Henryk M. Broder / 05.10.2011 / 05:37 / 0 / Seite ausdrucken

Radikale Liberale

Die Liberale Gesellschaft in Bremen möchte gerne eine Veranstaltung zur “Political Correctness” machen und fragt bei mir an, ob ich nach Bremen kommen und einen Vortrag halten möchte. Nun war ich lange nicht mehr in Bremen, außerdem tun mir die Liberalen leid, die sich gerade selber zerlegen. Also sage ich prinzipiell zu.

Gestern bekam ich den Begleittext zu der Einladung zu meinem Vortrag über “Political Correctness”. Und da lese ich:

“Juden darf man in Deutschland nicht kritisieren. Totschlagargument: Shoa. Neoliberalismus ist verbrannt, obwohl er eine weltweit erfolgreiche Fortentwicklung des Manchesterkapitalismus mit freien Märkten und starkem Staat ist. Wer es wagt, nachgewiesene Mißbräuche bei Hartz-4-Empfängern und eine irreleitende Sozialpolitik mit spätrömischer Dekadenz zu vergleichen, wird gnadenlos angeprangert, fast geteert und gefedert. Und wenn Abgeordnete wegen der sichtbaren Risiken gegen den Euro-Rettungsschirm stimmen, werden sie öffentlich beleidigt und mit dem politischen Tod bedroht.

Kann ein Volk wirklich nur mit Denk- und Sprechverboten, mit Tabus kleineren und größeren Ausmaßes friedlich leben? Oder ist in Wirklichkeit das eherne Recht der Minderheiten und Abweichler vom Mainstream gefährdet, an dem einmal die Qualität der Demokratie gemessen wurde? Gilt nicht mehr die Achtung vor der Minderheit von heute, die zur Mehrheit von morgen werden kann?

Letztlich beweist die Entwicklung, daß die Freiheit fortwährend bedroht ist und jeden Tag neu erkämpft werden muß. Was immer für „politisch korrekt“ gehalten wird: Wir müssen wieder mehr Mut zur Wahrheit fassen.”

Wenn ich nicht schon auf dem Sofa gelegen und Jon Stewart auf Comedy Central gesehen hätte, wäre ich vom Sitz gekippt. Es geht um PC, einen diffusen Begriff aus der politischen Kampfarena, und das Erste, das einem Liberalen dazu einfällt, ist: “Juden darf man in Deutschland nicht kritisieren.” Denn zwischen ihm und den Juden steht ein “Totschlagargument”, die “Shoa”. Ja, wäre diese dumme Shoa nicht passiert, könnte er jetzt seinen inneren Schweinehund von der Leine lassen und die Juden nach Herzenslust kritisieren. Dafür, dass sie die Finanzmärkte kontrollieren, zu Pessach christliche Kinder schlachten, um aus deren Blut Matzen zu backen, dass sie Jesus ans Kreuz geschlagen, den Kommunismus, die Psychoanalyse und den USB-Stick erfunden haben.

Nun ist in der letzten Zeit einiges passiert, das man irgendwie mit PC in Verbindung bringen könnte. Sarrazin, Westergaard, die Frage der Scharia-Gerichte in der Bundesrepublik, die es offiziell nicht gibt. Man könnte auch fragen, warum in Bremen, also direkt unter der Nase der Liberalen Gesellschaft, kriminelle Clans ihren Geschäften nachgehen können, die sich aus Angehörigen einer Minderheit rekrutieren, die gelegentlich zu Wutausbrüchen neigt, wenn an ihrer Friedfertigkeit gezweifelt wird. Aber all das fällt dem Liberalen nicht ein. What’s on a Liberal’s mind? The Jews!

Das letzte große Tabu unserer Tage ist nicht das Kritikverbot an den Juden, es ist die Frage, wozu man noch die Liberalen braucht. Die Schwarzen sind die besseren Bürgerrechtler, die Roten die besseren Unternehmer, die Grünen die besseren Golfer und die Linken die besseren Antisemiten. Fuck you, Liberals!

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