Eroberungskriege aus einer demografisch so desolaten Nation wie Russland hat es bisher nicht gegeben. Das weiß auch Putin. Seine Fehlkalkulation, was die Motivation der eigenen Truppen und den ukrainischen Widerstandsgeist betrifft, könnte ihn die Macht kosten.
Wütend aus dem Ukrainekrieg zurückkehrende Soldaten könnten – wie 1917 in Sankt Petersburg – ihre Enttäuschung in eine Rebellion umsetzen, die zum Kollaps Russlands führt. Solche Überlegungen kennen wir nicht nur aus militärischen Analysen – etwa vom scharfsinnigen Ben Hodges –, sondern auch von russischen Soldaten, die in den Westen fliehen konnten und von dort ihre Kameraden für einen Aufstand gewinnen wollen. Doch wie wahrscheinlich ist ein solches Vorgehen?
Von 1800 bis 1900 verzeichnet Russland durchweg 45 bis 50 Neugeborene auf 1.000 Einwohner. Im Jahr 2000, als jetzt Kämpfende und Fallende zur Welt kommen, sind es 8,8 und auch 2021 erreicht das Land lediglich knapp 10, wobei ethnische Russinnen noch darunter liegen.
Die militärische Pattsituation von 1917 zwischen Berlin und Petersburg, die im Februar die Abdankung des Zaren bringt, führt zu größten je erlebten Ansammlung von Soldaten und Matrosen in den Zentren russischer Macht. Das Zarenreich hatte zwischen 1870 und 1914 von 70 auf 142 Millionen Einwohner und damit stärker als die übrigen europäischen Mächte zugelegt. Die bäuerlichen Familien mit sechs bis zehn Kindern benötigen nur einen Bruchteil der noch nicht demobilisierten jungen Männer in der Landwirtschaft. Für deren Versorgung wird es zusätzlich eng, weil die erhofften Eroberungen für die Versorgung nichterbender Brüder ausgeblieben sind. Überdies gehen – mit Finnland, dem Baltikum und Polen – wichtige Territorien verloren, in denen Russen die attraktivsten Posten zu besetzen pflegten.
Das tangiert Karriereerwartungen der ebenfalls geburtenreichen Adels- und Bürgerfamilien. So verwundert nicht, dass durch Überläufer schließlich 90 Prozent der roten Kommandeure aus dem zaristischen Offizierskorps stammen. Die Lage ähnelt partiell der türkischen Oberschicht, die fast gleichzeitig das Osmanische Reich verliert und sich nach Anatolien rettet, wo sie Ländereien und Posten der dort heimischen Griechen und Armenier durch Ausrottung oder Vertreibung übernimmt.
Keine demografische Vitalität mehr
Das 1917er Brot-, also Arbeitsversprechen der Bolschewiken trifft mithin auf millionenfache und verzweifelte Zukunftserwartungen. Der daraus resultierende Umsturz bzw. Bürgerkrieg mit Ermordung der Zarenfamilie kostet bis 1923 rund 1,5 Millionen Gefallene und Hingerichtete. Zusätzlich sterben bis zu 5 Millionen Menschen durch Vertreibungen, Seuchen und Hunger. Die Opfer werden in den Familien betrauert, aber im Endeffekt wie eine leicht erhöhte und bald vorübergehende Kindersterblichkeit ertragen. Selbst die rund 800.000 Opfer von Stalins „Großer Säuberung“ in den Jahren 1936–38 bleiben demografisch undramatisch. Einzige Söhne sind so gut wie nie betroffen. Es sterben die enorm starken 1880er/1890er-Jahrgänge, die Familiengründung und Fortpflanzung hinter sich haben. Anders als Hitlerdeutschland, das auch die Kinder von Juden und polnischer Intelligenz ermordet, darf der Nachwuchs der von Stalin Exekutierten leben und durch ideologischen Eifer auch nach oben kommen. Noch 1937 bis 1939 erreicht Russland 40 Neugeborene auf 1.000 Einwohner. Die ungeheuren Menschenverluste durch Deutschlands Angriff im Jahre 1941 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs sind bis 1955 ausgeglichen.
