Rainer Bonhorst / 04.05.2018 / 14:30 / Foto: Library of Congress / 6 / Seite ausdrucken

Revolutionäre namens Karl und Carl

Der Karl mit „K“ war etwas älter als der Carl mit „C“. Dessen 200. Geburtstag kann erst in elf Jahren gefeiert werden. Und wenn er gefeiert wird, dann wohl eher in Amerika. Denn dorthin ist der Revolutionär Carl Schurz als verfolgter 48er geflüchtet. Karl Marx hatte sich schon vorher nach Paris und dann nach London abgesetzt. In London hat er in jahrelangen Sitzungen unter anderem ein dickes, weltbewegendes und schwer zu lesendes Buch geschrieben, weshalb er bei uns heute gefeiert und verflucht wird. Carl Schurz gehörte zu den aktiven Revolutionären, wurde nach abenteuerlichen Episoden im „Land der Freien“ ein aktiver Politiker und hat nicht gerade weltbewegende, aber gut lesbare „Lebenserinnerungen“ geschrieben. Mir gefällt der Carl mit dem „C“, auch wenn er, historisch betrachtet, ein paar Nummern kleiner war, um Klassen besser als der mit dem „K“.

Am besten gefällt mir, was Carl über Karl schreibt. Denn die beiden sind sich in London begegnet. Der Ruhm des Karl Marx hatte auch Carl Schurz erreicht. Also suchte der Carl den Karl in London auf.

England kannte Schurz aus früherer Zeit. Er war als Revolutionär nach einer abenteuerlichen Flucht durch einen Abwasserkanal aus der Festungshaft in Rastatt auf die Insel entkommen. Endlich war er in Sicherheit, aber er blieb dort nicht. Denn er hatte noch etwas in Berlin zu erledigen. Im Spandauer Zuchthaus saß sein Professor Gottfried Kinkel, ebenfalls ein 48er Revolutionär, zu lebenslanger Haft ein. Carl Schurz riskierte Kopf und Kragen und befreite den Professor, dem er so viel geistige Führung verdankte, in einer spektakulären Aktion aus dem Gefängnis. Die Flucht des dankbaren Schülers mit seinem nun mindestens ebenso dankbaren Professor nach England gelang.

Dort machte sich der unermüdlich schreibende, von Freunden ausgehaltene Karl Marx einen Namen als philosophierender Revolutionär. Als die beiden sich trafen, bewunderte auch Carl Schurz die Geisteskraft seines Gegenüber. „Was Karl Marx sagte,“ schrieb er in seinen Erinnerungen, „war in der Tat gehaltreich, logisch und klar.“

Verletzende, unerträgliche Arroganz

Aber da hörte die Bewunderung auch auf. Denn, so Schurz weiter: „Nie habe ich einen Menschen gesehen von so verletzender, unerträglicher Arroganz des Auftretens.“ Das sagte kein kleiner Geist. Carl Schurz hat in Amerika eine beachtliche politische Karriere gemacht. Er wurde als erster Deutscher Senator in Washington und schließlich Innenminister in der Regierung Abraham Lincolns.

Und dieser nicht gerade als politisches Mauerblümchen auftretende Carl Schurz schrieb weiter über den anderen Karl: „Keiner Meinung, die von der seinigen wesentlich abwich, gewährte er die Ehre einer einigermaßen respektvollen Erwägung. Jedem, der ihm widersprach, begegnete er mit kaum verhüllter Missachtung. Jedes missliebige Argument beantwortete er entweder mit beißendem Spott über die bemitleidenswerte Unwissenheit oder mit ehrenrühriger Verdächtigung der Motive dessen, der es vorgebracht. Ich erinnere mich noch des höhnischen, ich möchte sagen ausspuckenden Tones, mit welchem er das Wort Bourgeois aussprach.“

Kurz: Es war keine erfolgreiche Begegnung. Schurz traf noch in einer auffallend respektvollen, ja freundlichen Atmosphäre Otto von Bismarck, der sich brennend dafür interessierte, wie der Revolutionsflüchtling damals den Professor aus dem Spandauer Gefängnis befreit hatte. Bismarck hätte sich die Sache gerne selber vor Ort angeschaut, meinte aber, das könne er sich als Regierungschef nicht leisten.

So wurde aus dem aktiven Revolutionär Carl Schurz ein aktiver Diplomat. Karl Marx erzielte schreibend eine weltbewegendere Wirkung. Aber die Marx-Beschreibung des Amerikaners nach der Begegnung mit dem Londoner hatte etwas prophetisches. Maßlose Arroganz? Keine abweichende Meinung wird geduldet? Ehrenrührige Verdächtigung der Motive Andersdenkender? In meinen Ohren klingt das wie eine Beschreibung des späteren realen Sozialismus. 

Foto: Library of Congress Carl Schurz via Wikimedia Commons

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Leserpost

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Rebecca Kasimier / 04.05.2018

Dass Marx, Karl, ein so unerfreulicher Zeitgenosse war, ist natürlich bedauerlich. Besser gesagt, es war bedauerlich, vor allem für die, die mit ihm zu tun hatten. Mag sein, dass Carl Schurz netter war, mit den wenigen objektiven Informationen, die wir über ihn haben, ist das schwer zu beurteilen. Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass Groucho Marx viel, viel lustiger war als der Namensvetter mit dem K. Nur sagt das alles nichts über Wert oder Unwert seiner Theorie. Da müsste man sich schon hineinwühlen in dieses Werk, aber wer will und macht das heutzutage schon. So zeigt die Erinnerung an den Denker mit dem K auch eines: die hinreißende Oberflächlichkeit heutiger Soziologie, namentlich der deutschen, die nur einen oder einen halben Gedanken braucht, um dicke Bücher zu füllen, die morgen schon keinen mehr interessieren.

Michael Richartz / 04.05.2018

Dem ganzen kann ich nur zustimmen. Leider hat sich aber ein kleiner Fehler eingeschlichen. Carl Schurz war unter Präsident Lincoln nur kurz Botschafter in Spanien, bevor er zum Kriegsdienst im Bürgerkrieg wieder in die Vereinigten Staaten zurückkehrte. Innenminister war er später während der Präsidentschaft von Rutherford B. Hayes (1877 - 81) - davor noch Senator für Missouri (1869 - 75).

Ralf Tetzner / 04.05.2018

Auweia, Selbstkorrektur ;-) 1869 wurde er Senator. Habe ich verwechselt.

Ralf Tetzner / 04.05.2018

Leider zwei kleine Korrekturen: Schurz ist nicht aus Rastatter Festungshaft geflohen, er entkam aus der belagerten (und wohl schon teils besetzten) Festung. Und er war erst 1869 Inenminister, da war Lincoln schon vier Jahre tot. Ansonsten Dankeschön, daß mal an den Mann erinnert wird!

Dietmar Preuß / 04.05.2018

“Aber die Marx-Beschreibung des Amerikaners nach der Begegnung mit dem Londoner hatte etwas prophetisches. Maßlose Arroganz? Keine abweichende Meinung wird geduldet? Ehrenrührige Verdächtigung der Motive Andersdenkender? In meinen Ohren klingt das wie eine Beschreibung des späteren realen Sozialismus.” Und der heutigen Linksgrünen

Heinrich Rabe / 04.05.2018

“Maßlose Arroganz? Keine abweichende Meinung wird geduldet? Ehrenrührige Verdächtigung der Motive Andersdenkender? In meinen Ohren klingt das wie eine Beschreibung des späteren realen Sozialismus.” Nicht nur das. Es klingt wie eine Beschreibung des linken Diskurses in Deutschland an sich.

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