Gastautor / 20.06.2009 / 08:27 / 0 / Seite ausdrucken

Auf dem falschen Rad

Von Reinhard Schlieker

Bei Porsche geht es gar lustig zu. Man mag sich als Außenstehender schon grämen, dass nicht mehr von dem bunten Treiben in und um Zuffenhausen an die Öffentlichkeit dringt – so wie jetzt etwa der Briefwechsel zwischen dem selbstbewußt-auftrümpferischen Wendelin Wiedeking und dem hinterhältig-genialischen Ferdinand Piech. Das hat doch was. Die „Süddeutsche Zeitung“, die diese Dokumente an Land gezogen hat, darf sich noch einmal überlegen, ob die Geschichte in den Wirtschaftsteil oder nicht doch lieber in die Rubrik “Panorama“ gehört. Denn der Vorgang passt recht gut in die Klatschspalten der Yellow Press: Der Vorstandsvorsitzende von Porsche, Wiedeking, wirft einem der wichtigsten Eigentümer des Sportwagenbauers ganz offensichtlich Inkompetenz, wenn nicht gar Böswilligkeit vor. 

Dafür müsse er büßen, vielleicht sogar haften: Piech, der Grandseigneur der VW-Porsche-Audi-Großfamilie, habe sich despektierlich über Porsche geäußert, die Finanzprobleme des Unternehmens hervorgekehrt und zu allem Überfluss noch bekannt gemacht, dass VW dem hoch verschuldeten Cousin aus Stuttgart-Zuffenhausen nicht beispringen werde. Das ist natürlich bitter und kann einem Vorstandsvorsitzenden, der unter anderem etwa neun Milliarden Euro Schulden zu managen hat, schon übel aufstoßen. Zumal nach den am Freitag vorgelegten Rumpfzahlen und Einschätzungen auch der Umsatz nicht mehr so richtig mitspielt – wen wundert’s inmitten einer Finanz- und Wirtschaftskrise. Als Wiedeking den damals maroden Laden übernahm und zurück in die Spur steuerte, war die Lage besser außen herum – Anfang der Neunziger herrschte noch Aufbruchstimmung. Da genügte es, auch unter Zuhilfenahme einiger Experten von Toyota, damals Vorbild, die Prozesse am Band und in der Werkstatt auf Trab zu bringen. Das wird heute nicht reichen. Porsche-Produkte sind inzwischen wieder das, was der Name immer versprach – aber hat das vielleicht dazu beigetragen, den Chef auf dumme Gedanken zu bringen? So dass Porsche zeitweise aussah wie eine Investmentbank mit angeschlossener Autowerkstatt?

Nun hat man sich mit der ganzen geplanten VW-Übernahme bekanntlich gründlich verhoben, und Ferdinand Piech ist wohl zu Recht nicht amüsiert. Auch wenn ihm der Verlust von reinem Geld nicht viel auszumachen scheint – eine Banknote hat schließlich keinen Motor und keine Räder, also was will man damit? Der schon des Fanatismus verdächtigte Autonarr interessiert sich wohl je zur Hälfte für fahrbare Untersätze (und davon hat der VW-Konzern einfach mehr als der kleine Porsche-Hersteller), und für seinen Nachruhm in der Geschichte. Sagt man. Dass er andererseits nicht in der Lage zu sein scheint, den widerborstigen Wendelin in Stuttgart vom Thron zu fegen, lässt auch wieder tief blicken. Wiedeking hat also genügend Stütze im Rest der Porsche-Familie, und da kann er wohl auch mal böse Briefe schreiben, ohne das Echo fürchten zu müssen. Aber Piech, der gern mal ein geradezu satanisches Lächeln aufsetzt, kurz bevor er jemanden tödlich beleidigt, ist nicht geschlagen, ja nicht einmal angeschlagen. Bis man diesen Oldtimer des Geschäfts mal auf dem falschen Rad erwischt, dürfte noch einige Zeit vergehen.

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