Nichts von dieser demografischen Vitalität existiert im heutigen Russland. Die zwischen 2010 und 2018 von 65 auf 73 Jahre gestiegene Lebenserwartung ist bis 2021 wieder auf 70 abgerutscht. Die zahlenmäßig schwächsten Alterskohorten überhaupt sind die momentan 15–29-Jährigen, aus denen aktive Soldaten und angehende Rekruten gewonnen werden müssen. Selbst in absoluten Zahlen hat das Land mindestens seit 1870 niemals weniger 15–29-Jährige zur Verfügung gehabt als heute.
Wer von ihnen umkommt, ist statistisch einziger Sohn oder gar einziges Kind seiner Mutter. Woher sollten ihre Rächer denn kommen? Und wie sollten Bewaffnete bis nach Moskau gelangen und dann ins Herz der Diktatur vordringen, das ja nicht von der Armee, sondern von der Elitedivision Dzerzhinsky des Innenministeriums bewacht wird?
Eine Aktion, die unblutig verläuft und Putin dennoch stürzt?
Konspiration ist auch von den seit September 2022 Zwangsrekrutierten kaum zu erwarten. Sie haben ein Durchschnittsalter von 35 Jahren und kommen aus den letzten Kohorten – 1987 gibt es 2,2 Kinder pro Frau – gerade noch oberhalb der Nettoreproduktion von 2,1 Kindern. Wer von ihnen fällt und sich noch nicht fortgepflanzt hat, löscht seine Familienlinie genauso aus wie die 90.000 bisher schon Gefallenen oder Invaliden. Übertragen auf die deutsche Bevölkerung mit noch etwas höherem Durchschnittsalter wären das 55.000, in Österreich oder der Schweiz ein Zehntel davon. Für die USA, die in allen Kriegen nach 1945 real 102.000 Gefallene zu beklagen hatten, betrügen die Ausfälle sogar 214.000 Tote und Verwundete.
Putins durchaus hohe – ab 2007 gezahlte – Gebärprämien steigern zwar in der kurzen Zeit von 2008 bis 2016 die Geburten auf 12 bis 13 pro 1.000 Einwohner. Es werden aber selbst damit nur 25 Prozent der zarenzeitlichen Volumina erreicht. Für die Armee sind die 2008 Geborenen 2022 ohnehin noch viel zu jung. Überdies studieren sie an mindestens 400.000 Rekrutierungsflüchtlingen, wie man sich beizeiten in Sicherheit bringt. Nun befinden sich gerade unter den jetzt entkommenen Talenten die Köpfe, die man nicht nur für das Organisieren einer Umwälzung, sondern auch für den Neubeginn benötigt. Kommt meine Heimat wieder nach oben, wenn ich bleibe oder zurückkehre? Diese fundamentale Frage potenzieller Auswanderer stellen sie sich in ihren Notdomizilen. Wird sie negativ beantwortet, gibt es für Russland nur noch permanenten Niedergang.
Eroberungskriege aus einer demografisch so desolaten Nation wie Russland hat es bisher nicht gegeben. Das weiß auch Putin. Geplant hatte er nur Invasion, Kapitulation und Ausrottung des ukrainischen Nationalismus. Auf Widerstand beim ja ebenfalls vergreisenden Gegner hatte er nicht gerechnet. Dass auch Alternde sich wehren, wenn man sie mit Genozid bedroht, war seine entscheidende Fehlkalkulation.
Natürlich kennen auch Armee und Innenministerium, also die Geheimdienste, das demografische Fiasko Russlands und den immensen Kompetenzverlust durch Tod oder Abwanderung der raren Jugend. Eine gegen Moskau marschierende Bürgerkriegsarmee fürchten sie zwar nicht, den Ruin der Nation und damit den Verlust des eigenen Wohlstands aber schon. Sie dürften deshalb eine Aktion planen, die unblutig verläuft und Putin dennoch stürzt. In dieser Inszenierung wird so verfahren, dass er – aus gesundheitlichen Gründen – seinen Rücktritt persönlich ankündigen und auch seinen Nachfolger ins Amt einführen darf, diesen allerdings nicht selbst auswählt. Im Gegenzug bleiben ihm Vermögen, Paläste und Residenzen der Geliebten. Das wird ihn vor internationaler Strafverfolgung nicht bewahren, aber doch vor der Auslieferung an die zuständigen Instanzen schützen.
