Rettet den Hass!

„Der See ist trüb, die Luft ist rein / Hans Habe muss ertrunken sein.“

Aber hallo! Ein Hassgesang war das, nach aktuellen Standards, was der Schriftsteller und Parodist Robert Neumann in den 1950ern über einen Nachbarn am Lago Maggiore reimte. Man setze statt Hans Habe den Namen Henryk Broder ein, und selbst in der SZ würde dieser aktive Todeswunsch womöglich bekrittelt.

Man würde schreiben, Broder sei zwar als Polarisierer seit langem auffällig, seine Abgrenzung gegen Rechtspopulisten zweifelhaft. Doch was mit Ertrinken und danach besserer Hygiene ginge dann doch nicht. Immerhin Jude! Und war da nicht was mit seinen Eltern?

Im Fall Neumann/Habe sah es so aus, dass da zwei österreichische Juden, die beide aktive Antinazis (der eine half verfolgten Schriftstellern bei der Ausreise, der andere diente in der US-Armee) gewesen waren, sich scheinbar aus politischen Gründen nicht grün waren. Stimmte natürlich. Aber der linksgerichtete Neumann und der konservative Habe, welcher nach dem Krieg zu einem der schärfsten Schreiber des Springer-Verlages avancierte, hatten sich schon während der Weimarer Republik in Literatenzank geübt. Auf jeden Fall wurde Neumanns Spottgedicht vor allem im linken Lager gern begackert. Heutzutage würde es, wie gesagt, unter Hate Speech fallen.

Es lief ein Kulturkampf mit harten Bandagen

Habe stellte zusammen mit Enno von Loewenstern, William S. Schlamm, Günter Zehm, Matthias Walden und anderen die schreibende Elitetruppe des Verlegers Axel Springer im Kampf gegen Kommunisten und linke Sozen, später vor allem gegen die Studentenbewegung. Das fast durchweg links tickende Feld des Literatur- und Kulturbetriebs schlug zurück. Gegen das Haus Springer hatten sich zudem Spiegel, Zeit und Stern positioniert. Oh, da wurde geholzt.

„Dort, wo der Staat gewesen sein könnte“, erkannte etwa Heinrich Böll „nur einige verfaulende Reste von Macht“, die mit „rattenhafter Wut“ verteidigt würden. Walden wiederum warf Böll „den Ungeist der Sympathie mit den Gewalttätern“ der RAF vor. Derlei Scharmützel führten manchmal vor den Kadi. Es lief ein Kulturkampf mit harten Bandagen, doch kaum einer nannte ihn Hass, damals.

Heute klagt eine Popmusikantin namens Taylor Swift, die sich serienmäßig mit neuen Begleitern ablichten lässt, über ein Witzchen in einer Netflix-Serie, das auf ihren wirklichen oder vermeintlichen Männerdurchlauf anspielt. Das „degradiere hart arbeitende Frauen“ und sei zudem „zutiefst sexistisch“, wettert die Amerikanerin auf Twitter.

„Große Klappe, kleine cojones, wie oft in dieser Zunft“

Ob es sich dabei um aufrichtiges Mimimi handelt oder um das Abgreifen von Aufmerksamkeitsökonomie, ist unklar. Klar nur, dass sich ein Rocker alter Schule, sagen wir von Led Zeppelin, über den Vorwurf seiner heftigen Neigung zum weiblichen Geschlecht kaputtgelacht hätte.

Als „anmaßende Arschlöcher“ titulierte ein Teil der Musikpresse diese Sexistencombo zu Beginn ihrer Karriere – unwidersprochen, da völlig zu recht. Heute bricht die Shitstormhölle los, wenn ein Moderator des Radiosenders Bayern 3 eine südkoreanische Boygroup als „kleine Pisser“ bezeichnet; als „irgendein Scheißvirus, gegen das es hoffentlich bald ebenfalls eine Impfung gibt“. Für das Cover einer Nummer der britischen Band „Coldplay“ sollten die Jungs „in Nordkorea Urlaub machen für die nächsten 20 Jahre“, wünschte der Moderator, weil: „Gotteslästerung“.

