Oliver Marc Hartwich, Gastautor / 11.01.2007 / 12:10 / 0 / Seite ausdrucken

Rettet den Planeten: Opfert Kühe!

Zu den besonderen Vergnügen, die Lesern des Daily Telegraph vergönnt sind, gehört die Kolumne von Boris Johnson. Jeden Donnerstag bringt Bo-Jo, wie er hier auch genannt wird, das aktuelle Tagesgeschehen bissig, respektlos und, wenn es sein muss, gnadenlos polemisch auf den Punkt. Das ist um so erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Mr Johnson in erster Linie kein Journalist (mehr) ist, auch wenn er bis Ende 2005 noch Herausgeber des Nachrichtenmagazins The Spectator war. Tatsächlich sitzt er nämlich seit 2001 als Abgeordneter für den Wahlkreis Henley, der in Oxfordshire liegt, im Unterhaus. Dort hat er es inzwischen zum konservativen Schattenminister für Bildung gebracht.

Wer nun aber erwartet hätte, dass sich Bo-Jo von Parteidisziplin, Sprachregelungen und Sachzwängen einengen lassen würde, der wird allwöchentlich im Daily Telegraph eines Besseren belehrt. Wortgewaltig macht er sich über die Absurditäten der britischen Politik lustig und schlachtet dabei eine heilige Kuh nach der anderen.

In seinem heutigen Beitrag nimmt Mr Johnson das Küheschlachten allerdings allzu wörtlich. Es geht um die Diskussion, die Großbritannien in den letzten Tagen in Atem gehalten hat: Darf der Premierminister auch weiterhin zu Urlaubsreisen in ferne Länder fliegen? Oder sollte er nicht wenigstens ein schlechtes Gewissen wegen der durch seine Flüge verursachten Treibhausgasemissionen haben? Und überhaupt: Sind nicht die Ryanairs und Easyjets dieser Welt die inakzeptable Fratze des globalen Kapitalismus?

Tony Blair hatte bekanntlich versucht, seine Urlaubsreisen nachträglich CO2-neutral zu gestalten, indem er Geld für Aufforstungsprojekte spendete. Boris Johnson hält dem entgegen, dass Wissenschaftler inzwischen glauben, dass viele Bäume in nicht-tropischen Regionen heute eher als Wärmespeicher wirken und somit Teil des Klimaproblems sind, aber nicht dessen Lösung.

Doch Bo-Jo wäre nicht Bo-Jo, wenn er selbst nicht eine viel bessere Idee zur Bekämpfung des Klimawandels hätte: Rituelle Kuhopfer. Das ist natürlich keine wirklich neue Praxis, denn schon in der Bibel wird davon berichtet (1. Sam 6,14). Aber Mr Johnson beschreibt die Kuhopferung zur Besänftigung moderner Umweltgötter viel plastischer als alttestamentarische Propheten:

So I have done my homework, and I have come up with a far more effective solution. As ever, I have consulted the ancient texts, and have been reminded that the Greeks and Romans were also convinced of the importance of making a sacrifice before any tricky voyage. You will recall that the Greek task force for Troy actually killed Iphigenia, daughter of Agamemnon, in the hope of guaranteeing good sailing weather — with bad consequences for Agamemnon’s conjugal relations.

Now we are only taking a family holiday, and I don’t think Zeus or Jupiter would desire anything so extreme. A single cow would be about right. If I were an ancient Roman setting out on a family holiday, I would get some old milker and do her up as if for a party. She’d have her hair washed and combed and cut, and there would be ribbons and purple woollen fillets about her horns.

Then my chums and I would decently cover our heads and we’d drone loads of stuff in Latin and chuck some sacred meal about the place; and then one of us would hold a handful of food under the poor old girl’s nose, and as she bent her head to snuffle it up we would take this — praise be! — as a sign that she had assented to her death, and at that auspicious moment she would be whopped hard on the side of the head and her throat would be cut; and then Jupiter would nod, and Olympus would tremble, and the whole family would be able to go off on holidays with a clear conscience.

And the funny thing is that, if we wanted to pay our debt to the great green earth-goddess Gaia, and neutralise the ill-effects of going up in a plane, then, as far as I can see, killing a cow is still exactly the right thing to do, two thousand years later.

Er führt danach genüßlich aus, dass jede Kuh jährlich 90 Kilogramm Methangas ausstößt, das von Klimaforschern für vierundzwanzigmal gefährlicher als Kohlendioxid gehalten wird. Da es auf diesem Planeten 1,3 Milliarden Kühe gibt, tragen sie auf diese Art und Weise nicht unerheblich zu den Treibhausgasemissionen bei. Der Anteil der Landwirtschaft an den Treibhausgasen beträgt nach Angaben der Agrarbehörde der Vereinten Nationen 18 Prozent - deutlich mehr als die Emissionen aller Flugzeuge, Schiffe und Autos dieser Welt zusammen. Und so schlägt Bo-Jo vor:

Think of it: for every cow you killed, you would be ridding the world of 90kg of methane a year — easily enough, surely, to justify an Easyjet flight.

Doch der Politiker Boris Johnson weiß natürlich nur zu gut, dass es bei der aktuellen Diskussion um den Klimawandel nicht oder zumindest nicht nur um praktikable Lösungsvorschläge geht:

But, of course, people aren’t interested in these kinds of facts. They want the religion. They want the sweet moralistic feeling of telling someone to stop doing something. They want to be able to rage about Chelsea Tractors and Tony Blair’s flights, and they want to give vent to their feelings of disgust at the whole triumph of Western consumerist capitalism; and what worries me is that, in the end, the moralising mumbo-jumbo becomes more important than the scientific reality. ...

We should cease our pagan yammering for sacrifice, and look at what the science really demands. It is a sign of our terrifying ignorance that so many would still prefer to plant a heat-producing tree than see the wisdom of the ancients, and kill a flatulent cow.

Sollten wir in Zukunft also vor dem Einchecken in London-Stansted eine Kuh schlachten müssen, dann dürfen wir davon ausgehen, dass Mr Johnson es geschafft hat und britischer Umweltminister geworden ist.

Bis es soweit ist, hält übrigens der Wirtschaftskommentator der Times, Anatole Kaletsky, ein paar praktikable Vorschläge bereit, wie man mit den Treibhausgasemissionen des Luftverkehrs verfahren sollte. Zwar haben Empfehlungen von Ökonomen selten den Reiz von rituellen Kuhopfern, aber vielleicht sollte man sie dennoch nicht ignorieren.

 

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