Einladungen bestimmter Institutionen oder Menschen anzunehmen, die als „rechts“ gelten, kann verheerende und rufschädigende Folgen haben. Trotzdem sollte man sich davon nicht unbedingt abschrecken lassen.
In Budapest lernte ich kürzlich den Hamburger Juristen Professor Reinhard Merkel kennen, einen angenehm beweglichen, uneitlen Mann von Anfang Siebzig. In seiner Jugend war er Schwimmer, Leistungssportler, Mitglied der deutschen Olympiamannschaft. 1968 in Mexico City kam er bis ins Finale und wurde Sechster. Kann es sein, dass ehemalige Leistungssportler aus ihrer Jugend einen Sinn für Fairness, Toleranz und Kameradschaftsgeist zurückbehalten, der mit der Denunziationskultur im heutigen Deutschland unvereinbar ist?
Merkel (der gesprächsweise erwähnte, er stünde in keiner verwandtschaftlichen oder sonstigen Nähe zu einer früheren Bundeskanzlerin) erhielt eine Einladung für eine Fellowship im Mathias Corvinus Collegium, abgekürzt MCC, in Budapest. Und akzeptierte sie. Das Corvinus Collegium gilt linken deutschen Meinungswächtern als „umstritten“, „rechtspopulistisch“, „Orbán-nahe“ und daher unakzeptabel. Es fungiere, im Wortlaut des Südwestdeutschen Rundfunks „als Kaderschmiede der Regierung des Rechtspopulisten Orbán. Die Einrichtung verstehe sich selbst als ungarische Eliteuniversität im Sinne des Orbán'schen Politik- und Gesellschaftsverständnisses und werde von dessen Regierung massiv mit Geld unterstützt.“
Wer sich erinnert: Der Tübinger Bürgermeister Boris Palmer sah sich, als er eine Einladung des MCC annahm, in Deutschland mit Schmähungen überhäuft. „Anbiederung bei der äußersten Rechten“ wurde ihm vorgeworfen oder „Versuche der Spaltung“. Er sei schon zuvor „Rassismusvorwürfen“ ausgesetzt gewesen, hieß es drohend. „Das muss man sich als Oberbürgermeister einer renommierten Universitätsstadt und ehemaliger Grüner eigentlich nicht antun“, klagte die Berliner Tageszeitung taz, die bei dieser Gelegenheit an Palmers kaum verwundenen Austritt aus der Partei der Grünen erinnerte.
Erschreckende Zusammensetzungen
Und das Corvinus Collegium, von mir als friedlicher Campus mit Bibliotheken, jungen Leuten hinter Laptops, zuverlässigen Lehrkräften und interessanten Diskussionen wahrgenommen, geriet in der Darstellung korrekter deutscher Medien, etwa der Frankfurter Rundschau, zum wahrhaft diabolischen Ort: „Die Bildungseinrichtung und Denkfabrik ist eng mit der rechtspopulistischen Regierung von Viktor Orbán verbunden. Das MCC importiert unter anderem Ideen ultrarechter Publizistinnen und Publizisten aus den USA, deren Schriften es in ungarischer Übersetzung veröffentlicht. Zugleich arbeitet es an der internationalen Vernetzung rechts-konservativer und ultrarechter Bewegungen.“ Viermal in diesen drei kurzen Sätzen erscheint das vernichtende Wort „rechts“, zudem in wahrhaft erschreckenden Zusammensetzungen: „rechtspopulistisch“, „rechts-konservativ“ und, zum besseren Einprägen gleich doppelt, „ultrarechts“.
Inzwischen wissen wir, dass mit „rechts“ alles gemeint ist, was dieser Schreiber Aufnahmefähigkeit zu hoch, zu tief, zu „rechts“ oder auch zu „links“ ist, mithin alles, was ihre arrogante Mittelmäßigkeit nicht zu begreifen vermag: das weite Reich freien Denkens, voller Gefahren, zugegeben, aber auch voll ungeahnter Schätze. Palmer hat sich, wie ich hörte, in Budapest gut unterhalten. Weil er für sein Leben gern kritisch ist, kritisierte er auch die Regierung Orbán, was von Gastgebern und Publikum mit einer im heutigen Deutschland kaum vorstellbaren Toleranz quittiert wurde, und er teilte ihnen wahrheitsgemäß mit, „dass ein Auftritt beim Mathias-Corvinus-Collegium für einen Politiker in Deutschland mit einem Reputationsverlust verbunden“ sei.
