Von Moritz Pieczewski-Freimuth.
Bemerkenswert bei aktuellen Demonstrationen ist die Gleichzeitigkeit von offen homo-, bi- und transsexuellen Aktivisten, entblößten Hintern und einer Vielzahl an rigiden Kopftuchträgerinnen. Hier ein Versuch, die Dinge zu sortieren.
Am Samstag wütete der „Internationalist Queer Pride for Liberation“, die Gegenveranstaltung zum offiziellen Berliner CSD, durch die Straßen Neuköllns und Kreuzbergs. Zu den mehrheitlich linksautoritären Teilnehmern gesellte sich ein beachtlicher Teil der „propalästinensischen“ Szene. Die dominierende Botschaft lautete: „Palestine is a queer issue“. Neben tätlichen Angriffen auf Polizisten kam es zu Idealisierungen der Hamas als „Märtyrer“ und Mordaufrufen gegenüber israelischen Selbstverteidigungskräften: „Death to the IDF“.
Bemerkenswert war die antagonistische Gleichzeitigkeit von offen homo-, bi- und transsexuellen Aktivisten, entblößten Hintern und einer Vielzahl an rigiden Kopftuchträgerinnen. Eine Manifestation des „Linksislamismus“ dürfte diesen Auflauf wohl treffend beschreiben. Weitere antisemitische und terrorverherrlichende Parolen lauteten: „No pride in genocide“, „Stonewall was an intifada“ und „From trans rights to Palestine – fight the system“.
Zur Klarstellung: Wären die sogenannten „Queers for Palestine“ wirklich solidarisch mit den Palästinensern, müssten sie die Hamas klar ablehnen. Denn sexuelle Minderheiten würden im Gazastreifen, wo patriarchaler Islam und archaische Stammeskultur vorherrschen, keinen Tag ungestraft überleben. Wären sie wirklich LGBTQ-freundlich, müssten sie Israel als einzigen sicheren Hafen für queere Menschen im Nahen Osten unterstützen. Zu Recht spotteten daher viele, von der Kommentarspalte bis zu Benjamin Netanjahu, über diese absurde Que(e)rfront: „Chicken for KFC“, also Identifikation mit dem Aggressor. Doch mit diesem Etikett bleibt eine tiefere Auseinandersetzung meist aus.
Statt die „Queers for Palestine“ einfach als naiv oder lebensmüde abzutun, dechiffriere ich die Bewegung in einem umfangreichen Working Paper für das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam unter der Leitung von Prof. Dr. Susanne Schröter als stringente Folge einer spezifischen Ideologieproduktion in den Gender- und Queer-Studies. Stichwortgeberinnen sind hier u.a. Judith Butler, Angela Y. Davis und Jasbir K. Puar. Auch das vermeintlich progressive Genderparadigma erweist sich als erstaunlich anschlussfähig an das islamische Patriarchat.
Hier einige Auszüge aus dem Paper (Teil 1):
Wie der (Queer-)Feminismus zum Antisemitismus kam
Nach der erzwungenen Kapitulation der Nationalsozialisten 1945 galt offener Judenhass in Deutschland als unredlich, weshalb eine Umwegkommunikation entstehen musste. Im Moment der Erinnerungsabwehr wurde die Verantwortung für den Holocaust den Juden selbst zugeschrieben – eine Täter-Opfer-Umkehr, die den sekundären Antisemitismus nach Auschwitz charakterisiert.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit war die linke Bewegung israelfreundlich – begünstigt durch die anfängliche sowjetische Sympathie für Israel und wegen der Unterstützung sozialistischer bzw. basisdemokratischer Kibbuzim. Nach dem Sechstagekrieg 1967 kippte diese Haltung in offene Israelfeindschaft. Israel galt nun als „imperialistisch-faschistisches Staatsgebilde“, während die palästinensische Befreiungsbewegung zum neuen Sympathieträger mutierte. Aus einer verkürzten antikapitalistischen Weltsicht heraus wurde Israel zum Vorposten amerikanischer Interessen im Nahen Osten erklärt, wodurch die Solidarität mit den Palästinensern als a priori unterdrücktem Volk seine Begründung erfuhr. Sie wurden zu den „Juden der Juden“ stilisiert und zum Symbol der revolutionären Bewegung in der Dritten Welt erhoben. Frei nach Wolfgang Pohrt: Die linken Nachfahren der Nazitäter agieren als Bewährungshelfer, damit die Opfer nicht rückfällig werden.
