„This is the way the world ends / Not with a bang but a whimper.“ Die von dem Dichter T.S. Eliot 1925 erstellte Zeitdiagnose scheint sich ein Jahrhundert später vor unseren Augen zu bestätigen. Mit einer Mischung aus Unbehagen und Hilflosigkeit beobachten wir die seit einigen Jahrzehnten – forciert durch Angela Merkels Grenzöffnung 2015 – fortschreitende Revolutionierung unserer Lebenswelt, gekennzeichnet durch social media, Geburtenschwund, Ende der „bürgerlichen“ Familie, zahllose Kirchenaustritte, Verwahrlosung der Städte, Migrationsströme und Vordringen des Islam.
Anno 2017 erschien der Warnruf „The Strange Death of Europe“ von Douglas Murray – ohne Resonanz im linksliberalen Feuilleton, geschweige denn in der Politik. So weist alles auf den Abschied vom Abendland hin. Der Begriff selbst ist – nicht erst seit dem Auftritt von PEGIDA – verpönt und wird nur noch im Kreise von konservativen Neo-Spenglerianern um David Engels gepflegt.
In seinem kleinen Essayband spricht Ferdinand Knauß vom – gelähmten – „Westen“, meint aber den außer Kurs gesetzten Begriff für die – nach Definition des Bundespräsidenten Theodor Heuß – auf den „drei Hügeln“ – Akropolis, Capitol und Golgatha – gegründete Kultur Europas. Das reale Gegenbild skizziert er in dem von arabischen Migranten geprägten früheren Arbeiterviertel in Saarbrücken. Auf die verzweifelte Lage der noch verbliebenen Autochthonen angesprochen, entgegnete der Oberbürgermeister Uwe Conradt (CDU), „den Wandel“ müssten die Einheimischen erst mal verarbeiten, aber das Rad lasse sich eben nicht mehr zurückdrehen. (51f.)
Die Ursachen der längst in allen Bereichen der Gesellschaft der Bundesrepublik sichtbaren Misere liegen für Knauß nicht primär in ihren materiellen Aspekten, sondern im „Überbau“, in der geistigen Selbstaufgabe des Westens. Typisch für das Selbstverständnis der vom „postkolonialen Diskurs“ geprägten akademischen Zeitgenossen sind Sätze wie diese, vorgetragen auf einer Tagung im Südtiroler Kloster Neustift von der Historikerin Claudia Weber: „Die Idee Europa wurde durch Säuberung, Ausgrenzung und Vernichtung in die Welt getragen. Wir müssen daher Europa als etwas Gebrochenes begreifen.“ Als einziger Teilnehmer zeigte sich darüber entsetzt der aus Syrien stammende, ob seiner islam- und einwanderungskritischen Äußerungen in Deutschland angefeindete Politikwissenschaftler Bassam Tibi. (139f.)
Das Unerwähnte
Zwar erwähnt Knauß den 1. Weltkrieg als den Urgrund der Malaise, doch die Hauptursache sieht er in der – über den „langen Marsch durch die Institutionen“ – bewirkten Kulturrevolution von „1968“. Zu Recht bezeichnet er die Achtundsechziger als die erste, in Wohlstand und Sicherheit hineingewachsene Nachkriegsgeneration, die sich den Luxus des – alsbald in Terror mündenden – revolutionären Utopismus leisten konnte. Der Soziologe Erwin K. Scheuch sprach seinerzeit von den „Wiedertäufern der Wohlstandsgesellschaft“. Ihr Protest, so Knauß, traf auf die „skeptische Generation“ (Helmut Schelsky), die, geheilt von jugendlichen Illusionen durch die Nazi-Katastrophe, den Wiederaufbau des zerstörten Landes bewerkstelligt hatte.
