mit Merkel, Gauck, Gysi, die spielen sich hier nur auf, die waren alle Antisemiten. Wußte auch keiner. Deshalb machen die ein so großes Geheimnis um die Vergangenheit.

P.A. Kropotkin / 24.09.2023

@Werner Wilhelmy Da hilft ein Blick ins Gedicht: UMZUG NACH BERLIN           (1930) Nach Berlin, nach Berlin, Nach Berlin umzuziehn, Aus der dümmsten Stadt in der Welt — Wie das lockt!! — Ich, verdumpft, […] Keinesfalls ist Berlin gemeint, das damals nicht annähernd ein solches Shithole war wie heute.

Elisabeth kampfrath / 24.09.2023

Ich denke auch, dass mit der dümmsten Stadt der Welt München gemeint ist. In dem Gedicht “Umzug nach Berlin” schreibt Ringelnatz, dass er aus der dümmsten Stadt der Welt nach Berlin umzieht.

Hjalmar Kreutzer / 24.09.2023

Einfach danke für die Erinnerung. „... ich würde Dir ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken ...“

Judith Panther / 24.09.2023

Wieder so eine herzergreifende Geschichte. Hab allerdings mal kurz gegoogelt, denn auch mir schien, daß damals München mit seinen Nazis in Ringelnatzens Augen “Die dümmste Stadt der Welt” gewesen sein muß, während das - von Hitler eher ungeliebte, weil damals noch intelligente, witzig-spritzige, genialische, freiheitstrunkene - Berlin an Dummheit erst in den letzten Jahrzehnten aufgeholt hat. München wäre für Ringelnatz heute wahrscheinlich nur noch “Die zweitdümmste Stadt der Welt”.    

E. Albert / 24.09.2023

“Humor war ihnen – wie allen Dogmatikern und machthungrigen Ideologen – zuwider. Zweifel galt als Hass, Widerspruch als Hetze.” - Wäre der Satz im Präsens formuliert, wäre er auch nicht verkehrt…

N.Lehmann / 24.09.2023

Die Generation Volltrottel, Bildungsfern und Klebmichfest am Polit-Sozialsystem haben wir heutzutage auch. Studieren Medien-Politikwissenschaft, wenn überhaupt mit Abschluss und folgen dem Lebensweg von Ringelnatz! Das Leben wird Euch lehren!

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