Mit dem Aufkommen des Postkolonialismus rückte die Erinnerung an den Holocaust in den Hintergrund. Die zuvor etablierte Parallelisierung von Palästinensern mit Juden und Israelis mit Nationalsozialisten erneuerte sich. Die Täter-Opfer-Umkehr erfolgte nun aus neuer Perspektive. Die Singularität der Shoah ging in der allgemeinen Einordnung unter die Begriffe „Genozid“ oder „Völkermord“ verloren, wodurch ihre Beispiellosigkeit als Massenmord „für nichts und wegen nichts“ (1), der jeder Zweckrationalität enthoben war, stark relativiert wurde. Zugleich deklarierte man die Judenvernichtung zur innerweißen Angelegenheit. Die intensivere, jedoch begriffsschwache Auseinandersetzung mit kolonialen Verbrechen zog eine Verharmlosung des Holocaust und die Delegitimierung Israels nach sich. Dessen Staatsgründung und Sicherheitsmaßnahmen wurden unter dem Anspruch einer „multidirektionalen Erinnerung“ (2) mit Kolonialismus, Rassismus, Apartheid und sogar Genozid gleichgesetzt. Das dichotome Weltbild mancher Linker passte sich dem neuen Zeitgeist an: Aus postkolonialer Sicht erscheint Israel als Operationsbasis des „rassistischen“ globalen Nordens im „ausgebeuteten“ Süden, die Palästinenser als zentrale Akteure des dekolonialen Widerstands. In diesem Fahrwasser bewegt sich auch maßgeblich die queerfeministische Palästinasolidarität.
Aber die Ideologieproduktion wird noch expliziter. Die Historikerin Iljana Radonić diagnostiziert einen spezifisch feministischen Antisemitismus, der das Judentum als hyperpatriarchal darstellt und den Feminismus mit jüdischer oder zionistischer Identität für unvereinbar hält. In den 1980er Jahren propagierten Theologinnen wie Gerda Weiler und Christa Mulack die antisemitische These, das Judentum habe eine angebliche globale Frauenherrschaft zerstört. In den 1990er Jahren stießen jüdische Feministinnen wie Maria Baader und Leah C. Czollek in Frauenrechtskreisen auf Ablehnung, was die tradierte Vorstellung vom Judentum als patriarchalem Gegensatz zum Feminismus widerspiegelt. Radonić untersucht auch den Antizionismus im Queerfeminismus, wo Israel als „Staat gewordener Jude“ diffamiert wird. Judith Butler trennt zwischen einem „toleranten“ Diaspora-Judentum und einem „ausgrenzenden“ Zionismus, was Radonić als Fortführung feministisch-antisemitischer Narrative interpretiert. (3)
Wie fließend diese Übergänge sind, zeigte kürzlich die feministische Nacktprotestgruppe „Femen France“. Blutverschmiert, mit toten Babys auf dem Arm und Schildern mit der Aufschrift „Genocide“ prangerten sie Israel als großen Verbrecher an. „Femen“ steht wahrlich nicht für Queerfeminismus, doch bei der nächsten Aktion, diesmal gegen die katholische Kirche, hieß es plötzlich: „In LGBTQ we trust.“
Judith Butler: Zionismus = Maskulinismus
Judith Butler, die Begründerin der Queer Theory und zentrale Figur des Gender-Paradigmas, subsumierte bereits vor dem 7. Oktober Hamas und Hisbollah zu einem „Teil einer globalen Linken“. Das Hamas-Massaker titulierte sie als „Aufstand“ und zweifelte die sexuelle Gewalt des Mordanschlags an; später bezeichnete sie es gegenüber dem Spiegel grundsätzlich als „Karikatur, dass Frauen, Schwule, Lesben und trans Personen in Palästina nicht frei und offen leben“ können.
Wie lässt sich erklären, dass eine lesbische, jüdische Philosophin, die sich scheinbar für marginalisierte Gruppen einsetzt, Antisemitismus und Islamismus das Wort redet?
