Als ich neulich im Netz über ein Banner stolperte – „Werde jetzt Lokführer:in im Quereinstieg“ –, machte es bei mir mal wieder dieses unnachahmliche „Klick“. Wer mich kennt, weiß: Bei mir muss alles schlüssig klingen. Und das tat es hier beim besten Willen nicht. Schon rein physikalisch ist „Quereinstieg“ bei einer Lokomotive doch absolut kein spektakuläres Versprechen. Soweit ich weiß, hat die Bahn den Fronteinstieg durch die Windschutzscheibe noch nicht serienmäßig eingeführt; jeder Lokführer steigt von der Seite, also quer, ein.
Aber Logik beiseite, „Quereinstieg“ ist nun mal das absolute Zauberwort unseres modernen Arbeitsmarktes. Es flüstert dir süß ins Ohr: „Du denkst, du kannst das, was du nie gelernt hast? Na dann rein in die gute Stube, es wird schon irgendwie gutgehen!“
Besonders im Bildungswesen steigt man ja mittlerweile kreuz und quer ein, als wäre die Schule ein Abenteuerspielplatz für chronisch Unentschlossene. Ich glaube übrigens nicht, dass diese inflationäre Jagd auf Fachfremde auf den Jobbörsen immer nur dem viel beschworenen Fachkräftemangel geschuldet ist. Es ist vielmehr ein genialer Lockbegriff. Er tarnt das Unbekannte als maximal lukrativ und kinderleicht machbar. Wenn wir davon ausgehen, dass ein Großteil der Menschheit mit dem, was er täglich tut, ohnehin kreuzunglücklich ist, wirkt das wie die perfekte Fluchtroute: Einfach mal woanders probieren, Scheiß auf die Qualifikation!
Ich bin selbst so ein Quereinsteiger
Die Klassiker dieser Romantik sind das Lehramt und die Erziehung. Da dürfen Akademiker mit irgendeinem Master direkt auf die Menschheit losgelassen werden. In der IT oder im Online-Marketing punktet man halt mit „autodidaktischen Fähigkeiten“ nach einem dreiwöchigen YouTube-Bootcamp, und in der Gastronomie oder Immobilienwirtschaft reicht es im Grunde schon, wenn man unfallfrei „Guten Tag“ sagen kann und eine gesunde Zuneigung zu Menschen vortäuscht. Ich darf das sagen, denn ich bin selbst so ein Quereinsteiger. Ich bin in so einen Beruf reingerutscht, bei dem das, was offiziell auf dem Papier gesucht wurde – Diplom, Staatsexamen, die ganze bürokratische Folklore –, bei mir eine totale Fehlanzeige war. Trotzdem bewarb ich mich voller Überzeugung. Ein gestandener Mann der Wirtschaft im pädagogischen Einsatz mit Kindern und Jugendlichen – was sollte da schiefgehen?
Mein innerer Monolog war simpel: Ich kann gut mit Menschen. Ich trage sie auf Händen, bildlich, ohne Körperkontakt, muss man heutzutage erwähnen. Das kommt davon, dass ich der ungekrönte König des Dienstleistungssektors bin und genau weiß, wie man die Kundschaft bei Laune hält. Dass die Kundschaft in diesem Fall deutlich jünger war, geschenkt. Ich besaß schließlich ausgeprägte Kinderliebe, drehe mich noch heute auf der Straße nach jedem Baby um und gebe den Eltern stets tiefsinnige Lebensweisheiten mit auf den Weg. Dazu kam meine Qualifikation als Wirtschaftsmediator. Als Mann der „Goldenen Mitte“, wie ich mich bezeichne, musste mir diese diplomatische Ader doch wohl auch bei der Arbeit mit den Jugendlichen helfen, dachte ich mir. Schön gedacht.
Natürlich verpackt man diesen eklatanten Mangel an Scheinen beim Erstkontakt in so schöne Worte, dass man überhaupt eine Chance auf ein Vorstellungsgespräch bekommt. Die ehrliche Formulierung wäre gewesen: „Was Sie an Diplomen verlangen, habe ich nicht, aber ich kann das halt einfach.“ Klingt lustig, authentisch – und sorgt für die sofortige Ablage in den Papierkorb. Zum Glück gehören zum Kennenlernen immer zwei Seiten, und mein potenzieller Auftraggeber besaß die nötige Portion Neugier. Nicht jeder, der ein wunderbarer Mensch mit grandiosen Qualitäten ist, kann schließlich druckreife Bewerbungen schreiben.