Mit derlei Beobachtung, welche immerhin die Hilflosigkeit vieler „Skeptiker“ – nicht zuletzt der von den „Revolutionären“ attackierten Liberalen – erklärt, lässt der 1973 geborene Autor Knauß einige Aspekte der Studentenrebellion außer Acht. Zum einen war es das Aufbegehren einer im doppelten Sinne „vaterlosen“ Generation: Führungsfiguren der „68er“ wie Joscha Schmierer hatten ihre Väter im Krieg verloren, andere wie Joschka Fischer, Schmierers späterer Chef und Freund im AA, machten die Verachtung der Väter zum ideologischen Markenzeichen. Zum anderen taugte die „skeptische Generation“ nicht als Vorbild, schon gar nicht die wieder in Führungspositionen der Bundesrepublik gelandeten Ex-Nazis. Die intellektuelle Überhöhung und Rationalisierung des Generationenkonflikts fand man in Theorien wie der „autoritären Persönlichkeit“ (Adorno-Horkheimer), im begrifflich inflationierten – bis heute als Passepartout fungierenden – „Faschismus“ sowie in elitären Konzepten, sei es bei Lenin oder bei Herbert Marcuse. Als emotionale Triebkraft wirkte der – von verdeckt nationalen Untertönen durchzogene – Protest gegen den Vietnamkrieg mitsamt der amerikanischen Gegenkultur.
In dem Kapitel, wo Knauß das „Prinzip Habermas“ und die „Neuerfindung des Westens“, betrieben von der auf „Vielfalt“ zielenden „Zivilgesellschaft“, beleuchtet, vermisst man den Hinweis auf die aus den USA – heute im Zeichen des Wokeismus – kommenden ideologischen Impulse. Wo erfährt man in deutschen Feuilletons, dass Kurse in „Western Civilization“ aus den Curricula amerikanischer Universitäten weithin verschwunden sind? Unerwähnt bleibt bei Knauß die auch von Douglas Murray nur indirekt benannte, den „Selbstmord Europas“ befördernde Schuldpyschologie des Protestantismus.
Die Hoffnung nicht aufgegeben
Die wenigsten westdeutschen „68er“ übten sich später in Selbstkritik, auch nicht – hinsichtlich ihres mehrheitlich ostentativ „antinationalen“ Habitus – nach dem Mauerfall. Vielmehr gelangten sie mit der rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder in die Führungspositionen des Staates. Ihren allumfassenden Erfolg verdankten sie der Verwandlung des revolutionären Gestus in „grüne“ – ursprünglich von kulturkritischen Konservativen verfochtene – Konzepte der Weltrettung, in den Lobpreis der Multikultur und den Kampf für Minderheiten aller Art.
Zur Ironie der jüngeren Geschichte gehört, dass die Revoluzzer von „’68“ wie Joschka Fischer oder Daniel Cohn-Bendit heute – im Kampf gegen Trump, Orbán und die AfD – als Verteidiger des Westens und der liberalen Weltordung hervortreten. So absurd wie anmaßend erscheint das Eintreten der einstigen Wehrdienstverweigerer für die allgemeine Wehrpflicht. Zu Recht betont Knauß, dass die – von den Grünen, den staatlich alimentierten NGOs bis hinein in die CDU – propagierte „offene Gesellschaft“ nichts mit dem Bild der open society von Karl Popper zu tun hat.
Den „Untergang des Abendlands“ will Knauß nicht verkünden. Er indiziert nur dessen „Niedergang“. Um ihn aufzuhalten und besser noch umzukehren, plädiert er für ein „für die Freiheit notwendiges Maß an Konservatismus.“ Knauß hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Insofern er – unter Berufung auf (den meist verkürzt zitierten) Ernest Renan – den historisch fundierten, heterogenen Nationalstaat als politischen Rahmen für den Erhalt von Freiheit, Wohlstand und Demokratie verteidigt, steht er in Widerspruch zum linksliberalen Zeitgeist. Auch mit der von ihm beschworenen Gefahr eines molekularen Bürgerkriegs wird er in der politisch-medialen Klasse „unserer Demokratie“ kaum Beifall finden.