Gunnar Heinsohn (*1943) hat von 1993 bis 2009 an der Universität Bremen Europas erstes Institut für vergleichende Völkermordforschung geleitet. 2011 hat er am NATO Defense College (NDC Rom) das Fach Kriegsdemographie eingeführt und bis 2020 gelehrt.

Heute sind sie wieder da. Nein, nicht die Realisten, sondern die USA Freunde. Wohnen in Schweden wie Emma W. , bezahlen wahrscheinlich auch in Schweden Steuern und beschimpfen uns, die den Blick auf die Realität bewahrt haben und Tag für Tag dieses korrupte System mit unserer Arbeit / Steuern am laufen halten.
@Robert Loeffel, Bern:„…. Ich empfinde es als putzig und abstossend wenn ein Deutscher sich Gedanken über die Demografie von Russland macht. “ Ja, so beflissen sind echte Deutsche nun mal! Wir haben da ja schließlich einen „Ruf“ zu verteidigen! Aber bei Herrn Heinsohn, als ehemaligen Leiter eines „Institutes für vergleichende Völkermordforschung“ kann man da schon mal Nachsicht walten lassen! Schließlich hat er als „Deutscher“ eine gewisse Verantwortung dafür, dass der ganzen Welt nichts „Falsches“ vermittelt wird – von wegen Schuld der Amis und so! Er weiß schon, wo es lang zu gehen hat – Sicher! MfG
Die Analyse von G. Heinsohn ist m.M.n. vor allem was die Mentalität und Gewaltbereitschaft der Russen betrifft zutreffend. Seit der verhängnisvollen Machtübernahme der Bolschewiken und der Niederlage der Weißen dann über Lenin und Stalin und durchaus bis heute gilt dort das Gesetz des Stärkeren. Und wenn Frau Schönfeld in diesem Kontext auf die schlimmen Zustände hierzulande abhebt, ist das ein billiges Ablenkungsmanöver. Noch schlimmer: Wir hätten mit diesem Krieg nix zu tun ! ? ! – Womöglich wird der Kreml – Verbrecher uns direkt eines Besseren belehren, und zwar so, dass auch die politisch Verschlafensten aufwachen.
Wenn – hoffentlich! – nicht, dann werden wir so lange involviert sein, wie ein Putsch oder Sonstiges gegen den Diktator stattfindet. All die gekauften und ungekauften Putinisten hier auf der Achse sollten mal nachschlagen unter „Solidarität“ und „ Empathie“.
@Dirk Jäckel: Sie sollten nicht schon bei der Vergleichbarkeit von Begriffen scheitern. Zu „proamerikanisch“ gehört „antirussisch“ oder eben zu „anti-putin“ „pro-biden“. Wissentlich falsche Interpretationen und Vergleiche von Begriffen ist eine Spezialität der linksgrünen Ideologen, besser linksgrünen Faschisten. Nur solche Demagogen benutzen zur Irreführung des „Pöbels“ anti oder pro in Verbindung mit Staaten anstelle mit politischen Führungen. Was glauben Sie, wie schnell der auch mir z.Z. unterstellte „Antiamerikanismus“ in „Proamerikanismus“ umschlägt, wenn diese WEF- und Kommunisten-Administration Biden Geschichte ist? Und genauso schnell schlägt der „Proamerikanismus“ unserer jetzigen Führer in „Antiamerikanismus“ um, wenn der „Falsche“ dort Präsident wird.
@
Emma W.
Danke. Es tut bei all dem Geschwurbel hier gut, wenn jemand wie Sie Tacheles redet.
Mal am Rande, ich wertschätze es sehr, dass die Achse die Größe hat, die gegenteiligen Meinungen zu den Artikeln zu veröffentlichen anstatt diese Meinungen zu unterdrücke. Das meine ich ganz im Ernst! Danke dafür!
Supi, nette Geschichte. Mit bisschen Glück stürzt also Putin und dann hat ein anderer Zar den Raketenschlüssel, oder es kommt doch nicht so, und der Putin bohrt mal ein fettes Loch in Berlin. Welchem der beiden Szenarien darf sich nun der deutsche Michel unterwürfigst anschließen? Schon mal auf die Idee gekommen, sofort Verhandlungen einzuleiten, die Waffenlieferungen zu stoppen und vor allem den Gröko…..miker aller Zeiten mal das Maul stopfen? Wäre zu einfach oder.