Die Ehre ist ein glühendes Gefühl; ihr hoher Energiestatus macht sie gefährlich. Der Ehre wegen wurden Kriege geführt und Duelle abgehalten. Um geforderte und verweigerte Ehrbezeigungen geht es schon in den Tragödien der griechischen Antike, Homers „Ilias“ handelt davon und die Literatur des Mittelalters sowieso. Auch Lessing hat, bei aller Kritik an Tellheims Verranntheit, in seinem Stück „Minna von Barnhelm“ die Ehre als eines der Prinzipien menschlichen Zusammenlebens anerkannt.
Denn genau das ist sie: eine Art Kraftfeld der Persönlichkeit. Im gesellschaftlichen Getriebe sind es diese Kraftfelder, die für den nötigen Abstand sorgen, um Reibungen zu vermeiden. Insofern dient die Ehre als Medium zur Konfliktregulierung. Man spricht daher ganz analog zur Körperverletzung von Ehrverletzung, als handele es sich um eine virtuelle Außenhaut, welche die wirkliche Haut umgibt und schützen soll.
Wir müssen uns die Ehre aber auch wurstförmig vorstellen und weich genug, damit von ihr etwas abgeschnitten werden kann. Solche Ehrabschneidungen sind vor allem im politischen Geschäft ganz wichtig, denn in der Politik gibt es bekanntlich bloß zwei Verhaltensmodelle: Empörung und Ignoranz. Während die Ignoranz immer gegeben ist, kommt man zur gelegentlichen Empörung nur durch irgendeine Einwirkung von außen – seien es allgemeine Mißstände oder eben persönliche und möglichst ehrabschneidende Angriffe.
Natürlich reagieren die Politiker in dieser Hinsicht höchst unterschiedlich. Helmut Kohl zum Beispiel hatte so eine dicke Ehre, daß er noch sein Wort darauf gab, als sie bereits abgeschnitten war. Christian Wulff beschwerte sich über ehrabschneidende Anschuldigungen, bis ihn der Ehrensold ereilte. Und Bodo Ramelow hält es für ehrabschneidend, wenn man ihm seine Verbindung zu Stasi-Leuten unter die Nase reibt, wie es die Welt am Sonntag getan hat. Für ihn kommt es aber weniger auf die Ehre als auf sein Abschneiden bei der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen Ende dieser Woche an. Er würde die Wahl notfalls auch mit abgeschnittener Ehre annehmen, denn manchmal wächst die Ehre wieder nach und in anderen Fällen läßt sich das abgeschnittene Stück wieder drankleben. Es gibt da verschiedene Methoden.
Der Begriff der Ehrabschneidung gehört allerdings zu den Verlagerungsfinten im Empörungsdiskurs. Zudem ist die Ehre oft stark angeschwollen, was sie auch besonders abschneidungsgefährdet macht. So wie der Ruf: „Was erlauben Sie sich?“ soll der Vorwurf der Ehrabschneidung jeglicher argumentativen Auseinandersetzung vorbeugen. Denn jede Beleidigung enthält etwas, worin sich der Beleidigte erkennt, sonst würde sie nicht funktionieren.