Es kam zum Termin, zu den obligatorischen Probefällen, und siehe da: Alles lief rund. Ich wurde offiziell zum Quereinsteiger geadelt. Heute behaupte ich ganz unbescheiden, der Beste in meinem Job zu sein – zumindest so lange, bis mir jemand das Gegenteil beweist. Was unmöglich ist, denn so etwas lässt sich schlicht nicht messen. Ich bin mit riesigem Elan und maximaler Freude dabei und mache vor allem keine Unterschiede zwischen den Menschen. Ich betreue hier ganz pragmatisch auch Kinder und Jugendliche von Eltern, über die ich an anderer Stelle schreibe, dass sie eigentlich illegal im Land sind und mehrheitlich unsere Sozialkassen plündern. Man hat mich schon gefragt, wie ich diesen intellektuellen Spagat schaffe. Ganz ehrlich? Mir ist gar nicht bewusst, dass ich da überhaupt einen Spagat hinlege. So bin ich einfach. Wenn diese Kids nun mal hier sind, muss man das Beste daraus machen.
Wenn ich den Sohn einer solchen Familie auf den richtigen Weg bringe, hat das im besten Fall einen Sogeffekt auf das ganze Umfeld. Das ist mein schlichter Gedanke dabei. Tatsächlich bin ich der festen Überzeugung, dass wir Quereinsteiger den gelernten Fachkräften in vielen Bereichen – die exakten Naturwissenschaften mal ausgenommen – haushoch überlegen sind beziehungsweise sein können. Wer den Beruf stupide erlernt hat, schleppt oft nur totes Buchwissen im Kopf herum. Und genau da liegt das Problem.
Quereinsteigern fehlt schlicht das theoretische Fundament
Ich erinnere mich an eine Szene in einer Förderberufsschule. Der dortige Lehrer – wohlgemerkt kein Quereinsteiger, sondern ein diplomierter Pädagoge des Herrn – stellte einem neuen Schüler die Schule vor. Der Junge fragte ganz unbedarft, wie viele Schüler denn in seiner Klasse seien. Antwortete der Profi-Pädagoge trocken mit „17“? Oh nein. Er sagte wörtlich vor meinen Augen: „Es sind zwar 17 Schüler, aber die wirst du nie alle kennenlernen und zusammen sehen. In der Regel sind drei bis fünf von ihnen jeden Tag da, aber auch immer unterschiedliche. Mach du dir besser selbst ein Bild.“ Schluck! Da bleibt einem glatt die Spucke weg. So etwas serviert ein ausgebildeter Berufspädagoge einem ohnehin verunsicherten Jugendlichen zum Einstand. Da sage ich mir doch: Dann lieber dreimal einen Quereinsteiger! Der besitzt nämlich meistens noch den gesunden Menschenverstand, um zu wissen, dass so eine Demotivations-Ohrfeige den Jungen am ersten Tag völlig rasiert.
Der Quereinsteiger muss mangels Buchwissen flexibel, findig und vor allem empathisch hungrig sein. Bei mir sind es die Leidenschaft, die Menschenkenntnis und die krisenerprobte Flexibilität aus der Wirtschaft, die mich zum perfekten Problemlöser machen. Ich bin im Grunde ein Storyteller. Ihr ahnt gar nicht, wie gebannt die Jugendlichen zuhören, wenn eine dritte Person ihres Vertrauens aus dem echten Leben erzählt. Das funktioniert bei den eigenen Eltern nie – aber einer anfangs fremden Person, der sie mit der Zeit vertrauen, glauben sie aufs Wort. In der freien Wirtschaft sieht man das ja ständig: Die besten und innovativsten Gastro-Konzepte wurden meistens nicht von gelernten Gastwirten entwickelt, sondern von Architekten, Werbefachleuten oder Designern. Die sitzen im Lokal, die Ideen fliegen ihnen zu, und sie wissen intuitiv, was sie anders machen würden. Zu Beginn fehlt ihnen jedes Fachwissen, aber nach ein paar Jahren sind sie die härtesten Gastro-Füchse überhaupt. Sie haben einfach einen völlig anderen, unverstellten Blick auf die Dinge.
Nun habe ich mich hier als das strahlende Positivbeispiel inszeniert, was natürlich die Gefahr birgt, ein völlig falsches Bild dieser wunderbaren neuen Arbeitswelt zu zeichnen. Eigentlich wollte ich nämlich eine messerscharfe Kritik am Quereinsteigertum formulieren. Denn das Phänomen richtet sich zwar selten gegen die motivierten Personen selbst, wohl aber verheerend gegen die Qualität und die gesellschaftliche Struktur ganzer Branchen. Machen wir uns nichts vor: Quereinsteigern fehlt schlicht das theoretische Fundament. Eine dreiwöchige Crash-Schulung kann eine mehrjährige, fundierte Ausbildung nun mal nicht ersetzen. Es muss auch deprimierend für die Fachkräfte sein, wenn ein Quereinsteiger das tun kann und darf, was sie auch tun.
Dramatische Abwertung klassischer Berufe
Besonders an unseren Schulen schlägt das System der „Aushilfs-Pädagogen“ im großen Stil fehl. Die Leute beherrschen vielleicht ihr Fach – der Physiker weiß, was ein Atom ist –, aber ihnen fehlt jegliche Didaktik und die psychologische Ausbildung für den Umgang mit einer Horde pubertierender Teenager. Mein obiges Beispiel mit dem Pädagogen des Herrn, der die Klassenstärke nicht mit „17“ angab, sondern den Jungen komplett demotivierte, zeigt, dass in manchen Fällen die Teenager über die Lehrer siegen und denen die Motivation wegnehmen, weiter gute Lehrer zu sein.