Butler versucht ihrer Kritik am Zionismus eine identitätskritische Note zu geben: Israel gilt ihr als identitäres Projekt, die Diaspora hingegen als gelebtes Nicht-Identitäres. Zionismus erscheint ihr als Hauptübel. Eine „jüdische Nation auf der Basis jüdischer Souveränität“ bedeute, dass „die Palästinenser auf Dauer in der Minderheit gehalten werden sollen“. Jüdische Selbstbestimmung gründe somit zwangsläufig auf „Strategien des dauerhaften Ausschlusses und zur dauerhaften Beschränkung der Bewegungsfreiheit“ der Palästinenser. (4) Israel schließe den Palästinenser als den a priori „Anderen“ aus – die Emanzipation der „Einen“ impliziere zugleich die Exklusion der „Anderen“. (5)
Somit entwickelte Butler eine postzionistische Judaistik, die zwischen der „bösen“ israelischen Nation und der vermeintlich gewaltfreien „guten“ Diaspora unterscheidet. Die Diaspora beschreibt sie als ein „hineingeworfen sein in eine Welt der Nicht-Juden, in der man ethisch und politisch seinen Weg inmitten einer unumkehrbaren Heterogenität finden muss.“ Zur Dekonstruktion seiner (jüdischen) Identität gezwungen, quasi: Der „Andere“ sei dort „unassimilierbar als der, der meine eigene Kontinuität unterbricht und ein ,autonomes‘ Selbst gegenüber einem ,autonomen‘ Anderen verunmöglicht“, so Butler 2013 in Am Scheideweg.
Ungeachtet ihrer Betonung des jüdischen Respekts gegenüber dem Anderen verschweigt Butler geflissentlich, dass dieser Respekt den Juden niemals in gleicher Weise entgegengebracht wurde. Sie erwähnt weder das Leiden der Juden in der Diaspora, in den deutschen Ghettos und osteuropäischen Schtetln, noch die Demütigung unter der islamischen Dhimmitude oder die Enteignung der Mizrachi-Juden. Kein Wort verliert sie über die Ablehnung der Zwei-Staaten-Lösung durch die Arabische Liga, den Angriffskrieg auf Israel von 1948 oder über die Bürgerrechte für Palästinenser und Muslime in dem jüdischen Staat.
Wehrhafte Juden, verkörpert durch einen muskulären Staat Israel, gelten ihr als Verräter am Judentum und an einem universellen Menschenbild, das sie als besonders diversitätssensibel etablieren möchte. Israels Streben nach Sicherheit und Unabhängigkeit interpretiert sie sozusagen als Ausdruck eines maskulinen Identitätsfanatismus. So wird Israel zum patriarchalen Aggressor, der die mit Queeren gleichgesetzten Palästinenser aus seinem Selbstverständnis heraus ausschließen muss. Die aktivistische Umsetzung dessen war dieses Jahr auf dem CSD in Zürich zu sehen: Unter der Transflagge hielt ein Mann ein Plakat mit der Aufschrift: „Wir Queers bekämpfen die laufende Entmenschlichung und Dämonisierung der Palästinenser*innen – Wir kennen diese Art von Politik zu gut.“
Intersektional gegen Israel: Beispiel Angela Y. Davis
Einen weiteren Beitrag zum zeitgenössischen Queerfeminismus liefert das Konzept der Intersektionalität.
Intersektionalität bezieht sich auf Überschneidungen auf den Diskriminierungsachsen Race, Class, Gender, zunehmend aber auch auf Alter, Behinderung oder Religion – insbesondere Islam. Antisemitismus bleibt hingegen meist außen vor. Dreh- und Angelpunkt der Intersektionalität sind kollektive Identitäten, oft als „Mehrfachidentitäten“, wie gleichzeitig Frau, Muslimin und PoC, vorgestellt. Kurzum: Intersektionalität spricht Menschen nicht als Individuen, sondern als Gruppenwesen an.
Doch genau hier liegt bereits das erste Problem hinsichtlich des Antisemitismus: Antisemiten unterstellen Juden, „nichts Ganzes“ zu sein, sich einer klaren Zuordnung zu entziehen und keine monolithische Identität zu besitzen. Sie gelten als gemeinschaftszersetzend, wurzellos, geradezu nicht-identisch.
