Murat Altuglu
Im deutschen Sprachgebrauch gibt es das Wort Qualitätsjournalismus. Als ich noch an einer deutschen Uni war, wurde immer wieder geraten, eine überregionale Qualitätszeitung zu lesen. Dieser ganze Nachdruck war mir immer suspekt. Mit der Zeit, vor allem nachdem ich ausgewandert war und andere Medien kennengelernt habe, wurde mir erst klar, welchem journalistischen Abgrund ich intellektuell entronnen war.
Ein gutes Beispiel hierfür liefert eben das Meinungsblatt Die Zeit. In diesem Artikel wird dem Leser suggeriert, dass der italienische Regierungspräsident Merkel dabei unterstützt, Juncker als Kommissionspräsident zu installieren. Der entscheidende Satz lautet: „Unterstützung für Juncker bekommt Merkel hingegen von Italiens Regierungschef Matteo Renzi.“
Dann lese ich den britischen Telegraph. Und dort steht: “Matteo Renzi, the Italian prime minister, spoke out in support of Britain on Sunday by emphasising that Mr Juncker had no guaranteed majority in a vote of EU leaders and had no automatic right to the job following last week’s European elections.”
Jetzt fragt man sich, wer wird denn nun von Renzi unterstützt? Merkel oder Cameron? Die Antwort liefert Renzi selbst: „Juncker is ‘one’ name for the Commission, but he is ‘not’ the name.” Also eine deutliche Absage an Juncker als alleinigen Kandidaten.
Die eine Zeitung manipuliert den Leser, die andere informiert ihn. Das ist der Unterschied zwischen Propaganda und Qualitätsjournalismus.
'Die Zeit' ist doch schon seit langem zur 'Bild-Zeitung für Möchtegernintellektuelle' degeneriert.
Der deutsche Qualitätsjournalist (gleich, ob Hamburg oder München) schreibt sich die Welt, wie er sie gerne hätte. Der Brite ist Profi und berichtet das, was ist.
Der FAZ war das Thema am Montag so peinlich, daß sie dazu 4(!) Sätze schrieb (Ein Kommentar, der aber bloß die Äußerungen Habermas zur Sache bewertete, und die "Stimmen der anderen" mal ausgenommen). Die SZ schrieb am Montag allerdings einen ausführlichen Leitartikel, dem ich entnehmen muß: Es ist alles noch viel schlimmer, als wir dachten. Renzi benutzt die Kandidatenfrage für eine Erpressung, und macht seine Zustimmung zu Juncker davon abhängig, ob die EU eine Wirtschaftspolitik einschlägt, wie sie ihm vorschwebt, nämlich ein Abweichen von der bisherigen Austeritätspolitik. Na wenn das mal der Wähler gewusst hätte... wer CDU/CSU, d.h. Juncker wählte, bekommt am Ende eine Aufweichung der Politik, die die Schuldenexplosionen besonders solcher Staaten wie Italien begrenzen soll! Das hätte man dem Wähler vorher sagen sollen. Das erinnert mich an die Groko... wer CDU/CSU wählte, bekam SPD! Toll! Also nichts neues... wer Kandidaten wählt, bekommt die Politik, die diese Kandidaten ankündigten... oder auch nicht. :D
Nicht nur in Hamburg ist das so, auch im Süden blüht und gedeiht der teutsche Qualitätspolitschreiber.