Eran Yardeni
Wenn Sport, wie oft behauptet wird, gesellschaftliche Verhältnisse, soziale Spannungen und kulturelle Differenzen zuverlässig widerspiegelt, kann man aus der folgenden Geschichte, die in Israel beginnt und in Deutschland endet, etwas über Integration und vor allem über kulturell bedingte Begriffe wie „Respekt“ lernen.
Unsere Geschichte beginnt im Jahr 2000. Mit Glück nicht gesegnet und vom Schicksal verfolgt, landete damals auf dem Ben-Gurion Flughafen in Tel-Aviv ein netter dänischer Kerl, der die undankbare Aufgabe bekam, die israelische Nationalmannschaft zur Fußballweltmeisterschaft 2002 zu führen. Die Erfolgswahrscheinlichkeit war genauso niedrig wie der Wasserspiegel des Toten Meeres, die Erwartungen hingegen höher als die Wolkenkratzer von Tel-Aviv. Das soll aber keinen überraschen, denn die Israelis sind einfach eine bunte, laute, verrückte Sammlung von irreparablen Optimisten.
Ihre Grundeinstellung zum Leben und ihre moralische Geheimwaffe zeigen sich am klarsten in dem berühmtesten Satz der Geschichte des Zionismus: „Alles wird gut!“ (Yihiye Beseder!), oder wie ihn Herzl geschickter formulierte: “Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen”. Und die Israelis wollen, sie wollen alles, vor allem aber da zu sein, wo alle sind, bei der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea. Und sie wissen auch, dass es machbar ist. Warum eigentlich nicht? Haben sie es nicht geschafft, in der Wüste, unter glühender Sonne Tomaten zu züchten? Was man in der Wüste bei 50 Grad machen kann, kann man bestimmt auch am Ramat-Gan Stadion bei 30 Grad schaffen. Tomaten oder Fußball, Krieg oder Frieden, es ist alles egal. Es geht ums Prinzip.
Dass das Schicksal ausgerechnet diesen mageren, blassen dänischen Kerl, diesen Hiob der israelischen Sportgeschichte, für diese Mission auserwählt hatte, ist mehr als ein Rätsel. Schließlich war er das Gegenbild seiner Gast- und Arbeitsgeber - ein Prototyp des Europäers im positiven Sinn des Worts: Zart und höflich, zurückhaltend und bescheiden (bescheiden aber nicht beschnitten – dazu aber später). Aber in einem Land, wo das Unwahrscheinlichste immer wahrscheinlicher ist als das Wahrscheinlichste, kann auch ein solcher zarter Kerl zum Löwenbändiger werden.
Die Geschichte großer Männer mündet fast immer in einer großen Schlacht und am 27. Oktober 2001, bejubelt von 44,000 Fans, betraten den Rasen des Ramat-Gan Stadions elf stolze, mutige israelische Matadore, die nur noch den österreichischen Stier bezwingen sollten, um die Grenzen der Realisierbarkeit zionistischen Träume noch ein paar Zentimeter zu verschieben.
Zum Beginn des Spiels sah alles ziemlich rosig aus. Und nicht ohne Grund: Wegen oder dank der damaligen unstabilen Sicherheitssituation gerieten viele österreichischen Spieler in Panik, als ihnen mitgeteilt wurde, dass das Spiel, trotz des heftigen Protests des österreichischen Trainers, wie geplant stattfinden soll. So trat die Gastmannschaf mit Ersatzspielern an, die so berühmt waren, wie die Schuhgröße von Heide Simonis. Bis auf den Trainer, Otto Baric, und ihre Eltern wusste keiner, wie sie heißen. Gravierender aber war der Effekt dieses Massenboykotts auf die israelischen Fans. Die Rachesuchenden setzten jetzt ihre Erwartungen höher. Sie begnügten sich nicht mehr mit dem Sieg; Den österreichischen Stier wollten sie nicht nur bezwingen, sondern auch schlachten und grillen.
Das ist aber die Ironie des Schicksals, das mit einer Hand streichelt und gleichzeitig mit der anderen eine Backpfeife gibt. Und in der 90. Minute hat es echt weh getan, als Andreas Herzog den Ausgleich für Österreich erzielte und mich, sowie die anderen 44,000 Zuschauer und einen kleinen dänischen Gastarbeiter, frustriert nach Hause schickte.