Zur Kategorie „race“: Judenhass lässt sich nicht einfach unter Rassismus subsumieren, sondern erfordert eine eigenständige Betrachtung. Rassismus biologisiert soziale Merkmale, um als „minderwertig“ halluzinierte Menschen herabzuwürdigen. Antisemitismus hingegen richtet sich nicht gegen Juden als Minderheit, sondern gegen die „Gegenrasse, das negative Prinzip als solches“ (6), die im Konkurrenzgefälle als „überwertig“ imaginiert wird.
„Class“ thematisiert in der Intersektionalitätsforschung Benachteiligung und Diskriminierung aufgrund prekärer ökonomischer Verhältnisse – um eine materialistische Analyse von Klassenverhältnissen geht es nicht. In der antisemitischen Ideologie erscheinen Juden nicht als Opfer von Klassismus, sondern als Agenten des Kapitalismus selbst. Juden werden im Antisemitismus nicht als unterprivilegiert, sondern als dezidiert überprivilegiert wahrgenommen.
Zu „gender“: Die grausame Gleichzeitigkeit von systematischen Sexualverbrechen und Vernichtungsantisemitismus am 7. Oktober böten ein geeignetes Analysefeld für die Intersektionalitätsdimension „gender“. Doch der sexistische „Mehrfachdiskriminierer“ wurde längst im „alten weißen Mann“ identifiziert, den einige Queerfeministinnen nun in Israel verkörpert sehen.
Konkrete Nutzanwendung der Intersektionalität für die Palästinasolidarität liefert Angela Y. Davis. Die emeritierte Professorin für feministische Studien an der UC Santa Cruz erlangte durch ihren Aktivismus für Black Lives Matter und als intellektuelle Wegbereiterin des Black Feminism internationale Bekanntheit.
Das Massaker vom 7. Oktober revitalisierte Davis‘ nostalgische „Palästinasolidarität“. Am 27. April 2024 trat sie während der antiisraelischen Campusbesetzungen in Denver mit einem Palästinensertuch auf die Bühne und rief: „And if Palestine can be free, then the entire world can be free“ – die israelbezogene Artikulation des Erlösungsantisemitismus.
Partikularen Gemeinschaften unterstellt Davis ein automatisches revolutionäres Potenzial gegen die „Tyrannei des Universellen“ (7), womit sie meist den Westen oder die sogenannte weiße Vorherrschaft samt deren Vorhut Israel meint.
Verbindung zwischen Palästinensern und Schwarzen zieht sie willkürlich entlang folgender scheinbarer Indizien: US-amerikanische Einsatzkräfte der Aufstandsbekämpfung gegen Black Lives Matter wären von der IDF trainiert worden; die antizionistische BDS-Bewegung bekundete ihre Solidarität mit den antirassistischen Protesten in Ferguson; die jüdische Nation praktiziere mit den Palästinensern Apartheid nach südafrikanischem Vorbild und begehe an ihnen, besonders in Gaza, einen Genozid analog zum Holocaust. Potzblitz: Schon hat Davis die scheinbar logische Verwandtschaft von zwei grundverschiedenen politischen Bewegungen hergestellt.
Palästinenser werden mit Schwarzen in eine Schublade gesteckt, während Israelis bzw. Juden grundsätzlich mit Amerikanern paktieren würden und als Weiße gelten. Eine intakte israelische Armee und bewachte Grenzen: Hiermit verloren Juden im antirassistischen Diskurs sukzessive ihren Status als „schutzbedürftige Minderheit“. Israel fungiere letztlich als Akteur der White Supremacy und Juden seien „super-weiß“ situiert.
Jasbir K. Puar: Pinkwashing Terrorism
Jasbir K. Puar prägte den Begriff Homonationalismus, um angesichts der Liberalisierung von Geschlechterrollen eine Verquickung von Sexualität und Queerness mit nationalen oder imperialen Interessen in liberalen Demokratien kritisch zu erfassen. Unter Rückgriff auf Edward Saids Orientalismus-These attestiert sie dem Westen, sich als fortschrittlich, zivilisiert und homofreundlich darzustellen, während er der MENA-Region reaktionäre, barbarische und homophobe Eigenschaften zuschreibt.