Ferdinand Knauß: „Der gelähmte Westen“. Chronik einer Selbstaufgabe, Klampen (Zu Klampen Essay, o.J [2026]), 162 Seiten.

2/2 Der viel gescholtene Putin hatte damals schon den richtigen Riecher, als er sagte, dass eine unipolare Weltordnung nicht funktioniert, weil ihr das Gegengewicht fehlt. Was bietet sich dann an? 1. Eine multipolare Weltordnung mit viel mehr verschiedenen Polen, die dynamisch wirtschaftliche (Freihandel!) und strategische Allianzen bilden können, die Ausreißer mit Weltherrschaftsanspruch dann dynamisch zurückpfeiffen. 2. Eine Weltordnung wieder mit zwei Polen, die sich wieder wie vor Uhrzeiten religiös darstellt. Der eigentliche Outsider und damit Gegenpol auf diesem Planeten ist derzeit der Islam, er agiert nach einer eigenen Rechtsordnung und einer eigenen Menschenrechtskonvention, die der bisherigen der alten Großmächte und ihrer Anhängsel widerspricht. Hier die Gegenpole zu bilden hätte einen unschätzbaren Vorteil: Er würde den Progressivismus im Westen und den konservativen Theokratismus in der islamischen Welt in Gegensatz zueinander setzen und damit jeweils ausbremsen. Jetzt kann man sich aussuchen, was man für zielführend hält. Die erste Variante ist in der Steuerung deutlich komplexer aber freier, die zweite restriktiver aber einfacher. Vielleicht geht eine Mischung. Aber das müsste die Praxis zeigen. Die alte Weltordnung von gestern ist aber vorbei. Endgültig. Verabschiedet euch vom alten Westen. Der ist schon lange tot.
1/2 Dass der alte Westen stirbt, war zu erwarten. Die alte Weltordnung aus dem Kalten Krieg basierte auf dem Ying und Yang Modell. Links die Kapitalisten, rechts die Kommunisten. Nachdem der kommunistische Ostblock zerfallen war, war das Yang weg. Der Versuch der Amerikaner, ihr Ying auf die ganze Welt auszudehnen, war wegen der fehlenden Machtbalance von vornherein zum scheitern verurteilt. Der letzte Rest des ehemals freien Westens ist dann an 911 ermordet worden. Wie Knauß richtig festgestellt hat, hat die daraufhin als globales Modell angestrebte offene Gesellschaft relativ wenig mit Poppers Open Society zu tun, weil sein Toleranzparadoxon in der Theorie zwar richtig definiert ist, aber damit auch gleich das Ende der Open Society direkt eingeläutet wird, denn der Großteil der Menschheit ist intolerant. Wenn man es als toleranter Mensch andauernd mit intoleranten Menschen zu tun hat, dann kann man mit der offenen Gesellschaft ja nicht mehr fortfahren und muss sie faktisch direkt wieder beenden. Was sich dann auch im ausufernden Überwachungsstaat zeigt, der eher an Orwell erinnert.
Vor Jahren habe ich gesagt und geschrieben: Keine Macht den Dummen. Und die es auf sich bezugen haben, wollten mir den Einlauf machen, weil es ja ihr angestammtes Recht war, über mich zu herrschen. Wie konnte ich denen dieses Vorrecht der Auserwähltheit/Elite streitig machen wollen, ich kleiner Wurm, ich Nazireichsbürgerkrüppelrassist.
