In Ramat Gan wurden durch die Raketenangriffe der Islamischen Republik Iran zahlreiche Wohngebäude zerstört. Stefan Frank sprach darüber mit Albrecht Lohrbächer, dem Vorsitzenden des Freundeskreises Weinheim–Ramat Gan.
Stefan Frank (SF): Sie waren im Mai zu Besuch in Weinheims Partnerstadt Ramat Gan. Welche Eindrücke haben Sie von dort mitgenommen?
Albrecht Lohrbächer (AL): Ich war mit anderen Journalisten drei Tage dort. Das war vor den iranischen Angriffen. Das Ziel der Reise war, die Bemühungen zu sehen, die Ramat Gan unternommen hatte, um Überlebenden des Nova-Festival-Massakers zu helfen. Ich weiß, dass Ramat Gan da sehr viel tut.
Mein Haupteindruck, auch bei privaten Einladungen, war eine traumatisierte Welt. Die Menschen, denen wir begegnet sind, haben uns unglaublich dankbar aufgenommen – es kommen ja kaum Menschen aus dem Ausland. Gleichzeitig sind sie zutiefst traumatisiert von dem, was sie in den mehr als 600 Tagen seit dem 7. Oktober 2023 erlebt haben. Aber es bleibt die Haltung: Wir müssen da durch. Auch bei dem Angriff auf die iranischen Atomanlagen wurde das klar: Das muss sein, auch wenn die ganze Welt dagegen ist, wir werden das nicht weiter aushalten. Diese Haltung geht quer durch alle Bevölkerungsgruppen.
SF: Wen haben Sie zum Beispiel getroffen?
AL: Wir begannen mit einem Gespräch mit Sechzehnjährigen, einer Klasse eines Gymnasiums, mit dem wir Austausch pflegen. Mädchen und Jungen kurz vor dem Wehrdienst sprachen darüber, wie sich ihnen die Situation darstellt. Auch nach der langen Kriegszeit können sie sich nur vorstellen, zur Armee zu gehen. Der Appell an uns war: Glaubt uns doch. Der Eindruck der jungen Leute war, Europa glaube Israel nicht. Sie betonten, dass Israel einen Kampf kämpft, der auch für Europa wichtig ist.
Wir halten das durch
SF: Dann kamen im Juni die Raketenangriffe.
AL: Sie hatten gleich massive Folgen. Ramat Gan ist die vielleicht am stärksten von den Raketen betroffene Stadt Israels. Zehn Hochhäuser wurden zerstört. 74 Gebäude sind unbewohnbar. Das hat zur Folge, dass über 4.000 Menschen evakuiert werden mussten. Sie sind in 500 Hotels untergebracht. Die Opferzahl ist mit einer Toten und 35 Verletzten überschaubar, auch wenn natürlich jedes Opfer schlimm ist, aber die 4.000 Menschen, die alles verloren haben, müssen versorgt und neu ausgestattet werden. Und sie sind ja nicht nur in Ramat Gan untergebracht – so viele Hotels gibt es dort gar nicht –, sondern bis nach Netanja.
SF: Was macht das mit der Stadt?
AL: Trotzdem ist die Haltung der Menschen, auch des Bürgermeisters, Carmel Shama HaCohen, mit dem ich in Kontakt stehe: Wir halten das durch, auch wenn die Zeit der Raketenangriffe die vielleicht schlimmste nach dem 7. Oktober war. Das passt zu der Grundhaltung in Ramat Gan. Dazu gehört auch die Organisation von Freiwilligenarbeit. Vom Bürgermeister bis hin zu den Schülern haben sie sich für Ernteeinsätze gemeldet, haben Päckchen für Soldaten gepackt. Überall gibt es diese Freiwilligengruppen. Ich glaube, dem hat sich kaum jemand entzogen. Die Solidarität, die sich aus dieser von Trauma und Trotz geprägten Situation entwickelt hat, ist überwältigend. So etwas kann ich mir bei uns nicht vorstellen.
SF: Welche Hilfe braucht Ramat Gan jetzt vor allem?
AL: Weinheim mit knapp 45.000 Einwohnern ist die kleinste von Ramat Gans Partnerstädten. Wir haben von Anfang an mehrere Spendenaktionen organisiert. Zunächst ging es um Hilfe für Umgesiedelte aus dem Norden und der Umgebung des Gazastreifens. Dann haben wir eine zweite Aktion gestartet für Familien in Ramat Gan, die Soldaten im Krieg haben, und eine weitere für die 91 Überlebenden des Nova-Festival-Massakers. Die jüngste ist die für die Arbeit mit den Evakuierten nach den iranischen Angriffen. Insgesamt sind bislang etwa 50.000 Euro zusammengekommen.
Geld für eine sinnvolle Sache
SF: Darüber wurde auch in der regionalen Presse berichtet.