Es gelte längst nicht mehr nur die imperialistische Annahme „white men are saving brown women“, sondern inzwischen auch die Darstellung des Westens als Schwuleneldorado in Abgrenzung zur muslimischen Welt – nun in der aktualisierten Losung: „white men saving gay men from muslim men“.
Als „pioneer of homonationalism“ stigmatisiert Puar Israel, den einzigen defacto safe space für Homosexuelle im Nahen Osten. Sie identifiziert dort „Siedlerkolonialismus, Besatzung und neoliberale Beschwichtigungspolitik“ als Nährboden für „die Normalisierung von Homosexualität durch Nationenbildung“.
Hier kommt der Begriff Pinkwashing ins Spiel. Puar verwendet den Begriff als Vorwurf, Israel instrumentalisiere seine progressive LGBTQ-Politik, um „siedlerkoloniale“ Praktiken zu rechtfertigen und zu verschleiern. Verweise auf LGBTQ-Rechte in Israel sollten schlicht Legitimität für Militäroperationen „erkaufen“.
Israel wird unabhängig von seinem Verhalten zur Zielscheibe. Egal also, ob Israel Homosexuelle schützt oder verfolgt, es gerät immer ins Kreuzfeuer des Ressentiments. Was im Umkehrschluss viel eher bedeutet, dass der LGBTQ-Diskurs von Puar und ihren Anhängern schlicht missbraucht wird, um ihren Antisemitismus „pink zu waschen“.
Puar meint auch, dass LGBTQ-Personen und ihr Bedürfnis nach rechtlicher Gleichstellung im Nahen und Mittleren Osten gar nicht existieren würden. „Deren“ Definition von Sexualität sei eine subtilere, nicht-westliche sogenannte Assemblage – Kulturrelativismus auf akademisch codiertem Niveau. Gemeinsam mit dem postkolonialen Autor Joseph Massad behauptet sie, der Westen würde die muslimische Welt einem abstrakten Monster der „gay international“ unterjochen. Ahmadinedschad, ehemaliger iranischer Präsident, betonte 2007 an der Columbia-Universität: „Im Iran gibt es keine Homosexuellen“. Vergleichbares äußert also auch Puar.
Queer BDS’ Obsession mit dem Westen und seiner Speerspitze Israel – genährt durch Butler, Davis und Puar – verfängt jedoch nicht bei den eigentlich Protegierten, sogar nicht bei jenen, die Israel ausgesprochen feindlich gegenüberstehen. Eher dürften Puars Thesen bei erzkonservativen islamischen Eliten Anklang finden. Samira Saraya, Aktivistin der queerfeministischen, propalästinensischen Gruppe Aswat, erkennt in den Pinkwashing- und Homonationalismus-Thesen Vernachlässigungsdiskurse: Einen „Missbrauch der Besatzung als Vorwand, um unseren Kampf nicht zu unterstützen“ – weitere Beispiele im Paper.
Tatsächlich ergreift Puar in ihrem Werk Terrorist Assemblages auch konkret Partei für Dschihadisten, die wahrhaftig homo-, bi- oder transsexuelles Leben bedrohen. Sie konstatiert: Damals waren es queere Menschen, die in westlichen Gesellschaften als sexuell deviant, pervers, den „Volkstod“ provozierend galten, heute würde der muslimische Mann zum Albtraum sexueller Abweichung und Bedrohung erklärt werden. Die Avantgarde sei ein dschihadistischer Selbstmordattentäter, der durch die „Auflösung körperlicher Grenzen [und] das erotische ballistische Ereignis des Todes“ westliche Identitätskonstruktionen zerstöre. Puar verklärt das suizidale Massaker zur Performance queerer Subversion.
Lesen Sie im zweiten Teil dieses Beitrages morgen: Der „Linksislamismus“, der bei oberflächlicher Betrachtung als Widerspruch in sich erscheint, folgt einer tieferliegenden logischen Konsequenz.
Moritz Pieczewski-Freimuth ist Erziehungswissenschaftler und Sozialarbeiter in Köln.