Aber das größere Problem sind die, die es nicht auf sich bezogen haben. Trotzdem ist die Entwicklung dieses ach so reichen Landes nicht aus dem Wirken intelligenter Leute zu erklären. Noch schlimmer, die selektive Intelligenz wie man andere für sich arbeiten lässt, oder ohne Arbeit reich wird, oder wie man jeden anderen so schikanieren kann, dass dem nur die Auswanderung übrig bleibt, ist eben nicht das Gegenteil von Dummheit, sondern ihre offensichtlichste Ausprägung. Am schlimmsten sind aber die, die Geld für eine Ware mit einem Wert halten und deshalb das Denken des ganzen Landes vergiften, bis überhaupt niemand mehr Werte schafft, sondern jeder nur darauf giert, von Anderen Geld zu erhalten. Der Versuch, das miteinander zu verbinden, ist gescheitert. An den Dummen, mit ihrer selektiven Intelligenz. Diejenigen, bei denen das die einzige Kultur war, die sind jetzt ohne. Die meisten wissen es aber noch nicht. Und selbst dann würden sie es nicht glauben.
Sehr geehrter Herr Ammon. Wahrscheinlich ist dieser Artikel ein paar Jahre zu spät. Wenn es nur Probleme im Bereich der Ideologien wären, wäre der „Ruck, der durch Deutschland gehen muss“ vermutlich ausreichend. Es geht aber nicht mehr um Begriffe und Denkweisen. Auch wenn man mir das hier um die Ohren schlagen wird: Die grüne Politik, die Abschaltung der KKW, ja selbst die enormen Kosten für die Alimentierung der „Schutzsuchenden“ und ihrer Groß-Clans hat Deutschland leisten können, ohne zusammen zu brechen. Es war mit großen „Einschnitten“ verbunden, aber letztendlich ist das nicht die Ursache des aktuellen Zusammenbruches. Die Ursache ist in einer Vielzahl von Einzelfakten enthalten. Wenn ich versuche, die irgendwie zu verallgemeinern, den gemeinsamen Nenner daraus zu finden, ist es das „Abschmieren des Antriebs“, die zunehmende Unmöglichkeit der Wertschöpfung. Und es summiert sich einiges, um nun aus der reinen Quantität eine andere „Qualität“ zu machen. Was jetzt wirkt ist die Überdrehung der Regelung. Die Last ist so stark gestiegen und steigt weiter unablässig an, während die Kraft nahezu im freien Fall abnimmt dass gar keine Möglichkeit mehr besteht, die Last auszuregeln. Und es wirkt der größte Feind der Stabilität, die Totzeit. Alle falschen Hebel sind schon umgelegt und entfalten nun erst verzögert ihre Wirkung. Dagegen würde es selbst nicht helfen, wenn jetzt alle Fehler (technisch Störgrößen) korrigiert würden. Das Gesamtsystem ist in einer so steilen Bewegung nach unten, dass es NICHT MEHR aufgehalten werden kann. Jetzt muss die Ideologie schnell wechseln, von dem Streit um die Methode der Gegensteuerung, auf die Schadensbegrenzung. Das wird nicht für „alle, die nun mal hier sind“ funktionieren. Jetzt gilt „rette sich wer kann“. Und dazu müssen wir uns auf nichts einigen, weil es gar keine Einigung mehr geben kann. Wir haben den Bereich gemeinsamer Interessen verlassen. Eine Gesellschaft existiert nicht mehr. Auch eine Nation gibt es nicht mehr.
Diese Woche im WSJ: „U.S. Cities Dust Off Statues They Hid Away in 2020“ Der Irrsinn des Wokismus wird in den USA revidiert. Bis das in Deutschland ankommt wird wohl noch dauern.
Linksliberalismus ist ein Oxymoron.
In meinen Augen handelt es sich bei den genannten Bewegungen (Protestantismus, 68iger et al.) lediglich um katalysierende Symptome einer prinzipiell schon viel länger andauernden neuropsychologisch evolutionären Entwicklung. Diese Entwicklung war – zivilisationsgeschichtlich nur für Sekunden – durch rigide Moralvorstellungen, allfällige materielle Not und religiöse Transzendenz im Zaun zu halten.
In den westlichen Gesellschaften existieren alle drei Faktoren nicht mehr. Und so gehts dann dahin.