Prompt fluteten vor allem südkoreanische Fans der Gruppe den Sender mit Protesten. Statt sich über den Scoop zu freuen, ging die Station postwendend in die Knie. Ihr Kotau enthält eine Formulierung, die geradezu das Leitmotiv aller Debatten um angeblich „rassistische“, „sexistische“ oder sonstwieistische Beleidigungen spielt: schuldig bei Beschuldigung. O-Ton Bayern 3: „Wenn Aussagen von vielen Menschen als beleidigend oder rassistisch empfunden werden, dann waren sie es auch.“

Der vergatterte Wutmoderator wimmerte ebenfalls ein Gnadengesuch in die Tastatur („bin bestürzt“). Große Klappe, kleine cojones, wie oft in dieser Zunft.

„Steindumm, kenntnislos und talentfrei“

Ach. Waren das wundervolle Zeiten, als es noch entschuldigungslos zur Sache ging, immer voll auf die Zwölf. Seiner „Spezialtörin“ Luise Rinser, die er „Ruine Linser“ zu nennen pflegte, rief der Satiriker Eckhard Henscheid ins frische Grab: „Wurde auch Zeit.“ Takt-, aber nicht völlig grundlos, kennt man Rinsers Biografie und Werke wie die schändliche Schönschreibung des Horrorstaates Nordkorea.

Derselbe Henscheid war es, der den Literaturnobelpreisgewinner und Schulbuchdarling Heinrich Böll als „steindumm, kenntnislos und talentfrei“ schmähte, Günter Grass einen „Wichtigkeitskasper“ und Marcel Reich-Ranicki einen „Gaudibursch und Kegelbruder“ nannte. Der Mann von der Satirebrigade Neue Frankfurter Schule über sich selber: „Raufbold, Klamaukschriftsteller, Krawallschriftsteller – damit kann man schon leben.“

Sein Schüler Gerhard Henschel ist auch nicht von Pappe. Über den Begriff Boulevard äußerte er sich so: „Was die Bild-Zeitung an Puff-Geständnissen aus Knalltüten wie Heiner Lauterbach und Ottfried Fischer herausleiert, hat damit herzlich wenig zu tun. Das ist kein ‚Boulevard‘. Das sind glipschige Speichelbatzen.“ Henschel wurde durch ein Fake in der Taz bekannt, als diese humormäßig noch gut drauf war. Er erfand angebliche Gerüchte über eine misslungene Penisverlängerung des damaligen Bild-Chefs Kai Diekmann („Sex-Schock: Penis kaputt!“). Was zu einem langwierigen, spaßigen Gerichtsverfahren führte.

„Und dann kommt ein widerliches Tröpf'chen“

Der schwule Feuilletonist und Dandy Fritz J. Raddatz, was verdanken wir seiner köstlichen, stets schwerst verklatschten Schreibe! Über eine Begegnung mit dem Stern-Gründer Henri Nannen in dessen (von Raddatz gering geschätzten) Kunstmuseum in Emden: „Der alternde Elefant mit Hörrohr und nassgekämmtem Weisshaar … vor lauter schwitzender Selbstgefälligkeit und Sich-in-Szene-setzen kam er natürlich nicht dazu, auch nur das eine Wort ‚danke‘ zu sagen … Kleinbürger mit großem Portemonnaie …“

Raddatz über Grass und dessen Israel-Agitpropgedicht „Was gesagt werden muss“: „Er kommt mir vor wie die alternden Schwulen in den Parks, die an sich herumfummeln, ihn kaum oder nicht oder knapp hochkriegen – und dann kommt ein widerliches Tröpf'chen.“

Der ewige Spötter „Effjott“ war es auch, der in seiner 1975 erschienenen Karl Marx-Biografie genüsslich ausbreitete, wie die Herren Marx und Engels über politische Konkurrenten herzogen. Marx: „Der jüdische Nigger Lasalle … dabei das wüste Fressen und die geile Brunst dieses Idealisten… es ist mir jetzt völlig klar, dass er, wie auch seine Kopfbildung und sein Haarwuchs beweist, von den Negern abstammt…“

Engels über Forderungen, das Homosexualitätsverbot zu liberalisieren: „Es ist nur ein Glück, dass wir persönlich zu alt sind, um noch beim Sieg dieser Partei fürchten müssten, den Siegern körperlich Tribut zahlen zu müssen.“

„Pinscher“, „Banausen“, „Nichtskönner“

Billige Häme hier, nebenan Hohn auf hohem Niveau. Die „Franzosenkrankheit“ habe Heinrich Heine eingeschleppt, „der der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert hat, daß heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können.“ So Karl Kraus, der selbsternannte Sprachpapst der vorletzten Jahrhundertwende. Unter Franzosenkrankheit verstand man damals die Syphilis, und genau mit der wollte Kraus das Feuilleton („Lumperei mit Troddeln und Tressen“) vergleichen.