Anmerkungen:
(1) Eike Geisel, zit. n. Lukas Sarvari in Casablanca #1, 2024: 81
(2) Rothberg 2021
(3) Radonić, L. (2018). Die friedfertige Antisemitin reloaded: weibliche Opfermythen und geschlechtsspezifische antisemitische "Schiefheilung". Österreich: Clio.
(4) Butler, J. (2013): Am Scheideweg: Judentum und die Kritik am Zionismus. Campus Verlag.
(5) El Helou, C. (2024): Die Vordenkerin des queeren Antizionismus: Von Judith Butlers Prägung der Queer Theory zur Dekonstruktion des jüdischen Staates. In: Vukadinović, V. S. (2024): Siebter Oktober dreiundzwanzig: Antizionismus und Identitätspolitik. Querverlag
(6) Horkheimer, M., Adorno, T. W. (1969). Dialektik der Aufklärung: philosophische Fragmente. Deutschland: Fischer Taschenbuch Verlag.
(7) Davis, A. Y. (2016a): Freedom is a constant struggle: Ferguson, Palestine, and the foundations of a movement. Haymarket Books. S. 81–91
(8) Puar, J. K. (2017). The right to maim: Debility, capacity, disability. Duke University Press
(9) Blackmer, C. E. (2022): Queering Anti-Zionism: Academic Freedom, LGBTQ Intellectuals, and Israel/Palestine Campus Activism. Wayne State University Press.
(10) Puar, J. K. (2007): Terrorist assemblages: Homonationalism in queer times. Duke University Press
Beitragsbild: Fars Media Corporation, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
@Thomas Szabó – Sie schrieben: „Setzen wir ihre hochherzige Zusage voraus und veröffentlichen wir den nächsten Achse-Aufmacher: HELDIN JUDITH BUTLER TAUSCHT SICH GEGEN DIE GEISELN IN GAZA EIN!“ Danke. Trotz des eigentlich extrem traurigen Themas musste ich an dieser Stelle doch schmunzeln.
Ist mir zu kompliziert. Vieles im Nahostkonflikt ist schlicht Nebel, erzeugt von hinten durch die Brust ins Auge. Es gibt zwei Ansätze mit denen man einer gesellschaftlichen Bedrohungslage begegnen kann: Frontales Einfordern des Einlenkens oder Appeasement bzw. vielleicht sogar subtile Manipulation. Die erste Variante ist eher männlich, die zweite meist weiblich konnotiert. In der Praxis gehen diese Ansätze aber eigentlich schon von Anfang aller Zeiten an immer irgendwie über Kreuz. Was dann die Transennummer mit dem LGBTQ+ Dingens eigentlich ziemlich gut, wenn nicht sogar bildlich erklärt. ;-)
Und was würden die Palästineser mit den Queers machen?
Ich denke, deren Überlebenschance im Gaza ginge gegen Null. Nicht, weil sie verhungerten, sondern weil mal sie lynchen würde.
Aber die Dümmste Kälber bemuhen ihre Schlächter….
Was für ein wirres Zeug.
Aber danke fürs Sichten und Präsentieren!
Können wir Judith Butler, Angela Y. Davis, Jasbir K. Puar nicht gegen die Geiseln in Gaza eintauschen? Fragen wir sie doch, ob sie bereit sind, sich als Geiseln in Austausch gegen die jüdischen Geiseln der Hamas anzubieten. Als Kämpferinnen für Palästina wäre ihnen ein herzlicher Empfang und ein schöner Urlaub mit Freunden gewiss. Fragen wir die Queers for Palestine. Stellen wir die Frage öffentlich! Wir müssen gar nicht fragen. Setzen wir ihre hochherzige Zusage voraus und veröffentlichen wir den nächsten Achse-Aufmacher: HELDIN JUDITH BUTLER TAUSCHT SICH GEGEN DIE GEISELN IN GAZA EIN!
Wann findet denn nun der erste CSD in Gaza City und in Teheran statt. Wie heissen nun nochmal die Qeerbeauftragten von Hamas, Hisbollah und Huthis?
Als ich Kind war, wurden westdeutsche Sozialisten nur mit einem „geh doch nach drüben“ bedacht. Das fand ich als Kind sehr seltsam. Heute gehöre ich zu den Alten, die solche Gestalten gerne Mal eine Begegnung mit der Realität anempfehlen.