Obwohl sein Fiasko genauso peinlich war wie die misslungenen Einsätze seiner Vorgänger, weckt der Name Richard Møller Nielsen heute noch gute Erinnerungen in Israel und zwar nicht wegen irgendwelcher hervorragenden sportlichen Leistungen, sondern vor allem dank einer kleinen Geste, die die Herzen der Israelis eroberte: Vor jedem Spiel sang der blasse dänische Kerl die israelische Nationalhymne, „die Hoffnung“, mit.
Richard Møller Nielsen war nicht jüdisch. Seine Familie lebte nicht seit Generationen in Israel, er besaß die israelische Stattbürgerschaft nicht und hatte auch keine Absicht sie zu beantragen oder überhaupt nach Israel zu ziehen. Es ist fraglich, ob er je die Schriften von Herzl las oder ob er überhaupt wusste, wer Pinsker und Jabotinsky waren. Das hat ihn aber daran nicht gehindert, die Worte der israelischen Nationalhymne auswendig zu lernen. Als er einmal gefragt wurde, warum er das macht, warum er die Nationalhymne eines fremden Landes singt, erwiderte er ohne seine innere Ruhe zu verlieren: “Aus Respekt”.
Vor dem Hintergrund dieser Geschichte soll das folgende Interview mit Sami Khedira, knapp vor der Eröffnung der Fußballweltmeiserschaft 2010 in Südafrika, gelesen werden (Süddeutsche Zeitung, 15.06.2010).
SZ: „Zuletzt ist wieder die etwas gefährliche Debatte aufgekommen, warum so viele der aktuellen deutschen Nationalspieler - unter anderem Sie - die Nationalhymne nicht mitsingen.“
Khedira: „Meine Meinung ist, dass Singen nichts damit zu tun hat, ob ich mich mit einem Land identifiziere. Bei mir kann sich jeder hundertprozentig darauf verlassen, dass ich mich wie ein Deutscher fühle. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, für mich kam nie eine andere Nationalmannschaft in Frage. Ich bin der Meinung, dass ich nicht mit Singen irgendetwas vorspielen oder künstlich demonstrieren muss.“
SZ: „Wird in der Mannschaft denn über dieses Thema gesprochen? Sagen die Nicht-Sänger: Kommt, lasst uns singen, bevor die Debatte weitergeht?“
Khedira: „Wir reden manchmal drüber, aber ein großes Thema ist das nicht. Dass ich nicht singe, liegt ja auch daran, dass ich Respekt vor meinem zweiten Heimatland habe und vor dem Teil meiner Familie, der dort noch lebt. Aber auch dieser Teil der Familie weiß: Der Sami ist Deutscher und will mit Deutschland Weltmeister werden.“
Zwei Elemente fallen hier auf. Das Erste zeigt sich in der unterschiedlichen Bedeutung, die Sami Khedira und Richard Møller Nielsen dem Begriff „Respekt“ verleihen. Der Erstere vermeidet die Nationalhymne seiner eigenen Heimat „aus Respekt“, der Letztere hingegen singt die Nationalhymne eines fremden Lands aus Respekt. Das Zweite Element soll in jedem „Einführungskurs in die Logik“ als Beispiel für falsche Anwendung von Syllogismen gelehrt werden. Dazu aber gleich.
Erstens lassen Sie uns die folgende Frage beantworten, ehe wir unseren Weg in diesem verbalen Chaos völlig verlieren: Was ist eigentlich Respekt?
