Im Sinne der ökonomischen Volksbildung ist es ja eigentlich eine gute Sache: Ganz Deutschland übt sich gerade in strategischer Unternehmensplanung. Wo sonst Dinge wie die Aufstellung der Nationalmannschaft verhandelt werden, an Stammtischen, bei Lokaltreffen politischer Parteien und in Friseursalons, diskutieren nun alle, wie die GM-Tochter Opel gerettet werden kann. Grundkurs Betriebswirtschaft am (noch) lebenden Objekt gewissermaßen.
Bereits im Hauptseminar sitzen unsere Politiker. Mit sichtlicher Wonne lassen sie Vorstandschefs in Berlin antanzen, um sie gestreng zu befragen und dann mit “Hausaufgaben nicht hinreichend gemacht, nochmal versuchen” wieder nach Haus zu schicken.
Dabei werden einige Mythen gepflegt. Einer: Politiker könnten beurteilen, was ein “tragfähiger Rettungsplan” für Opel ist. Von den mühseligen Lernprozessen, in denen Deutschland in den vergangenen Jahren mit grundlegenden Funktionsweisen des Kapitalismus Bekanntschaft machte, haben wir uns offenbar schnell wieder verabschiedet. Jetzt glauben die Deutschen (endlich wieder), Politiker seien die besseren Unternehmer. Logisch, dass die Politiker das selber auch glauben. Es scheint folgerichtig niemanden zu stören, dass hier Milliarden Steuergelder in die Subventionierung eines Autokonzerns zu Ungunsten aller anderen fließen. Auch scheint es keinen zu ängstigen, mit welch großem Eifer allenthalben Landespolitiker an eigenen Strategien für die Opel-Zukunft feilen. Staatswirtschaft als Monopoly.
Mythos zwei: An der ganzen Misere ist mal wieder der Ami Schuld. Die Deutschen haben sich in die unterschwellige Grundannahme verliebt, ohne GM sei Opel ein kerngesundes Unternehmen, und nur den blutsaugenden Detroitern sei es zu verdanken, dass der Markt die grandiosen Autos aus Rüsselsheim nicht abnimmt wie warme Semmeln. Woher hier diese Sicherheit kommt, die die (in Deutschland gemachten) unternehmerischen Fehler ebenso ignoriert wie sämtliche Erkenntnisse der Automobilwirtschaft der vergangenen 20 Jahre? Sagt keiner, weil ja auch kein Journalist danach fragt. Die Medien lieben den “Guter Opel, böses GM”-Mythos nämlich ebenso sehr wie die Deutschen insgesamt.
Schließlich der Hilfsmythos. Die Opel-Thematik wird oft auf die Dualität “den armen Opelianern helfen oder sie schmählich in die Arbeitslosigkeit entlassen” reduziert. Die unangenehme Grundwahrheit, dass Pleiten zum marktwirtschaftlichen Prozess gehören, interessiert nicht. In der gesamten Diskussion geht es nicht darum, ob der Staat einer maroden Firma grundsätzlich überhaupt helfen soll. Das wird allenthalben implizit bejaht. Es geht nur um die Frage, was Opel/GM vorher zu leisten hat.
Wie es weitergeht? Ich halte folgendes Szenario für einigermaßen wahrscheinlich: Das Topmanagement muss noch ein paarmal in Berlin aufschlagen und sich von den gestrengen Großökonomen der Regierung interviewen lassen. Dann endlich zeigt Papa Staat Herz und lässt Staatsgelder fließen. Und in ein paar Jahren merken dann alle enttäuscht, dass das unabhängig agierende Unternehmen weiterhin Probleme im globalen Wettbewerb hat. Aber dann bleibt ja immer noch die Komplettübernahme.