Der droht nun auch Reinhard Merkel, seit er die Einladung nach Budapest annahm. Kollegen aus der akademischen Sphäre – bekanntermaßen einem Milieu rigider „political correctness“ – hätten ihm dringend von einer Fellowship in Budapest abgeraten. „Kein seriöser Wissenschaftler“, hätten sie erklärt, würde am umstrittenen Corvinus Collegium Vorlesungen geben. „Und da“, so Merkel mir gegenüber, „regte sich bei mir so etwas wie ein renitenter Reflex.“
Besserwisserei ist die Zwillingsschwester der Unfähigkeit
Ich finde, besser kann man es nicht sagen. „Renitenter Reflex“ – das treffende Wort für den inneren Widerstand, den ein vernünftiger, nachdenklicher, an demokratische Verhältnisse gewöhnter Mensch angesichts der ständigen Bevormundung spüren muss, ein Aufbegehren gegen die versuchte Entmündigung, eine Regung menschlichen Stolzes gegen die Diktatur der Dummen. Denn die uns ständig vorschreiben wollen, was richtig und falsch, was akzeptabel oder „umstritten“, was tolerabel oder „populistisch“ sei, die mit dem Wort „rechts“ hantieren wie mit einem Henkerbeil – sie selbst bringen, wenn es drauf ankommt, fast nichts Brauchbares zuwege. Sie können nur eine gut laufende Wirtschaft blockieren, Kraftwerke abschalten, sich auf Straßen festkleben, sinnlose Verbote und neue Zwangsabgaben erlassen, allen im Land die Lust am Leben nehmen und die Steuergelder ihrer Untertanen in aller Welt verschleudern. Ihre Besserwisserei ist die Zwillingsschwester ihrer Unfähigkeit. Was sie verordnen, ist offensichtlich sinnlos und falsch, also sollte das, was sie verbieten, wenigstens einen Versuch wert sein.
Bevor ich nach Budapest flog, war ich einige Tage in Deutschland, und dort fand ich meine Freunde und Bekannten, ganz gleich welchen Alters und welcher Profession, gegenüber dem letzten Besuch verändert: waren sie im vergangenen Jahr meist deprimiert und besorgt über die Entwicklung ihres Landes, entsetzt über die qualvolle Inkompetenz der gegenwärtigen Regierung, entmutigt und ohne Hoffnung, so regt sich jetzt bei vielen eben das, was Reinhard Merkel so treffend, sogar wohlklingend formulierte: der „renitente Reflex“. Ja, auch ich hatte den Eindruck: Renitenz liegt in der Luft, Widerstand, zumindest Widerspruch. Im Angesicht der verheerenden Uniformität des regierenden Mittelmaßes wird das „Umstrittene“ verlockend, geradezu modern.
Wollen wir dabei bleiben: gerade das auszusprechen, was Claudia Roth für „unsagbar“ erklärt, genau die Einladungen anzunehmen, die für skandalös gelten, mit den Ausgestoßenen zu verkehren, auf den Blogs zu schreiben, die Nancy Faeser ein Ärgernis sind. Das hält uns jung und munter. Damit wir in Form bleiben für die Zeit danach. Es gibt nichts gesünderes als den „renitenten Reflex“.