Das war zwar Quatsch, geboren aus dem Ressentiment eines strengen, manchmal korinthenkackerischen Sprachzuchtmeisters, der wohl ahnte, dass ihm der Esprit eines Heine meilenweit überlegen war. Aber eben gut geschriebener Quatsch, geistreich, bezeichnend, zeittypisch.

Immer waren Ironie, Hohn, Spott, Schmähung, Bosheit oder Sarkasmus unentbehrlich für die Kultur des Miteinander, Gegeneinander. Als „Pinscher“, „Banausen“, „Nichtskönner“ und „Scharlatane“ beschimpfte Bundeskanzler Ludwig Erhard („nichts gegen den Geist. Aus der Richtung komme ich auch“) Deutschlands linke Intelligenzija. Die freilich hatte ihm hübsch zugesetzt im Bundestagswahlkampf 1965, hatte unisono für eine SPD-Regierung getrommelt. Erhard über Störungen seiner Wahlkampfreden: „Hier kann der Bürger sehen, was er zu erwarten hat, wenn dieses Gesindel einmal das Schicksal Deutschlands bestimmen sollte. Noch nie zuvor habe ich soviel Dummheit, Frechheit und Gemeinheit auf einem Haufen gesehen."

Ebenso legendär die Ausfälle des langjährigen SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner. Den mit 77 Ordnungsrufen bedachten Sprüchen im Parlament („Sie sind ein Schwein, wissen Sie das?“ – „Waschen Sie sich erstmal, Sie sehen ungewaschen aus“) fügte der meist finster dreinblickende Soze zahllose außerparlamentarische Sottisen hinzu. Zum CDU-Kollegen Wohlrabe: „Übelkrähe.“ An die Adresse von CDU-Todenhöfer: „Hodentöter.“ Zum ARD-Journalisten Lueg: „Herr Lüg.“

Selbst die Genossen waren vor seinem ranzigen Altmännerhumor nicht sicher. Ein gewisser Zebisch, der sich beschwerte, dass die SPD ihre Plätze im Plenarsaal alphabetisch verteilte, weshalb er immer hintenan sitzen musste, bekam zu hören: „Sie können sich ja in Genosse Arschloch umbenennen.“

Kultur des kreativen Tobens

Von Strauß, dem inoffiziellen König Franz Josef von Bayern, konnten alle noch was lernen: „Was wir hier in diesem Land brauchen, sind mutige Bürger, die die roten Ratten dorthin jagen, wo sie hingehören – in ihre Löcher.“ Für die Linke war der GröBuaZ (Größter Buhmann aller Zeiten) wegen seiner Sentenzen („Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder“) Gold wert. Unterhaltsam war Strauß allemal: „Was passiert, wenn in der Sahara der Sozialismus eingeführt wird? Zehn Jahre überhaupt nichts, und dann wird der Sand knapp.“

Helmut Schmidt, der sich im Parlament früh den Namen „Schmidt-Schnauze“ erworben hatte, polterte in reiferem Alter vergleichsweise wenig. Dafür erwarb er mit seiner Antwort auf die Frage, wie denn seine Vision der Gesellschaft aussähe, ewigen Ruhm bei allen, an deren Zaun noch sämtliche Latten hängen: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“

Diese Kultur des kreativen Tobens, kenntlichmachenden Wütens, lässigen übers-Maul-fahrens, sie ist längst dahin. Schon die Ära Kohl versumpfte bald in bleierner Langeweile. Versuche der Satiriker, aus dem Pfälzer eine Comic-Figur zu schneidern („Birne“), schlugen fehl. Kohl saß sie aus. Von den Politikern der Kabinette Schröder und Merkel wird im kollektiven Gedächtnis bleiben, was Bert Brecht in den Nachkommen seiner eigenen Generation vermutete: nichts Nennenswertes.