In ihrem Buch „Chaos der Kulturen“ befasste sich die Soziologin Necla Kelek nicht nur mit dieser Frage, sondern vor allem mit dem Unterschied zwischen westlichem und muslimisch-orientalischem Respekt (Seite 55):
=Der amerikanische Soziologe Richard Sennett beschreibt für die westliche Kultur den Begriff „Respekt“ als soziales Instrument gegenseitiger Rücksichtnahme, das sich im Verhalten, in Ritualen und nicht zuletzt in Gesetzen manifestiert, und als Achtung der Bedürfnisse von Menschen, die einem nicht gleichgestellt sind. Jürgen Habermas beschreibt Respekt als Achtung abweichender Meinungen, die anderen Interessen entspringen. In der muslimisch-orientalischen Kultur hingegen wird dieser Begriff total anderes verstanden (Seite 56): „Respekt hat man dem Älteren, dem Stärkeren, der Religion, der Türkei, Vater, Onkel zu erweisen. Respekt bedeutet in dieser Kultur nichts anderes als Unterwerfung.“=
Dank dieser Analyse kann man vielleicht erklären, warum Khedira, aus Respekt vor seinem „zweiten Heimatland“, die Nationalhymne seines ersten Heimatlands, Deutschland, nicht mitsingen will. Oder warum Nielsen kein Problem hatte, die Nationalhymne eines fremden Landes zu singen, während Khedira mit der Nationalhymne seiner eigenen Heimat total überfordert ist.
Khedira darf auch nicht vergessen, dass man diese „Respekt-Logik“ ganz einfach ad absurdum führen kann, z.B.: Aus Respekt vor meiner Ex-Freundin soll ich meine heutige Frau nicht mehr küssen oder aus Respekt vor meiner Tante soll ich keine andere Tante umarmen. Nach dieser Logik, die den orientalischen Respekt zum kategorischen Imperativ macht, soll sich Khedira auch fragen, ob die Entscheidung für Deutschland zu spielen, die richtige war. Schließlich hat er Respekt vor seinem zweiten Heimatland und vor dem Teil der Familie, der dort noch lebt. Der Respekt als moralischer Kompass, wie man sehen kann, ist kein zuverlässiges Gerät.
Es gibt vielleicht einige Gründe, warum man die deutsche Nationalhymne vermeiden soll. Man kann z.B. behaupten, dass die Assoziationen, die dieses Lied weckt, nicht mit dem heutigen demokratischen Deutschland in Einklang zu bringen sind. Das ist eine legitime emotionale Position, die durch die historische Tatsache, dass wir die letzte Strophe singen, während die Nazis die Erste gesungen hatten, nicht zu widerlegen ist. Man kann auch sagen, dass Khedira sich in Deutschland fremd oder wenigstens nicht genug „zu Hause“ fühlt, um die Nationalhymne dieses Landes zu singen. Genau das Gegenteil behauptet aber Khedira. Natürlich kann man auch zu ideologischen Gründen Zuflucht nehmen, wie z.B. eine grundsätzliche Ablehnung des Nationalstaates als Lösung für die politischen und gesellschaftlichen Probleme der Menschheit. Wenn man aber aus dem Zylinder ausgerechnet den Respekt zaubern will, denn soll man damit wenigstens konsequent umgehen.
Vielleicht aber liege ich doch völlig falsch. Vielleicht hat diese grundsätzliche Einstellung gegen das Singen der deutschen Nationalhymne nicht nur mit Respekt vor der zweiten Heimat zu tun sondern vor allem mit der Art und Weise, wie viele Deutsche mit Migrationshintergrund die Rolle Deutschlands in ihrem Leben schätzen. Balotelli, Sohn einer ghanaischen Familie, ist ein Italiener mit Migrationshintergrund. Das hat ihn daran nicht daran gehindert, die italienische Nationalhymne aus voller Brust zu schmettern. Liest man seine Lebensgeschichte, kann man auch verstehen warum. Dass er die Nationalhymne singt, soll nicht als Nationalismus verstanden werden, sondern als Zeichen der Dankbarkeit.
In solchen Momenten habe ich echt Sehnsucht nach meiner Heimat, Israel, wo im Chaos wenigstens ein bisschen Ordnung herrscht. Da singen die arabischen Spieler die israelische Nationalhymne nicht. Und wenn sie gefragt werden, warum, antworten sie ganz ehrlich: Diese Nationalhymne wurde für die Juden gedichtet nicht für uns. Diese Antwort kann man akzeptieren oder ablehnen, mögen oder hassen, wenigstens hat man dann das Gefühl, dass man nach der Wahrheit nicht im Dunkeln tasten muss.