Das bittere Ende vom Lied tragen dann die ohnehin überlasteten Teams in den Schulen, Kitas oder in der Pflege. Die Stammbelegschaft darf die Neulinge unter enormem Zeitdruck intensiv einarbeiten, was zu massivem Mehraufwand führt. Und ganz nebenbei reiben sich die Arbeitgeber die Hände: Die Gefahr von Lohndumping ist real, wenn man lästige Tarife umgehen und billigere, weil ungelernte Kräfte einstellen kann. Am Ende sorgt diese Entwicklung für eine dramatische Abwertung klassischer Berufe. Wenn jeder Hanswurst ohne Ausbildung denselben Job machen darf, sinkt der gesellschaftliche Wert der klassischen Lehre gegen null. Lehrerverbände schlagen zu Recht Alarm wegen der gefährdeten Bildungsqualität, in Kitas merkt man schmerzhaft, dass reine „Kinderliebe“ in einer psychologischen Krise eben nicht ausreicht, und im Handwerk führen sicherheitsrelevante Fehler durch mangelnde Ausbildung im schlimmsten Fall zu handfesten Sach- und Personenschäden.
Man stelle sich vor, der neue Lokführer hat seine „Flexibilität“ im Bremsverhalten autodidaktisch gelernt. Dass ich heute in genau dieser sozialen Sparte aktiv bin, hat übrigens einen handfesten, amüsanten Grund: Die freie Wirtschaft bucht mich schlicht nicht mehr. Wer seine Klappe nicht halten kann und unbequeme Gesellschaftskritik übt, fliegt im hyper-sensiblen Corporate-Deutschland eben ganz schnell aus dem Verteiler für lukrative Berateraufträge. Mein erzwungener Wechsel zeigt also perfekt das große Ganze: Der Quereinstieg ist Fluch und Segen zugleich. Er ist die Rettung für den unglücklichen Wirtschaftler, der seine wahre Berufung im Sozialen findet, und er ist das kreative Elixier für Branchen, die im eigenen Saft schmoren.

Sie formulieren einfach, das allerdings steht in Deutschland im Verdacht, auch nur einfache Sachverhalte darzubringen und der allzu komplizierten (neudeutsch: komplex) Wirklichkeit nicht gerecht zu werden. Noch herablassender blickt man auf Texte, die den einen oder anderen Scherz oder Gag beinhalten. Ernster Inhalt, ernster Stil, lautet das altväterliche, nach Brecht urdeutsche Verdikt. Sehen Sie, und niemand soll Nein sagen.
Scheinbar waren sie heute morgen wieder guter Stimmung und haben so eine Angrifflust in allen Adern gespürt? Bei mir ist das übrigens umgekehrt.
Mit ihnen kann man viel Spaß haben. Das ist das Wichtigste.
Mancher steigt auch ab und steigt dann quer ein. Das ist dann nicht so schwer.
Wenn ein Artikel schon mit dem Wort „Fachkräftemangel“ höre ich auf weiter zu lesen. Aber gut, dass es wenigstens in der Türkei, im Nahen Osten, Nordafrika und Afghanistan keinen Fachkräftemangel gibt.deshalb brummt ja dort die Wirtschaft auch, oder? Und Quereinsteiger haben immer Aufstiegschancen bei IS, Taliban und Co.
Modell Quereinsteiger? In Deutschland herrscht das System Hintereinsteiger! Aufrichtige gebildete Menschen kommen in den Himmel, Hintereinsteiger überall hin. Krieche den richtigen Leuten in den Arsch, bilde Netzwerke und trete nach unten. DAS ist der Schlüssel, gleich welcher polititischen oder sexuellen Ausrichtung.
Die kreativen Quereinsteiger in unser Sozialsystem üben eine Funktion als Controlling-Mitarbeiter aus, indem sie die Schwachstellen des Systems aufzeigen.
Wir sollten ihre freiberufliche Tätigkeit als gesellschaftlich relevant entsprechend würdigen, indem wir sie in den Beamtenstand erheben.
Beamteter Sozialschmarotzer ist ein Bildungsweg mit Zukunft und Perspektive.
Sie sind wie Computer-Hacker, die für Softwarehersteller als unschätzbare Sicherheitsexperten arbeiten.
Bei den Unfallchirurgen werden Quereinsteiger besonders beliebt sein.
Die „eigentlich illegal im Land sind und mehrheitlich unsere Sozialkassen plündern“ sind kreative Quereinsteiger.
Sie zeigen proaktiv & innovativ die Schwächen des Systems auf.
Ich werde als Quereinsteiger Astronaut. Man muss halt nur Dauergrinsen, auch wenn das Klo kaputt ist und man in Tüten kackt… (siehe letzte Mondmission) ;-)