All die Rohrspatzen, die Berserker, die Wüteriche, wo sind sie geblieben?

Gewiss, es gab immer wieder mal Versuche, den politischen Furor der frühen Jahre auf der Bühne oder in Zeitungspalten zu reanimieren. „100 Zeilen Hass“ hieß zum Beispiel eine Kolumne des Magazins Tempo, in der Maxim Biller so tat, als kotze er irgendwas raus, was ihm bis zum Halszäpfchen gestanden hatte.

Doch die Wutausbrüche lasen sich seltsam steril, kalkuliert. Man hatte den Eindruck, hier wollte einer im Heft so etwas veranstalten wie Rainald Goetz auf der Klagenfurter Bühne, praktischerweise ohne sich die Stirn mit der Rasierklinge aufritzen zu müssen. Überhaupt war es mit dem Zeitgeist, den Tempo gepachtet zu haben wähnte, nicht weit her. Das Blatt tanzte gerade mal zehn Jahre, und in den letzten krebste es bloß noch so rum.

All die Rohrspatzen, die Berserker, die Wüteriche, wo sind sie geblieben? Tot oder altersmild. Aber ist das denn zu bedauern? Warnt der Bundespräsident nicht alle naslang vor Hass und Hetze? Mahnt er nicht unaufhörlich, dass „sprachlicher Enthemmung, Rassismus, Frauenverachtung, Schwulenfeindlichkeit, Antisemitismus“ Einhalt geboten werden muss?

„Lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur“

Keine Missverständnisse: Damit meinte der oberste Repräsentant des Landes nicht die Texte der linksextremen Punkgruppe „Feine Sahne Fischfilet“ (aus deren Song „Wut“: „Die nächste Bullenwache ist nur ein Steinwurf entfernt … Unsere Herzen brennen, und der Hass, der steigt …“). Deren Konzert „gegen rechts“ hatte Steinmeier auf Facebook sogar beworben.

Um noch andere Missverständnisse zu vermeiden: Es soll hier nicht dem hundsgemeinen Hass das Wort geredet werden. Nein, wenn der gefallene Veganergott Attila Hildmann von der „polnischen Jüdin Mao-Merkel“ spricht, die ihn, den Attila, „erstmal in U-Haft sperren will, damit ich sie nicht weiter aufhalte bei ihrem Massenmord“, dann verstößt das natürlich klar gegen jede Netiquette. Allerdings ist der Kochbuch-Star sowieso ein Fall fürs Kuckucksnest. Kein Medium druckt seinen Verschwörungsbrei, nicht mal der Kopp-Verlag.

Aber was ist hiermit? Vor Jahren hatte die heutige Zeit-Kolumnistin Mely Kiyak in der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung geschrieben, der SPD-Politiker und Buchautor Thilo Sarrazin sei eine „lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur“.

Nachdem Kiyak davon in Kenntnis gesetzt worden war, dass Sarrazins Gesichtsmotorik auch Folge einer halbseitigen Gesichtslähmung ist und nachdem sich die Frau für ihre Formulierung ein bisschen entschuldigt hatte, sprang ihr der damalige Taz-Kolumnist Deniz Yücel (später Welt-Korrespondent) bei. Und zwar mit dem launigen Einfall, dass „man nur wünschen kann, der nächste Schlaganfall möge sein Werk gründlicher verrichten“.

Brühe, die aus gewissen linken Twittergruben sickert

Das geht natürlich nicht, da kann man Frank-Walter Steinmeier nur beipflichten. Ebenso wenig wie der Vorschlag in einer „polizeikritischen Kolumne“ (O-Ton Zeit), Polizisten in den Müll zu entsorgen, „wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind. Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten“.

Wer solches verfasst, ob nun binär, trinär oder einfach nur ordinär gestrickt, müsste der oder die in einer zivilisierten Gesellschaft nicht Hausverbot erhalten? Stattdessen darf Hengameh Y. für das Luxuskaufhaus KaDeWe werben.

