Rainer Bonhorst / 06.06.2011 / 09:13 / 0 / Seite ausdrucken

Reifenwechsel

Die Bundeskanzlerin und der bayrische Ministerpräsident haben ihr taktisches Konzept für das Rennen 2013 fertiggestellt. Der Große Preis von Berlin soll als ein Wettkampf um den Ausstieg aus der Atomenergie geführt werden. Dabei zielt man zugleich auf einen möglichen Team-Wechsel ab. Das neue Konzept hat sich im ersten Qualifying bereits bewährt. Das Feld der Wettbewerber um den Atomausstieg wirkt dicht gedrängt. Die Grünen, aus der Pole Position gestartet, haben bei dieser Renngestaltung psychologisch zwar immer noch die Nase vorn. Aber CDU und CSU rollen das Feld von hinten auf. Die SPD spürt bereits den atomfreien Atem der Union im Nacken.

Den Kern der neuen Renntaktik bildet die Entscheidung der schwarzen Team-Führung, einen blitzschnellen Reifenwechsel zu wagen. Weg von den alten atomar geprägten Reifen und hin zu den populären atomfreien. Damit macht man aus einer Not eine Tugend. Die alten Reifen sind nach einem schweren Unfall beim Großen Preis von Japan dem deutschen Publikum nicht mehr zu vermitteln. Aber das ist es nicht allein. Die Union will sich auch von ihrem bisherigen Team-Partner FDP unabhängig machen. Sie tut dies, indem sie sich technisch für einen alternativen Partner rüstet. Die FDP ist schon vor einiger Zeit ins Schleudern geraten. Und sie scheint nicht bereit, den möglicherweise rettenden Reifenwechsel der Union in der notwendigen Geschwindigkeit und Gründlichkeit mitzumachen.

Ausgerechnet die Partei der besser Verdienenden weist immer wieder darauf hin, dass die atomfreien Reifen sehr teuer sind und dass es viel zu wenige davon gibt. Die Liberalen malen ein Szenario an die Wand, in dem plötzlich viele Rennwagen ohne Reifen da stehen, wenn man die alten ganz aufgibt. Im Übrigen haben sie sich so sehr an ihre alten Hersteller gebunden, dass sie sich nicht über Nacht vollständig von ihnen lösen können. Sie versuchen es mit einem halben Reifenwechsel, indem sie rechts mit den alten, und links mit den neuen fahren. Aber mit dieser Bestückung ist der FDP-Bolide auf Dauer kaum zu steuern. Er droht aus dem Rennen zu fliegen und dabei CDU und CSU mit hinweg zu reißen.

Die Unionsparteien haben kein Problem mit ihren früheren Lieferanten. Ihr Motto lautet: Was kümmert mich mein Reifen von gestern! Einige Techniker der CDU und CSU kritisieren den Reifenwechsel zwar als überhastet, aber sie sind von den Chef-Fahrern beim Boxen-Stopp einfach überrollt worden. Es geht schließlich ums Ganze. Mit den brandneuen atomfreien Reifen will man sich endlich als Team-Partner der Grünen zu qualifizieren. Erste Flirts am Rande der Piste sind schon gesichtet und gemeldet worden.

Die Sozialdemokraten schauen misstrauisch zu, wissen aber nicht, was sie tun sollen. Sie verweisen darauf, dass sie – anders als die Union - schon fast so lange wie die Grünen mit atomfreien Reifen fahren. Aber genau das scheint ihr Problem zu sein. Ihr einst griffiges Profil wirkt abgenutzt. Ganz anders die Grünen.Ihr atomfreies Profil wirkt, obgleich es das älteste von allen ist, frischer und klarer denn je. Kein Wunder: Sie besitzen das Patent auf die nachwachsenden Zauberreifen. Sie haben sie erfunden und sich damit einen technologischen und psychologischen Vorsprung gesichert. Die Schwarzen haben in großem Stil bei ihnen eingekauft. Von ihrer alten Marke, auf die sie bis vor kurzem noch geschworen haben, haben sie sich komplett verabschiedet. Die neuen Reifen sehen prima aus, aber man sieht ihnen an, wie neu sie sind. Sie bilden einen unschönen Kontrast zum alten Fahrgestell. Das Rennen ist noch nicht gelaufen. Selbst das schwarzgelbe Traditionsteam hat noch eine Chance. Ausgerechnet der Verzicht auf einen kompletten und sofortigen Reifenwechsel kann den Liberalen überraschend neue Power bringen. Nicht jeder Fan der Schwarzen ist mit dem neuen Profil seines Rennstalls einverstanden. Und wohin kann er sich wenden, wenn nicht zur FDP? Nur sie bietet noch einen Plätzchen für Leute mit Nostalgie-Reifen.

Und das alte rotgrüne Team? Vielleicht kann es sich in umgestülpter Formation durchs Ziel schleppen, mit den Grünen als Piloten und den Roten im Schlepptau.Leider nicht ganz auszuschließen ist, dass mal wieder die Kombination Schwarzrot als Sieger ins Ziel fährt. Das wäre ein peinlicher Sieg der müden Alten auf Reifen aus der Werkstatt der Grünen.  Wirklich neu wäre ein Sieg der umgebauten Schwarzen mit den Grünen als Partnern. Chef-Fahrerin Angela Merkel und Co-Pilot Horst Seehofer wollen es den Grünen so leicht möglich machen. Ihr ehemals schwarzer Stall ist vor lauter Grün kaum wiederzuerkennen. Die Fahrer der echten Grünen können sich bei den neugrünen Schwarzen wie im eigenen Fahrzeug fühlen. Aber werden sie umsteigen? Eilig scheinen sie es nicht zu haben. Sie wollen sich offenbar mehr Zeit lassen als die Unionsparteien mit ihrem Umstieg von der Atompolitik auf die Antiatompolitik.     

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