Chaim Noll wurde 1954 unter dem Namen Hans Noll in Ostberlin geboren. Sein Vater war der Schriftsteller Dieter Noll. Er studierte Kunst und Kunstgeschichte in Ostberlin, bevor er Anfang der 1980er Jahre den Wehrdienst in der DDR verweigerte und 1983 nach Westberlin ausreiste, wo er vor allem als Journalist arbeitete. 1991 verließ er mit seiner Familie Deutschland und lebte in Rom. Seit 1995 lebt er in Israel, in der Wüste Negev. 1998 erhielt er die israelische Staatsbürgerschaft. Chaim Noll unterrichtet neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit an der Universität Be’er Sheva und reist regelmäßig zu Lesungen und Vorträgen nach Deutschland.
In der Achgut-Edition ist von Chaim Noll erschienen: Der Rufer aus der Wüste – Wie 16 Merkel-Jahre Deutschland ramponiert haben. Eine Ansage aus dem Exil in Israel.

Wenn man sich ernsthaft mit deutscher Geschichte des 20. Jh befasst und verstanden hat, dass die NSDAP eine linke Arbeiterpartei war, jagt einem der Vorwurf „rechts“ zu sein, keine Angst mehr ein. Im Gegenteil, man bekommt Angst vor den Grünen/Linken, die sich wieder totalitärer Methoden bedienen, das Recht beugen und die (Meinungs-) Freiheit gefährden.
Im heutigen Deutschland kann schon ein gemeinsames Foto mit einer als „rechts“ beschriebenen Person
die gesellschaftliche Ächtung und den Verlust der beruflichen Existenz bedeuten.
Auf der anderen Seite existieren keinerlei Berührungsängste zu Linken aller Ausprägung, offene Systemfeinde
werden gerne in Talkshows präsentiert.
Selbst ehemaligen linken Terroristen ist hier schnell vergeben worden.
Rufschädigend bestimmte Menschen sozusagen „niederzumachen“ ist ein menschenunwürdiges Verhalten!! Es ist geradezu faschistisch.
Danke, lieber Herr Noll, diesen „renitenten Reflex“ spüre ich schon länger und werde ihn weiter pflegen!
Ja, das ist ein sehr guter Ausdruck für das diffuse Gefühl, das ich angesichts des Umgangs mit der Opposition immer mehr habe. Seit meiner Schulzeit pflege ich Sympathie für die „Opfer“ (dieser Ausdruck ist heutzutage zum Schimpfwort entstellt, ich meine die ursprüngliche Bedeutung). Es waren jedenfalls die, welche gehänselt und auch gern mal körperlich attackiert wurden. Wenn eine „Machthabende Mehrheit“ diese „Ausgestoßenen“ unfair und auch rechtswidrig behandelt, findet eine empathische Solidarisierung statt. Das sind Effekte, die sich in den Wahlumfragen niederschlagen und so, wie sich die „Mächtigen“ (ja, klar, sie haben defacto alle Machtinstrumente in der Hand!) immer brutaler und schmutziger gegen einen „heranwachsenden Konkurrenten“ wehrt, braucht man sich um die Sympathien für die Opposition keine Sorgen zu machen.
Ihr werden gerade täglich Wähler zugetrieben, die nicht unbedingt „Fans“ sind, aber wahrscheinlich mal Sportler waren und den „Renitenz-Reflex“ noch wach gehalten haben.
In meiner Familie ist dieser „renitente Reflex“ quasi erblich, da uns erst spät die Flucht aus der DDR gelang. Die bis dahin von meinen Eltern aufrecht erhaltenen Kontakte mit dem kapitalistischen Erbfeind im Westen, spricht Geschwister und Eltern, galten dem Regime immer als höchst verdächtig. Also „Im Westen nichts Neues“. Alles schon mal da gewesen im besten Deutschland aller Zeiten.
Der Umgang mit den Ausgestoßenen unserer Zeit wird nicht gerne gesehen. Aber hatte nicht dereinst, so berichtet zumindest die fromme Legende, Jesus Umgang mit den Ausgestoßenen seiner Zeit. Als da waren Aussätzige, Dirnen und Steuereintreiber. Und rettete er nicht das Leben einer Frau mit den Worten, wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.
Solcherlei Moral gilt heute nicht mehr. Die neuen Steinewerfer, selber nicht ohne Dreck am Stecken, stehen allzeit bereit.