Vera Lengsfeld / 11.09.2007 / 13:17 / 0 / Seite ausdrucken

Raf- eine Nachlese zum Film von Stefan Aust

Am grusligsten war der Film, wenn nebenbei das Versagen des Staates., seiner Organe und der Medienöffentlichkeit sichtbar wurde. Beinahe zwanzig Jahre haben ein paar Dutzend Kriminelle über die veröffentlichte Meinung eine beträchtliche Anhängerschaft mobilisieren und das Meinungsklima der Bundesrepublik Deutschland bestimmen können. Dabei war die raf im Denken und Handeln den Nazis näher als der von ihnen bekämpfte „Schweinestaat“, der eher hilflos auf den fanatischen Vernichtungswillen der selbsternannten „Revolutionäre“ reagierte. Da konnte Ennslin aus dem angeblichen Hochsicherheitstrakt in Stammheim heraus den in einem andern Gefängnis einsitzenden Meins mit Kassibern anfeuern, „freiwillig“ sich zu Tode zu hungern. Die raf- Chefin brauchte einen Märtyrer, um die Anhängerschaft zu mobilisieren. Meins folgte ihr . Sein Sterben schadete dem „System“, das verzweifelt versucht hatte, ihn am Leben zu halten und nutzte denen, die ihn in den Tod gehetzt hatten. Wie konnte eine Bande, in der bedingungsloser Gehorsam und der Verzicht auf das eigene Denken die Gruppenidentität ausmachten, zum Symbol eines angeblichen „Befreiungskampes“ werden? Warum gelang es den raf- Terroristen scheinbar mühelos die staatlichen Behörden so vor sich her zu treiben? Das hat etwas mit der tief sitzenden Verunsicherung der herrschenden Klasse zu tun, die nicht aus eigener Kraft zur Demokratie gekommen war, sondern sie als Geschenk von den Siegern über Nationalsozialismus erhalten hatte. Aus der Gesellschaft, von den „Menschen im Lande“, wie die Politiker sich gern ausdrücken, hat es offenbar zahlreiche Hinweise zur Ergreifung der Terroristen gegeben, die aber ignoriert oder verschlampt wurden. Hanns Martin Schleyer hätte nicht sterben müssen, wenn man nur auf einen Hausmeister gehört hätte. Der mutige Chefpilot der „Landshut“ wagt es unter den Augen der Entführer verschlüsselte Informationen über die Kidnapper nach draußen zu geben und verliert sein Leben, weil ein eiteler Politiker sich in einem Interview damit brüstet, dass er vom Piloten Informationen über die Anzahl der Terroristen im Flugzeug erhalten hat. Am Ende retten ein Dutzend Soldaten der GSG 9 die Situation, indem sie das Flugzeug erfolgreich stürmen. Wenn der Einsatz missglückt wäre, hätte Bundeskanzler Schmidt seine Rücktritt eingereicht und die Terroristen hätten den Staat in die Knie gezwungen. Was wäre dann aus der Demokratie in der Bundesrepublik geworden?
Die inhaftierten Terroristen seien „mit Samthandschuhen angefasst“ worden, resümiert der ehemalige Gefängnispfarrer Rieder seine Erlebnisse in Stammheim. Das Gefängnispersonal kann es heute selbst nicht fassen, was sich damals unter seinen Augen abgespielt hat. Die Gefangenen besaßen Pistolen, die sie bei wiederholtem Umzug ungehindert in andere Zellen mitnahmen. Jahrelang konnte die raf den siebten Stock des Gefängnisses Stuttgart Stammheim in den siebten Himmel des Terrorismus verwandeln, wo gut verpflegt und befreit von den Alltagssorgen sich der harte Kern der raf als Kommandozentrale gerieren konnte.
Befehle, die in alle Himmelsrichtungen verschickt wurden, kamen immer an und wurden befolgt. Die Rechtsanwälte schmuggelten Waffen und Informationen. Haben sie sich nicht strafbar gemacht? Auch nach dreißig Jahren wird diese Frage im Film nicht mal gestellt.
Als der Umgang mit den Anwälten endlich unterbunden wird, sind die Gefangenen technisch so gut ausgerüstet, daß sie sich untereinander verständigen und problemlos Nachrichten von draußen erhalten können. Nach dem Selbstmord von Meinhof, die offenbar von ihren Kumpanen zu Tode gemobbt wurde, dürfen die Terroristen selbst bestimmen, wer in Stammheim Meinhofs Platz einnehmen soll. Sie entscheiden sich für Mohnhaupt, weil deren Haftentlassung kurz bevor steht und sie zur neuen Führungsfigur für die raf –Kommandos aufgebaut werden soll. Beides gelingt problemlos. Mohnhaupt übernimmt nach ihrer Entlassung erfolgreich die Befehlsgewalt.
Dieses Frühjahr ist die Chefterroristin entlassen worden, weil sie angeblich keine Gefahr mehr für dir Gesellschaft darstellt. Eine ihrer ersten Handlungen ist es, gerichtlich verbieten zu lassen, dass man sie Mörderin nennt.
Ob die politische und meinungsbildende Klasse endlich einmal den Schluss zieht, dass der Samthandschuh kein geeignetes Instrument zum Umgang mit Terroristen ist, muß leider bezweifelt werden.

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