Richard Wagner / 12.02.2008 / 11:01 / 0 / Seite ausdrucken

Radio Eriwan macht frei

Frage an Radio Eriwan: Sind wir eine freie Gesellschaft? Die Antwort: Im Prinzip ja, aber… Der eine oder andere wird sich noch an die abgründigen Witze, die zu den Zeiten des Kommunismus in Umlauf waren, erinnern. Sie sind verschwunden, untergegangen mit dem Ostblock. Trotzdem: Sind wir eine freie Gesellschaft? Und, wenn ja, wie lange werden wir es noch sein?…

Die Zensur wird man in Deutschland heute zwar nicht mehr in einem Amt vorfinden, dafür aber umso mehr in den Köpfen. Das verrät schon die Sprache unserer Öffentlichkeit. Alles ist glatt gebügelt, alles zurecht frisiert. Man hat ja auch eine Menge zu verlieren, etwa den Job im Fernsehen, wo neuerdings bereits Moderatorinnen von Verkaufssendern gefeuert werden, weil sie in einem Anfall von Verzweiflung darüber, dass niemand anruft, statt den BH auszuziehen, „Arbeit macht frei“ in den stumm gebliebenen Sendebereich gerufen haben.
Wie frei sind wir also noch? Am Sonntag wurde ein Tatort abgesetzt, weil er in Ludwigshafen spielt, und zwar im türkischen Einwanderermilieu. Dort ist bekanntlich ein Haus abgebrannt, in dem aus der Türkei stammende Menschen lebten. Mehrere von ihnen, Kinder und Frauen, sind bei dem Brand tragisch zu Tode gekommen.
Um nicht ganz auf ihr Markenzeichen Tatort zu verzichten, setzte die ARD einen der Schauspieler des Ludwigshafener Tatort-Teams in die Runde des einschlägigen Polittalks von Anne Will, wo der Mann naturgemäß nicht über den Film sondern über seine positive Haltung zu Multikulti sprach. Er gab also ein Statement ab. Weiter so.
Er wird auch in Zukunft Tatorte drehen dürfen, problemlos. Zumindest wird ihm Tarek Al-Wazir, hessischer Vorsitzender der freiwilligen Selbstkontrolle der Grünen und der gute Mensch mit Migrationshintergrund in der Talk-Runde, dieses erlauben.
In den Gesprächsrunden sitzen seit einer Weile fast nur noch besonnene Menschen, von der Vernunft benommene. Unsere Öffentlichkeit strahlt geradezu Besonnenheit aus. Es ist, als hätte der Evangelische Kirchentag die politischen Amtsgeschäfte übernommen, und zwar so unauffällig, dass wir es gar nicht gemerkt haben.
Dazu ist zu sagen: Der allgemeine laxe Umgang mit einer komplexen Wirklichkeit schafft die Probleme nicht aus der Welt. Das gilt auch für die Einwanderungsfrage. Denn, egal, was sich definitiv als Brandursache in dem Haus in Ludwigshafen herausstellen wird, die Diskussion, die in die Öffentlichkeit getragen wurde, ist eine über die Immigration, speziell über die islamische.
Diese Problematik ist nicht neu und der aktuelle Versuch, sie klein zu reden, wird auch nicht weiter helfen, er schränkt vielmehr unsere Meinungsfreiheit weiter ein. Dafür sorgen flächendeckend die selbsternannten Tugendwächter. In den Zeiten des politisch Korrekten braucht man keine repressiven Institutionen mehr. Die Einschüchterung wird über die Medien verbreitet. Und auch darüber darf man sich nicht einmal mehr lustig machen, wie das unterdrückte „Nazometer“ zum Anzeigen von Wörtern mit Nazi-Hintergrund in der Satiresendung „Schmidt & Pocher“ zeigt.
Nein, die Radio-Eriwan-Witze hätten im heutigen Deutschland keine Chance. Nicht, weil sie, wie man annehmen könnte, von der Meinungsfreiheit überflüssig gemacht worden wären, sondern weil die freiwillige Selbstkontrolle vernichtender ist als die klassische Zensur.
Sie glauben es nicht? Also: Frage an Radio Eriwan: Gibt es in Deutschland, bei der freiwilligen Feuerwehr, Personen mit türkischer Herkunft? (Die Antwort überlasse ich Ihnen).

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