Die Aufforderung an Zeit-Redakteure, einer Kollegin „täglich brühend heißen Kaffee ins Gesicht“ zu kippen, ansonsten sie für einen Twitterer namens Tim Wolff „moralisch gestorben“ seien, war ebenfalls ein brandheißer Beleg für die Richtigkeit der Steinmeierschen Warnung vor Hass- und Hetzgerede. Die zu Überbrühende hatte in einem Pro- und Contra-Stück der Zeit gewagt, die sogenannte Seenotrettung im Mittelmeer (von manchen schlicht Schleuserei) genannt, vorsichtig zu kritisieren.

Und nein, wenn man nostalgisch an alte Tage denkt, da noch robust, meinetwegen schreiend ungerecht, ehrverletzend, bösartig, aber witzig von allen Seiten in alle Ecken ausgeteilt wurde, dann hat das nichts mit der Brühe zu tun, die aus gewissen linken Twittergruben sickert. Einen bemerkenswerten Ausfluss habe ich in meinem Mac aufgehoben, lest we forget: „Kann man diese rechten Arschlöcher nicht mal ausbürgern, für ein Jahr nach Mali schicken, zurückholen, in ein Asylheim stecken und anzünden?“

Gezeichnet von einem Sebastian Pertsch. Der Mann kam deshalb meines Wissens nie vor ein ordentliches Gericht. Stattdessen durfte er noch lange nach seinem Zündel-Vorschlag vom Juli 2015 gelegentlich für den Tagesspiegel schreiben. Im Januar 2021 twitterte er gegen „rechte Hasstrolle“, die ein ihm nicht genehmes Stück im Tagesspiegel unterstützt hätten. Was man fast ulkig finden könnte, sofern man Ulk neu definiert.

Was bleibt, sind Leerstellen

Vielleicht hatte der amtierende BuPrä solche Fälle nicht exakt gemeint? Vielleicht geht es in der Debatte immer nur um Minderheiten, die im richtigen, das heißt nicht im rechten Lager stehen? Was Hass ist, entscheidet ja der Zeitgeist, stellvertretend auch mal Wikipedia.

Schwer im Kommen auf der schwarzen Hasserliste sind Ableisten. Es handelt sich um Leute, die andere nach deren Fähigkeiten beurteilen (englisch: „able“ = fähig) und daher tendenziell Behindertenhasser sind. Die folgenden Zeilen aus einem alten Politlied von Wolf Biermann („Ach Sindermann, du blinder Mann, du richtest nur noch Schaden an“) stellen somit im woken Sinn eine Diskriminierung aller sehbeeinträchtigten Menschen dar. Cancel!

Was bleibt, sind Leerstellen. Kann überhaupt jemals die herrliche Beleidigungskultur zurückkehren, wie die Urväter der Neuen Frankfurter Schule sie schufen? Die meisten von ihnen sind hinüber oder retiriert, und auch Wiglaf Droste ist nicht mehr. Offen gestanden, ich vermisse den linken Schimpfkanonier. Gern würde ich mit ihm weiterhin durch den Garten seiner verbalen Brachialitäten spazieren („Promis sind Erbrochenes auf der Windschutzscheibe des Lebens“).

Aber einer wie Droste hätte wohl kein Publikum mehr. Die dauerbeleidigten LeberwürstInnen von heute könnten mit dem versoffenen Haudegen weniger als nichts anfangen. Schlimmer, Drostes Texte würden sie reihenweise in Ohnmacht schicken. Der Geist des Polterns ist tot. Schneeflöckchen lebt.

Vielleicht nicht für immer? Stellen Sie sich dieses Szenario vor: Irgendwann ist die gesamte Bevölkerung durchbeleidigt, aber auch hassmäßig durchgeimpft. Es existiert quasi eine Herdenimmunität gegen Hass. Dennoch sitzen alle sicherheitshalber zwar nicht auf dem Sofa, aber in Safe Spaces, wo sie vor unbequemen Ansichten anderer sicher sein können.

Bloß wird es dann für alle auch furchtbar langweilig, und manche werden sich nach ein bisschen Hohn und Hetze sehnen. Vielleicht in Speakeasys anklopfen, wo man hinter verschlossenen Türen ordentlich abledern kann.

Bis dahin gilt es durchzuhalten. Bewahren wir ihn auf, den guten alten gesunden Hass! Was immer einem dazu einfällt.