AL Ja. Gerade ist in den Weinheimer Nachrichten ein Artikel über unsere neueste Aktion erschienen. Der Redakteur ist sehr offen und hat sich nach dem 7. Oktober von Anfang an engagiert. Das gilt auch für den Regionalredakteur der Rhein-Neckar-Zeitung, der früh über unsere Spendenaktion berichtet hat. Jede Nachricht, die relevant war, wie etwa die Freilassung eines Entführten oder der Tod eines Soldaten aus Ramat Gan, waren für den Redakteur Anlass, einen Bericht zu schreiben, mit Bildern und prominent platziert.
SF: Gab es Reaktionen der Leser?
AL: Der Redakteur sagte mir, dass es bei der Printausgabe keine negativen Reaktionen gibt, während sie online zuweilen ganz böse Kommentare erhalten. Doch das hat die Redaktion nicht davon abgehalten, uns zu begleiten. Sie haben den Mut behalten, zu sagen: Wir stehen mit der Stadt Weinheim solidarisch an der Seite von Ramat Gan.
Dass wir so viele Spenden sammeln konnten, zeigt den relativ breiten Rückhalt in Teilen der Bevölkerung. Denn es gibt ja niemand Geld, wenn er nicht überzeugt davon ist, dass es sich um eine sinnvolle Sache handelt. Auch auf der Straße bin ich schon angesprochen worden von Leuten, nachdem in der Zeitung etwas über den Besuch des Bürgermeisters von Ramat Gan, der in Deutschland gestrandet war, stand. Sie fanden es gut, dass wir ihm ein Stück Heimat geboten haben.
Die einzige Partnerstadt, die Solidarität zeigte
SF: Das müssen Sie erklären.
AL Der erste Bürgermeister von Ramat Gan, Roi Barzilai, vertritt auch das dortige Kunstmuseum. Er war von der Führung der Kasseler documenta eingeladen, um über Ausstellungsmöglichkeiten von israelischen Werken für die kommende documenta zu sprechen. Gleichzeitig war er in Kassel wegen des 35-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft. Es gab eine kleine Feier.
Während seines Aufenthalts kam der iranische Angriff, in der Folge flogen keine Flugzeuge mehr nach Israel. Er saß dann mit seiner kleinen Delegation in Kassel und hat sich kurzerhand entschlossen, Weinheim zu besuchen. Das war ein Glück für uns, denn er war zum ersten Mal hier und fand hier eine sehr breite, positive Resonanz von Mitgliedern des Gemeinderats und Bürgern. Er hatte auch ein langes Gespräch mit dem Oberbürgermeister, in dem er sich davon überzeugen konnte, dass wir eine Stadt sind, die zu Ramat Gan, zu Israel steht, was er danach auch zum Ausdruck gebracht hat.
Interessant ist, dass ich bei meiner Reise im Mai von der Assistentin des Bürgermeisters hörte, wir seien die einzige Partnerstadt, die nach dem 7. Oktober [2023] Zeichen der Solidarität gezeigt haben. Das wusste ich bis dahin nicht. Eine andere Partnerstadt, Strasbourg, hat ja Ramat Gan die Partnerschaft aufgekündigt. Die haben die palästinensische Stadt Aida zur neuen Partnerstadt gemacht. Die Oberbürgermeisterin hat sich mit Kufiya gezeigt und mit der Landkarte eines „Palästinas“ ohne Israel. Das hat unsere Beziehung gestärkt, auch wenn es natürlich sehr bedauerlich ist.
Eine Beziehung, die nicht auszulöschen ist
SF: Wie lange gibt es die Städtepartnerschaft Weinheim-Ramat Gan?
AL: Lassen Sie mich von der aktuellen Situation ausgehen. Am 27. Januar hat der israelische Präsident Yitzhak Herzog vor der UNO eine Rede gehalten, in der er den Namen Schmuel Gogol in den Mittelpunkt stellte. Er war ein Auschwitz-Überlebender, ein Kind aus dem Kinderheim von Janusz Korczak. Weil er von Korczak die Mundharmonika bekommen, mit ihr in Auschwitz in einem der Orchester gespielt hatte, hat er später in Ramat Gan ein einzigartiges Kindermundharmonikaorchester aufgebaut, das heute noch existiert.
Gogol, der 1993 gestorben ist, kam in den 1980er Jahren auf meine Einladung hin nach Weinheim und wir wurden enge Freunde. Er hat uns seine Geschichte erzählt, von Auschwitz und wie er das überlebt hat. Mit seinem Kindermundharmonikaorchester kam er dreimal zu Konzerten. So entstand die Städtepartnerschaft. Es waren immer dreißig Kinder aus Ramat Gan, die in Weinheim von Familien aufgenommen wurden und Konzerte gaben.
Schmuel Gogol hat durch seine Persönlichkeit hier einen starken Eindruck hinterlassen und mir Ramat Gan, die Stadt, in der er gearbeitet hatte, nahegebracht. Aus dieser Beziehung entstand 1986 ein Jugendaustausch mit Ramat Gan, der inzwischen sechsunddreißigmal durchgeführt wurde. Das ist eine Beziehung, die nicht auszulöschen ist, und Basis der Städtepartnerschaft. Es gab in all den Jahren weit über tausend Beteiligte, die zum Teil noch in Weinheim leben. Kürzlich spendete jemand von ihnen tausend Euro für unsere Aktion. Wir haben also eine Basis an Sympathie, die uns in dieser schwierigen Zeit hilft.