Foto: Bundesarchiv/Lothar Schaack CC BY-SA 3.0 de via Wikimedia Commons

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Leserpost

netiquette:

T. Schneegaß / 07.03.2021

Man muss den Hass nicht retten. Er ist allgegenwärtig und sehr, sehr potent. Dieser Staat und die von ihm geschaffene Gesellschaft hat allerdings genau festgelegt, WER hassen darf und sogar hassen MUSS,  und WER gehasst werden darf und sogar gehasst werden MUSS. Es existiert die EINBAHNSREASSE des Hasses. Wenn man die Verkehrsordung penibel einhält und die Einbahnstraße in der vorgeschriebenen Richtung benutzt, kann man Hass bis zu Exzess betreiben und empfiehlt sich gleichzeitig für höhere Aufgaben.

Frank Müller / 07.03.2021

@Bernhard Piosczyk ich nehme an, “Das Schlachten hat begonnen” kennen Sie? Wenn Wahrheit und Hass eine Symbiose hätten, würde man sie dort findet. In “Was für eine Brut, diese Deutschen!” hat er sich dann auch eine Spiegel Autorin vorgenommen… Es gab sie bis vor kurzem noch, die scharfe, bis vor Gericht ausgetragene Gesellschaftskritik. Dann kam Merkel

Gertraude Wenz / 07.03.2021

Wenn die Linksgrünen von Hass und Hetze reden, meinen sie nicht wirklich Hass und Hetze, sondern sie stigmatisieren damit nur die Argumente der Opposition, um sich nicht mit ihnen auseinandersetzen zu müssen. Dieses schlichte und erbärmliche Spiel ist doch sowas von durchschaubar… Übrigens: Lieber einen Droste als zehn Drosten!

Martin Schott / 07.03.2021

Das Problem ist weniger, dass Figuren wie Kiyak oder Yücel Unsinn schreiben (dafür werden sie schließlich von ihren Blättern bezahlt). Das Problem ist heutzutage, dass sie sofort “menschenverachtend” und “Nazi!” schreien, wenn jemand ihre verbalen Ergüsse im gleichen Ton heimzahlt, und sich unter den Rock des politischen und publizistischen Mainstreams flüchten.

Sabine Schönfeld / 07.03.2021

Ich stelle beim Lesen des Textes mit Erschrecken fest, dass ich mich offenbar seit langem durch die beständige Kritik an der Merkel-Regierung - der wohl mit Abstand unfähigsten Regierung der BRD - des Ableismus schuldig gemacht und damit (s.o.) offenbar des Hasses gegen Behinderte. Wo ich doch meinen Respekt für deren echte Teilhabe an der Gesellschaft hätte ausdrücken müssen, jedes Mal, wenn eines dieser Regierungsmitglieder den Mund aufmacht. Zumindest habe ich jetzt verstanden, warum man diese Menschen in diese Positionen gewählt hat - ein ganz neues Verständnis von Demokratie liegt dem offenbar zugrunde, offensichtlich der echte Wunsch nach Gleichheit aller Menschen.

Jürgen Keil / 07.03.2021

Wenn er spricht, stets bedeutungsschwanger, dabei so honigsüß träge und langsam, daß man sich sorgen könnte, der Schlaf übermanne ihn beim Formulieren; dann aber, nach kurzer Sprachpause – Wortsuche oder Denkimitation -  einem sanften Erwachen ähnlich, ein Weiterschleichen der Silben, tropfen Moral und Pathos in solchen Mengen aus seinen Mundwinkeln, daß zwei niedere Staatsdiener, von der Kamera ausgeblendet, niedere, weil am Boden knieend, das Ergossene aufwischen, auswringen und für die nächste Rede in irdenen Gefäßen aufbewahren müssen. Von welcher Persönlichkeit*Innen schrieb der Hasser und Hetzer?

Leo Hohensee / 07.03.2021

Das ist doch auch schon so eine Art von Lenkung der Denkweise ... wieso HASS und Hetze? Alle labern von Hass, nein (!) das ist Zorn und Wut über Zustände und darüber wie man mit uns umgeht oder mit uns verfährt oder wie man uns verarscht, ohne dass wir eine wirkliche Möglichkeit haben, uns zu wehren oder Entwicklungen zu beeinflussen oder gar abzuwenden. Die Verwendung des Wortes Hass soll doch nur den unbeteiligten Teil der Menschen im Lande aufputschen, zu glauben, die Anderen, die Hasser, haben Säbel und Stichwaffen in jeder Jackentasche. Das funktioniert wie mit Frames, es dringt in die Schädel und in die Herzen !

Karl-Heinz Vonderstein / 07.03.2021

Peter Scholl-Latour war mal, da war er schon älter, in einer Talksendung zu Gast, in der man u.a. über westliche Soldaten, die in Afghanistan oder dem Irak waren und traumatisiert wurden, geredet hat und die nach ihrer Rückkehr in ihr Heimatland in psychologische Behandlung gehen mussten.Peter Scholl-Latour nannte das Beispiel eines Bekannten, der als Soldat u.a. in Stalingrad kämpfte und ein Bein verlor.Er hätte nach dem Krieg wieder versucht ein normales Leben zu leben, was ihm auch gelungen sei und wäre zu keiner Zeit wegen seiner schrecklichen Erlebnisse im Krieg in psychologische Behandlung gegangen.Er wäre gar nicht auf den Gedanken gekommen.Peter Scholl-Tour kam zu dem Schluss, dass die heutige Generation eine verwöhnte Generation sei.Die Sendung muss so 15 Jahre etwa her sein.Er meinte wohl damit, dass die Generation von heute nicht mehr so belastbar ist und nicht mehr so viel aushält, weil sie so verwöhnt und behütet aufgewachsen sei.Das erinnert mich irgendwie an ihrem Artikel zum Hass.Auch da denk ich mal ist die Generation von heute nicht mehr so belastbar und hält nicht mehr so viel aus.Man scheint heute in jedem der seinen Hass öffentlich macht jemandem zu sehen, der damit beabsichtigt oder zumindest fahrlässig in Kauf nimmt, dass jemand anderes das zum Grund nehmen könnte (als Freischein), zur Tat zu schreiten, um den/der jenigen, auf den/die sich der Hass bezieht, ernsthaft zu schaden.In einem möchte ich Ihnen widersprechen, Beispiel Sarazzin:Wenn ihm einer einen weiteren Schlaganfall wünscht, muss das auch zumindest ausgesprochen oder geschrieben werden dürfen, weil daraus kein direkter oder indirekter Aufruf an einen potenziell anderen oder Unbekannten heraus zu interpretieren ist, Sarazzin zu töten oder zu verletzen, sondern es bedingt durch eine Durchblutungsstörung geschehen soll.

Charles Brûler / 07.03.2021

Ich frage mich gerade was mehr Spaß macht: Böse Kommentare raushauen oder andere Kommentare zu kritisieren. Das Raushauen fühlt sich besser an. Von den anderen Kommentaren kann man sich ja inspirieren lassen. Erster Vorschlag: Alte Männer in großen Schlössern besser auf den Müllhaufen…

G. Böhm / 07.03.2021

„Was wir hier in diesem Land brauchen, sind mutige Bürger, die die roten Ratten dorthin jagen, wo sie hingehören – in ihre Löcher.“ (FJvB) - Heutzutage müßte es präziser ergänzenderweise heißen: ” ... die roten Raten in ihren grünen Mänteln ...”, so es einem nicht täuschte. | Niemals in der Welt hört Haß auf durch Haß. Haß hört durch Liebe auf! So muß wohl einst auch der kleine Erich gedacht haben, in dem er die von ihm in besonderer Weise geliebten Mitbürger im Einzelfalle liquidieren und in vielen Fällen arrestieren ließ, nicht ohne in problematischen Fällen auf dem Anordnungsschreiben sich den schriftlichen Bestätigungsvermerk ‘EINVERSTANDEN’ von Walter oder dem Ochs-und-Esel-Erich abzuholen. Mit intellektuellen Debatten kann man allerdings Haß und Dummheit nicht begegnen, hier gilt die alte Binsenweisheit, daß auf einen groben Klotz ein grober (geschickt gesetzter) Keil gehört und man auf diesen auch ordentlich draufschlagen muß und federte er zurück (was passieren kann), muß man ihn nochmals ansetzen, denn auch in diesem Metier gilt: Erfahrung macht den Meister.

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