SF: Was war Ihre Arbeit dabei?
AL: Ich habe den Jugendaustausch vorangebracht und begleitet, dazu Delegations- und Touristenreisen organisiert. Dadurch habe ich versucht, die menschlichen Beziehungen aufzubauen. Die Geschichte von Yitzhak Herzog ist übrigens nicht nur wegen des Bezugs zu Janusz Korczak und zu Ramat Gan interessant. Herzog machte auch deutlich, wie sehr sich die Geschichte wiederholt: Gogols Urenkel ist im November 2023 im Gazastreifen gefallen. Herzog nahm das als Beispiel, wie die Nachkommen derer, die dem Holocaust entkommen sind und das Land aufgebaut haben, es tapfer verteidigen.
Unsere Kirche schweigt
SF: Welchen Anlass hatten Sie, sich für Israel zu engagieren?
AL: Ich war Religionslehrer in Schwetzingen bei Heidelberg und wollte die Geschichte der Juden dieser kleinen Stadt recherchieren. Meine Ergebnisse habe ich 1978 in einer Broschüre veröffentlicht. Unter den Überlebenden, die ich fand, war Ruth Gogol, die Frau von Schmuel Gogol. Aus meiner Erforschung der Verfolgungsgeschichte in Schwetzingen entstand die Freundschaft.
Als Theologe berührte mich das Thema, weil ich damals zum ersten Mal erkannte, wie die Kirche versagt hatte. Sie hat sich nicht um die Verfolgten gekümmert, sondern dazu beigetragen, dass die Verfolgung funktioniert. Da wurde mir klar, dass ich nicht nur Erinnerungsarbeit machen, sondern im theologischen Bereich dazu beitragen kann, Veränderungen zu bewirken. In der Badischen Landeskirche ist dann ja auch was passiert. Heute aber muss ich feststellen: Das war alles Makulatur.
SF: Warum?
AL: Weil unsere Landeskirche – und das geht jetzt bis nach oben zum Weltkirchenrat – aus ihrem Bekenntnis, alles zu tun, um keinen antijüdischen Elementen und Lehren Platz zu geben, keine Folgerungen zieht. Die Kirche schweigt zu den antisemitischen Anfeindungen gegen Gottesdienstbesucher der evangelischen Martinskirche in Langenau, die es gibt, seit der Pfarrer im Oktober 2023 seine Solidarität mit den Opfern des 7. Oktober erklärt hatte.
Unsere Kirche schweigt zu den antisemitischen Demonstrationen etwa in Mannheim. Es wäre wünschenswert, wenn es in Mannheim mal eine Menschenkette um die Synagoge gäbe, um zu zeigen, wir stehen zu den Juden in unserer Stadt. Doch nichts dergleichen passiert, gar nichts. Das wäre eine Folgerung aus unseren Erkenntnissen der 1970er Jahre, als wir deutlich gemacht haben: So etwas darf nie wieder geschehen. Die Kirche schweigt oder begeht sogar mit dem Apartheidvorwurf gegen Israel einen Tabubruch, wie der Vorsitzende des Weltkirchenrats Bedford-Strohm das gemacht hat.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Mena-Watch.
Albrecht Lohrbächer, Theologe, Schuldekan i. R. und Buchautor, ist Ehrenbürger von Ramat Gan und Vorsitzender des Freundeskreises Weinheim-Ramat Gan, der auch zu Spenden für die zerstörte Stadt aufruft.
Stefan Frank, geboren 1976, ist unabhängiger Publizist und schreibt u.a. für Audiatur online, die Jüdische Rundschau und MENA Watch. Buchveröffentlichungen: Die Weltvernichtungsmaschine. Vom Kreditboom zur Wirtschaftskrise (2009); Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos (2012).
Beitragsbild: CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Das Antisemitische Pflänzchen wurde in Deutschland nie wirklich ausgerottet. Die letzten Jahrzehnten aktiver antiisraelischer Staatspropaganda und deren Öffentlich-Rechtlichen Medienvasallen taten die restliche Überzeugungsarbeit hin zu den „armen“ Arabern (als „Palästinenser erst Mitte der 1964 von KGB und Jassir Arafat erfunden werden) aber ihre neue “Nationalität„ nicht mal richtig aussprechen können da kein Buchstabe “P„ in arabischem existiert ! Denn westlichen Staaten hat es aber gefallen, und so geben Sie bereitwillig Milliarden US $ und EU € um diese “armen Opfer„ des bestehen von Jüdischem Staat Israel, seit bereits 3000 Jahren mit unterbrechungen.
Ich freue mich über jeden, der unsere israelischen Freunde unterstützt in ihrem Abwehrkampf gegen den unsäglichen Terror. Von der evangelischen Kirche hatte ich hierzu in den letzten Jahren leider sehr wenig gehört. Umso schöner, wenn ein Pastor sich so für Freiheit und Menschlichkeit engagiert.
Unsere Kirchen müssen sich mehr an den amerikanischen Evangelikalen orientieren. Die Evangelikalen stehen hinter Israel, komme was da wolle.